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Nette Kerle

Pit Stockberg starrte den Kerl neben sich aus den Augenwinkeln heraus an und lauerte auf eine Reaktion. Irgendeine. Selbst ein gereiztes Was glotzen Sie denn so? wäre ihm recht gewesen, um mit dem Mann ins Gespräch zu kommen. Das Schweigen nervte ihn. Stockberg langweilte sich. Ihn quälte dieses bohrende Mitteilungsbedürfnis, das sich bei ihm ganz automatisch einstellte, wenn er Schnaps trank. Aber in dieser Kneipe, in der er gelandet war, herrschte gähnende Leere. Da stand nur dieser bullige Typ mit ihm an der Theke.
Der Mann war kurz nach ihm gekommen, hatte sich grußlos direkt neben ihn gestellt und Kaffee geordert. Das allein störte Stockberg. Er konnte den ja schlecht fragen, ob er mit ihm einen trinken würde. Kaffee nach zwanzig Uhr? Überhaupt die Frage: Darf ich Ihnen noch einen Kaffee ausgeben? Das klang wie eine Einladung zum Tanztee. Von Mann zu Mann. Kommt am Ende soʼn bisschen schwul rüber, dachte Stockberg und grinste. Blickte dabei wieder schräg zur Seite. Vielleicht bekam der stoffelige Kerl sein Grinsen ja irgendwie instinktiv mit, manchmal spürt man so was ja, ohne den Blick wenden zu müssen. Dann würde er ihn jetzt eventuell fragen, was denn so verdammt komisch sei. Das wäre zumindest ein Anfang, wenn auch nicht unbedingt der beste. Es passierte aber nichts. Natürlich nicht. Stockberg winkte der Bedienung, einer üppigen Blondine in einem großzügig bestickten Kaftan aus rotem Taft, knielang mit goldener Borte an den Säumen. Ihren Aufzug fand Stockberg völlig übertrieben für die kleine, schmuddelige Eckkneipe, in der es nach Essigreiniger und kaltem Tabak roch, der wohl seit den 70ern in den Gardinen hing. Aber der Kaftan gefiel ihm. Seine Mutter hatte einen ähnlichen getragen. Den besaß er aber nicht mehr, hatte ihn der Caritas vermacht. Warum eigentlich?

„Noch mal das Gleiche?“ Die Blonde blickte ihn desinteressiert an. Sie hatte stark Make-up aufgelegt, aber nicht sorgfältig genug, um die fleckige, unreine Haut zu verdecken. Ihr Haaransatz war rausgewachsen, das Dekolleté zu faltig und zu tief für Stockbergs Geschmack. Sie war augenscheinlich deutlich älter, als sie sein wollte. „Was nun?“ Sie klang gereizt, gerade so, als wäre er ihr unangenehm. Und lästig. Stockberg ärgerte sich darüber. Er trug seine neue schwarze Lederjacke, das schulterlange braune Haar hatte er am Nachmittag gewaschen und in die gewünscht lässige Form gebracht, und den vermaledeiten Bauchansatz machten die kräftigen Oberarme wett. Seine Wangenknochen waren besonders, wie er fand, fast aristokratisch hoch. Gut, die Nase etwas zu spitz. Dafür aber geheimnisvoll tiefbraune Augen. Eine wie die da sollte dankbar sein für jedes nette Wort von einem Mann wie ihm. Miststück. Stockberg lächelte.

„Ich bitte darum, schöne Frau.“ Sie lächelte nicht zurück, das war ihm egal, schließlich flirtete er nicht. Wenn er mit so einer Sex haben sollte, würde er eh wegsehen. Oder die Augen schließen. Er sah nie hin.

Stockberg überlegte. Noch ein Bier für den Kollegen hier, geht auf meinen Deckel. Das könnte er sagen. Auf ein Bier mit einem Fremden ließ man sich schließlich im Regelfall ein, schon aus reiner Höflichkeit, sogar ein Schnaps wäre drin, und dann käme man ganz beiläufig ins Gespräch. Er könnte mit einem Witz beginnen. Wie heißt ein Rudel Wölfe? Wolfgang.

Stockberg zog die Stirn kraus. Wohl eher nicht. Vielleicht sollte er von dem verletzten Hund im Straßengraben erzählen, den er auf seine Rückbank gelegt und zum Tierarzt gefahren hatte. Mit so einer Aktion konnte man spontan Sympathie gewinnen, immerhin hatte der fremde Köter mit seinem Blut komplett das Polster versaut, die Vorstellung allein hätte anderen ausgereicht, um ihn im Graben krepieren zu lassen. So einer war er aber nicht. Selbstlos war er. Ein Guter. Könnte natürlich sein, dass der Kerl neben ihm keine Hunde mochte. Blödsinn. Jeder anständige Mensch mag Hunde.

