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Missverstandene Monster

Missverstandene Monster – das geistlose Böse oder unschuldige Kreaturen, gefangen in Umständen fern ihrer Kontrolle? Schauen wir uns die Geschichte der Monster an, sind da viele unter ihnen, die verletzten, zerstören, oder aus Blutlust töten und es genießen, und weil es ihren Hunger stillt, der nur durch das Böse, das sie anderen antun, besänftigt werden kann. Aber was ist mit jenen Monstern, die nach etwas suchen – sei es Liebe, Akzeptanz, oder Erlösung – und die jemanden auf diesem Weg verletzen? Was ist, wenn diese Monster Trauer, Schuld, oder Reue fühlen, nachdem sie ihre bösen Taten vollbracht haben? Was ist, wenn sich ihr Blick auf die Welt und ihr Verhalten durch ihr Tun (oder ihr Nichttun) verändert? Sollten wir uns in diese missverstandenen Wesen hineinfühlen? Oder sind es einfach nur Monster?

Sehen wir uns einige missverstandene Monster an.

Frankensteins Monster

Die Kreatur, geschaffen aus Leichenteilen von verstorbenen Verbrechern, hat keine wirkliche Identität. Sie ist ein Gräuel – groß und hässlich – und die Menschen fürchten es aus gutem Grund. Es wendet sich an jene, die es verlassen haben. Das Wissen darum, wie es aussieht und wie andere auf es reagieren, schmerzt diese Kreatur. Auch als Frankensteins Monster denkt, dass es eine Chance der Liebe und der Akzeptanz gibt, wird diese schnell wieder zerstört. Aber diese zerstörte Kreatur hält an der Suche nach Liebe fest, trotz aller Fehlschläge. Was also kann ein Monster tun? Es versucht noch noch intensiver, die Liebe zu erringen, die es braucht.

Wolfmann

Groß und überwuchert mit Fell ist dieses schreckliche Biest auch gewalttätig. Trotzdem bleibt die Frage bestehen: ist es böse? Sicher, der Wolfmann verletzt andere – jede Menge – aber sobald es sich in seine menschliche Form zurück verwandelt hat, kommt die Reue für all seine Untaten. Er will niemanden verletzten und wünscht sich verzweifelt, die Kraft aufbringen zu können, seine Taten zu kontrollieren, die seine Verwandlung bei Vollmond mit sich bringt.

Quasimodo

Quasimodo ist eine Figur aus Victor Hugos Der Glöckner von Notre Dame. Der Glöckner, dessen Name auf seine körperliche Deformation verweist, ängstigt andere aufgrund seines Aussehens. Die Leute fürchten ihn und gehen ihm aus dem Weg, wissen allerdings nichts über den Mann, der sich im Innern des verwachsenen Körpers befindet. Obwohl er anderen nichts zu Leide tut, wird er von allen, die von seiner Existenz wissen, als Monster bezeichnet. Ich glaube, wir können uns alle darauf einigen, dass er zu den Missverstandenen gehört, oder sogar überhaupt nicht verstanden wird, weil er wenig bis gar keinen Kontakt mit Menschen hat.

King Kong

Was gibt es für einen Monsteraffen zu tun? Gewaltsam aus seiner Heimat entführt, in der ganzen Welt herumgereicht, gezwungen als Kuriosität in Gefangenschaft zu leben. King Kong hat keine andere Wahl als sich in die Umstände, die ihm widerfuhren, zu fügen. Als er glaubt, eine Frau, für die er sich interessiert, sei in Gefahr, bricht er aus und beschützt sie, klettert auf das Empire State Building, kämpft gegen Flugzeuge, die ihn unschädlich machen wollen – all das, um diese Frau zu beschützen. Klar, er ist ein Monster, aber nur, weil die Menschen ihn zu einem machen, weil er groß und anders ist. Seine Taten zeigen jedoch, dass er missverstanden wird, zumindest in Bezug zu dem, was wir unter Monster verstehen. Wäre er wirklich ein Monster, würde er sich dann für das Leben eines Menschen einsetzen? Würde er sich dafür überhaupt interessieren?

Grendel

Je nach Perspektive ist Grendel entweder ein böses, blutrünstiges Monster, unfähig des rationalen Denkens, oder ein missverstandenes Monster, das die Fähigkeit des Denkens und Fühlens sehr wohl besitzt. Von Grendel wird gesagt, dass er ein Nachkomme Kains sei. Laut der Bibel ist Kain der Sohn von Adam und Eva und der erste Mörder der Geschichte. Weil Grendel ein Nachfahre Kains ist, ist er ein von Gott Ausgestoßener, eine böse Existenz. Das ist das Ergebnis seiner mörderischen Ahnenschaft.
Im Beowulf wird Grendel nicht nach dem beurteilt, was er ist, sondern was andere in ihm sehen – ein Monster, das die Festhalle der Dänen regelmäßig angreift und Menschen schlachtet und isst, die sich dort versammeln. Der Autor John Gardner breitet die Geschichte jedoch aus der Perspektive Grendels aus. In diesem Buch ist Grendel ein unbescholtenes Wesen, das in völliger Isolation von der Welt lebt, wird missverstanden, als er auf die Gegenwart anderer trifft. Grendel will von der Gesellschaft akzeptiert werden und möchte sich gemeinsam mit den anderen vergnügen, aber die Menschen bezichtigen ihn als blutrünstiges Monster. Als Vergeltung, und weil er wütend und einsam ist, überfällt er die Halle jede Nacht und vermehrt damit das Missverständnis, mit dem er von Anfang an konfrontiert wurde. Er befindet sich in einem Teufelskreis.

Dracula

Wenn die einzige Möglichkeit, zu überleben, der Konsum von Blut ist, das man anderen aussaugt, macht einen das zu einem Monster? Bram Stokers Dracula ist ein Vampir, der des menschlichen Denkens fähig ist, aber ohne jegliche Empathie. Seine einzige Sorge ist die Befriedigung seiner Bedürfnisse. Er attackiert Menschen, weil er es tun muss. Davon hängt sein überleben ab. Darüber hinaus muss er sich schützen, oder jene, die ihn fürchten, treiben einen Pfahl durch sein Herz. Trotz dieser Umstände, will Dracula von der Gesellschaft akzeptiert werden. Er hat Bestrebungen wie jeder andere auch. Wenn es also nicht seine Schuld ist, dass er sich vom Blut anderer ernähren muss, ist er ein Monster oder wird er einfach nur missverstanden?

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Jedes dieser Monster ist gefährlich. Sie sind stark und meistens unfähig, ihren Trieb zu kontrollieren. Sie tun, was sie tun müssen, um zu überleben, selbst wenn das bedeutet, andere zu verletzten. Missverstanden sicherlich. Monster – definitiv. Aber die Umstände sind unterschiedlicher Natur. Wären diese Monster nicht psychologisch verunstaltet, oder müssten Triebe befriedigen, die von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden können, vielleicht würden wir sie dann gar nicht Monster nennen.

J. G. Bashman

Janice Gable Bashman hat Kurzgeschichten in zahlreichen Anthologien und Magazinen veröffentlicht. Sie gibt das internationale Thriller-Magazin „The Big Thrill“ heraus. Sie ist aktives Mitglied der „Mystery Writers of America“, der „Horror Writers Association“, und der „International Thriller Writers“.

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