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Nachgeburt

Übersetzt von Michael Perkampus

 

Maries Innerstes kehrte sich fast nach außen, als sie versuchte, den entsetzlichen Whiskygestank, der wie gesüßtes Formaldehyd in Dr. Johnsons Atem hing, zu ignorieren. Überschüssiger Sabber rollte in seinem Mund. Sie war an Übelkeit gewöhnt, aber in letzter Zeit wurden ihre Fingerkuppen manchmal taub, uns sie hatte Angst, dass ihr Herz nicht ausreichend pumpte. Obwohl das keine Rolle spielte. Ihre Krankheit spielte keine Rolle und auch ihr Taubheitsgefühl nicht.
Das einzig Wichtige war ihr Versprechen.

Sie hatte ihrer Schwester versprochen, dass sie sich darum kümmern würde, egal, was passierte.

Dr. Johnson, groß und eckig, als ob er aus knorrigen Ästen anstelle von Fleisch und Knochen bestehen würde, streckte seine langen Gliedmaßen in einem hölzernen Stuhl hinter seinem Schreibtisch von sich. Er vermied es, ihr in die Augen zu schauen. Sein Sprechzimmer war überladen; Bücher bedeckten die Wände vom Boden bis zur Decke, und Papiere lagen überall auf seinem Tisch herum. Die Uhr bestätigte 1 : 28 morgens.

Marie saß still, ein vierzehnjähriges Mädchen mit einem verkniffenen, nervösen Gesicht, die Kiefer robust und entschlossen. Selbstbewusst hielt sie wie zum Schutz ihren Rucksack auf ihrem Schoss. Eine leichte Jacke bedeckte ihren dicken Pullover, und ihr langes schwarzes Haar war effizient zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Johnson schaltete eine kleine Schreibtischlampe ein. Das Licht wurde vom dumpfen Holz reflektiert und beleuchtete den Raum mit einem warmen Schein. Er schluckte. „Hat dich irgendjemand gesehen?“

Marie schüttelte ihren Kopf.

„Deine Eltern?“

„Sie haben sich in eine Kirche zurückgezogen. Nach der Beerdigung… sie sagten, sie müssten herausfinden, warum Gott wütend auf sie war. Sie werden noch zwei Tage fort sein. Mindestens“

„Gut, gut.“ Der Arzt hörte sich zufrieden an. Er kramte eine Schachtel Zigaretten aus seiner Hemdtasche. „Was dagegen, wenn ich rauche?“

Marie sah ihn für einen Augenblick mit einem flachen, harten Blick an, dann schüttelte sie den Kopf. „Es ist nicht so, dass ich um seine Gesundheit besorgt bin.“

Johnsons Hand begann zu zittern. Um es zu verbergen, öffnete er die oberste Schublade und entnahm ihr einen winzigen Aschenbecher. Nach einigen Sekunden der Stille traute er sich zu, die Zigarette in den Mund zu nehmen und anzuzünden. Er nahm einen tiefen Zug und ließ den Rauch durch die Nasenlöcher entweichen.
„Ich weiß, wir haben schon darüber gesprochen, und ich weiß nicht, was du in der Schule aufgeschnappt hast – ich meine, du weißt, wie das mit Kleinstädten so ist. Ich will nur noch einmal betonen, wenn das herauskommt…“

„Keine Sorge.“

„Gut, gut.“ Er machte eine Pause. „Ich war sehr betrübt, das von deiner Schwester zu hören.“

Maries Hände krallten sich in die Seiten des Stuhls, und sie betete, dass man ihrem Gesicht nichts ansah. Das Bildnis ihrer Schwester, wie sie auf ihrem Highschool-Portrait ausgesehen hat, schwebte geisterhaft im Zigarettendunst. Vor vier Tagen hatte das gleiche Bild auf der glatten Oberfläche des Sargs gelegen. Der Bestattungsunternehmer hatte den Sarg fest geschlossen gehalten.

