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Münzen für den Fährmann: Horror als Schlüssel zu unseren dunklen Abgründen

Die Analyse des Horrors ist, wie fast alles andere im Zusammenhang mit dem Genre, paradox. Da das Genre so reich an archetypischen Bildern und Tabuthemen ist, scheint jeder Versuch, es rein intellektuell zu begründen oder zu verstehen, ineffektiv oder zumindest unzureichend zu sein. Während die meisten anderen Formen des künstlerischen Ausdrucks vom Scharfsinn der Kritiker, die das Publikum über kryptische Anspielungen und Subtexte usw. aufklären, profitieren, funktioniert Horror offensichtlich etwas anders. Es ist ein ganz auf Erfahrung begründetes Genre und wird daher zum größten Teil nach seiner Wirkung beurteilt und weniger nach seiner Struktur.

Langlebige Werke nicht genrespezifischer (oder “literarischer”) Belletristik wurden von Kritikern und Möchtegernkritikern unzähligen Autopsien unterzogen, die alle zuversichtlich scheinen, genau das gefunden zu haben, was diese oder jene Geschichte ausmacht. Dem Horror hingegen gelingt es fast immer, dem Mikroskop zu entschlüpfen. Oh, er mag die Erklärungen für eine Weile ertragen, die wir ihm überstülpen, aber seien Sie versichert, der Horror wird immer einen Weg finden, seine alte Haut abzustreifen, die in diesem Falle aus einer Reihe nachträglicher Erläuterungen darüber besteht, was wir lesen und warum. Und die Schlange taucht aus dieser Häutung des Horror als ein Wesen auf, das noch gesünder und lebendiger ist als zuvor.

Vielleicht ist dieses tricksterartige Aushebeln der üblichen Literatur- oder Filmkritik zu erwarten, denn jedes Werk des Horrors, das seinen Wert hat, bezieht seine Kraft aus der tiefsten Quelle. Selbst Werke, die in einigen technischen Bereichen, die von Kritikern oft als die Essenz “guter Kunst” bezeichnet werden, gewisse Defizite aufweisen, können das Publikum erschrecken oder verunsichern und sind daher effektive Modelle dieses Themenbereiches. Das Ziel des Horrors ist es, das Unsagbare auszusprechen, sein Publikum bis an die Grenzen zu treiben, die es für sich selbst definiert (und oft auch darüber hinaus).

In seinem 1985 erschienenen Buch “Dreadful Pleasures: An Anatomy of Modern Horror”, stellt der  Literaturwissenschaftler James B. Twitchell Folgendes fest:

Die Kunst des Horrors ist … die Kunst der Erzeugung von Zusammenbrüchen, wo Bezeichner und Bezeichnetes nicht mehr getrennt gehalten werden können, wo keine Unterschiede mehr gemacht werden können, wo alte Masken fallen und neue Masken noch nicht hergestellt sind. Wenn Schreckensbilder oft keinen intellektuellen Sinn ergeben, dann gerade weil sie zum Teil Bilder des Unheimlichen sind, Bilder aus dem Unterbewusstsein, voller Übertreibung und Verzerrung. (Übers.: Michael Perkampus)

Wie beginnt man angesichts dessen überhaupt, diese Bilder aus dem Unterbewusstsein zu kodifizieren? Im Laufe der Jahre habe ich eine ziemlich umfangreiche Sammlung von Horrorstudien zusammengetragen und festgestellt, dass eines der häufigsten Symptome, unter den viele von ihnen leiden, der Hauch der Entschuldigung ist. Da die Motive und Wirkungen des Horrors eine Konstante in der menschlichen Kultur von der Entstehung der Zivilisation bis zu unserem glitzernden postmodernen Zeitalter waren, glauben einige Kritiker, dass Horror einfach einen positiven Zweck haben muss. Aus Platzgründen kann ich nicht alle Theorien auflisten, aber der Löwenanteil davon kann auf ein gemeinsames Mantra reduziert werden:

“Die Kunst des Horrors mag uns erschrecken oder verstören, aber eine rationale, nachträgliche Studie über diese Kunst wird uns helfen, zu “verstehen”, was wir da ertragen haben. Und wenn wir unsere Ängste verstehen, können wir sie überwinden.”

