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Montagsfrage: Einmal- oder Mehrmals-Leser?

Die Montagsfrage bei “Lauter & Leise”

“Richtiges Lesen ist wiederlesen”, sagte einst der große Borges und sprach damit eine Tatsache aus, die man gerade heutzutage in Stein meißeln sollte. Nicht nur Musik, sondern auch Literatur ist zu einem Wegwerfprodukt geworden. Viele erinnern sich gar nicht an ein Buch, das man ihnen nennt, obwohl sie es gelesen haben wollen. Sie brüsten sich mit Lesestapeln, die noch vor ihnen liegen und nennen ihr Leseverhalten “Challenge”, als ginge es tatsächlich um einen Sport. Nun, solche Leute sind keine Leser, sie haben nur eine Möglichkeit gefunden, die Langeweile in ihrem Kopf zu ignorieren. Deshalb geben sie vor, Bücher zu lieben (und auch, weil sie sich als Dekoration gut machen). Sie haben das Glück, das die meisten Verlage dieses Verhalten durch eine immer mehr vereinfachte Sprache fördern, vom inhaltlichen Niveau ganz zu schweigen. Da liest man nichts, an das man sich erinnern müsste, da liest man nichts, über das man diskutieren will. Für mich wird es immer schwieriger, tatsächlich ein Buch zu finden, das zweimal gelesen werden will, ganz zu schweigen davon, dass ich mir bereits schwer tue, eines zu finden, das ich überhaupt lesen will (in deutscher Sprache, versteht sich, für die englischsprachige Literatur bräuchte man hingegen zwei Leben). Aber es gibt sie – wenn auch seltener – die Bücher, die bleiben. Und es ist eine gute Sache, zu wissen, dass etwas Großartiges auf einen wartet. Man weiß es sogar ganz sicher. Und spätestens nach dem zweiten Durchlauf ist der flüchtige Blick einem eindringlichen Erlebnis gewichen, das nur die Literatur zu bieten vermag. Ich glaube, dass viele Leser Bücher in ihrer Rezeption wie Filme behandeln, und viele Autoren ihre Bücher bereits wie Filme ablaufen lassen. Das Verständnis von Sprache hat in den letzten Jahrzehnten arg gelitten. Und wo es fast nur noch Autoren gibt, die beim Film besser aufgehoben wären als in der Literatur, werden auch die Lesegewohnheiten verschoben.

Mich begleiten Autoren wie Poe, Cortázar, Borges, Kafka, Ligotti und zahlreiche andere bereits mein ganzes Leben. Zeitweise zu ihnen zurückzukehren, verspricht eine geistige und ästhetische Heimat. Aber im Laufe der Zeit sind auch andere dazugekommen. Stephen Kings “Es” faszinierte mich aufgrund seiner Struktur und Psychologie so sehr, dass ich das Buch dreimal gelesen habe – und mich irgendwann gewiss ein viertes Mal daran erfreue. Ähnlich geht es mir mit dem “Foucaultschen Pendel” von Umberto Eco. Es ist, als ob man sich beim ersten Lesen einen groben Überblick verschafft. Dabei kann es bleiben, wenn das Buch nicht die nötige Tiefe hergibt. Warum sollte man es dann wiederlesen? Es gibt aber eine Faustregel: Ein Buch beweist seine Qualität erst beim zweiten Durchlauf, und diese Qualität fordert bereits beim ersten Mal lesen dazu auf. Ein Leser, der das nicht wahrnimmt, kann unmöglich ein guter Leser sein. Stets hetzt er weiter, in der Annahme, er verpasst etwas Entscheidendes. Aber in der Schnelllebigkeit wird er nichts Entscheidendes finden, weil er es gar nicht wahrnimmt.

Wäre Lovecraft nur von jenen gelesen worden, die ihre Geschichten nur zwischen Bus, Bahn und Badezimmer lesen, um sie dann für immer beiseite zu legen, wäre dieser Autor heute längst vergessen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Denken wir doch mal kurz darüber nach, woran das liegen könnte.

