Mortimer geht in den Wald

Irgendwann begannen sie, sich Geschichten über den Wald zu erzählen. Vermutlich taten sie das, weil das Wetter sie davon abhielt, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Weil der Fernseher in der Wirtsstube streikte. Weil auf dem Tisch der von dem Gast aus Frankfurter spendierte Rotwein stand und sie sich auf angenehme Art fremd genug waren, um sich in dieser Situation auf unkonventionelle Art irgendwie verbunden zu fühlen. Vor allem aber taten sie es, weil Nette Jansen ihnen ein Stichwort gegeben hatte. „’s ist Hennesnacht, ganz furchtbare Nacht im Wald“, hatte die Alte gesagt. Damit konnte zwar niemand so recht etwas anfangen, aber es klang auf spezifisch seltsame Art anregend genug, um an Geschichten über ganz furchtbare Nächte im Wald zu denken.

Das Gespräch, dessen Konsequenz sich als höchst grausig erweisen sollte, ergab sich nach dem Abendessen. Es regnete in Strömen, und die kleine Pension, – Zu Jansens Rast und Ruh – , lag weit abseits vom nächsten Ort, der, bei allem Wohlgefallen am Ländlichen, nicht genug Abwechslung versprach, um sich bei Unwetter dorthin auf den Weg zu machen.

Es wäre nun leidig, nachzuhaken, warum Caro und ihr Mann Mortimer, um die es hier grundsätzlich geht, ausgerechnet diese Unterkunft in ihnen gänzlich unvertrauter Einöde gewählt hatten, um dort nach stundenlanger Autofahrt die Nacht zu verbringen. Vermutlich gab es dafür auch keinen gescheiten Grund. Sie hatten sich vorgenommen, für eine Woche einfach abzuschalten und ohne festes Programm ins Blaue zu fahren.

Es war ihr erster Urlaubstag, und gefallen hatte er ihnen bis dahin so gar nicht. Dementsprechend nicht wirklich gut  entspannnt hockten Caro und Mortimer nach dem Abendbrot mit dem Pärchen aus Essen-Bredeney, das, wie auch sie selbst, vor gut zwei Stunden angekommen war, auf der riesigen alten Eckbank im Gastraum der Pension und starrten auf das monströse Ölgemälde, das über einem gemauerten Kamin hing, der aussah, als hätte jemand ihn mit einem Vorschlaghammer bearbeitet.
Das Bild war in viel zu dunklen Tönen gehalten und zeigte dichtes Gestrüpp, unter dem eine Wildsau mit ihren Frischlingen kauerte. Direkt neben dem lädierten Kamin standen eine hohe Vitrine mit Zinnkrügen und eine altertümliche Musikbox mit abgeblättertem Anstrich, an der linken Seite eingeschlagen oder eingetreten, mit einer fettigen, blinden Glasscheibe. Aber sie funktionierte. Jemand hatte, wohl auf gut Glück, Yesterday gedrückt, und die Beatles mit diesem Song zu hören fand Caro durchaus passend. Irgendwie hatte sie das Bedürfnis, seufzen zu müssen. Wie Großtante Edelgund. Hachja, damals…

Ihr Blick fiel auf die alte Frau, die etwas abseits der Tür in ihrem Rollstuhl kauerte wie eine kleine, in die Kissen gedrückte Stoffpuppe. Eine uralte Puppe mit einem knautschigen grauen Kopf. Sie trug Lacksandalen und ein geblümtes, durchgeknöpftes Sommerkleid mit recht tiefem Ausschnitt, der den traurigen Ansatz von völlig verwelkter Weiblichkeit zeigte, und irgendwie fand Caro den Aufzug befremdend. Es war wirklich nicht die typische Kleidung einer gut geschätzten Neunzigjährigen, aber andererseits auch nicht mehr als ein tolerantes Schulterzucken wert. Wie gebannt blickte die Frau zu ihnen hinüber, sie fixierte sie geradezu mit ihren winzigen Rosinenaugen, ohne dabei eine Mine zu verziehen.
Kurt Jansen, der Pensionswirt, hatte übertrieben entschuldigend erklärt, seine Mutter Nette würde jetzt normalerweise vor dem Fernseher in der Stube nebenan sitzen, aber da der ja nun kaputt sei, hätte sie hier bei den Gästen sein wollen. „Das stört doch nicht?“
Neinein, hatten sie alle mit vereinter Höflichkeit gesagt, aber natürlich nicht, wie könnte eine reizende alte Dame sie denn stören? Und da saß sie nun mit verkniffenem Mund und hörte nicht auf, zu stieren. Caro nickte ihr lächelnd zu. Keine Reaktion.

Mortimer grinste schief und zwinkerte in die Runde. „Die Nacht der lebenden Leichen. Habt ihr den gesehen?“
Cora sah ihn ärgerlich an. „Geht’s noch lauter, Mortimer? Du bist doch echt ein Idiot.“
Er winkte ab und griff nach seinem Glas. „Als wenn die das mitkriegt. Die ist weg vom Weltlichen.“

Das junge Paar aus Bredeney hatte sich ganz unkonventionell als einfach-nur-Jill-und-Kon vorgestellt, und das war auch genug für eine prinzipiell harmlose Begegnung, die, so folgenschwer sie sich auch gestalten sollte, einzig dem Zufall Tribut leisten musste. Man kannte sich nicht, wusste nichts voneinander, also plauderten sie ein wenig über Filme, – diesbezüglich war Caro Mortimer dankbar dafür, dass er mit seiner frechen Bemerkung ein Stichwort gegeben hatte – , und tranken Bier aus bauchigen Gläsern. Caro musterte die rotweiß karierte Tischdecke mit ihren Kaffeflecken und Brandlöchern, den senffarbenen Cordbezug mit den gestickten Ahornblättern der Eckbank, die schweren staubigen Samtvorhänge, in denen durchdringender Geruch nach altem, kaltem Tabak hing, und fragte sich leicht panisch, was einen freiwillig dazu veranlassen könnte, den Samstagabend an diesem Ort zu verbringen. Vielleicht ein Kerl wie der, dachte sie, verheiratet hin oder her.

