Mummenschanz: Stück für Stück: Das blaue Kleid

Ich hatte bereits erwähnt, dass vielen meiner Geschichten im Kern ein Erfahrungsspektrum zugrunde liegt. Ich vermute, dass es sich hierbei um nichts Außergewöhnliches handelt. Auch Das blaue Kleid hat sein Zentrum in Schwarzenhammer; der jugendliche Eifer ist nahezu eine Nachbildung tatsächlicher Begebenheiten, denn meine Urgroßeltern hatten in jenem Schloss in Kaiserhammer gewohnt, von dem bei mir immer wieder die Rede ist. Eine weitere wiederkehrende Figur ist Esrabella Gräf (die in meiner nächsten und längeren Erzählung, die für eine Publikation geplant ist, eine prominente Rolle einnehmen wird). Auch diese alte Dame, stets in Trauer gekleidet und schweigsam wie das Grab, hatte wirklich gelebt. Als Kind sammelte ich Gesten und Impressionen, ordnete meine Archetypen an und ahne vielleicht erst heute ihr wahres Wesen. Die erste Passage, in der das Verschwinden Almies im Mittelpunkt steht, entstand erst viele Jahre später als der zweite Teil. In der Originalgeschichte wird ein bestimmtes Haus aufgesucht und das Verschwinden des Mädchens lediglich erwähnt, was mir nicht genügte, obwohl ich niemand bin, der auf Erklärungen abzielt und sie sogar als Schwäche des jeweiligen Autors erkennt. Und tatsächlich erkläre ich auch hier nichts, sondern füge einen Zeitfetzen hinzu, um die Merkwürdigkeit des Verschwindens zu verstärken.

Nicht ganz zufällig habe ich eine Fotografie von besagtem blauen Kleid, das allerdings nie im Haus am Mühlgraben hing, sondern in einer anderen Ruine von mir gefunden wurde. Dieser Fund jedoch war der Auslöser, der fehlende Anstoß, diese Geschichte überhaupt zu schreiben.

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Der Bouquinist

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Dichter, Übersetzer, Herausgeber