Stockberg betrachtete die Kellnerin in ihrem roten Kaftan. Sie hatte ihm seine Getränke wortlos auf den Tresen gestellt und saß jetzt, die Beine übereinander geschlagen, mit einer Illustrierten auf einem Hocker hinter der Theke. Unter dem Kaftan trug sie eine schwarz glänzende Strumpfhose, dazu flache silberne Sandalen. Solch einen Kaftan würde er, Stockberg, zu Hause nach dem Duschen überwerfen und sich dann mit einem guten Weißwein in die Sofaecke kuscheln. Splitternackt unter dem bestickten Taft. If love is a red dress. Aus … Pulp Fiction. Richtig. Schätzt aber auch nicht jeder.

Er kippte den Schnaps in einem Zug hinunter, schüttelte sich, spürte, wie die Hitze in seinen Kopf stieg. Es tat gut.

Heute Morgen hatte er diesen Artikel über eine Mordserie in der Region gelesen, die schon einige Jahre zurücklag. Grundsätzlich juckte es ihn ungemein, darüber mit jemandem zu sprechen. Er liebte solche Themen, trotz gewisser Bedenken. Sie boten sich hervorragend an, um an geeigneter Stelle von seiner Mutter erzählen zu können. Die Leute liebten seine Muttergeschichte.

Stockberg nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Bierglas, leckte sich den Schaum von der Oberlippe und überlegte, wie die Situation sein würde, wenn er, Pit Stockberg, schwul wäre. Dann würde er mit dem Typ neben sich immer noch nur reden wollen. Mehr doch wohl im Leben nicht. Er würde doch so einen nicht anmachen. Viel zu alt. Völlig zerknautschtes Profil. Brillengestell aus Horn. Und dieses beige 70er-Jahre-Blouson. Unmöglich. Er schüttelte sich innerlich, fixierte den Mann weiterhin schräg von der Seite. Seltsamer Vogel. Trotzdem. Besser der als niemand. Und grundsätzlich unsympathisch sah er ja nun auch nicht aus.

Stockberg räusperte sich. Auffällig laut, wie er fand. Dann hustete er heiser. Hielt kurz die Luft an, hustete nochmals. Nicht schlecht, dachte er, klingt richtig echt. Wie Asthma. Wenn ich jetzt noch fast vom Stuhl kippe, kriegt der Angst.

Nichts. Der Kerl blickte nicht auf, stierte nur in seine Tasse. Die war immer noch voll. Der Kaffee musste mittlerweile eiskalt sein. Stockberg reichte es. Jetzt aber.

„Haben Sie das da heute Morgen in der Zeitung gelesen? Das aus dem Stadtarchiv?“

„Was denn genau?“ Seine Stimme war rau. Abgenutzt und wach. Eine gute Stimme für ein altes Leben. Er wandte ihm sein Gesicht zu. Schmale Lippen, eine breite, pockige Nase, eisgraue Augen hinter dicken Brillengläsern, die Stockberg kühl musterten. „Meinen Sie das Feuerwehr-Jubiläum? Oder sprechen Sie von Charly Gruber?“

Der Typ verblüffte ihn. Stockberg hatte insgeheim damit gerechnet, dass der Mann ihn einfach weiterhin ignorieren oder barsch abfertigen würde, stattdessen schien er nicht unbedingt unwillig zu sein, angesprochen zu werden. Zumindest sah er Stockberg jetzt direkt an, wenn auch nicht sonderlich freundlich. Stockberg war trotzdem zufrieden. Er beschloss, den Kerl da neben sich ganz pauschal zu mögen. Das machte vieles leichter.

Stockberg rückte ein kleines Stück näher an den Mann heran. Nicht zu nah. Er wollte nicht plump vertraulich wirken. „Von der Mordserie. Gruber, ja. Ehrlich gesagt wusste ich gar nicht, dass es hier vor drei Jahren so was gegeben hat. Bin gerade erst hergezogen.“

„Wird doch sonst so viel gequatscht. Sie haben tatsächlich noch nie davon gehört?“

Stockberg zuckte mit den Schultern. „Bis heute Morgen nicht. Scheußliche Sache. Soll ja fünf Frauen umgebracht haben. Regelrecht abgeschlachtet. Wenn das so stimmt, was da steht.

Waren die alle von hier?“

„Alle von hier. Richtig. Würde es einen Unterschied machen, wenn nicht?“

„Irgendwie schon. Ist ja was anderes, wenn man sich untereinander kennt, dann sieht man das enger. Ist doch so. Ich mein, ändert nichts an der Sache, aber wenn man sich kennt, ist das krasser. Oder nicht?“ Keine Antwort. Stockberg nahm das als Zustimmung.

„Ist doch so. Da steht auch, dass sie den nie gekriegt haben. Der ist ja wohl nach dem letzten Mord spurlos verschwunden. Dringend tatverdächtig, steht da. Heißt ja, so hundertprozentig sicher ist das nicht, dass der die alle umgebracht hat? Oder?“

Der Mann sagte nichts, sah ihn nur mit diesem gewissen Spott in den Augen an, den Stockberg nicht leiden konnte. Er hakte trotzdem nach und verkniff es sich, dabei gereizt zu wirken.

