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Milbe im Auge

Ich habe jüngst den Schauer gesucht und mir die Großaufnahme einer Milbe angesehen. Sie war grauenhaft, sie sah aus wie die beste Vision eines katastrophalen, überdimensional biologischen Denkfehlers  aus dem All, und ich halte diese Erinnerung fest, weil ich sie wahrlich furchtbar ist und mir ergo nicht grundsätzlich missfällt. Krabbelviecher in der visuellen Größe fetter Stubenkatzen, die auf ihren acht Beinen auf dich zuwatscheln und sich in deinen Haarwurzeln einmieten, um dort dank ihrer höchst efffektiven Steck- und Saugapparate unerschöpflich von dir fresssen zu können, sind der blanke Horror. Und so verflucht echt.

Keine Phantasie. Nackte Fakten. Da ist nichts zu machen ist. Da hilft kein Augen zukneifen, Buch wegschmeissen, hysterisches Erwachen nach einem bösen Traum, da hilft nichts. Milben sind überall. Hübsch fies, definitiv zu wissen, dass winzige Widerlinge auf unseren Köpfen unermüdlich an unsererem Talg schlecken.

Sie sind wurmförmig mit klitzekleinen Füßchen, und das klingt niedlicher, als es ist, auch wenn diese Haarbalgmilben als völlig harmlose Bewohner des Säugers an sich gelten. Ungeachtet dessen, dass ich mich selbst nur bedingt erfreut als Säugerin definiere,  stört mich natürlich die Vorstellung, dass Bonsai-Zecken sich aus Langeweile einen Schleichweg über mein Haar in mein Gehirn bohren könnten. Unschön ist auch das Wissen, dass auf der nackten Haut, an der man so untereinander schon mal leckt und saugt, heftigst kopuliert wird.
Diese Tierchen kennen kein Tabu, sie haben ununterbrochen Sex an den unmöglichsten Körperpartien, vorzugsweise da, wo Haare sind, das vertiefe ich jetzt nicht weiter, ich schlage nur Totalrasur vor, was mich selbst etwas traurig macht, denn zumindest an denen ganz oben bei mir hänge ich.

Auge in Auge mit Mutter Milbe

Auge in Auge mit Mutter Milbe

Der Verkehr auf uns dauert pro Milbenpärchen fünf Minuten. Danach wühlt sich das kaum erschöpfte Weibchen umgehend in die Haut des Wirtes und legt dort bequem seine Eier ab, damit Larven schlüpfen können. Die verursachen nichts grundsätzlich Boshaftes, sie sorgen nur für Krätze. Seitdem mir das so konkret bekannt geworden ist, juckt es mich überall. Ich kratze auch momentan, während ich das hier alles für die Nachwelt aufschreibe, wie wild an mir herum und beobachte aus den Augenwinkeln heraus, wie mein Hund sich die Pfoten hinter die Ohren steckt und die Krallen ausfährt wie ein Kater, dem das Fell brennt. Räude, vermute ich, ich werde ihn entsorgen müssen. Das Leben ist als solches nicht immer großartig.

Zudem befürchte ich, am bedenklich weit verbreitetem Fleckfieber erkranken zu können, eventuell auch am berüchtigten Krim-Kongo-Fieber, was ich hier nicht erläutern möchte, zumal es Zecken in dem Fall Zecken wären, die mich damit belästigen würden.

Zecken sind großkotzige Spinner, die sich einbilden, einen verdammt großen Sinn zu haben. In Wirklichkeit besteht ihr Leben aus nichts anderem als gehässigem Warten, Lauern, Zuschnappen. Ein voll besofffenes Weibchen, das sich im ansonsten ungewöhnlich aparten, liebenswerten Gesichtchen meines Hundes eingenistet hat, ist ca. drei Zentimeter groß, sehr fett und rot und bereitet mir Lippenherpes, wenn ich es entferne. Nicht dass dieser Umstand mein herzliches Verhältnis zu meinem Hund trüben würde, aber etwas angeekelt von ihm bin ich nun doch, wenn ich taste, würge und registriere, dass er völlig unbekümmert mit einer gewaltig gruseligen Erscheinung rechts neben seiner Nase gedenkt, mein Gesicht abzulecken. Zusätzlich schleicht sich die Befürchtung ein, in seinem dichten Fell könnten Fantastillarden dieser unnötigen Zeitvergeuderer stecken, die ich im Toilettentopf ertränke und trotzdem ahne, dass sie wiederkommen. Ich habe ihn jetzt vernünftig fast kahl scheren lassen, er sieht aus wie ein chinesischer Nackthund und friert, aber es steht ihm.