Sie sah zu dem Mann aus Frankfurt hinüber, Jansens fünfter Gast an diesem denkwürdigen Abend, der am weit geöffneten Fenster stand, die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben, schlaksig, wettergegerbtes Gesicht, die graublonden Locken perfekt verstrubbelt. Er war wohl um einige Jahre älter als Mortimer, ein interessanter Typ mit unglaublich blauen Augen, der beim Abendessen kaum gesprochen hatte. Trotzdem spannend, dachte Caro.

Er blickte hinaus auf das abgeerntete, nasse Feld, das in der Dämmerung leicht rötlich schimmerte, rauchte eine Selbstgedrehte und schnippte die Asche in eine mit Sand gefüllte Tonscherbe, die auf der Fensterbank lag. Dann drehte er sich um und sagte: „Der Acker vor dem Haus…sieht aus wie mit Blut gedüngt. Faszinierend. Irgendwie.“
Caro lächelte. Mortimer verzog spöttisch die Mundwinkel. „Tatsächlich?“
.
„Tatsächlich Blut. Mit Blut gedüngt.“
Das Echo, ein fast lautloses Krächzen, kam von Nette. Sie kicherte heiser, ohne ihre Rosinenaugen von der Gruppe auf der Eckbank zu lösen, schüttelte ruckartig ihren winzigen Puppenkopf, seufzte tief und murmelte:
„Heute ist Hennesnacht. ’s ist Hennesnacht. Der Wald ist schwarz. Wie furchtbarfurchtbarfurchtbar.“

Die kleine Gesellschaft am Tisch tauschte fragende Blicke aus. Anlass, in eine gewisse Heiterkeit angesichts der abstrusen Bemerkung der alten Frau auszubrechen, schien weder Caro noch Jill und Con noch dem Frankfurter gegeben, zu Mortimers Erstaunen, der prinzipiell gern laut gelacht und ein Was-geht-denn-hier-ab? von sich gegeben hätte. Er traute sich aber nicht, weil die anderen betreten schwiegen. Lächerlich, dachte Mortimer.

In dem Moment kam Knut Jansen an ihren Tisch, um neue Bestellungen aufzunehmen, und der Frankfurter orderte Rotwein für alle, – „Sie trinken doch einen Burgunder mit mir? Zwei Flaschen, bitte.“ – , was Mortimer zwar nicht passte, ihm aber letztendlich nicht so missfiel, dass er abgelehnt hätte. Er mochte solche Männer wie den mit seinem Blutdünger und seiner Lokalrunde nicht. Zu großkotzig. Zu attraktiv.

„Huihuihui…die Tote wartet im Gestrüpp. Heute nacht. Der Hennes brüllt. Rette sich, wer kann.“
Nette klatschte mit ihren Handflächen auf die Armlehnen ihres Rollstuhls. Kerzengerade saß sie da, klatschte ihren eigentümlichen Takt zu irgendwas, was nur sie zu sehen und zu hören schien, schnaufte, schrie kurz auf. Kniff die Lippen zusammen. Sagte nichts mehr, starrte nur. Die fünf auf der Eckbank sahen sich ungläubig an. Etwas verlegen. Auch leicht amüsiert. „Huhuihui, die Tote wartet.“

Knut Jansen räusperte sich verlegen. Er sah zu ihr hinüber, runzelte die Stirn. Seufzte. Sagte. „Lass das doch. Bitte. Mach unseren Gästen keine Angst.“ Seine Stimme klang angestrengt, und während er die leeren Biergläser auf das Tablett stellte, seufzte er vernehmlich: „Grundsätzlich ist es ja vernünftig. Ich meine, sie war, sie ist nicht immer…halten Sie mich jetzt nicht für…ach was, großer Gott, wie auch immer. Sie haben wohl nicht vor, heute nacht in den Wald zu gehen? Nein? Dann will ich auch nichts gesagt haben.“

Mortimer verschränkte, hörbar tief durchatmend,  die Arme vor der Brust und meinte: „Soso.“ Der Rest schwieg und sah Jansen mit großen Augen erstaunt an, so, als hätte der ihnen mit väterlicher Strenge soeben verboten, auf den Spielplatz zu gehen. Und dabei ganz vergessen, dass sie längst erwachsen waren. Caro lächelte. Zwar leicht gequält, aber nur bedingt künstlich. Sie hatte nicht vor, unfreundlich zu sein. „Was sollten wir denn im Wald wollen, Herr Jansen?“
Jansen beugte sich nach vorn über die Tischplatte, verteilte sinnlos neue Bierdeckel und sagte dabei im Flüsterton: „Es ist Hennesnacht. In der Hennesnacht gehen wir da nicht hinein. Und mehr will niemand wissen.“
Mortimer grinste breit und schüttelte den Kopf. „Niemand will was nicht wissen? So wird aber nicht gewettet. Was ist denn da in Ihrem Wald in Ihrer Hennesnacht? Müssen wir mit Werwölfen rechnen?“ Jill kicherte und zwinkerte ihm zu. Blaue Puppenaugen. Er zwinkerte amüsiert zurück, leicht geschmeichelt, da ihm einfiel, sie könnte tatsächlich mit ihm flirten. Harmlos, natürlich. Aber immerhin.

