Mummenschanz: Stück für Stück: Der Tod des Sardanapal

Dies ist die älteste Geschichte der Sammlung. Als ich sie schrieb, lebte ich noch in der Schweiz und stand der Literaturgruppe der „Lärmenden Akademie“ vor. Die Skizze zu „Dorothea“ mag zwar noch älter sein, aber sie war noch weit davon entfernt, eine Geschichte zu werden. Wahrscheinlich ist der Erzählung leicht anzumerken, dass ich mich zur Zeit ihrer Entstehung ausgiebig mit dem „Magischen Realismus“ beschäftigte. Im Jahre 2005 suchte ich nach einem Ausweg aus der Sackgasse einer teilnahmslosen Phantastik und spielte mit Abenteuern aus dem Bereich des „Was-wäre-wenn?“. Das ist freilich eine Kardinalfrage der Literatur. Besser geeignet finde ich jedoch den Begriff des „Als ob“, weil darin über die Literatur hinaus auf jeden einzelnen Gedanken rekurriert wird, der je gedacht wurde. Wir finden solche Prozesse häufig in den dicken Brocken einer alternativen Geschichtsschreibung. Mir ging es – wie fast immer – um wenige Augenblicke, um Artefakte, denn im Grunde halte ich es – wie Borges – für völligen Unsinn, einen Gedanken so lange auszuwalzen und zu verwässern, bis daraus vielleicht ein Roman geworden ist. Als ich mir einen Katalog über den Maler Delacroix durchsah, stieß ich auch auf sein berühmtes Gemälde „Der Tod des Sardanapal“. Ich war besessen von der Magie mancher Bilder und stellte mir die Frage: Was wäre, wenn eine bestimmte Figur, die im Bild vorhanden sein müsste, plötzlich verschwunden wäre? Warum könnte sie verschwunden sein? Diese „verschwundene“ Dame, die ich wählte, hieß Myrrha und ich beabsichtigte, einen kleinen Reigen von Geschichten zu schreiben, in dem sie – die ich nie näher beschrieb – mehr oder weniger auftauchte. Der Nebeneffekt dieses Vorgehens war ein kleines Mysterium um eine Figur, die nie richtig vorhanden, aber auch nie wirklich weg war. Und da mich das Verschwinden grundsätzlich interessiert, hatte ich einen neuen Archetypen.

Veröffentlicht von

Der Bouquinist

Der Bouquinist

Dichter, Übersetzer, Herausgeber