Mummenschanz: Stück für Stück: Dorothea

Dies ist eines der vielen Stücke, die ich aus meinem Leben genommen habe. Man mag es oft nicht glauben, aber ich bewege mich nie sehr weit von meinen eigenen Beobachtungen fort. Dora hieß meine Urgroßmutter mütterlicherseits, und sie verbrachte ihre letzten Jahren in einer ausgebauten Dachkammer auf dem Bauernhof meiner Großtante. Wenn ich sie besuchte, war es immer sehr heiß und sie stand meistens am Fenster und blickte hinaus. Als kleiner Junge bemerkte ich diese unfassbare Distanz zwischen meinem und ihrem Leben. Ich wusste nichts und sie wusste alles. Es kam mir so vor, als bestieg ich eine Zeitmaschine, wenn ich in ihre Kammer trat. Meist redeten wir nicht viel, aber diese Aura des Geheimnisvollen einer vergangenen Zeit ließ mich nie wieder los. Der burleske Teil mit den Totengräbern ist so etwas wie mein „Urstil“, den ich seit meiner schriftstellerischen Kindheit pflege. Hierzu hatte ich kein direktes Vorbild und war später überrascht, als ich erfahren musste, dass man diese Elemente im Theater des Absurden zuhauf findet. Beckett hat diese Dinge auf die Spitze getrieben. Das Symbolische dieser Geschichte aber ist das eigentliche Hauptmerkmal. Ich wuchs quasi mit dem Übersinnlichen auf. Dass es Geister gibt, stand für mich zu jeder Zeit meines Lebens außer Frage, nur hatte ich nie den Hang dazu, in ein dämonisches Geschwätz zu verfallen. Für mich gibt es eine gewisse Nahtlosigkeit zwischen dem Traum, einem Jenseits und unserer Welt, die wir nicht einmal im Ansatz begreifen, auch wenn wir so tun und glauben, es wäre so. Genau in dieses Nichtverstehen lege ich meinen Stift hinein.

Anmerken sollte ich, das dies die erste Geschichte des Bandes ist, die zu einem wesentlich größeren und „geheimnisvolleren“ Werk namens Sandsteinburg gehört. Ich habe mich immer geweigert, einen Roman zu schreiben und ziele stattdessen auf etwas ab, das man häufig Antiroman nennt, ein umfangreiches Kaleidoskop aus Stimmen und Stilen, die in der literarischen Welt nur dann wahrgenommen werden, wenn man einer Seilschaft angehört, was bei mir nie der Fall war. Tatsächlich wird das Werk zu meiner Lebzeit wohl nie erscheinen, aber es gibt Geschichten in diesem Themenkomplex, die auch ganz gut ohne den Rest funktionieren.

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Der Bouquinist

Der Bouquinist

Dichter, Übersetzer, Herausgeber