Kon hatte die Arm vor der Brust verschränkt, gähnte verstohlen und starrte Jansen dabei an, als hätte der zwei Köpfe. Er schien wahrhaftig auf eine ernsthafte Antwort zu warten.
Mortimer lehnte sich zurück und fixierte Jansen spöttisch: „Nun sagen Sie schon. Was passiert denn, wenn ich in den Wald gehe? Rein hypothetisch natürlich, bei diesem Sauwetter und um diese Uhrzeit reizt mich das nicht so unbedingt. Aber angenommen, ich gehe…wir gehen…geschieht dann etwas Furchtbares mit uns? Sehen wir dann auch die Tote im Gestrüpp? Oder dieses Henneszeug? Oder was?“

Caro neben ihm studierte das Brezelrezept auf ihrem Bierdeckel und tat so, als hätte sie nichts gehört. Und ergo keine Meinung. Tatsächlich fand sie das Ganze albern. Typisch Mortimer, dachte sie, immer schön wichtig machen.
Jansen winkte ab. Er wirkte jetzt ungehalten. „Vergessen Sie’s. Sie müssen das nicht verstehen. Lassen Sie’s einfach. Es ist keine gute Nacht für sowas.“

„Ach ja? Na wenn das so ist.“ Mortimer verdrehte gespielt dramatisch die Augen, zuckte mit den Schultern und warf einen zweiten Blick auf Jill. Vielleicht zehn Jahre jünger als Caro. Mitte, Ende Zwanzig. Sie trug ein buntes, im Nacken geknotetes Tuch im Haar, – widerspenstige rote Locken, – frech, dachte Mortimer – , und eine Art Carmenbluse, die ihre nackten Schultern mit unzähligen Sommersprossen präsentierte. Mit der im Wald, ich so ganz allein…Mortimer lächelte selbstgefällig in sich hinein. Im selben Moment schnarrte Nette Jansen in ihrem Stuhl mit heiserer Stimme:
„Das da unten frisst heut‘ nacht. Das da holt Euch. Eine holt mich. Hat geholt. Holt jetzt dich. Dich. Dich!“

„Oh bitte nicht! Bitte!“ Kurt Jansen fuhr sich mit dem Handrücken über die glänzende Stirn, wischte ihn sich an seiner verbeulten Cordhose ab und seufzte. Sie senkte den Kopf. Ihre Stimme klang weinerlich. „Das da unten. Fürchterlich. Und ich für die Tote.“

„Denk‘ nicht daran. Es tut mir so leid. So unendlich leid.“ Jansen ging zu ihr, strich ihr über das Haar, sprach ganz ruhig, ganz geduldig mit ihr, grad so, als hätte sie einfach nur schlecht geträumt. „Scht. Nichts geschieht. Niemand geht heute noch in den Wald. Es ist alles gut. Scht. Und für dich ist jetzt Nachtruhe angesagt.“ Er drehte sich um: „Sie entschuldigen mich kurz? Ich bring‘ meine Mutter nur rasch zu Bett, falls Sie etwas wünschen…ich bin gleich wieder da.“
„Erfahren wir dann die ganze gruselige Geschichte?“ Jill kicherte erneut und nahm einen kräftigen Schluck aus ihrem Glas. Sie hustete. „Luftröhre“, japste sie. „Oh, Baby“, sagte Kon. Mehr nicht. Er stierte Jansen hinterher, der seiner Mutter etwas ins Ohr flüsterte, ihr sanft über das Haar strich und dann noch einmal zur Eckbank blickte. „Es gibt keine gruselige Geschichte“, sagte er, „nicht, solange Sie keinen Unsinn machen. Es regnet. Es ist dunkel. Und meine Mutter…nun…sie ist nicht so verwirrt, wie Sie denken. Besser wohl, dass Sie das wissen. Fragen Sie aber nicht mich. Nicht mehr. Bleiben Sie einfach nur hier. Ich bringe noch Wein.“

„Die sind doch nicht ganz echt. Völlig bekloppt, die beiden.“ Meinte Mortimer, nachdem Jansen seine Mutter aus der Wirtsstube geschoben hatte. Und er sprach damit aus, was grundsätzlich alle dachten. Vielleicht nicht ganz so selbstverständlich, so völlig unwiderlegbar, wie vernünftige Gedanken sein müssten. Der Frankfurter lachte leise auf. „Merkwürdige Leute gibt es.“ Caro lächelte ihm zu. Sowas wie dich gibt’s erfreulicherweise auch, dachte sie. Und ärgerte sich über ihren Mann. Da hockte diese verrückte Alte in ihrem Stuhl, und Mortimer wusste nichts Besseres anzufangen als auf das dumme Zeug einzugehen. Dummes Zeug. Ihr fiel dieser Film ein mit all diesen furchtbaren Kreaturen, die sich aus der Erde wühlen, schmutzig und blutverkrustet die Leiber, die Gesichter weggefressen, die Gedärme freigelegt. Der spielte im Wald. Viele Horrorfilme spielen da, dachte sie, ganz klar ein erstaunlich guter Ort dafür. Sich widerliche, scheußliche Sachen auszudenken. Den Leuten Angst zu machen.

