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Mit den Toten sprechen

Hach, Nekromantie, die bösen Jungs der Zauberkunst. Der Begriff Nekromant wurde schon für alles und jeden verwendet. Spiritisten hat man so bezeichnet, die Lichlords (aus dem Spiel World of Warcraft), Zombie-Meister und dunkle Magier. Und das wird so weitergehen bis das Underverse (Begriff aus dem Film Riddick, dort eine Dimension, in der die Grenze zwischen Leben und Tod verschwimmt) uns alle im Griff hat. Was aber sind die wirklichen Beispiele und Praktiken der Nekromantie? Und muss man wirklich angezogen sein wie Draculas Cousin, um ein Totenbeschwörer zu sein?

Totenbeschwörung auf der ganzen Welt

Hans Memling: Vanity and Salvation

Das Wort „Nekromantik“ hat seinen Ursprung im griechischen „nekros“, das „tot“ bedeutet, und in „manteia“, das Anrufung oder Prophezeiung meint. Ich persönlich glaube ja, das Wort Nekromant setzt sich zusammen aus „necromus“, das bedeutet „fahl und ein bisschen übel riechend“, und „ancer“, wie in „You better answer (ancer) when the dead talk to you“ (Du antwortest besser, wenn die Toten mit dir sprechen). Denn: Nekromantik dreht sich darum, mit Geistern und Gespenstern zu sprechen. Das Wie und das Warum hat sich im Laufe der Zeit und über die Kulturen hinweg stets verändert.

Griechen und Römer glaubten in verschiedenen Fällen, dass Totenbeschwörer hinab in die Unterwelt stiegen, um dort mit den Toten zu sprechen. In Vergils Aeneis, zum Beispiel, reist Aeneas in die Unterwelt, um sich mit seinem toten Vater zu unterhalten. Dabei nutzt er ein Orakel als Führer. Aber in den Hades zu gelangen ist eine Quälerei, vergleichbar mit dem Sicherheitscheck in amerikanischen Flughäfen, außerdem sind Menschen Kreaturen der Bequemlichkeit. Und das ist der Grund, warum Nekromanten öfter mal die Toten zu sich kommen lassen.

Im Jüdisch-Christlichen 1. Buch Samuel konsultiert König Saul heimlich eine Totenbeschwörerin, die „Hexe“ von Endor, damit sie den Geist Samuels herbeiruft. Die Meinungen, wie die Geschichte zu interpretieren sei, gehen auseinander, aber es dürfte klar sein, dass die Leute zu Sauls Zeiten an Totenbeschwörung als an eine wirkliche Begebenheit glaubten.

Die frühe Hawaiianische Kultur wartet mit einigen lukrativen Variationen der Totenbeschwörung auf. Da gibt es nekromantische Erpresser namens Kahuna Kilokilo, die zu dir kommen und behaupten, dein eigener Geist sei ihnen in einer Vision erschienen und habe sie angesprochen. Und sie seien gekommen, um dich zu warnen, denn du seist in großen spirituellen Schwierigkeiten, und nur die Ausrichtung eines Festes und das Erstatten des „Kilokilo“ würde sie in die Lage versetzen, deinen Geist zu beschwören und die Last von ihm zu nehmen, so dass du wieder sicher bist. Sie waren der evangelische Wanderzirkus ihrer Zeit

Hawaiianische Totenbeschwörer waren nicht alle Erpresser. Da gab es noch die gutartigen Makaula-Propheten, die den Geist von jedem mit ihren Händen einfangen konnten, den du wolltest, und du konntest ihn dann unter dein Essen stopfen. Wenn du dann diese Speise gegessen hattest, konntest du den Geist dieser Person mit eigenen Augen sehen. Es ist nicht überliefert, ob du dir das Essen aussuchen durftest.