Johnson fuhr mit einem mechanischen Tonfall fort: „Es war eine wirkliche Tragödie. So sinnlos; ein junger Mensch -“

„Bitte. Ich möchte nicht…“

„Natürlich, natürlich. Entschuldigung.“ Johnson nahm seine Brille ab und putze sie energisch mit seiner Krawatte. Er wollte sie nicht ansehen. „Nun, äh, sollten wir über mein Honorar sprechen.“

„Hier.“ Marie platzierte einen Umschlag auf dem Schreibtisch. Der Arzt schaute hinein. Er blätterte schnell die Rechnungen durch und zählte beiläufig das Geld. Schließlich steckte er den Umschlag in eine untere Schublade und schloss sie. Dann sah er Marie in die Augen.

„Ich möchte noch ein paar Dinge klären, dann fangen wir an. Nun … ich weiß nicht, was du erwartest, aber es wird nicht angenehm sein.“ Er fuhr sich mit einer Hand voller Leberflecke durch sein graues Haar. „Es wird sogar sehr unangenehm sein, und … nun, danach wird es weh tun. Daran führt kein Weg vorbei. Um dir ein wenig Linderung zu verschaffen, gebe ich dir ein Medikament namens Fentanyl. Nur zur leichten Beruhigung. Angst vor Nadeln?“

Marie umklammerte ihren Rucksack fester und flüsterte: „Nein.“

„Gut, gut. Ich werde ein Spekulum einführen müssen, um dein Gebärmutterhals zu weiten -“

„Bitte, ich will das alles nicht wissen. Tun Sie, was Sie tun müssen. Ich will es einfach nur hinter mich bringen.“

„Natürlich, natürlich. Ich verstehe.“ Johnson nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette, drückte sie langsam in dem kleinen Aschenbecher aus und rollte sie noch ein paarmal sanft zwischen Daumen und Zeigefinger umher.
„Sehen wir zu, dass wir es hinter uns bringen.“
Sie erhoben sich gleichzeitig. Marie öffnete die Tür und trat hinaus in den engen Flur. Sie wartete auf Johnson und folgte ihm dann, wie er sich müde durch den dunklen Korridor bewegte. Sie kamen am Schwesternzimmer und mehreren unbeschrifteten Türen vorbei.
Am Ende des Flurs schloss er eine dicke Metalltür auf. Auf ihr stand ganz nüchtern: „CHIRURGIE.“

Johnson legte einen Schalter in der Nähe der Tür um und große Leuchtstoffröhren flackerten hell ins Leben. Sie warfen ein grelles, brutzelnd weißes Licht in den Operationssaal. Boden und Wände wurden von grünen Ziegeln bedeckt. Marie konnte nicht umhin, den metallenen Abfluss in der Mitte zu bemerken. Ein Edelstahl-OP-Tisch wartete über diesem Abfluss. Glänzende Metallschränke und Maschinen auf Rädern befanden sich an der Wand. Die Luft im Raum schien mit Bleichmittel durchdrungen, und Marie sog flache Atemzüge durch den Mund.

Johnson reichte ihr ein weißes Krankenhauskleid und sagte: „Du kannst es in meinem Büro anziehen, wenn du möchtest.“

Sie nahm das weiße Bündel und ging, ohne etwas zu sagen, auf den Flur hinaus. Als sie zurückkam, trug Johnson einen Laborkittel und eine Kunststoffkappe über seinem schütteren Haar. Er klopfte auf den OP-Tisch. „Setz dich, damit wir anfangen können.“

Marie ging barfuß über die kühlen Fließen zu dem kleinen Stuhl vor dem Tisch. Sie hielt das Kleid hinten mit einer Hand geschlossen und trat auf den Hocker. Als sie sich setzte, konnte sie das kalte Metall durch die dünne Baumwolle spüren. Johnson rollte etwas heran, das aussah wie ein Garderobenständer aus Stahl. Ein durchsichtiger Plastikbeutel voller klarer Flüssigkeit hing von einem der Haken und ein dünner Schlauch kam aus dem Boden des Beutels heraus. Er steckte das Ende davon in eine dafür vorgesehene Spritze. Er wickelte den Schlauch über den Haken und ging zur Theke.

