Norman Bates: So war das also mit dem Jungen

Messer-Mörder, Edel-Psychopath, Oberliga-Horrorsohn, der seine Mutter ausstopft: Wir kennen Norman Bates ein gutes böses Stück weit, weil Hitchcock uns von ihm erzählt hat. Wir kennen ihn noch um einiges besser, falls wir Robert Bloch gelesen haben. Und keine Geheimnisse mehr hat der hübsche Kerl mit der abgründig finsteren Seele vor uns, wenn wir uns ausgiebig in Bates Motel umgesehen haben. Mit gefesseltem Blick! Da spreche ich für mich.

Psycho, 1960, (c) Paramount Pictures ( Anthony Perkins als Norman Bates)

Vielleicht nickt jetzt der eine, die andere, gleichsam beeindruckt, durchaus fasziniert von einer phantastisch gesponnenen Geschichte, die zu gut, – und zu lang – , wäre für ein profanes Lagerfeuer. Vielleicht wird auch schon vorweg abgeturnt müde gelächelt, mag sein, vorprogrammiert ärgerlich abgewunken, weil sowas erfahrungsgemäß grundsätzlich nie so recht ordentlich funktionieren kann: Eine geniale Sache zu nehmen und daran herumzubasteln und zu klecksen, bis das Original schlimmstenfalls völlig verblasst oder verpfuscht ist. Carlton Cuse, Kerry Ehrin und Anthony Cipriano haben das für Universal Television gemacht. Gebastelt. Ohne zu klecksen. Es wurde nicht schlimm. Im Gegenteil.

Bravouröse Kopfarbeit

Sie haben Psycho genommen. Nicht geklaut. Kopiert. Nicht zerstört, verhunzt. Nicht kunterbunt kitschig ausgemalt. Sie haben mit Kohle gezeichnet. Alles solide manuell, alles reine eigene bravouröse Kopfarbeit. Und sie haben dabei sehr genau dem Leben auf die dreckigen Finger geschaut.

Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realität. (Hitchcock)

Normans Leben „davor“ spielt in der Gegenwart. Das irritiert nicht, das wirkt selbstverständlich, weil das Gesamtbild in den Hitchcock-Rahmen passt. Am Horror-Klassiker selbst wird nicht vermessen herum gefingert, er ist tonangebend, stimmungsmachend, atmosphärisch präsent. Die ganze Geschichte einer bedingungslos verhängnisvollen Mutter-Sohn-Einheit, die von Affenliebe, Selbstzweifeln, Wahrheitssuche, dem Kampf mit der eigenen Psyche und der grenzenlosen Furcht vor der Erkenntnis geprägt ist, – immerhin fünfzig Folgen (2013 -2017), verteilt auf fünf Staffeln – , wird begleitet von weiteren Handlungsträngen, die das thematische Niveau durchweg halten.

Bates Motel, 2013-2017, (c) Universal Pictures

Es bleibt die ewig alte Sache der Unklarheit darüber, was letztendlich gut und richtig, was schlecht, falsch oder böse ist. Sie wird excellent erzählt, sie macht fast süchtig danach, hineinzutauchen in die Welt der begnadet gefährlichen Außenseiter. Der kluge, introvertierte, leidenschaftliche und eben bedrohlich „spinnerte“ Norman Bates (phantastisch: Freddie Highmore) begegnet uns als junger Mensch auf dem Sprung ins Erwachsenendasein, fanatisch behütet und geliebt von seiner schönen, willensstarken, von ihren Gefühlen besessenen Mutter Norma (phänomenal: Vera Farmiga).

Man lebt, – nach vorangegangenem Umzug und Erwerb des Motels inclusive Schauer-Hauses – , im Städtchen White Pine Bay in Oregon, das weit davon entfernt ist, ein idyllisches Fleckchen neue Heimat zu sein. Drogenhandel, Korruption, Zwangsprostitution, Mord…in White Pine Bay gibt es alles.

Und mit Familie Bates, – dazu gehören auch Normans Halbbruder Dylan (Max Thierot) und Caleb (Kenny Johnson), der Bruder seiner Mutter – , zieht Psycho nach Oregon.

Alle schlechten Eigenschaften entwickeln sich in der Familie. Das fängt mit Mord an und geht über Betrug und Trunksucht bis zum Rauchen. (Hitchcock)

Das fehlte dort noch in gegebener Form. Und die ist exzessiv, einmalig, schonungslos brutal, sexuell orientiert und verstörend gut. Gleichwohl: Die eine wirkliche Antwort darauf, ob jener Norman Bates mit seinen unvorhersehbaren Blackouts und seiner scheinbaren Zwanghaftigkeit, Beeinflussbarkeit und trotziger Selbstbestimmung eh unabänderlich zum Serienmörder der eher ungewöhnlichen Spezies werden musste, bleibt offen. Wird einem sowas in die Wiege gelegt? Oder gibt es da immer ganz bestimmte Auslöser, ohne die sich alles anders entwickeln würde?