Ich halte solche Versuche, Horror zu legitimieren, für völlig sinnlos. Für keine Kunst ist es erforderlich, zweckdienlich zu sein, und insbesondere die Kunst des Horrors muss nicht mit einer bequemen Raison d’être gebrandmarkt werden, damit wir die Schuldgefühle lindern können, die wir empfinden, nachdem wir eine frostige Portion unterbewussten Grauens genossen haben. Und als zugegebenermaßen skeptischer Mensch gegenüber dem allgemeinen Glauben, dass sich die Menschheit jemals zu einem strahlenden neuen Morgen aufmachen wird, betrachte ich speziell das Konzept, dass die unterbewusste Muse des Horrors eines Tages kodifiziert und “erobert” werden könnte, als völlig lachhaft. Der Horror, zusammen mit der höllischen Tiefe, die ihn inspiriert, hat sich unseren aufgeräumten Rationalisierungen immer schon entzogen. Ich vermute, dass dies auch immer so bleiben wird, dass er für immer wie der große Schatten einer Motte flattern wird und wir ihn niemals auf Nadeln stecken und in unserem Labor ausstellen können.

“Machen Sie sich eines klar: Der Akt, sich in den Lesesessel zu setzen oder beim schwindenden Licht in einem Kino einen tiefen Atemzug zu tun, sind die ersten Schritte eines Rituals. Indem wir diese einfachen Handlungen ausführen, öffnen wir uns dem Geschichtenerzähler und nehmen an einer Beschwörung der Bewohner der Dunkelheit in uns selbst teil.”

Wenn also die Macht des Horrors tatsächlich aus dem Zwischenraum sprudelt, in dem Bezeichner und Bezeichnetes nicht mehr getrennt sind, wie Twitchell vorschlägt, wie kann man dann überhaupt anfangen, sie zu analysieren? Und vor allem, warum sich die Mühe machen, es überhaupt zu versuchen?

Ich selbst glaube, dass der Wert solcher Studien nicht in ihrer Fähigkeit liegt, den Horror verständlich zu vermitteln, sondern in ihrem Potenzial, noch tiefere Schrecken aufzudecken, Schrecken, die bisher noch nicht realisiert wurden. Denn wenn diese Erfahrung aus den untersten Schichten des Bewusstseins hervorblüht, dann ist jeder Versuch, sie zu definieren, dazu da, sie zu verwässern, die geringstmögliche Menge von ihrer Oberfläche zu entnehmen und zu glauben, dass diese winzige Probe das Ganze enthält. Eine solche Praxis ist eine Praxis der Zweideutigkeit, nicht des Verstehens. Um den Horror wirklich zu verstehen, müssen wir zuerst akzeptieren, dass ein solches Verständnis unmöglich ist. Erst dann, in diesem Zustand des Paradoxons, in diesem Zustand des Wissenwollens der Dinge, die wir als Unbekannt einstufen, beginnen wir, die Reichweite des Unterbewusstseins zu schätzen.

Es ist wie am Rande eines großen Abgrunds zu stehen. Direkt vor unseren Zehen ist der Höhenunterschied schwindelerregend. Ziehen wir uns zurück, finden wir vielleicht eine Fülle von Gründen und Erklärungen dafür, warum uns der Blick in die Tiefe so beeindruckt hat. Aber keines dieser Argumente kann unsere Erinnerung an die schiere Woge, die Schwindelgefühle und die Höhenangst auslöschen. In diesem Moment, wo wir den Abgrund hinunterblicken, brauchen wir unsere linke Gehirnhälfte nicht, um den möglichen Sturz in Form von Millimeter, Zentimeter und Meter zu quantifizieren, denn tief und kraftvoll spüren wir den vollen Umfang der aufgeladenen Unmittelbarkeit in jedem prickelnden Haar und jedem prickelnden Nerv.