Selbstverständlich hat jede Kultur, die an Geister oder Gespenster glaubt, ihre eigene Art und Weise, wie mit diesen Geistern Kontakt herzustellen ist. Von Ägypten und anderen Afrikanischen Kulturen bis zu den alten Kelten, oder zu den amerikanischen Eskimos. Es ist eine Tatsache, dass Gespräche mit Toten oder der Besuch der Geisterwelt seit dem Neolithikum, wenn nicht seit dem Paläolithikum Teil des Schamanismus ist, lange bevor es organisierte Religionen oder Schauergeschichten gab, die sich mit den Angelegenheiten der Geister beschäftigten.

Immerhin hat ein Geist sicher die Weisheit, die er oder sie nicht nur im Leben erwarb, sondern besitzt ebenfalls das Wissen darüber, was nach dem Tod los ist, richtig? Verdammt, wie viele Gelehrte würden gerne Shakespeare beschwören, um ihn zu fragen, was er jetzt über Hamlet oder das Schleppe-Tragen zu sagen hat.

Wie man sich mit Toten anfreundet und sie beeinflusst

Jeder, der schon mal mit dem Ouija-Brett gespielt hat oder um Mitternacht zwölf Mal „Bloody Mary“ in den Spiegel sprach, ist – genaugenommen – zumindest spielerisch ein Nekromant. Ähnliche Volkstraditionen existieren auf der ganzen Welt – in Japan, zum Beispiel, besteht ein Weg, Geister herbeizurufen, daraus, eine Papierlaterne mit 100 Teelichten zu füllen und jede einzeln auszublasen. Danach sucht man einen ruhigen und dunklen Ort auf und bläst die letzten Teelichte aus. Sobald die letzte Kerze ausgeblasen wurde, erscheint vermeintlich ein Geist.

Um aber ein wirklicher Totenbeschwörer zu sein (vorausgesetzt, dass Totenbeschwörung möglich ist), muss man einiges Wissen und Erfahrung mit Ritualen mitbringen und außerdem sicher und selbstbewusst im Umgang mit Geistern sein. Die Methoden und Rituale unterscheiden sich von Ort zu Ort, von Quelle zu Quelle, aber zusammenfassend lässt sich sagen, dass es drei Phasen der Totenbeschwörung gibt: einen netten Geist herbeizurufen, der dir deine Fragen beantworten kann; den Geist lange genug zu halten, damit ein wirkliches Gespräch in Gang kommt; und dich abzusichern, damit keine bösen Geister die Unterhaltung stören oder dich zum Ziel ihrer erbrochenen Erbsensuppe machen und sich in einer Weise verdrehen, von der dein Yogalehrer nur träumen kann.

Im Westen haben wir eine populäre Historie von Medien, die gemeinsam Séancen abhalten, um einen Geist herbeizurufen. Sie schützen sich durch einen Kreis, den sie dadurch schließen, indem sie sich an den Händen halten. Aber das Amerikanische und Europäische Konzept der Totenbeschwörung hat sich speziell zum Gegensatz der Praktiken der Medien oder Spiritisten entwickelt, und ähneln damit arkanen Ritualen, die man mit Geheimgesellschaften und Bruderschaften in Verbindung bringt (und es gibt dort weniger Alkohol).

Die Totenbeschwörungs-Rituale erfordern Tage oder Wochen der mentalen und rituellen Vorbereitung, in denen magische Diagramme auf den Boden gemalt werden, der Nekromant sich in exzentrische Gewänder hüllt und heilige Praktiken ausführt. Meist bestehen diese aus einer Wundertüte aus kraftvollen Dingen, die dem Schutz und der Unterstützung dienen. Jüdisch-Christliche Erzengel, Splitter der griechischen Mythologie, ägyptische und mesopotamische Götter.