„Oder wie? Weiß das jemand genau?“

„Ich weiß es.“ Der Mann fixierte Stockberg weiterhin auf diese wirklich nervös machende Art, sprach aber ganz ruhig, fast monoton. „Ich weiß, dass er es war. Er hat meine Tochter getötet. Susanna Wessel. Sein viertes Opfer.“

„Ihre Tochter?“ Stockberg glotzte ungläubig zurück. Damit hatte er nicht gerechnet. Ausgerechnet an den Vater einer der Frauen zu geraten – Wessel also –, das war schon ein Zufall für sich. Freilich keineswegs der schlechteste, wie Stockberg fand, er machte das Gespräch gleich deutlich interessanter. Vielleicht auch komplizierter, aber das kalkulierte er ein. Er hatte Zeit, die Kneipe machte erst in einer halben Stunde dicht.

„Heilige Scheiße auch“, stieß Stockberg hervor, laut und dramatisch genug, dass die Kellnerin ihn stirnrunzelnd ansah, dann dämpfte er seine Stimme. „Ernsthaft jetzt, oh Mann, das ist ja echt … ja, schlimm, so was. Tut mir leid, ich …“

„Konnten Sie ja nicht ahnen.“

„Und Sie wissen das ganz genau? Dass dieser Gruber Ihre Tochter …? Kein Zweifel?“

„Nicht der geringste, nein. Ich nenne Ihnen auch den Grund.“

Wessel verzog angewidert seinen Mund. Aber er klang völlig sachlich. „Einen Monat nach Susannas Tod habe ich gesehen, wie Charly Gruber erneut getötet hat. Die Frau hieß Melanie Wilms. Hat in der Drogerie am Markt gearbeitet. Verheiratet, keine Kinder. Gruber hat sie am späten Abend im alten Bahnhofsviertel vor dem leer stehenden Kino erwischt. War sonst keine Menschenseele dort. Nur ich. Ich habe alles beobachtet. Ich sah, wie er sie mit einem Würgegriff von hinten packte und in eine Ecke zerrte. Er warf sie zu Boden und drückte ihr mit der linken Hand die Kehle zu, während er mit der rechten auf sie einstach. Immer wieder stach er zu. In ihre Brüste. Ihren Bauch. Ins Gesicht. Er zerfetzte und erwürgte sie gleichzeitig. Sie starb, wie Susanna gestorben war. Dann trieb er es mit der Leiche. Wie er es mit Susannas Leiche getan hatte. Ich hätte kotzen können. Er ließ sie danach dort im Dreck liegen wie meine Tochter. So wurde sie gefunden. Wie ein zerbissenes, ausgeweidetes, geschundenes Tier. Und jetzt sagen Sie mir, warum ich Zweifel haben sollte an der Schuld dieser Bestie Gruber?“

„Sie … Sie haben das alles gesehen? Wie jetzt? Sie haben zugesehen dabei?“

„Ich stand nur wenige Meter hinter ihm. Es war dunkel. Gruber bekam gar nicht mit, dass ich dort war. Er war … zu beschäftigt wohl.“

Stockberg schnappte hörbar nach Luft. Unfassbar. „Jetzt noch mal. Sie waren da und haben das beobachtet? Einfach zugeguckt? Sie haben nichts unternommen?“

„Nein. Nichts. Ich war nur der Zuschauer. So fühlte ich mich, und mehr war da nicht. Es war wie ein Film. Eine Art Dokumentation nur für mich über das Sterben meiner Tochter.

Schonungslos und ohne überflüssige Schnörkel. Ich wollte diese Gewissheit. Die habe ich bekommen.“

„Gewissheit wofür denn? Um was zu tun?“

Wessel runzelte die Stirn. „Nun …“ Er blinzelte Stockberg aus seinen Augenschlitzen an. Es war ein kalter Blick. „Um mir sicher sein zu können, dass es gut war, die Dämonen in meinem Kopf nicht zu bekämpfen. Es ist richtig, dass sie da sind. Immer noch da sind. Ohne sie hätte ich vielleicht nicht weitergewollt. Mag sein, Sie halten das jetzt für dummes Zeug. Das ist es aber nicht. Ich habe Gruber in dieser Nacht gehen lassen. Als er weg war, sah ich mir die tote Frau aus der Nähe an. Sie war entsetzlich zugerichtet. Ihre Augen waren nicht geschlossen, sie hatte sie immer noch weit aufgerissen, so, als würde sie mich anblicken. Aber ich erkannte keinen Vorwurf in ihnen, keinen Hilfeschrei. Keine Todesangst. Auch nicht die Suche nach Gott. Ich sah nur die Wahrheit. Diese Wahrheit schmerzte. Aber sie tröstete mich. Ich ließ die Frau einfach so liegen, wie auch meine Tochter auf dem Asphalt am Stadtgarten gelegen hatte. Wie ein blutiges, dreckiges, zerrissenes Bündel Mensch. Ein Haufen Abfall. Ich ging nach Hause und sah mir alte Fotoalben an, um mich zu erinnern. Und ich fühlte mich erleichtert, dass es so einfach war. Müsste ich erneut entscheiden …“