„Tut mir leid, es ist ein wenig kalt hier,“ sagte Johnson. „Die Heizung fährt in der Nacht automatisch runter.“ Er kehrte zurück mit einem Wattestäbchen und einer Flasche Franzbranntwein. Die Lasche auf dem Tisch abstellend, nahm er eine eine Leinenmanschette von der Wand. Er wickelte die Manschette um Maries rechten Arm und schloss sie mit einem Klettverschluss. Ein Gummiball baumelte von der Manschette und Johnson verwendete ihn, um die Manschette fest um Maries Arm herum aufzupumpen. Er klopfte leicht auf ihren Unterarm und fand die Vene. Schnell steckte er sich die Hörmuscheln des Stethoskops in die Ohren und prüfte Maries Blutdruck. Zufrieden mit dem Ergebnis, riss er das Klett auseinander und entfernte die Manschette. Er legte das Wattepad über die Flaschenöffnung und drehte die Flasche kurz auf den Kopf, um den Baumwolltupfer mit der stechenden Flüssigkeit zu tränken. Dann rieb er damit Maries mittleren Teil des Armes ein.

Die Nadel glitt leicht hinein.

Marie wandte sich ab und sah zur Uhr. 1 : 37. Ein metallenes Quietschen ließ ihren Kopf herumfahren. Sie sah Johnson einen der glänzenden Bügel über dem Tisch positionieren. Er versuchte ihr ein tröstendes Lächeln zu schenken, aber es erreichte nicht seine Augen. Marie schluckte, als sie realisierte, wie hoch dieser Bügel war. Sie atmete schneller.
„Vielleicht ist es etwas komfortabler, wenn du dich zurücklegst,“ sagte Johnson und brachte die anderen Bügel so leise wie möglich an ihren Platz. Das Metall gab trotzdem ein weiteres protestierendes Knirschen von sich.

Marie schloss die Augen und lehnte sich zurück gegen den kalten Metalltisch. Dabei hielt sie ihre Schenkel fest zusammengepresst. Ihr Magen begann erneut zu grollen. Sie konnte hören, wie Johnson weitere Utensilien näher zum Tisch hin rollte. Als sie ihn über sich stehen hörte, öffnete sie ihre Augen und starrte in das gleisende runde Licht einer Lampe, die der Arzt über ihren Beinen positionierte. Erneut schloss sie ihre Augen und hoffte, dass das Beruhigungsmittel, das in ihren Arm tropfte, sich schnell bemerkbar machen würde. Ihr Atem ging schneller und ruckartiger.

Als Johnson das nächste Mal sprach, war er irgendwo ganz in den Nähe. Seine Stimme war leise, beruhigend. „Okay, ganz ruhig. Konzentriere dich auf die Atmung. Atme langsam und tief. Alles wird gut werden, okay? Alles gut. Genau so, langsam und ruhig.“

Marie zwang sich, ihren Atem für einige Sekunden anzuhalten und fand heraus, dass sie nur ihr Herz schlagen hörte. Nicht die tickende Uhr, nicht das Summen der Leuchtstoffröhren, nichts. Nur das langsame, stete Pochen in den Ohren. Der Klang beruhigte sie, und sie spürte, wie ihr Körper begann, sich zu entspannen. Sie atmete langsam und ruhig. Nach einigen Sekunden begann sich auch ihre Herzfrequenz zu verlangsamen. Hinter den geschlossenen Augenlidern schien das Zimmer nicht gar so hell.