Es war weit nach Mitternacht, als Mortimer lautstark verkündete, nunmehr in den Wald zu gehen, weil „einer das mal in die Hand nehmen sollte, das da unten.“
Er hatte reichlich getrunken, – wie sie alle, selbst Caro, die Alkohol nur bedingt vertrug – , und grundsätzlich wäre es ratsam für ihn gewesen, einfach am Tisch sitzen zu bleiben oder sich ins Bett zu begeben. Im Verlauf des Abends hatten sie sich all die geläufigen Geschichten über unheimliche Begegnungen und Vorkommnisse in dunklen Wäldern erzählt, was sich als auf durchaus angenehme Art kurzweiliger Gesprächsstoff herausgestellt hatte. Vor allem Kon als versierter Kenner von Horrorfilmen und wohl auch eifriger Leser gewisser düsterer Lektüre erwies sich als ein glänzender Unterhalter, für Mortimers Geschmack freilich eine Spur zu selbstinszenierend. Insgeheim ärgerte er sich maßlos über die Aufmerksamkeit, die Kon geschenkt wurde. Zeit, das zu ändern. Dachte er, stand auf und sagte: „Also ich geh jetzt mal da raus. Ist ja ein Trauerspiel, das ganze Gequatsche hier über Dämonen und Kannibalen und all das Zeug.“

„Muss das sein? Warum?“ Caro blickte ihn nur kurz an, seufzte, winkte müde ab. Sie schien gar keine Antwort zu erwarten, sie verspürte nicht die geringste Motivation, jetzt mit Mortimer über Sinn und Unsinn einer Schnapsidee zu diskutieren.

Natürlich war Mortimers Vorhaben vom gegebenen Ansatz her eine jener unlogischen Launen, die schlimmstenfalls mit einem gebrochenen Knochen enden. Weil es dunkel war. Weil man nachts im Wald nicht sehen kann, woher man läuft und worüber man stolpern kann. Weil man sich ortsunkundig und zudem betrunken nun mal nicht zurecht finden kann.
Mortimer schwieg, griff nach seiner Jacke und wankte zur Tür. Er fühlte sich zwar ordentlich benebelt, aber eben auch erstaunlich wach und aufgekratzt. Er war sich hundertprozentig sicher, dass partout nichts passieren würde. Da war dieser Wald. Ein Wald eben. Nicht mehr.

Was Mortimer nicht ahnen, geschweige denn wissen konnte, war , dass dort im Wald etwas wartete. Nicht direkt auf ihn. Es wartete auf etwas Menschliches. Und es wartete nicht allein. Das, was man grausam nennen mag, ohne von wahrhaftiger Schuld sprechen zu dürfen, weil die Abartigkeit das Böse so selbstverständlich erklärt.

Mortimer hätte auf Jansen hören können. Für ihn galt das verhängnisvolle Los des ungläubigen Narren, der denkt, das nichts, das den Verstand rauben könnte, zwischen Himmel und Erde steckt. So einfach. So unabänderbar. So fürchterlich wahr.

Freilich nicht nur für ihn. Denn als Mortimer sich noch einmal umdrehte und fragte, ob jemand Lust hätte, ihn zu begleiten, – Jill? Caro? Die wohl eher nicht. Dann Jill? – , war es ausgerechnet Kon, der meinte, dringend an die frische Luft zu wollen. Mortimer verzog ungehalten das Gesicht, erklärte dann überflüssigerweise: „Es regnet aber immer noch.“ „Das sehe ich, Kollege“, meinte Kon trocken, „passt doch zur Stimmung.“
„Also meine ist prächtig.“ Mortimer stapfte voran hinaus in die Nacht, Kon folgte und nestelte in der Hosentasche nach seinem Tabakbeutel. Er fingerte ihn umständlich heraus, um ihn direkt wieder wegzustecken. „Rauchen kann man bei dem Mistwetter auch nicht, wird ja alles nass“, schimpfte er. Sie liefen ein ganzes Stück des Weges hintereinander her, der Pfad bis zur Lichtung war schmal und an den Seitenränden hochbewachsen.

Gleichzeitig blieben sie abrupt stehen, starrten fasziniert in dieselbe Richtung. Es war ein wahrlich beeindruckendes Bild, das sich bot. Phantastisch auf diese bizarre Art, die einen unweigerlich frösteln und zugeich tief durchatmen lässt. Dichte Wolken hatten sich vor den Mond geschoben und zauberten ein abstraktes Muster in sein Gesicht, der Himmel zeigte sich in einem dunkelrot gesprenkelten Aschgrau mit Sternen, wie kleine Kinder und große Künstler sie malen, und der dichte Wald, der direkt vor ihnen lag, wirkte wie in Tusche getränkt. Alles war von einem seltsam silbrig-grauen Licht umgeben, das direkt aus dem Ozean gestiegen zu sein schien und flirrend die Dunkelheit durchzog. „Einmalig“, flüsterte Kon.

Und dann sahen sie es. Da hinten, zwischen den Bäumen, war etwas. Etwas, das nicht in dieses Bild zu passen schien, das wohl schon seit hunderten von Jahren so und nicht anders gewesen war. Etwas ganz und gar ungewöhnlich Helles. Es bewegte sich. Mortimer blinzelte. Es war eine Art Schleier, der hin und her flatterte, hinter irgend etwas verschwand, wieder auftauchte und in der Luft wirbelte, um gleich darauf erneut wieder unsichtbar zu werden. Was ist das?