Wie das jetzt tatsächlich vorher gewesen ist mit diesem Norman, der es Ende der 1950er im Buch und im Film als junger Motel-Manager mit dieser gewissen unheimlichen Neigung zu Weltruhm schaffte, ist uns nicht überliefert. Das könnte so oder ähnlich oder ganz anders gewesen sein. Cuse, Ehrin und Cipriano haben da ihre eigenen Vermutungen. Und sagen extra-düster und dreist und denkbar glaubwürdig, da uneingeschränkt absolut ideenstark und nicht bloß irgendwie-irgendwo authentisch: So war das. Ernsthaft. So war es wohl. Vielleicht. Wahrscheinlich. Aber bestimmt.

Bombastische Basis

Dürfen die das? Eine bombastische Basis borgen und darauf bauen? Und: Nehmen wir denen ihre Architektur ab? Norman Bates, der ist immerhin schon eine gewaltig große Nummer. Die freilich nach Psycho noch mehrmals gezogen wurde: Es folgten Psycho II (1983, Regie: Richard Franklin), Psycho III (Regie: Anthony Perkins) und Psycho IV: The Beginning (1990, Regie: Mick Garris). Es wurde also weiter gedacht. Und gar nicht so schlecht, auch, wenn die Liga eine andere ist. Immerhin: Freddy Krüger, Michael Myers und Jason Voorhees durften ja auch noch mal ran. Ergo auch und warum nicht (Perkins als) Bates. Wenn die Wellenlänge auch irgendwie schlauer ist.

Da kann man halt trotzdem mal …beispielsweise auch so, wie Richard Rothstein 1987 es in seinem Fernsehfilm Bates Motel praktiziert hat. Der ist gleichsam nicht einfallslos, hier wird nichts krampfhaft bemängelt, hat aber den direkten Draht zur ganzen ureigenen Psycho-Substanz nicht, die wir mit besonderem Respekt und spezifischem Stil behandelt sehen wollen: Die Story, – Norman befindet sich in der Nervenheilanstalt und vermacht dem jungen Alex sein Motel, in dem der die schlimmsten Alpträume erlebt – , ist inszeniert, ihr fehlt diese gewisse Seele, die einem Alfred Hitchcock so herrlich verdammt vertraut war. Und die sich in der Thriller-Serie von Anthony Cipriano, Verfasser des Pilotskripts zum „Psycho“-Prequel und ausführender Produzent neben Carlton Cuse (Lost), Kerry Ehrin (Friday Night, Boston Legal), Mark Wolper und Roy Lee, so clever und grausig, spannend und lebendig zeigt, als hätte sie sich nur mal kurz ausgeruht.

Natürlich soll das auch nicht ansatzweise in einen Vergleich ausufern: Der legendäre Film des englischen Meisterregisseurs mit dem großartigen Anthony Perkins als Norman steht für sich und bleibt für sich. Vor dem Kinostart 1960 hatte Hitchcock alles dran gesetzt, dass niemand von seinen gruseligen Film-Highlights erfuhr: Von der Duschszene. Von Mrs. Bates im Schaukelstuhl. Vom Schock-Ende. Frösteln pur…wie Norman da mit seiner Wolldecke und diesem unverwechselbar irren Blick aus tiefdunklen, kalten Augen in der Zelle sitzt und laut denkt:

Vielleicht beobachten sie mich schon!? Gut, sollen sie mich beobachten… dann werden sie sehen, dass ich unschuldig bin! Nicht einmal diese Fliege werde ich verscheuchen. Hoffentlich sehen sie dass… dass ich die kleine Fliege hier sitzen lasse. Und werden sagen: Seht Ihr dass sie unschuldig ist. Nicht einmal einer Fliege kann sie etwas zu Leide tun!“

Bates Motel, 2013-2017, (c) Universal Pictures

Der Film nach der Romanvorlage von Robert Bloch, der sich seinerseits seinen Stoff aus dem Leben und abartigen Wirken des Serienkillers Ed Gein geholt hatte, war für seine Zeit extrem gewagt. Kritiker rieten empfindlichen Gemütern vom Kinobesuch ab, das reizte nur noch mehr. Man wollte entsetzt werden. Man wurde. Und wollte mehr. Psycho gilt heute als Ur-Auslöser des Slasher-Horrors. Die Geburt eines Genres, das sich bestialisch, böse, grausam, krank und widerlich gibt, weil man bei sowas zugucken möchte. Manchmal und öfter auch eben nicht.

Bates Motel dürfte an der einen oder anderen Stelle schwer schlucken lassen. Aber der phantastische Irrsinn packt beinahe liebenswert zu. Da schluckt man doch gern. Und schließlich ist es ja nur eine Geschichte. Aber in echt.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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