Hanser

In Modianos Roman von 2007 schwebt eine rätselhafte junge Frau namens Jaqueline, die von den meiste aber “Louki” genannt wird, im Text umher. Als wir ihr zum ersten Mal begegnen, wird uns gesagt, dass an ihr nichts Gewöhnliches ist. Tatsächlich spukt sie in der Erzählung herum wie ein Geist oder eine schlecht geformte Präsenz, die darauf wartet, in die Handlung einzugreifen, aber aus welchem Grund auch immer nicht in der Lage ist, die anderen Figuren voll in die Handlung einzubinden.

Aber das zentrale Thema des Romans ist nicht wirklich Louki und ihre Beziehung zu den verschiedenen Erzählern, sondern das Konzept der “Fixpunkte” oder des Fehlens solcher Fixpunkte in ihrem Leben. Fixpunkte halten uns in unseren jeweiligen Realitäten fest, aber wie Modiano in seinem gesamten Werk gezeigt hat, werden alle Bezugspunkte im Nachkriegsmilieu verdächtig, insbesondere diejenigen, die wir in der Erinnerung verorten. So wird das Leben seiner Figuren immer wieder neu durchdacht und im Geflecht seiner Erzählungen neu fixiert.

Das Besondere an diesem Buch ist das Verharren des Lesers auf den kleinsten Details, auf sein Erzählmuster. So leicht, wie Modiano zu lesen ist, bietet er seinen Lesern dennoch eine dunkle, bedrohliche Welt, aber auf so subtile Weise, dass wir die Bedrohung kaum wahrnehmen. Modianos fiktionale Welt ist nicht postapokalyptisch, wie die fiktionalen Welten von Beckett, sondern postrelational. Das heißt, Modiano gibt uns eine Welt, in der vertraute Muster, ob in der Erinnerung, in Nachbarschaften oder in Situationen, zerstreut und dem Wind überlassen werden. Auch seine Figuren werden in einer Welt schmachtend zurückgelassen, in der ihre Beziehungen zu anderen Figuren, zum Ort und zu sich selbst nicht mehr sicher sind. Das Café der verlorenen Jugend gibt uns einen Einblick in eine Welt, in der alles, was wir für wahr hielten, verdächtig wird, sogar die Beziehung des Lesers zum Text.

(mehr …)