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Neil Gaiman – Niemalsland

In einer späten Nacht im Jahre 1986 beschrieb Neil Gaiman dem Herausgeber Richard Evans die Idee einer neuen Fantasy-Geschichte, die auf dem Konzept einer magischen Stadt aufbaut. Er verwies auf damals jüngere Romane wie Mark Helprins Wintermärchen und John Crowleys Little, Big als Beispiele für gerade aufkommenden Genreliteratur, die New York in eine Art Narnia mit Wolkenkratzern und lärmendem Verkehr verwandelten. Er fragte sich, warum niemand je eine solche Geschichte über London geschrieben hatte. Evans sah ihn an und sagte: “Warum machst du es nicht?”

Ein Jahrzehnt später bekam Gaiman seine Chance. Die BBC finanzierte sechs 30-minütige Episoden von Neverwhere, einer Fantasy-Miniserie in “London Below”, einer alternativen Realitätsdomäne unterhalb der bestehenden Stadt. Sein Mitstreiter und Schauspieler Lenny Henry hatte vorgeschlagen, dass sich die Handlung auf “Stämme von Obdachlosen in London” konzentrieren sollte, aber Gaiman sprach sich dagegen aus, Armut und Vernachlässigung zu verherrlichen. Als sich die Geschichte schließlich herauskristallisierte, handelte sie zwar noch immer von Obdachlosen, war allerdings durchdrungen von einer düster-dunkel-magischen Noir-Atmosphäre.

“Ich konnte über Obdachlosigkeit, Geisteskrankheit, das Gefühl der Verlorenheit in einer Großstadt sprechen, aber auch über die Macht, die von Städten ausgeht”, kommentierte Gaiman später, “und das alles konnte ich tun, ohne die Ebene der Fantasy zu verlassen”. Obwohl die Produktion durch einige unüberlegte Sparmaßnahmen beeinträchtigt wurde – einschließlich der Entscheidung, die Serie auf Videotape statt auf echtem Film zu bannen -, ist die Serie unter Fans weiterhin Kult und zeichnet sich durch eine Reihe unverwechselbarer Akzente aus, die vom Setdesign bis zur Musik von Brian Eno reicht.

“London Below”, © 2016 Chris Riddell

Die Fernsehserie diente auch als Sprungbrett für eine mehrfach benutzte Bearbeitung des Materials. Daraus sind ein Roman, ein Comic, ein Filmskript und ein Bühnenstück entstanden. Gaimans Romanversion von 1996 zeichnet sich als die bekannteste dieser verschiedenen Versionen von Neverwhere aus und wurde zu einem internationlen Bestseller, was der Qualität allerdings keinen Abbruch tut. Obwohl der Roman eng an das Drehbuch der Miniserie angelehnt ist, hatte Gaiman darin die Möglichkeit, auf Elemente der Geschichte einzugehen und auch Szenen, die aus der Filmversion gestrichen wurden, wieder einzufügen, insbesondere das farbenfrohe Zwischenspiel, in dem Bewohner von “London Below” Harrods für eine Nacht übernehmen und diesen Ort in einen magischen Marktplatz verwandeln. In die BBC-Serie schaffte es die Szene deshalb nicht, weil die Besitzer von Harrods ihren Laden nicht in dieser Weise im Fernsehen sehen wollten.

Richard Mayhew, der Held dieser Geschichte, ist Angestellter einer Investmentfirma in London. Sein Leben dreht sich um seinen Bürojob, seine Wohnung und seine attraktive Verlobte Jessica, eine aufdringliche junge Dame, die mehr Ambitionen für ihren zukünftigen Ehemann hat, als er für sich selbst aufbringen kann. Doch Richard stolpert eines Abends aus diesem vertrauten Orbit, als er einer mysteriösen jungen Frau namens Door hilft, ihren Verfolgern zu entkommen. Door kommt aus “London Below”, und hat einige gefährliche Feinde. Indem er sich mit ihr anfreundet, findet Mayhew heraus, dass er sich auch von seinem früheren Leben abgeschnitten hat – die Bewohner des echten London sehen und erkennen ihn nicht mehr. Er ist zu einer Nicht-Person geworden, zu einem jener Individuen, die durch die Risse des Londoner Alltags fallen und in der Unterwelt unter der Stadt landen.

Gaimans Geschichte folgt dem vertrauten Muster der heroischen Suche. Um sein altes Leben wiederzuerlangen, muss Richard sich mit Door und ihren Kollegen zusammenschließen – dem schweigsamen Bodyguard Hunter und der rätselhafte Marquis de Carabas – und eine Reihe von Gegnern und Hindernissen auf der Suche nach einem Engel, einem magischen Schlüssel und der Tür, die er öffnet, überwinden. Die Zutaten sind aus unzähligen Abenteuer- und Fantasy-Geschichten bekannt: Auftragskiller, monströse Kreaturen, Wahrsager, sprechende Tiere, ein Labyrinth, versteckte Gänge und andere altehrwürdige Elemente spekulativer Literatur. Aber Gaiman fügt diesem Basismaterial eine solche Farbe und einen solchen Schwung hinzu, dass selbst ein gewöhnliches Labyrinth in seinen Händen neue Wendungen bekommt. Gaiman hat ein Händchen für Komödie und Satire, lässt den Witz aber nie die Kontrolle über die Handlung übernehmen – etwa in der Art und Weise, wie Douglas Adams oder Terry Pratchett das zelebrieren. Die intelligenten Dialoge tun ihr Übriges.

Mayhew scheint an jeder Ecke überwältigt zu werden, nicht nur von Vandemar und Croup, die ihm mit einigen ungewöhnlichen Bedrohungen konfrontieren (“Wissen Sie, wie Ihre eigene Leber schmeckt? Sie werden es herausfinden, nicht wahr?”), sondern auch von einer Reihe anderer Feinde und Herausforderungen. Er trifft sich mit den Blackfriars an der Blackfriars Underground Station – Teil einer alternativen Mythologie des Londoner U-Bahn-Systems, das Gaiman einbaut; zu dem gehört auch ein Earl in Earls Court und Schäfer in Shepherd’s Bush, die ihn zwingen, sich einer “Prüfung” in einem verschlossenen Raum zu unterziehen. Er hat es mit einer nervtötenden Unterwelt-Freundin zu tun, die darauf hofft, ihm irgendwie das Lebenselixier auszusaugen. Und schließlich trifft er inmitten des Labyrinths auf Gaimans Version für den Minotaurus, aber ohne Ariadne, die ihm bei seinem Kampf unterstützen könnte.

Mayhews Einsatz ist zwiespältig zu betrachten, denn er kann bleiben oder zurückkehren zu seinem Schreibtischjob und seiner nörgelnden Freundin. So ist unser Held das Spiegelbild von Gaimans Lesern – letztere wollen dem Alltag entfliehen, erstere wollen in den Alltag zurückkehren. Welcher Art der Leser auch sein mag, er befindet sich bei Gaiman in guten Händen.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Story im IF #666: “Dorothea”. 2018 Herausgeber der “Miskatonic Avenue”, mit der Story “Der Gehenkte” vertreten.

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