„Da hinten ist jemand. Das Weiße da. Da ist doch jemand.“ Kon blickte Mortimer unsicher von der Seite an. Ganz wohl war ihm nicht.
„Ach was.“ Mortimer, trotz eines gewissen Unbehagens, das in ihm aufstieg, sprach betont forsch. „Da macht doch jemand Blödsinn. Jede Wette.“ Unwillkürlich zuckte Kon bei Mortimers Stimme zusammen. Mortimer war zu laut. Eindeutig zu laut, wenn sie nicht wollten, dass…ja, was?
„Meinst du den Jansen? Gaubst du, der will uns verarschen?“ Kon stand jetzt dicht neben Mortimer und griff unwillkürlich erneut nach seinem Tabakpäckchen. Er hatte auf Vorrat gedreht, er könnte jetzt sofort eine…er schnaufte kaum hörbar.
„Quatsch. Jansen! So einer ist das nicht. “ Mortimer flüsterte jetzt auch, kam sich dabei zwar etwas albern vor, – wer sollte sie denn hier draußen belauschen wollen? – , aber es schadete ja auch nicht, sich unauffällig zu verhalten. Andererseits wäre es vermutlich wohl auch kein Fehler, einfach nachzusehen.
„Sollen wir rufen?“ Kon sah Mortimer fragend an. Irgendwie erschien es ihm vernünftig, ihn entscheiden zu lassen. Mortimer hatte ja unbedingt in den Wald gehen wollen. In der Nacht. Im Regen. Und wenn er jetzt vorschlagen würde, einfach zurück zur Pension zu gehen, den Wein auszutrinken, noch ein paar Geschichten zu erzählen…gut so.
„Nein. Wir sehen nach.“ Mortimer nickte ihm zu. „Okay? Gehen wir.“

Es war tatsächlich ein Schleier. Oder ein dünner langer Schal, das konnten sie nicht erkennen. Er hing hoch oben in den Ästen, zu hoch, um nach ihm greifen zu können. „Auf jeden Fall kein Geist“, sagte Mortimer, grinste breit und schrie im selben Moment überrascht auf. Etwas in dem Laub unter ihm hatte nach seinem Fuß gepackt, hielt den Knöchel fest umklammert und zog ihn ruckartig nach hinten. Mortimer schwankte, verlor das Gleichgewicht und fiel rücklängs zu Boden. Kon, zu verblüfft über den plötzlichen Sturz, starrte ihn nur entgeistert an, wie er da wie ein umgefallener Käfer lag, und machte keine Anstalten, ihm aufzuhelfen. Er sagte nur „Was zum…?“. Dann lachte er.

Und da nun verbleibt die Frage, ob es nicht wahrhaftig wünschenswert wäre, ein letztes Mal beherzt lachen zu können, bevor man auf grausige Art sein Leben verliert.

Hätte Kon im Vorfeld wählen dürfen… wie absurd, wie quälend und zugleich wie hoffnungslos wäre es ihm vorgekommen, das benennen zu können. Gelacht hätte er wohl in keinem Fall. Er ahnte ja auch nicht, was sich da hinter ihm auf ihn zu bewegte. Mortimer sah es. Er sah etwas Fettes, Wurmähnliches mit einem Kopf so groß wie der einer ausgewachsenen Hauskatze, das sich in beachtlichem Tempo den Stamm hinunter schlängelte und sich Kons Nackenpartie näherte. Gleichzeitig kroch ein abartig deformiertes Etwas , das aussah, als sei sein Innerstes nach außen gestülpt, auf Kon zu und biss ihn in den Unterschenkel. Von beiden Seiten kamen widerwärtige Viecher angekrabbelt, die Mortimer unweigerlich an Läuse in brutalster Großaufnahme erinnert hätten, wäre er nicht schon völlig neben sich gewesen.

Er kreischte „Kon! Kon!“, aber der hörte ihn gar nicht, so gellend waren seine eigenen Schreie. Der Wurm hing jetzt wie festgewachsen an Kons Hinterkopf wie ein grauenhaftes Geschwür, das immer größer wurde und Blasen bildete, und als Kon verzweifelt versuchte, es abzureißen, platzten die Blasen auf, und eitriger Schleim ergoss sich über seine Hände und zerfraß sie in Sekundenschnelle wie Säure.

Mortimer sah die blanken Fingerknochen, sah, wie Kons Bein bis zum Knie völlig im Maul dieser undefinierbaren Kreatur, der ihre Eingeweide aus der Haut wuchsen, verschwand, hörte das Bersten von Knochen und sah gleichsam, wie sich diese monströsen Läuse in sein Fleisch bohrten. Sie sprangen an Kon hoch, der sich wimmernd an einen Baumstamm klammerte, ein paar hüpften direkt in sein Gesicht, und Kon brüllte und schlug um sich, fiel und lag dort wie eingelegt im eigenen Blut, drehte seinen Kopf mit den blutigen Augenhöhlen in Mortimers Richtung und nahm wohl kaum noch wirklich wahr, dass etwas, das wie ein völlig behaarter Kokon aussah, von oben auf seinen Brustkorb fiel und ihn dabei mit einem einzigen hässlichen Geräusch zertrümmerte.

