Über

Willkommen im Phantastikon!

Im Grunde begann sich das Phantastikon bereits 1974 als erste Idee zu etablieren, als ich nämlich mit meinem Großvater zusammen die Asterix-Bände studierte. Danach wollte ich alles über Kelten und Römer wissen, obwohl mich das Ergebnis in meinen jungen Jahren eher enttäuschte. Mir wurde schnell klar, dass niemand wusste, was damals vor sich ging und es deshalb fantasiebegabte Schreiber braucht. René Goscinny war einer davon. Ich hatte keine Ahnung, wo die ganzen Bücher in unserer Bibliothek herkamen, nach meinem Dafürhalten waren sie schon immer da. Vermutlich dachte ich mir damals, dass jeder Haushalt auf dieser Welt wie von selbst eine Bibliothek besitzt. Es hat ja auch jeder ein Badezimmer. Zumindest fast.

Später wurde mir klar, dass man Bücher kaufen musste, und es gab so viele davon. Diese Erkenntnis führte dazu, dass ich keine Zeit verlor. Was sollte man mit seinem Geld sonst anfangen, sobald die Grundbedürfnisse gestillt waren? Da fiel mir nichts anderes ein – Schallplatten noch, aber das versteht sich ja von selbst. Außerdem war der Bucherwerb für mich keine Frage des Obs, es musste nur geklärt werden, wo man beginnt. Ich begann mit Goethe, Kafka, Poe – sieht man einmal von den Märchen der Gebrüder Grimm ab. Mein erstes Buch überhaupt war allerdings die Erstausgabe der “Blechtrommel”. Kapiert hatte ich davon nichts, aber der Effekt, die Unterschiede zwischen Film und Literatur zum ersten Mal persönlich zu erleben, war für mich ein denkwürdiger Augenblick, denn ich hatte vorher Schlöndorffs Meisterwerk gesehen. Ich muss jetzt niemandem, der den Film ebenfalls in seiner präpubertären Phase sah, erklären, was da so erstaunlich war. Trotzdem blieb das alles Oberfläche, das Buch aber versenkte sich in den Geist, wurde auf merkwürdige Weise das, was bis heute kein Neurowissenschaftler richtig erklären kann: es wurde zu Literatur (es sei hinzugefügt, dass für mich Literatur nicht alles Geschriebene ist, sondern das, was entsteht, wenn man Geschriebenes liest).

Als diese Seite im Dezember 2014 gegründet wurde, war es mein Anliegen, mich von meiner eigenen Arbeit als Schriftsteller zu erholen, die über 30 Jahre lang kompromisslos vonstatten ging. In 30 Jahren kann man eine Menge erreichen, aber nicht, wenn man schreibt, was ich schrieb, nicht wenn die Sprache der erste Akteur ist. Tatsächlich wurde das Phantastikon aus einer Krise heraus installiert und begann mit Übersetzungen aus der reichhaltigen amerikanischen Weird-Fiction-Szene. Dass daraus einmal eine starke Webpräsenz werden würde, war weder intendiert, noch absehbar. In den folgenden Jahren schrieben hier weit über 100 Gastautoren, viele davon erschienen zum ersten Mal in deutscher Sprache. Natürlich lag der Schwerpunkt auf der literarischen Phantastik, aber es kamen immer mehr Themen hinzu, die gar nichts damit zu tun hatten. Das führte im Laufe der Zeit zu einer Verwässerung, die jetzt nach fünf Jahren wieder rückgängig gemacht werden soll.

Das Phantastikon versteht sich als literarisches Weblog, das sich mit den Dimensionen der Fiktion und ihren Hintergründen beschäftigt. Buchblogs haben in den letzten Jahren einen ungeheuren Aufschwung erlebt. Anfangs von den Feuilletons belächelt, musste man schnell einsehen, dass sie mehr bewirkten als die althergebrachten Seilschaften, denn sie erreichten ihr Publikum direkt. Dabei ging es von Anfang an nicht nur um eine Leseempfehlung, sondern um das Wissen, dass Literatur weder Grenzen noch Genres kennt. Wenn es so aussieht, dann liegt das an Marketingstrategien, und nicht an dem, was sich die Leser wünschen.

Natürlich sind Klassifizierungen hilfreich und auch notwendig, um eine Gesprächsbasis zu erreichen, aber sie sagen nicht das Geringste über die Qualität einer Geschichte aus. Deutschland bietet diesbezüglich ein schwieriges Milieu, hier will man das noch nicht so richtig begreifen. Es gibt gute Bücher und schlechte Bücher. Darüber lässt sich diskutieren und streiten. In der Mainstreamliteratur finden sich vielleicht gegenwärtig hoch gehandelte Werke, die aber in ein paar Jahren vergessen sein werden. Warum? Weil sie keine Zeitlosigkeit besitzen, sich ganz im Gegenteil einem Zeitgeist verschrieben haben, der ohnehin mehr als fragwürdig ist. Wer das beherrscht, sind die Lateinamerikaner, die politische Themen mit höchster Poesie und Phantastik verweben können, ohne dass man das Buch in die Ecke pfeffern will. In den meisten dieser existenziellen Texte sind die Themen nämlich zeitlos, die Gegenwart nur Beiwerk und nicht Träger.

Das Phantastikon befindet sich also im Wandel und wir wollen aus einem Genre-Magazin einen Literaturblog machen. Da alle gute Literatur phantastisch ist – ob es sich nun um J.R.R. Tolkien, um James Joyce, oder um Raymond Chandler handelt, sehen wir da keine Probleme. Ist es nicht ohnehin verrückt, dass wir überhaupt so etwas wie Lesererfahrungen ersonnen haben? Ein Bedürfnis, das dem Wunsch, überhaupt zu leben, gleichkommt, mehr noch: Das Lesen ist das Leben selbst.

Michael Perkampus; Foto (c) Albera Anders 2019

 

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