Wessel brach abrupt mitten im Satz ab und blickte Stockberg misstrauisch an. „Sie halten mich für verrückt, nicht wahr? Halten Sie mich für verrückt?“

„Aber nicht doch. Nein, nein. Auf keinen Fall.“ Stockbergs Stimme überschlug sich förmlich. Augenblicklich ärgerte er sich. Derart übereifrig wollte er nicht herüberkommen, das würde einen falschen Eindruck erwecken. Obwohl … Das ist hübsch schräg hier, dachte er, dagegen bist du ja … egal. Merkwürdiger Kerl, der.

Wessel atmete hörbar tief durch, senkte leicht den Kopf und blinzelte Stockberg wieder aus halb zusammengekniffenen Augen an.

„Am nächsten Morgen wollte ich zur Polizei gehen. Da hätte ich natürlich auch sagen müssen, dass ich das alles so genau weiß, weil ich zugesehen hab. Eben einfach nur zugesehen. Das hätte doch im Leben niemand kapiert, selbst, wenn ich behauptet hätte, völlig von der Rolle gewesen zu sein. Schockzustand oder so was. Die hätten mich gleich mit eingebuchtet. Zu Recht, vermutlich. Zumindest, was deren Sichtweise der Dinge betrifft. Meine ist anders. Die hätte die zwar nicht interessiert, aber mich, mich interessiert sie. Ich hab mir das alles sehr genau überlegt. Hatte sich dann von allein erledigt. Gruber galt als vermisst. War weg. Und dieses miese Stück Scheiße ist nie wiederaufgetaucht.“ Er kniff die Lippen zusammen und schob seine Tasse zur Seite. Den Kaffee hatte er immer noch nicht angerührt. „Wissen Sie“, sagte er, „die Gaffer am Kreuz haben auch nichts unternommen. Haben nur geglotzt und sich irgendwas dabei gedacht. Einige haben geheult. Immerhin. Der Blitz hat keinen von denen erschlagen. Verstehen Sie, was ich meine?“

Stockberg nickte bedächtig. „Klingt vernünftig. Irgendwie.“ Er nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier, betrachtete kurz die Pfütze, die noch im Glas war, und gab der Kellnerin ein Zeichen.

Fürʼn Arsch ist das hier nicht, dachte er, der ist zwar nicht ganz dicht, hat aber Unterhaltungswert, das Ganze. Er blickte Wessel, verständnisvoll genug, wie er fand, aus großen Augen an und verzog seinen Mund zu einem schiefen Grinsen.

„Soll ich Ihnen ehrlich was sagen? Ich kann Sie verstehen. Sie haben mich kurzfristig etwas verwirrt, zugegeben. Aber doch, ja, ich kann das nachvollziehen. Wie Sie das sehen. Gute Perspektive, doch. Nur dass dieser Gruber dann letztendlich ungeschoren davongekommen ist, das muss Ihnen doch mächtig auf die Eier gehen. Oder nicht?“

Wessel verzog keine Miene, winkte nur gleichgültig ab. Dann sagte er: „Zwei Doppelte. Und zwei große Bier. Ich zahle.“

Auch gut, dachte Stockberg. Er räusperte sich kurz. „Ist nicht zu ändern, klar. Ist halt so. Wissen Sie …“ Er sah sich flüchtig um, es sollte ihm niemand unerlaubt zuhören, aber sie waren und blieben die einzigen Gäste.

