Neues aus dem Sinclair-Universum

Einer der heftigsten Schlüsselromane der ganzen Serie. Geschrieben von Ian Rolf Hill.

Seit November 2016 tut sich was im John Sinclair Universum. Das begann natürlich schon etwas früher. Die Gruselserie für Hausmütterchen, die schon längs keiner mehr wirklich ernst nehmen konnte, bekam endlich ihre Co-Autoren. Ob dabei Helmut Rellergerd wirklich, wie angeblich von seiner Frau gefordert, selbst kürzer treten wollte, oder ob der Verlag das Drama der Unzulänglichkeit und somit den Niedergang der Marke nicht mehr länger dulden wollte, sei dahingestellt. Tatsächlich aber kam Bewegung ins Fandom. Man wurde hellhörig, und auch jene, die Sinclair längst abgeschrieben hatten, wagten erneut einen Blick in die Serie. Und stellten folgendes fest: Ausnahmslos alle Beteiligten schrieben Jason Dark in Grund und Boden.

Sinclair Spin-off. Und seit langer Zeit eine frische Heftroman-Serie.

Das ist natürlich unfair, werden einige sagen. Natürlich. Das tut der übermenschlichen Leistung des Sinclair-Erfinders, der seit über 40 Jahren wie ein Beamter Roman auf Roman im (fast) Alleingang produzierte, keinen Abbruch. Aber irgendwann ist die Luft raus. Das ist bei dieser Masse an Romanen gar nicht anders zu denken, vor allem weil jeder Mensch auch älter wird. Man mag fast sagen, dass der Verlag (oder wer auch immer) fast zu spät die Zeichen der Zeit erkannten, aber eben doch noch rechtzeitig. Denn einhergehend mit den JS-Hörspielen, die neben der fabulösen Dorian-Hunter-Serie zum besten gehören, was der Hörspielmarkt gegenwärtig zu bieten hat, lag eine Kluft zwischen Heftroman und Hörprodukt, der eklatant zu Tage trat. Die Hörspiele allein hätten Sinclair nicht gerettet. Das Schwelgen in Nostalgie (wie etwa bei Larry Brent, Dämonenkiller oder Tony Ballard) gab es bei dieser Serie ohnehin nicht.

Nachdem die neuen Autoren sich positioniert hatten, steuerte im November 2016 alles auf den Jubiläumsband 2000 zu. Eröffnet wird dieser mit „Das Höllenkreuz“ aus der Feder Jasons Darks. Man muss kaum erwähnen, dass jeder Schüleraufsatz stilistisch sicherer gewesen wäre. Aber lassen wir das. Es macht nämlich nichts, denn eine Woche später folgte Teil 2 der Jubiläums-Trilogie. Und die hatte es in sich. Ian Rolf Hill verändert das Sinclair-Universum nachhaltig. Natürlich abgesprochen, versteht sich. Dennoch kann diese Entscheidung gar nicht genug gelobt werden. Denn endlich hört man aus allen Enden und Ecken die Sinclair-Belächler wieder Interesse bekunden und erneut zur Serie stoßen. Dass es so schlecht um das (neben Zamorra) einzig verbliebene Zugpferd der Szene bestellt war, ist plötzlich kein Thema mehr. Der Bastei-Verlag kommt sogar mit einem Spin-Off aus der Reserve. Wer hätte das jemals für möglich gehalten?

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.