Mortimer vernahm ein langgezogenes Brüllen, dann ein dumpfes Grollen, das in Sekundenschneller immer lauter, immer dröhnender wurde, sah, wie sich die Erde unter Kons entstelltem toten Körper auftat und eine borstige, pockige Klaue ihn in die Tiefe riss.

Mittlerweile völlig außerstande, sich zu rühren oder einen Laut von sich zu geben, spürte Mortimer, wie ihm Tränen über die Wangen liefen, sie sammelten sich in seinen Mundwinkeln und schmeckten so salzig, wie nur echte Tränen schmecken können. Das entsetzte ihn in diesem Irrsinn, an den er nicht glauben wollte, weil er sich immer noch so real fühlte, obwohl das nicht mehr hätte möglich sein dürfen. Ich weine, also träume ich nicht, dachte er, ich liege hier weinend im Laub, und da lag Kon, und es gibt ihn nicht mehr. Oh bitte, Gott, lass mich schneller sterben als ihn.
Seinen letzten Gedanken wiederholte er flüsternd, wie in Trance, vernahm zitternd seine eigenen Worte, wollte sie nicht aussprechen und tat es doch.
„Oh bitte, Gott, lass mich schneller sterben als ihn.“

Und dann hörte er sie. „Bist du nicht guter Dinge?“ Eine Stimme direkt über ihm. Eine hohe, fast singende Stimme. Neinneinnein. Mortimer verkrampfte sich. Er lag immer noch dort auf dem Boden, eingebettet zwischen Laub und Geäst, und traute sich nicht, den Kopf zu heben.
„Du wirst nicht gefressen, Mensch, dich wiege ich und atme dich, bis die Nacht vorbei ist.“

Ein Schatten fiel auf sein Gesicht, jemand beugte sich zu ihm hinunter. Eine Frau. Sie war unglaublich dick und trug ein enganliegendes schwarzes Kleid mit einem offenherzigen Ausschnitt, der den Ansatz von prallen, schweren Brüsten zeigte. Den Schal, der oben in den Ästen gehangen hatte, trug sie um ihre Schultern drapiert, und so, aus Mortimers gruseliger Nähe zu ihr, sah er aus wie eine vergilbte Gardine. Oder wie ein Hochzeitsschleier aus längst vergangener Zeit.
Sie stützte sich mit ihren riesigen weißen Händen auf dem Waldboden ab, ihr riesiger runder kahler Kopf hing direkt über ihm, und Mortimer starrte voller Furcht in die schwärzesten Augen, die er sich jemals hätte vorstellen können. Er war sich sicher, dass sie sich jetzt auf ihn fallen lassen und ihn platt drücken würde, und irgendwie wäre es ihm auch egal gwesen, wenn nur dieses Unfassbare, dieses Grauenvolle um ihn herum nicht mehr ertragen müsste. Aber sie sagte nur: „Das da unten kriegt dich nicht. Ich will dich.“

Sie packte ihn an seinen Schultern, zog ihn mit einem einzigen kraftvollen Ruck hoch, setzte sich breitbeinig direkt hinter ihn und umschlang ihn mit ihren nackten speckigen Armen. Ihr Gesicht vergrub sie in seinem Nacken und begann, an ihm zu schnüffeln. Sie schien seinen ganzen Geruch komplett in sich aufnehmen zu wollen, und Mortimer bereitete sich innerlich darauf vor, dass sie ihm gleich jäh ihre Zähne ins Genick schlagen würde. Aber nichts passierte. Sie summte ein Lied, – es war tatsächlich dieses Kinderlied, das seine Mutter ihm vor Urzeiten vorgesungen hatte – , und während Mortimer steif wie ein Brett und nassgeschwitzt vor Angst in ihrem Schoß klemmte, hörte er von nebenan die Schmatzgeräusche dieser Höllenbrut, die das bisschen von Kon vertilgte, was nicht mit in den Erdschlund gefallen war.

Das ist nicht echt, alles nicht wahr, dachte er nur, dann wurden seine Lider schwer wie Blei. Er schloss die Augen, es ging gar nicht anders, er wollte auch nichts mehr sehen, atmete tief durch… und er träumte. Er sah sich als kleinen Jungen in kurzen Hosen auf dem Bolzplatz, sprang kopfüber in den Teich, las Comics, aß gezuckerte Erdbeeren und kraulte den Hund. Er lächelte im Schlaf. Wie schön das war.

Oder schlief er gar nicht wirklich? Mortimer hörte einen Hilferuf, dann einen schrecklichen Schrei, einen zweiten, wieder dieses Brüllen, ein Heulen, spürte, wie diese grenzenlose Panik heiß in ihm aufstieg, griff unwillkürlich nach den Händen der Frau, die auf seinem Brustkorb lagen, – sie waren eiskalt und seltsam gelig- , ließ sie schaudernd los und versuchte, sich aufzurichten. Sie umklammerte ihn fester und befahl ihm streng: „Liegenbleiben.“
Sie presste ihn so kräftig an sich, dass Mortimer meinte, keine Luft mehr zu bekommen, drückte ihre schwammiges Gesicht an seine Wange und roch an ihm. Und während er wie eingekerkert in ihren Armen lag, drehte er seinen Kopf zur Seite und sah mit brennenden Augen, wie zwei Meter weiter Jill und der Frankfurter auf ähnlich grausame Weise ihren Tod fanden wie zuvor der arme Kon.