„… Wissen Sie, meine Mutter hat meinen Vater geschlagen. Ach was, verprügelt hat sie ihn. Sie war groß und dick und permanent besoffen. Mein Vater ist dann abgehauen, hat mich einfach mit ihr alleingelassen, aber vielleicht hätte sie ihn auch früher oder später totgeschlagen, keine Ahnung, für ihn war’s wohl gescheiter, zu verschwinden. Ich musste bleiben, ich war zehn, elf Jahre alt, ich hätte eh nicht gewusst, wohin. An meinem dreizehnten Geburtstag hing sie mittags mit dem Kopf über der Kloschüssel und würgte sich die Seele aus dem Leib. Irgendwann röchelte sie nur noch und krächzte unverständliches Zeug. Sie japste und spuckte und rotzte wie eine Besessene in die Toilette, und ich stand da im Türrahmen und starrte nur hin. Stocksteif stand ich da und glotzte wie gebannt hin und sah zu, wie meine Mutter an ihrer eigenen Kotze erstickte. Ich hab gewartet, bis sie sich nicht mehr rührte. Dann bin ich rüber zu den Nachbarn und hab denen gesagt, sie sollten mal rüber kommen und gucken. Das war’s dann. Die nächsten Jahre wohnte ich bei meinen schwachsinnigen Großeltern. Meinen Vater sah ich nie wieder. Wohl besser gewesen. Vielleicht hätte ich ihn umgebracht. Er hat mich wie lästigen Dreck aus seinem verfluchten, jämmerlichen Leben entfernt. Meine Mutter hat sich wenigstens selbst entsorgt. War das Beste, was sie hätte tun können für mich. Oder das Zweitbeste. Sie trug immer so eine gelbgrüne Felljacke, wenn sie einen saufen ging. Sah aus wie eine fette, ordinäre Nutte, und das war sie wahrscheinlich auch. Die Jacke hab ich als Souvenir behalten. Sie hat den Fetzen geliebt. Ich putz damit die Toilette. Blitzeblank wird die damit. So ist das eben. Kann man nicht ändern.“

Stockberg schüttelte zur eigenen Zustimmung den Kopf, wartete, warf noch ein lang gezogenes „Tja“ hinterher. Keine Reaktion.

„Sie sagen ja nichts.“

„Was soll ich sagen? Nette Geschichte.“

„Wie jetzt?“ Stockberg stutzte und sah ihn argwöhnisch an. Wollte der ihn provozieren? NETTE Geschichte!

„Sie könnten das alles spektakulärer erzählen. Meinen Sie nicht? Dieses Geheule über die böse Mutter … Wenn ich Ihnen jetzt beispielsweise sage, dass Charly Gruber gar nicht abgehauen ist? Weil er nicht mehr abhauen konnte? Weil ich ihn abgestochen hab vor dem Kino in dieser Nacht, nachdem er die Wilms ermordet hatte? Und dann die Leiche irgendwo verscharrt? Bye-bye, Charly, und auf Nimmerwiedersehen. Oder, noch besser, ich hab ihn zusammengeschlagen und in meinen Keller gebracht. Da hockt er jetzt seit drei Jahren angekettet am Heizungsrohr in seiner eigenen Pisse auf einer verlausten, stinkenden Hundedecke und winselt dankbar, wenn ich ihm den Fressnapf fülle. Um Hilfe schreien funktioniert nicht, ich hab ihm die Zunge abgeschnitten, anschließend die Eier, verdammte Scheiße, das war eine fürchterliche Sauerei. Verbluten konnte er mir nicht, ich war mal Rettungssanitäter. Ab und an kriegt er Schnaps von mir, bin ja nicht der totale Unmensch, da darf er sich besaufen. Und manchmal mach ich ihm das Radio an. Manchmal trete ich auch nach ihm. Will noch fester zutreten und sage mir dann, dass ich das lassen sollte. Krepieren soll er ja nicht. Noch nicht. Und, oh ja, das klingt alles irgendwie überaus merkwürdig, aber es ist leicht, merkwürdig zu sein, wenn man die ganz normale Kontrolle verloren hat. Zumindest einen Teil davon.“

Wessel blickte Stockberg unverwandt in die Augen. Er lächelte freundlich, keine erkennbare Spur von Spott. „Was sagen Sie dazu? Könnte doch sein.“

„Könnte … könnte.“ Stockberg grinste schief. „Allemal Respekt. Die Idee ist gar nicht schlecht. Wäre eine Möglichkeit. Aber das würde ich Ihnen nicht abnehmen. So was.“

Wessel fixierte ihn eindringlich. Fast wirkte er amüsiert. „Und wieso nicht? Sie kennen mich doch gar nicht.“

Stockberg zuckte mit den Schultern. „Trotzdem. Abstechen und die Leiche vergraben, okay. Könnte hinhauen. Aber die andere Sache nicht. Dafür sind Sie, glaube ich, zu normal. Oder einfach nur zu nett.“ Er grinste erneut, griff nach dem Schnapsglas. „Kommen Sie, trinken wir.“

„Trinken Sie meins besser mit, ich hab was mit dem Magen.“

Nichts lieber, dachte Stockberg. Der Abend gefiel ihm. „Da hätten Sie doch nicht bestellen müssen. Na, danke dann auch. Sehen Sie? Das meine ich mit nett. Sie sind eben ein netter Kerl.“

„Und Sie? Wie nett und normal sind Sie? Könnten Sie sich vorstellen, jemand zu töten?“

Stockberg lachte rau auf. „Interessante Frage. Gut. Könnte schon sein. Vielleicht. Denke, jeder kann töten. Theoretisch.“

Er zwinkerte Wessel verschwörerisch zu. „Kommt halt immer drauf an. Wenn die Situation es erfordert … klar. Aber dann ratzfatz. Irgendwas absäbeln, das wäre echt nicht meins. Das ginge gar nicht, da müsste ich kotzen. Dann eher gleich kaltmachen.“