„Gut, gut. Du machst das gut. Ich werde deine Füße jetzt in die Bügel stellen. Es wird alles in Ordnung sein.“

Der Tisch war nicht mehr so kalt. Marie hatte nur das vage Gefühl davon, wie ihre Beine behutsam auseinander gezogen wurden. Ihr linkes Bein wurde bis in die flache, glatte Nut des ruhigen Metalls gehoben. Wie auch der Tisch, war das Metall nicht mehr kalt. Ihr rechtes Bein folgte, nahm dem ihm angedachten Platz ein. Plötzlich überkam sie das panische Gefühl des Ausgeliefertseins. Ihr Herz hämmerte. Dann ließ das Gefühl nach und sie glitt zurück in die weiche Wärme des Tisches. Sie hörte Johnson sprechen, aber die Worte verloren sich und ergaben keinen Sinn. Sie ruhte sich aus mit der Gewissheit, dass es fast geschafft war. Sie hatte keine Angst mehr.

Dann, noch bevor der Arzt näher kam, bewegte sich etwas in ihr.

* * *

Johnson hielt Maries Handgelenk mit dem Zeigefinger über der Vene und schaute auf die Uhr. Das Ticken schien sehr laut in diesem stillen Raum. Ihr Puls war stabil. Er untersuchte ihr Gesicht; ihre Augen waren geschlossen. Ihr Brustkorb und ihre jungen Brüste hoben und senkten sich unmerklich. Sanft legte er ihren Arm zurück auf den Tisch, nahe an ihren Körper. Das Ketamin, das dem Fentanyl beigemischt war, hatte seine Arbeit verrichtet.; Marie würde für die nächsten zwei Stunden schlafen.

Er ging zum Ende des Tisches, zwischen ihre ungeschickt angehobenen Beine und ließ sich auf einen niedrigen Hocker auf Rädern nieder. Er nahm seine Brille ab und rieb seinen Nasenrücken. Mit der anderen Hand fuhr er in die Kitteltasche und packte seinen Flachmann, setzte die Brille wieder auf, schraubte den Deckel von dem Fläschchen und nahm einen tiefen Schluck. Er schluckte die brennende Flüssigkeit und atmete lange und langsam aus. Der Flachmann verschwand wieder in der Tasche und er wischte die restliche Flüssigkeit mit Daumen und Zeigefinger aus seinen Mundwinkeln. Es war Zeit. Er stand etwas unsicher und gab dem kleinen Hocker einen stoß, so dass er davonrollte.

Maries Fußnägel waren mit der hellen Farbe eines Pfirsichs bemalt. Unter dem Kittel trug sie nichts weiter als ein T-Shirt und ein dünnes goldenes Kreuz an einer Kette um den Hals. Johnson zog sich ein paar chirurgischer Gummihandschuhe über und ließ das dünne Material gegen seine Handgelenke schnappen. Er faltete die Finger zusammen, damit die Handschuhe eng anliegen konnten, und begann mit der Arbeit.

Zunächst führte er das glatte, geschlossene Spekulum zwischen die zierlichen Falten ihres zarten Fleisches, drücke langsam die Griffe zusammen, so dass die Schnabel auseinander gezwungen wurden, bis er ein Klicken hörte und das Spekulum geöffnet war. Dann griff er nach der Absaug-Kürette, ein hohles Rohr mit einem gewundenen Messer am Ende. Das andere Ende des Rohrs führte in eine kleine, unscheinbare Maschine, die eine starke Saugkraft gewährleistete. Johnson passte seine leichte blaue Maske neu an. Die gebogene Klinge fing das Glitzern das Oberlicht sein und sendete flammende Flecke zu seinen Brillengläsern.

Behutsam arbeitete er mit der abgerundeten Spitze des Messers an Marie, schob es langsam in ihren Uterus. Der durchsichtige Plastikbeutel, der von der Röhre hing, fegte gegen die Ecke des Tisches, als Johnson das Messer weiter hinein schob. Er arbeitete blind, angeleitet nur durch das Empfinden des Widerstands, als er das Messer sorgfältig in der Gebärmutter bewegte, um sauber in das unerwünschte Gewebe zu schneiden.