Mortimer wusste nicht, wieviel Zeit seit ihrem Weggang genau verstrichen war, aber der Morgen graute bereits, und letztendlich mussten sich die beiden wohl, nachdem die Stunden verstrichen waren, in Sorge um Mortimer und Kon auf die Suche begeben haben. Mortimer wollte in diesem Moment nichts mehr, als seinen Blick von diesem entsetzlichen Gemetzel abwenden, sich die Ohren einfach zuzuhalten wie ein Kind, das glaubt, es wäre nichts da, wenn man es nicht hört. Aber da war dieser entsetzliche Gedanke, dass vielleicht auch Caro mitgegangen war, dass sie vielleicht schon angegriffen, gestürzt war, dort im Laub lag und zerbissen, zerfetzt wurde, bis dieses Ding da unten sie hinanziehen würde, um sie voll und ganz zu fressen. Er weinte. Sein Kopf flehte, dass wenigstens Caro… Er konnte sie nicht entdecken. Vielleicht war sie bei Jansen geblieben. Bittebittebitte. Und wenn sie schon längst…er hatte geschlafen. Wahrhaftig geschlafen in diesem Inferno. Oder nicht? Er schluchzte, flehte ganz leise, kaum hörbar: „Oh bitte nicht.“

„Was heulst du?“ Ihre eisigen Lippen waren an seinem Ohr, ihre Stimme klang vorwurfsvoll. „Du wirst nicht gefressen. Also heul nicht.“
„Aber…aber…“ Er stöhnte auf. Sie kicherte. „Aberaber. Ihr mit Eurem Aber. Nur das da frisst in der Hennesnacht. Das da alles, das da kriecht und schnappt und beißt und frisst. Diesen und jenen und diese da. Dich nicht. Dich halte ich, dich atme ich. Dir tut das nicht weh, und mir tut es gut. Im Morgengrauen darfst du gehen. Macht dich das glücklich?“
Sie summte wieder. Mortimer senkte den Kopf und kniff die Augen zusammen. Allein, was er hörte, war so schier unerträglich, stand so grauenvoll bildhaft vor ihm, dass er dieser schrecklichen Frau hinter ihm fast dankbar für ihr Lied war. Und dann wurde es still. Völlig ruhig. Mortimer blinzelte ängstlich. Nichts war mehr da. Die abartigen Kreaturen waren verschwunden, der Waldboden, just zuvor noch ein Schlachtfeld, sah aus wie blank geleckt. Irgendwo aus der Ferne vernahm Mortimer Vogelgezwitscher. Es war…vorbei?!

Die Frau drückte ihn energisch an sich, beschnupperte ihn noch einmal, seufzte tief, schob ihn sachte von sich weg, sprang hoch, streckte sich, beugte sich zu ihm hinunter und starrte ihn aus ihren schwarzen Augen an. Wie sie dort stand, so massig und fleischig, kahlköpfig und weiß, mit diesen gewaltigen Brüsten und diesen riesigen kalten Händen, bereitete sie Mortimer eine derartige Furcht, dass er sich beinahe wünschte, dass irgendjemand ihm auf der Stelle den Schädel mit einem einzigen gnädigen Hieb einschlagen würde. Dann hätte alles hier ein Ende, alles, alles, dachte er.
Sie lächelte und zeigte spitze, aschgraue Zähne. „Zufrieden?“

Mortimer nickte stumm, was hätte er antworten sollen?, richtete sich umständlich auf, – er schwankte, stürzte fast, fing sich, und ihm war so wahnsinnig übel, dass er dachte, sein ganzes Inneres ausspucken zu müssen – , stand jetzt direkt vor ihr, taumelte, wich ein ganzes Stück zurück für den Fall, dass sie plötzlich wieder ihre Hände nach ihm ausstrecken könnte, flüsterte:
„Wer bist du?“
Sie sah ihn erstaunt an. „Was fragst du? Hast du schon vergessen? Ich bin die Tote. Das Mädchen in der Wirtsstube hat es dir erzählt. Oh, ich weiß das, ich weiß alles. Man vernimmt so manches Wispern in der Hennesnacht.“
„Welches Mädchen? Da war nur diese alte Frau. “ Verrückt hier alles, ich bin verrückt, dachte Mortimer. Sie konnte doch nicht Nette Jansen meinen.

Die Frau runzelte die Stirn, blickte skeptisch gen Himmel, sah ihn wieder an. „Morgenröte. Nicht meine Zeit. Nun, das Mädchen, du hast es doch gehört. Rast und Ruh steht da. Da wohnt der Mann mit seinem hübschen Töchterlein. War ja bei mir, hatte einen kräftigen Burschen dabei. Oh, der war wohl ein Schmaus. ’s war Hennesnacht. Noch gar nicht lange her. Kurz nach Neujahr war das. Manchmal ist sie öfter, manchmal nicht, die Hennesnacht. Rast und Ruh. Niemand treibt. Ist das auch gut für dich?“

„Dochdoch.“ Mortimer presste verwirrt die Lippen aufeinander. Er wollte, dass der Irrsinn aufhört, endlich aufhört, aber er wusste nicht so wirklich, was jetzt richtig sein könnte. Am besten weg hier, weg, einfach nur weg, dachte er. Und blieb trotzdem stocksteif stehen, hatte plötzlich wieder furchtbare Angst, starrte diese schreckliche große fette weiße Frau an, schluckte, stammelte:
„Das…du…du sagst…Neujahr? Dieses Neujahr?“
Hedda nickte mit leicht verklärtem Blick, nestelte geschäftig an ihrem Schleier: „Oh ja. Den Burschen hat der Wald gefressen. Aber sie hab‘ ich die ganze Nacht geatmet. Wie dich.“ Sie warf ihm eine Kusshand zu, grinste. „Wie wohl mir ist. Und jetzt verschwinde.“

„Nein, Warte. Stop.“ Mortimer wagte es nicht, ihr erneut zu nahe zu kommen. Sie könnte es sich durchaus in letzter Sekunde anders überlegen, ihn einfach packen und dann…aber das mit Nette Jansen musste er wissen. Da konnte doch etwas nicht stimmen. Ganz und gar nicht stimmen.