„Erwürgen.“

„Was?“

„Sie meinen die sanfte Tour. Nichts mit Quälen. So was ist natürlich netter.“

Stockberg nickte und nahm sich den zweiten Schnaps zur Brust. Ein Höllenzeug war das. Herrlich. „So ungefähr meine ich das“, krächzte er. „Teufel auch. Das haut rein.“

„Soll wohl so sein.“

Wessel erhob sich von seinem Barhocker – er war groß, sehr kräftig gebaut, und Stockberg, deutlich kleiner und schmaler, wenn auch recht muskulös für seine Statur, dachte noch, dass er sich mit so einem nicht freiwillig anlegen würde –, streckte sich, schob einen Geldschein über den Tresen und nickte der Kellnerin flüchtig zu. „Hier ist gleich Feierabend. Für mich wird’s eh Zeit. Würde sagen, bis irgendwann mal.“

„Ja denn.“ Stockberg war leicht enttäuscht, dass das Gespräch solch ein abruptes Ende fand. Ihm fiel seine Geschichte mit dem Hund im Straßengraben wieder ein. Die wäre er gern rasch noch losgeworden, das hätte ein gutes Licht auf ihn geworfen, von sich als selbstlosem Retter erzählen zu können. Wohl klar zu spät. Trotzdem. Er wandte den Kopf, Wessel war schon an der Tür.

„He, Mann, noch eine Frage. Mögen Sie eigentlich Hunde?“

„Ich hab einen im Keller. Der Köter bellt nicht mehr. Wissen Sie doch.“

Er drehte sich nicht mehr um.

Stockberg grinste. Witzbold. „Ach ja, vergessen. Heißt das Vieh Charly?“

Fünf Minuten später zahlte Stockberg seine eigene Zeche und wünschte der Kellnerin eine angenehme Nacht, wohl wissend, dass sie keine haben würde. Streng genommen nie wieder. Sie schloss hinter ihm ab. Eine gute Viertelstunde später verließ sie die Kneipe durch den Hinterausgang, der auf den kleinen, unbeleuchteten Schotterplatz führte, auf dem sie ihren Wagen parkte. Die Nacht war kühl und sternlos, und die Frau schlug den Kragen ihres Mantels hoch, den sie nicht zugeknöpft hatte. Es waren nur die paar Meter, es erschien ihr nicht notwendig, sie würde gleich im Auto sitzen, die Heizung und das Radio einschalten, nach Hause fahren.

Stockberg wartete auf sie vor der dichten, hohen Hecke, die den Schotterplatz vom Gehweg trennte. Die Dunkelheit verschluckte seine Umrisse, unmöglich, zu erkennen, dass dort jemand stand, mit einem langen Schal in der Hand und einem Ausdruck in den Augen, dem nichts an Entschlossenheit fehlte. Und der ihr völlig begründet Todesangst gemacht hätte.

Noch jemand war dort. Wessel. Er war nicht wirklich nervös, er wusste ja, was passieren würde. Wessel fühlte sich beinahe gelassen, teilnahmslos, wie er einfach nur so dastand und wartete. Er hätte sich jetzt gern eine angesteckt, aus Gewohnheit heraus und doch zu einer fast absurden Beruhigung, die er glaubte, prinzipiell nicht haben zu müssen. Er verkniff sich die Zigarette vorläufig. Stockberg hätte die Glut bemerken können. Das hätte alles zerstört.

Wessel blickte aufmerksam hin. In sein geistiges Auge blendete sich für den Bruchteil einer Sekunde die rothaarige Frau in dem kurzen gelben Lackledermantel ein, die er vor vier Monaten auf der knapp fünfzehn Kilometer vom Ort entfernten Halde hatte sterben sehen. Wessel blinzelte, atmete tief durch. Er sah, wie die Kellnerin sich hastigen Schrittes ihrem Wagen näherte, sich nach vorne beugte, die Tür öffnete, ihre Handtasche auf den Beifahrersitz warf und im selben Moment von Stockberg angefallen wurde. Er griff ihr ins Haar und zog sie mit einem kräftigen Ruck nach hinten, umklammerte ihren Nacken und schlug ihren Kopf mit dem Gesicht nach vorn gegen die Scheibe. Einmal. Sie stieß einen erstickten Schrei aus.

„Nein, was …“ Zweimal. Sie heulte auf. Dreimal. Sie wimmerte nur noch. Er ließ sie kurz los, starrte auf ihren Hinterkopf und schien darauf zu lauern, dass sie einfach so weg sacken würde. Die Frau schlug die Hände vor ihr Gesicht, wankte, versuchte, sich umzudrehen, und wurde erneut nach hinten gezerrt und wieder brutal zurückgestoßen. Sie prallte frontal mit dem ganzen Körper gegen ihr Auto, verlor vollends das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Wessel vernahm noch ein krächzendes, viel zu leises „Nein, bitte … bitte nicht!“, dann sah er, wie Stockberg in die Knie ging. Das alles ging so schnell, dass sie vermutlich erst viel zu spät begriff. Sie versuchte noch verzweifelt, sich gegen ihn zu stemmen, da schlug er ihr die geballte Faust ins Gesicht. Die Frau schrie heulend auf, und Stockberg schlug nochmals zu. Sie wimmerte. Nochmals. Stille.