Und Nekromantik kommt in zwei Geschmacksrichtungen – Beschwörung und Pfui Deibl – denn du kannst entweder einen Geist herbeirufen oder eine Leiche zum Sprechen zwingen. Die Leichen-Methode erfordert gewöhnlich den Hauch eines Grabraubs und ist daher eher weniger dazu geeignet, um deine neue Flamme zu beeindrucken oder dich bei der Polizei beliebt zu machen. In beiden Fällen wird die Motivation als wichtig erachtet. Einen Geist aus Gründen der Liebe anzurufen, oder um an Informationen zu kommen, die aus guten und edlen Gründen resultieren, dürfte kein großes Risiko darstellen und den Nekromanten weniger Schaden zufügen. Das bringt uns zum nächsten Punkt …

Ist Totenbeschwörung denn nicht böse?

Das ist natürlich eine subjektive Frage. Jede Magie, selbst Harry Potters unschuldiges Zauberstabgewedel kann von manchen als böse aufgefasst werden, und die Nekromantie hält den zusätzlichen Bonus bereit, dass hier mit den Toten verkehrt wird. In den meisten fiktionalen Werken wird sie als böse dargestellt. In der Tat ist die mittelalterlich-lateinisch Ableitung „nigromancia“ die Quelle der „Schwarzen Magie“.

Aber während Nekromantie – zumindest theoretisch – für alles Böse herangezogen werden kann (wie fast alles andere auch), ist ihre Absicht nicht automatisch gleichbedeutend mit DEM BÖSEN. Viele Rituale beinhalten, den Namen Gottes anzurufen, heilige Symbole aufzuschreiben, und die Bibel oder andere Heilige Schriften zu benutzen, um böse Geister abzuwenden und einen Schutz während der Beschwörung zu bieten.

Es gibt sogar spezielle Rituale, um die Geister von jenen anzurufen, die zu Lebzeiten dem Jüdischen oder Christlichen Gauben folgten, dazu bat man um die Hilfe Salomons. Tatsächlich gehen manche so weit, Jesus als Nekromanten zu bezeichnen, seit davon berichtet wurde, wie er mit toten Propheten sprach, die Toten anrief und böse Geister austrieb, obwohl diese Definition natürlich beleidigend für einige ist, die den abrahamischen Religionen folgen. Sicher, wenn du den Teufel oder ein paar Dämonen anrufen willst, fällt das nicht unter Totenbeschwörung, sondern unter Ich-möchte-ein-böser-Zauberer-sein-mantie. In Geschichten sind die bösen Geister immer happy, wenn sie in deinem Fleisch einkaufen können, ein Abkommen mit deiner Seele treffen und dir den Atem eines vergammelten Eis verleihen – ohne dass es nötig wäre, ein Ritual abzuhalten oder Heavy Metal zu hören.

Obwohl die Vorbereitungen und das enzyklopädische Wissen über antike Symbole abschreckend erscheinen, sind sie in gewisser Weise völlig egal. Wenn diejenigen, die an Medien glauben, Recht haben, ist Nekromantie ein Talent, mit dem einige Menschen geboren werden. Es handelt sich um eine angeborene Verbindung zur geistigen Welt, die andere nicht haben. Und wenn es eine Reihe von arkanen Ritualen bedarf, dann kann es jeder machen. So wie auch jeder mathematische Gleichungen lösen kann, wenn er genug Zeit mit seinem Hirn und einem Buch verbringt. Also ja, mit genügend praktischer Erfahrung, Vorbereitung und Sorgfalt, kannst auch du ein Totenbeschwörer werden – und wenn du dazu in einem Gothic-Laden einkaufen gehen willst, kannst du das tun, musst es aber nicht.

Übersetzt von Michael Perkampus
aus dem Original, erschienen im fantasy-magazine.com
Randy Henderson

Randy Henderson veröffentlicht seine Geschichten regelmäßig in „Realm of Fantasy“ und in „Every Day Fiction“. Er ist Clarion West-Absolvent, rückfälliger Sarkasmus-Süchtiger und ein Milchshake-Kenner, der verdächtig köstliche Worte aus seiner Höhle in Washington State in die Welt trägt

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