Mit der linken Hand griff er nach unten und drehte die Maschine auf. Sie summte leise vor sich hin. Johnson erhöhte die Saugkraft. Blut spritzte über die Innenseite des Kunststoffbeutels. Ein kleines Stück Fleisch folgte mit einem weichen, nassen Geräusch. Dann noch eines. Und noch eines. Er bewegte das Messer vorsichtig weiter in einem langsamen, bewussten Kreis und versuchte, die Unsicherheit, die wegen des Alkohols in seine Finger kroch, zu ignorieren.

Die Tonhöhe der Maschine stieg an.

Johnson runzelte die Stirn. Das Gerät sollte siebenundzwanzig mal stärker als ein gewöhnlicher Staubsauger sein. Marie war nur in ihrem ersten Schwangerschaftsdrittel; das Gewebe war weich, also sollte es keine Probleme mit der Absaugung geben. Probeweise bewegte er das Messer und fragte sich, ob er gegen die Gebärmutterwand stieß. Was auch immer verkehrt lief, es lag nicht an seinen Händen. Er packte den Messergriff fester. Das Heulen der Maschine wurde stärker, angestrengt. Er überprüfte die Plastiktüte.

Nichts kam aus dem Rohr.

Er hob den Beutel in die Höhe. Da war nicht annähernd genug Inhalt vorhanden, der ihm zeigte, dass er alle Teile bekommen hatte. Den Beutel weiter in seiner linken Hand halten, überprüfte er die Maschine erneut. Zunächst verringerte er die Saugleistung, um sie dann wieder so hoch zu drehen, wie es nur ging. Die Maschine fing jetzt leicht zu vibrieren an. Er bemerkte, dass sich etwas im Innern des Beutels bewegte.

Johnson ließ augenblicklich den glatten Kunststoff los und stieß einen kleinen schockierten Schrei aus. Der Beutel klinkte sich aus dem Rohr und floppte leblos auf den Tisch. Er beugte sich über ihn, konnte aber nichts Ungewöhnliches feststellen.
Der Beutel, der im Innern voller Blut war, lag still: Obwohl eher unwahrscheinlich, war es möglich, dass etwas das obere Ende des Rohrs verstopfte. Zaghaft zog er am Messer.

Es ließ sich nicht bewegen.

Johnsons Augen weiteten sich. Er zog stärker. Das Messer blieb an Ort und Stelle. Dann bewegte es sich von selbst, drehte sich in seiner Hand wie etwas Lebendiges. Die Absaugung veränderte erneut ihren Ton und durchbrach den Widerstand. Noch mehr Blut und Fleischfetzen wurden in den Beutel gespritzt. Er fing an zu schwellen, sich schnell zu füllen. Der Arzt schluckte, zwang seine Hände dazu, ruhig zu bleiben. Er umklammerte das Messer und zog. Immer noch nichts. Das Messer hätte genauso gut in Beton stecken können. Der Beutel wuchs weiter. Er zog noch fester, bog angestrengt seinen Rücken durch. Mit der linken Hand stemmte er sich gegen den Tisch, grunzte und riss an dem Rohr so fest er konnte.

Der Plastikbeutel zerplatzte wie ein überfüllter Wasserballon.

Blut explodierte in Johnsons Gesicht und spritze über seinen Rücken. Plötzlich war das Messer frei und er stürzte über die Maschine. Sein Kopf knallte auf den Boden und seine Brille schlitterte über die Fliesen davon. Das Heulen der Maschine sank zu einem normalen Summton herab. Johnson versuchte das Blut aus seinen Augen zu blinzeln.

Dicke, nasse Geräusche drangen aus Maries Innerem.