Wessel stand an der mit hohen Zypressen bewachsenen Seite der schmalen Ausfahrt, die vom Schotterplatz auf die Straße führte, sein Umriss war eins mit ihren Schatten, und er sah, wie Stockberg den Schal um den Hals schlang, ihn verknotete und mit einer Hand beide Enden jäh nach oben zog. Es war ganz ruhig, keine Motorengeräusche, kein Vogelgezwitscher oder Hundegebell aus der Ferne. Nur dieses widerwärtige Keuchen und Schnaufen, das Stockberg von sich gab, während er die Frau vergewaltigte und dabei erwürgte.

Wessel wusste, wie Stockberg vorging. Er hatte die Leiche der anderen Frau gesehen. An diesem Freitagabend im September hatte sich ihr zerschlagenes Gesicht mit den toten blauen Augen in sein Gedächtnis gebrannt.

Wessel war noch spät mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, eine längere Tour, aber nicht ungewöhnlich für ihn, seitdem er sich vorgenommen hatte, wieder etwas für die Kondition zu tun. Dort, an der abseits gelegenen Halde, hatte er eine kurze Rast eingelegt, bevor er sich auf den Heimweg machen wollte. Kein Mensch weit und breit. Dachte er. Und dann erblickte er den grünen Volvo, der hinter dem kleinen, dicht bewachsenen Abhang parkte. An der Beifahrerseite hockte ein Mann mit schulterlangen braunen Haar neben einer leblos auf dem Boden liegenden Frau mit stechend roten Locken. Sie trug einen gelben Mantel aus Lack, den der Mann ihr vom schlaffen Körper zerrte, freilich nicht grob, eher vorsichtig. Offensichtlich war er darauf bedacht, ihn nicht zu zerreißen. Wessel beobachtete die Szene von seinem hastig gesuchten Versteck aus; er hatte sich hinter einem Baumstamm platziert, sein Fahrrad lag im Gras. Wessel wartete einfach ab, mit dieser merkwürdigen Ruhe in sich, die ihn mehr erstaunte, denn erschreckte. Er ging davon aus, dass die Frau tot war. Er hätte ihr auch nicht helfen wollen. Sie war eine Fremde. Sie berührte ihn nicht. Vor Susannas Tod war er anders gewesen. Vermutlich menschlicher.

Als der Kerl, den Mantel unter der rechten Armbeuge, aufstand, sah Wessel sein Gesicht. Spitze, lange Nase, extrem hohe Wangenknochen, schmale Lippen, ein nichtssagender Blick aus dunklen Augen. Er war sich sicher, es immer und überall identifizieren zu können. Der Mann schaute sich nicht um, stieg völlig gelassen, wie es schien, in sein Auto und fuhr mit seinem Souvenir davon. Wessel näherte sich und sah sich die Tote an. Mitte vierzig, schätzte er, korpulent, nicht sehr groß. Ihr Kopf war übel zugerichtet, aber Wessel konnte noch erkennen, dass sie stark geschminkt war. Das rechte Bein war merkwürdig abgewinkelt, der schwarze Rock bis zur Taille hochgeschoben, die Unterwäsche zerrissen. Um ihren Hals war ein billiger bunter Schal geknotet, den kirschrot bemalten Mund hatte sie weit geöffnet, so, als hätte sie noch in letzter Sekunde einen einzigen großen, rettenden Schrei ausstoßen wollen, den sie dann doch lautlos verschluckt hatte.

Wessel fühlte sich nicht verantwortlich. Er meldete die Sache nicht. Zwei Tage später brachten sie den Mord in den Nachrichten und verwiesen auf einen ähnlichen Fall, der gut ein Jahr zurücklag. Gleiches Muster: geschlagen, vergewaltigt, erwürgt. Das Souvenir des Killers: ein breiter, mit exotischem Muster bestickter Gürtel, den das Opfer an seinem Todestag getragen hatte. Vermutlich derselbe Täter. Mein Mörder, dachte Wessel. Dann wurde er zornig. Sie zeigten Fotos der Frauen. Die mit dem Gürtel war eine dreiundzwanzigjährige Studentin. Ein hübsches Mädchen. Ein echtes Leben. Wie seine Susanna.