„Nette Jansen ist die Mutter vom Wirt. Sie ist steinalt. Du irrst dich. “ Mortimers Stimme klang energischer, als er es beabsichtigt hatte. Unwillkürlich zuckte er zusammen und bewegte sich einen Schritt zurück. Etwas zurückhaltender im Ton fügte er rasch hinzu: „Da ist keine Tochter. Kein Mädchen. Wirklich nicht.“

Die Frau kicherte, zupfte an ihrem Ausschnitt, richtete sich die schweren Brüste, sah ihn nicht an. „Alt? Mag sein. Da ist sie jetzt wohl alt, Jansens Tochter. Kann passieren, wenn man sie atmet. Kann alles passieren in der Hennesnacht. “

Mortimers Gedanken überschlugen sich. Plötzlich begriff er. Es war so grotesk, so makaber, dass er seine diebische Freude daran gehabt hätte, würde er mit Popcorn im Kino sitzen und sich das ansehen, was ihm hier leibhaftig widerfuhr.

„Kann passieren? Du…du hast das getan? Du hast aus ihr eine Greisin gemacht. Du hast ihr das Leben einfach so weg…weggeatmet? Ist das so? Und Jansen gibt seine Tochter als seine Mutter aus. Weil sowas niemand glaubt. Weil sowas gar nicht sein darf. Sie ist uralt. Sie wird sowieso bald sterben. Da hättest du sie auch gleich umbringen können. Und ich…ich…“ Verzweifelt schrie er, und es war ihm in diesem Moment einfach nur egal, ob er die Tote mit seinem Gebrüll zornig machen würde. Alles war ihm egal. Zumindest glaubte er das, und irgendwie erleichterte es ihn auch ein wenig. Wenn ich krepieren muss, dann mit der Wahrheit auf den Lippen, dachte er tapfer. Mit Wut. Wahrheit. Wahnsinn.

„Was? Du, du! Du willst das nicht? Wärst lieber gefressen worden? Wicht, du. Ich kann das ändern.“ Sie baute sich drohend dicht vor ihm auf, die Morgensonne schien sich in ihrer Glatze zu spiegeln, Schweißperlen tropften von ihrer Stirn. Sie wirkte unruhig. Ihre Stimme donnerte. „Verschwinde jetzt. Du wirst nicht alt. Du nicht.“ Sie streckte ihre Arme aus und brüllte. „Ich sagte, kann passieren. Sagte ich, dass es dir passiert? Vorlauter Zwerg, du.“

Mortimer stolperte rückwärts, konnte sich fangen, drehte sich mit einem erstickten Angstschrei um und stürzte davon, rannte einfach los, tränenblind, voller Furcht und gleichsam Entsetzen darüber, was sie soeben verkündet hatte. Du wirst nicht alt. Natürlich nicht. Ihn würde ein grausiger Tod erwarten, da war er sich sicher, irgendeine Hölle wartete noch auf ihn. Vorbei? Niemals. Dachte er und verspürte doch diesen einen seligen Funken Hoffnung, als er japsend und nassgeschwitzt den kleinen Parkplatz vor Jansens Pension erreichte.

Er erblickte einen Streifenwagen, dann Caro, die vor der Eingangstür mit einem Polizisten sprach, sah sofort, dass sie geweint und kein Auge zugetan hatte, sah Jansen, der mit steinernem Gesichtsausdruck hinter Nettes Rollstuhl stand und in seine Richtung zu starren schien ohne das geringste Anzeichen des Erkennens im Blick. Bemerkte er ihn nicht? Unwichtig jetzt. Es war alles real. Da waren richtige Menschen.

„Hier bin ich! Ich lebe!“ Mortimer fuchtelte wild mit den Armen, schnaufte vor Anstrengung und Erschöpfung, lief keuchend auf Caro zu, rief: „Gottseidank. Ach Gottseidank, ich dachte schon…Du glaubst nicht, was ich…“ Sie schien ihn gar nicht zu bemerken, sprach einfach weiter mit dem Beamten, der den Kopf schüttelte und mit ernster Stimme sagte: „Wir wissen ja noch nichts.“

Wissen ja noch nichts? „Aber hier bin ich doch!“ Mortimer taumelte auf sie zu, griff nach Caros Schulter. Und fasste ins Leere. Schockiert griff er nochmals nach ihr. Nichts. Er starrte auf seine Hand. Sah durch sie hindurch auf die moosigen Steinfliesen im Eingangsbereich. Hob fassungslos seinen Blick, starrte in Nettes Rosinenaugen, die ihm zuzuflüstern schienen. Du bist nicht alt. Wirst nicht alt. So wie ich. Du bist…

Nette nickte in ihrem Stuhl. Grinste. Krächzte.
„Unsichtbar. Armer Tropf. S‘ war Hennesnacht.“

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)