Poetik

Mummenschanz: Stück für Stück: Der Böhmwind

In dieser Geschichte findet sich mein Argus-Prinzip an prominenter Stelle. Ich gehe stets davon aus, dass sich jede mögliche Form der Existenz und der Wahrnehmung auf eine Entität zurückführen lässt, die durch die unendliche Vielfalt aller Möglichkeiten sich selbst gewahr wird. Das ist natürlich ein bizarrer Theismus. Der Kern der Geschichte ist jedoch ein völlig anderer, nämlich Schwarzenhammer, ein Dorf im Fichtelgebirge. Viele meiner Geschichten – so auch Das blaue Kleid oder Dorothea – sind dort angesiedelt. Lovecraft, auf dessen Grabstein steht: “I am Providence!”, ist für mich dadurch leicht zu verstehen.

Die Erzählung ist vielleicht etwas ungewöhnlich und fächert sich an den Rändern etwas auf. Den Sturm, von dem hier die Rede ist, erlebte ich tatsächlich. Und ich glaube, ich konnte auch die Schäden gut wiedergeben. Ich selbst lese, weil ich die Welt nicht begreife, und ich schreibe, um zu erkennen, was ich davon schon verstanden habe.

Es ist mein Unbehagen gegenüber der Realität, das mein Leben von jeher bestimmt; so flüchtete ich mich in jungen Jahren zunächst in die Komödie, die ich aber später dann nur noch als Groteske ertrug, und darin liegt bis heute meine einzige Antwort, denn die Wahrheit der phantastischen Erzählung  liegt für mich darin, dass alles, was später das barbarische Etikett Horror bekam, von der Groteske und dem Surrealismus durchtränkt ist (und nicht von irgendeinem ominösen Riss, einer Theorie der Phantastik, die mich kalt lächeln lässt).

Auch wenn man gewöhnlich so tut, als gäbe es ein historisches Kontinuum, als gäbe es eine fortlaufende Entwicklung, ist doch alles nur durch die Feldtheorie zu erklären. J. C. Oates sagte einmal, dass wir alle mehr oder weniger von E. A. Poe abhängig sind, auch wenn wir glauben, ihn längst überwunden zu haben. Natürlich gibt es die These, Poe selbst sei ohne die deutsche Romantik nicht denkbar gewesen, allen voran ETA Hoffmann, aber auch hier erkenne ich das Lineare keineswegs, sondern nur besagte Felder oder Spuren, die sich vergleichzeitigen. Es mag vereinzelt alles ein wenig früher oder später stattfinden, aber diese Zeitversetzung hat doch mehr mit einer verzerrten Perspektive zu tun, mit einem Fehler in der Wahrnehmung. 

Eine Anmerkung noch: Doktor Hohenner hieß mein Kinderarzt. Hätte er mir damals nicht eine Spritze in die Wunde meines klaffenden Daumens gegeben (als ich in die Scherben einer Cola-Flasche gefallen war), hätte ich ihm wohl gar nicht angemerkt, dass er ein Augensammler war.

 

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