Vier Monate darauf erkannte er den Mann von der Halde in Pit Stockberg wieder, als dieser vor ihm in der Abenddämmerung die Hauptstraße in seinem Heimatort überquerte. Wessel folgte ihm, auf recht sondersame Art angenehm überrascht, dass er tatsächlich erneut seinen Weg kreuzte. Vermutlich wohnte er sogar hier in seiner kleinen Stadt. Wessel nahm es als gute Fügung eines Schicksals hin, das er nicht definieren musste, um damit einverstanden zu sein. Es galt somit als seine verdammte Pflicht, den Typ umzubringen. Eine Drecksau weniger. Wessel war das recht, wenn er auch persönlich gegen den Mann nichts hatte. Würde man den finsteren Teil seiner Geschichte nicht kennen, könnte man meinen, er hätte gute Anekdoten zu erzählen, so sympathisch, wie er wirkte. Er hätte Wessel natürlich auch komplett egal sein können. Wegen der Rothaarigen in dem gelben Mantel würde er ihn vermutlich ganz profan aus seinem Gedächtnis streichen. Aber da war die andere, die junge. Da war wieder und wieder und immer wieder Susanna. Er wusste, dass er ihn töten musste. Auch wollte. Danach würde er nach Hause gehen, ihn vergessen und endlich in der Lage sein, das in seinem Keller zu beseitigen. Drei Jahre waren genug.

Was letztendlich auf diesem Hinterhofparkplatz passierte, war für Wessel einwandfrei nicht vorhersehbar gewesen. Und ungleich besser, als den Kerl ohne Vorwarnung, gleichwohl ohne jeden erdenklichen Skrupel zu erschlagen. Wessel fand seine Bestätigung und Genugtuung in dem, was er sah. Er verspürte keinen Drang zu helfen, nicht die geringste moralische Verpflichtung, nicht mal wirkliches Entsetzen. Die Frau interessierte ihn nicht. Er sah einfach nur zu und nickte gleichgültig. Souvenirs, Souvenirs. Jetzt der Kaftan.

Wessel zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief und griff nach dem Ast, den er zwischen den Zypressen deponiert hatte, bevor er nach Stockberg die Kneipe betrat. Er hatte ihn im Park hastig vom Wegrand aufgeklaubt, während er Stockberg auf den Fersen gewesen war. Es war Herbst, überall lag das Zeug herum. Der Ast war recht kurz, aber dick und glatt und wie gemacht für einen Kerl, der nicht gleich beim ersten Schlag sterben sollte. Barmherzig der Mörder, nichtsahnend das Opfer. So war es nicht gedacht. Wessel warf die angerauchte Zigarette auf den Schotter und näherte sich lautlos Stockberg, der immer noch keuchend am Boden kniete und jetzt damit beschäftigt war, der Toten den Kaftan auszuziehen.

„Souvenir? Wie der Gürtel und der Mantel? Konnte ich mir denken, dass du den Fummel hier auch mitnimmst.“ Stockberg zuckte zusammen. „Wer … was zum …?“ Wessel trat ihn mit voller Wucht in die Rippen. Stockberg schrie auf und fiel zur Seite, drehte sich ächzend auf den Rücken und stützte sich mit den Armen ab, um seinen Oberkörper aufzurichten. Er blickte zu Wessel auf, eher verärgert, denn perplex, ihn zu sehen. „Was soll der Scheiß?“

„Frag deine Mutter, du perverses Stück Dreck.“

Stockberg blickte Wessel argwöhnisch an, während er nervös am Reißverschluss seiner Jeans nestelte.

„Du also.“ Er grinste schief, als er den Knüppel sah. „Hab dich doch glatt für nen netten Kerl gehalten. Mal abgesehen davon, dass du bekanntlich gern dabei zuguckst, wie irgendwelche Schlampen krepieren. Und was hast du nun vor?“

„Ich ordne mein Leben.“

Wessel fasste den Ast mit beiden Händen und schlug aus der Höhe zu. Stockbergs Kopf war sein letztes Ziel. Er traf seine Kniescheiben, seine Schultern, seine Lenden, bevor er ausholte und ihm das Gesicht zerschlug. Stockberg krümmte sich, wimmerte, heulte, brüllte vor Schmerz. Und das einzige klar erkennbare Wort, das er mit einem letzten, furchtbaren Blutschwall noch hervorbrachte, war: „Warum?“

Als Wessel ihm den Schädel zerschmettert hatte und ihn dort leblos vor sich liegen sah, bedauerte er es beinahe, ihm keine Antwort gegeben zu haben. Er hätte es ihm aber auch nicht wirklich erklären können. Sein Mitleid sei komplett verloren gegangen. Vielleicht würde er es wiederfinden. Das hätte er sagen können.

Wessel atmete befreit auf. Er würde jetzt nach Hause gehen und den Hund im Keller erlösen. Sollte der in die Hölle fahren, er würde ihm nicht folgen. Das müsste er wohl auch nicht. Er war immer ein netter Kerl gewesen. Irgendwie.

(erschienen in: Zwielicht 13, 2019, Hrsg. Michael Schmidt & Achim Hildebrand)

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