5 Kommentare zu Montagsfrage: Einmal- oder Mehrmals-Leser?

  1. Huhu 🙂

    Hmmm. Interessanter Ansatz. Ich stimme dir zum Teil zu. Ein qualitativ hochwertiges Buch eignet sich immer zum mehrfach lesen und auch ich finde, dass sich viele Zwischentöne erst bei mehrmaliger Lektüre offenbaren. Dennoch empfinde ich deine Kritik an Leser_innen, die Bücher anders konsumieren, als etwas zu harsch. Natürlich ist es schade, dass sich Literatur mehr und mehr zum Wegwerfprodukt entwickelt, doch meiner Meinung nach ist das Leseverhalten einer Person über jeden Zweifel erhaben. Es gibt kein Richtig oder Falsch, denn im Großen und Ganzen soll Literatur unterhalten. Im Idealfall regt sie zum Nachdenken an und verändert die Weltsicht des Lesers oder der Leserin, aber das kann sie nur, wenn das gewollt ist. Leser_innen, die Bücher lesen, weil sie unterhalten werden wollen, haben diesen Anspruch normalerweise nicht. Wer sind wir, das zu bemängeln?
    Auch glaube ich nicht, dass eine intensive Auseinandersetzung mit einem Buch mehrfaches Lesen voraussetzt. Die meisten Bücher, die ich lese, lese ich nur einmal. Trotz dessen beschäftige ich mich ausführlich mit jeder Lektüre, denn sonst könnte ich keine Rezensionen schreiben. Mehrmaliges Lesen ist meiner Ansicht nach demzufolge nur ein Weg, ein Buch zu verinnerlichen. Es gibt auch andere Optionen.

    Montagsfrage auf dem wortmagieblog
    Viele liebe Grüße,
    Elli

    • Liebe Elli, du hast mit allem, was du sagst, recht. In erster Linie ging es mir darum, eben keine politisch korrekte Aussage zu treffen, weil – da wette ich – es sonst gar nicht nötig gewesen wäre, hier einen Kommentar zu verfassen. Und dann noch einen, der genau das tut, was du tust: ein etwas anderes Licht darauf scheinen zu lassen, oder : meinen Kommentar zu erweitern.
      In diesem Sinne die besten Grüße!

  2. Ein ganz schön philosophischer Beitrag mit einer dezenten Kritik an die Vielleser. Klar, wären alle Bücher nur Durchlaufprodukte, gäbe es die erfolgreichen Autoren sicherlich nicht, die es schaffen “Klassiker” zu schreiben. Aber noch gibt es sie und es macht Hoffnung, dass es auch zukünftig Bücher geben wird, die gerne mehrfach gelesen werden möchten oder gar müssen.

    Der Büchernarr

  3. Ich fange eigentlich gerade erst an, Bücher wiederzulesen. Zum einen habe ich mich bei gern und gut gelesenen immer recht genau an Plots erinnern können und brauche Abstand davon, um neu gebannt zu werden. Zu anderen gab es immer so viel Ungelesenes zu entdecken. Erst jetzt, wo mir wie Nymphenbad die Neuheiten ausgehen, die mich fesseln können, lehne ich mich zurück und schlage einen alten Miéville oder Erikson oder Machen oder Gibson (… ) noch einmal an erster Seite auf und gehe in die Tiefe

  4. Ich lese Bücher auch mehrmals, allerdings nicht alle. Manche Serien sind so kompakt und komplx, dass beim ersten Mal einfach zu viele Dinge überlesen werden. Das Spiel der Götter Band 1-10 habe ich nochmals gelesen und Otherland ebenfalls. Beim zweiten Mal hat man Muße, an Stellen zu verweilen, man hetzt nicht mehr durch das Buch, weil man wissen möchte, wie es weitergeht. Die Elfen von New York und Fool on the Hill sind Bücher, die ich lese, wenn ich mich mal wieder nicht entscheiden kann. Manche Bücher gehen einfach immer wieder und wieder und wieder.

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