Nach wie vor hielt er das Messer, aber er konnte es nicht sehen. Er ließ es fallen, rollte sich auf Hände und Knie. Vom Tisch kamen weitere nasse Geräusche. Johnson kroch vorwärts, mit ausgestreckten Händen wischte er über den Boden. Ihm war, als höre er Geräusche über sich. Etwas krabbelte über die glatte Metalloberfläche des Tisches. Johnson kroch weiter. Seine rechte Hand schloss sich um seine Brille und er hob sie auf. Er hob sie vor sein Gesicht und sah, dass sie vom Blut verschmiert war. Noch mehr Geräusche kamen vom Tisch. Er riss sein Hemd aus seiner Hose, nutze den noch sauberen Teil, um sich der klebrigen Flüssigkeit zu entledigen. Nun kamen die Geräusche vom Fliesenboden. Der Stoff schmierte den größten Teil des Blutes einfach weiter über die Gläser, aber Johnson gelang es, einen kleinen Teil der rechten Seite davon zu befreien. Verzweifelt setze er die Brille auf und blickte zum Tisch und auf Maries blutbespritzte Beine.

Dann begann er zu schreien.

* * *

Marie erwachte mit einem Atemzug voller Schmerzen. Die untere Hälfte ihres Körpers fühlte sich an, als würde sie in Flammen stehen. Ihre Beine lagen noch immer hoch gespreizt in den Bügeln. Zwischen ihren Schenkeln spürte sie warme Nässe, als sie versuchte, zu Atem zu kommen. Ein saurer Geruch nach Kupfer stieg überfallartig in ihre Nasenlöcher. Der Tisch fühlte sich klebrig und nass an. Das hell erleuchtete Zimmer verschwamm vor ihren Augen. Ihr Bauch grollte kränklich.

Sie biss die Zähne zusammen und zog vorsichtig erst das eine, dann das andere Bein von den Bügeln. Sie nahm mehrere schnelle Atemzüge, dann gelang es ihr, sich in eine sitzende Position zu schieben. Für einige Sekunden schwand ihr Gleichgewicht und sie hatte Angst, dass sie das Bewusstsein verlieren würde. Aber der Schwindel ging vorüber und der Raum nahm feste Formen an, als sie ihre Augen fest auf die Dinge konzentrierte. Die Uhr an den gegenüberliegenden Wand zeigte 3 : 06.

Die Innenseite ihrer Oberschenkel war vom angetrockneten Blut verkrustet. Der Tisch war ebenfalls voll von dieser rotbraunen klebrigen Masse. Sie beugte sich nach vorne und sah Dr. Johnson. Eine Art Plastikrohr ragte aus seinem Mund. Seine Augen fehlten. Marie konnte ins Innere seines Schädels sehen. Er schien leer zu sein, leer gesaugt. Sie schluckte und versuchte gegen die Übelkeit, die erneut in ihr anbrandete, anzukämpfen. Sie hatte etwas in der Art erwartet, war aber nicht darauf vorbereitet, Dr. Johnsons verstümmelten Körper wirklich dort liegen zu sehen.

Aber das war nur fair. Und ihre Schwester würde sich das so gewünscht haben.

Susan war vor sieben Tagen in Dr. Johnsons Praxis gekommen, vier Monate nachdem ihrem Freund das Kondom geplatzt war. Aber der Eingriff war schief gelaufen. Mit zu viel billigem Whisky in seiner Blutbahn, rutschte Johnson ab und durchstach die Wand der Gebärmutter. Statt den Fötus einzusaugen, erwischte er, ohne es zu merken, Brocken ihres Dickdarms.

Marie schwang ihre blutigen Beine über den Rand des Tisches. Sie traute sich noch nicht zu, ohne Hilfe zu stehen. Also saß sie einfach nur da, beobachtete die Uhr und verlor sich wieder in ihren Erinnerungen.