Ich biete diese Gedanken nicht an, um vergangene Ängste zu archivieren, sondern um mich und auch Sie, liebe Leser, für potenzielle zukünftige zu öffnen. Denn indem ich über das nachdenke, was diese Gefühle in uns auslösen könnte, wenn wir an diesem Abgrund stünden, hoffe ich, das Gefühl damit nicht zu überwinden, sondern einen Weg zurück zu finden. Ich meditiere über den vergangenen Horror, um neue und noch stärkere Auslöser zu entdecken, die zu künftigen Werken des Horrors führen können.

Im Bereich der zeremoniellen Magie gilt es als allgemein anerkannt, dass kein Ritual Ergebnisse garantiert. Allerdings bieten Rituale, die richtig durchgeführt werden, das Potenzial für Ergebnisse. Diese Ergebnisse mögen nicht immer die vom Praktizierenden gewünschten sein, aber der Akt des fokussierten Sprechens und Handelns wird eine “Klärung” in Raum und Zeit schaffen, die sonst nicht existieren würde.

Dasselbe kann man von der Kunst des Horrors sagen. Denn machen Sie sich eines klar: Der Akt, sich in den Lesesessel zu setzen oder beim schwindenden Licht in einem Kino einen tiefen Atemzug zu tun, sind die ersten Schritte eines Rituals. Indem wir diese einfachen Handlungen ausführen, öffnen wir uns dem Geschichtenerzähler und nehmen an einer Beschwörung der Bewohner der Dunkelheit in uns selbst teil.

Vielleicht sind die “Ergebnisse” des Horrors auch ähnlich wie die des Magiers: Sie können nicht vorher projiziert werden. Alles, was die Menschen tun können, ist, die Risiken abzuwägen und sich dann, wenn sie es wollen, für eine Begegnung mit Kräften zu öffnen, die entschieden außerhalb der Parameter unserer alltäglichen unfreiwilligen “Meditation” des Arbeitens, sozialen Zusammenseins, Ärgerns, Essens, dem zahlen von Rechnungen usw. bleiben. Wir rufen die Dunkelheit an und müssen akzeptieren, dass sie sich nach Belieben manifestieren wird.

Manchmal wird alles uns so begegnen, wie wir es hoffen. Manchmal wird es das nicht. Aber diese Kräfte gehören nicht uns, und nur weil wir sie – ob bewusst oder nicht – “außerhalb” unserer Definition von Realität platziert haben, bedeutet das nicht, dass sie dort bleiben. Unser Tanz mit diesen widerspenstigen, erbärmlichen Bildern und Empfindungen wird nie enden, denn wir sind untrennbar mit ihnen verbunden. Die Kunst des Horrors spielt nicht nach unseren Regeln, sondern nach ihren. Wir mögen versuchen, Horror zu definieren, aber am Ende ist es der Horror, der uns definiert. Er erlaubt uns, Zäune aufzustellen, um “sauber” von “unrein” zu unterscheiden, “richtig” von “falsch”, aber er wird diese Grenzen überschreiten, wie er will. Die Schwellenwerte sind formbar, und ich glaube, dass die “Kontamination”, die wir durch Horror erleben, zu unserem Vorteil ist. Ohne sie würde die menschliche Rasse noch selbstgefälliger werden, als sie es bereits ist. Je mehr Zeit man im Grenzbereich verbringt, wo sich das “Ich” mit dem “Anderen” überschneidet, desto mehr beginnen die Masken zu zerbrechen und die Definitionen zu verblassen.

Betrachten Sie diese kleine Meditationen als die Münzen, die in der Antike für Charon verwendet wurden, um die Fahrt zu bezahlen. Vielleicht, wenn wir als willige Kunden am Ufer des Flusses Styx stehen, wird uns der Fährmann auf sein Floß nehmen und uns in jene seltsamen Tiefen rudern, die unsere Lampen der Vernunft nie erleuchten können.

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