Susans Augen kochten vor Schmerz, als sie durch die Eingangstür stolperte; in heftigen Stößen lief das Blut zwischen ihren Beinen herab. Aber Marie konnte noch etwas anderes in den Augen ihrer Schwester erkennen als Schmerz. Scham.

Ein erbärmlich wimmernder Ton kam von unterhalb des Operationstisches, klang wie ein ertrinkendes Kätzchen.

Mit stockendem Atem hatte Susan ihrer jüngeren Schwester alles erzählt. Über die Abtreibung, wie Dr. Johnson davon murmelte, dass die Blutungen normal seien und in wenigen Stunden vorüber wären. Aber Susan wusste, dass das nicht stimmte, und dass sie hier auf dem Küchenboden verbluten würde. Einen Krankenwagen zu rufen, kam für sie nicht in Frage. Sie wollte nicht, dass irgend jemand die Wahrheit erfuhr. Die Jugendgruppe der Kirche durfte das nicht wissen. Also humpelte sie mit Maries Hilfe zurück zum Auto und setzte sich wieder auf den mit Blut getränkten Vordersitz. Die Eisenbahngleise waren nur zwei Meilen entfernt, und Güterzüge rollten die ganze Nacht lang durch die Stadt.

Doch bevor Susan starb, gebar sie einen verstümmelten, vier Monate alten Fötus. Sie sagte, Gott gäbe ihrem Kind eine zweite Chance. Und sie bat Marie, darauf aufzupassen, egal was auch passierte.

Also brachte Marie es an den einzigen sicheren Ort, den sie kannte.

Ungeschickt rutschte Marie vom Metalltisch herunter, setze ihre nackten Füße auf den eisigen Boden, der mit Blut und Fleischfetzen überflutet war. Sich am Tisch festhaltend, beugte sie sich langsam nach vorne, um darunter zu sehen. Ein kleines, halb nur geformtes Auge starrte sie aus einem unförmigen Säuglingsschädel heraus an. Marie steckte ihre Hände aus und streichelte die blutige Gestalt. Winzige Finger umfassten ihren Daumen. Teilweise entwickelte Fingernägel ragten von den kleinen Fingerspitzen.

Es gab einen weiteren Schrei von sich.

„Shhh, shhh. Alles okay. Mammi ist da. Mammi ist da.“ Marie spreizte ihre Beine und hockte sich über den Fötus. Langsam ließ sie sich zu Boden und spürte den unförmigen Schädel schwach gegen die blutgetränkte Öffnung zwischen ihren Beinen drücken. Ihr Baby war kalt, als es in sie zurück schlüpfte. Aber das war in Ordnung. Sie würde es aufwärmen. Sie würde es aufwärmen und schützen und füttern und sich um es kümmern, wie sie es versprochen hatte.

Bis es bereit war, wiedergeboren zu werden.

Jeff Jacobson

Jeff lebt mit seiner Familie und einer ganzen Reihe von Haustieren in der Nähe von Chicago. Er lehrt Dichtung und die Arbeit an Drehbüchern am Columbia College, Chicago. Geboren wurde er in Nord-Kalifornien. Er überlebte die Winter in Chicago, standesamtliche Hochzeiten, den Verkehr in Taiwan, fungierte in einer Studenten-Theatergruppe in Melbourne, Australien, und sein scharfer Sinn für Mode ist bekannt dafür, die meisten Frauen zum Weinen zu bringen.
Jeff liebt Monsterfilme, Hard Boiled – Romane, Heavy Metal, Filme mit vielen Waffen. Guten Whisky. Böse Monsterfilme. Mountainbiken. Krav Maga (Kontaktkampf), so ziemlich jedes Bier, auf dem nicht „Light“ steht, schießt gerne auf Pappteller, die an Bäume genagelt sind und auf Tontauben, liebt unnötige Gewalt-Videospiele, wirklich wirklich böse Monsterfilme. Trotz seiner Romane bleibt er ein begeisterter Fleischfresser.

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