Zecken, die großformatig betrachtet jedem Freund des gepflegten Horrors gefallen müssten, sind die größten Milben, die gekannt und geschätzt werden, vorausgesetzt, man ist ein Vogel und verhält sich nicht gar so streng, was die Nahrungsauswahl betrifft.
Ich für meinen Teil esse so etwas nicht. Mögen auch bedenkliche achtzig Prozent der menschlichen Bevölkerung oder so in etwa, mal vorsichtig geschätzt, Insekten als ausgesprochen schmackhaft empfinden, frittiert, gekocht, gern mal roh und noch zuckend, da nahrhaft und vitaminreich (ich denke da mit wenig Appetit an Kakerlaken, aber so lange man nicht wirklich Hunger kennt?), so haben mir auch die gegrillten Heuschrecken nicht wirklich geschmeckt, die ich rein zufällig in Thailand auf einem Pung-Fui-Kung-Tellergericht vorgefunden hatte, das sich mir auf der Speisekarte in erster Linie als Nudeln mit Beilage vorstellte. Nudeln kenne ich, die sind von Natur aus unverfänglich. Es gibt in Afrika Leute, die schmieren sich in Honig getunkte Ameisen auf ihre Stulle und futtern das Zeug, während sie Löwen jagen. Beides sollte man vermeiden, wenn möglich.

Neulich habe ich gelesen, dass es Milbenkäse gibt, und das möchte ich nicht von einem Fachmann erklärt bekommen, das will ich umgehend vergessen. Milben toben sich auch mit ihrer entzückenden Zuneigung zu Orten, wo sie nicht sein sollten, immer wieder wild aus – warum bleiben die nicht alle, wie die Hälfte ihrer Kumpels, irgendwo in der Erde, hängen da dumm rum wie gut zerteilbare Regenwürmer, wo sie keinen stören? Sie hocken in meinem Kopfkissen, in meinem zerliebten Teddy Paul, in Affenlungen und Nasenlöchern von Vögeln. Gut, mit Affen und Vögeln habe ich persönlich nicht viel zu schaffen, aber sie machen sich auch bockig fett in den Tracheenöffnungen von Mistkäfern (kontakte ich freilich selten) und, das ist jetzt mein Verdacht, gewöhnlichen Stubenfliegen.

Die Fliege für sich allein genommen ist lästig, hat aber keinen schlechten Charakter. Natürlich ist sie ziemlich blöd, weil sie darauf besteht, immer wieder konsequent dorthin zurückzukehren, wo man sie nicht haben will. Es nützt nichts, ihr mit der flachen Hand, der Zeitung, der Klatsche Angst zu machen, sie haut kurz ab und kommt fröhlich wieder, als hätte man sich mit ihr vertragen wie mit einem nervtötenden Freund, der immer ungelegen auf der Matte steht und einen frech und doof angrinst: “Störe ich grad?” Ja.

Milben im Bett. Furchtbar nett.

Milben im Bett. Furchtbar nett.

Nun ist mir aufgrund meiner umfangreichen Studien, mit denen ich bedauerlicherweise wenig Sinnvolles anfangen kann, sehr wohl bekannt, dass Milben nicht nur unschön, sondern auch faul sind und Insekten als kostenlose Transportfahrzeuge benutzen. Seitdem bin ich Fliegen gegenüber sehr misstrauisch, es gilt, nicht nur sie in die Flucht zu schlagen, es sind die Fluggäste, die ich noch weniger leiden kann.
Bei aller Toleranz fremdartigen Sitten und Gebräuchen gegenüber kann ich das Sein der Milbe – es gibt Tausende von Arten, die Familie ist perfekt organisiert, sie wird stärker, ich warne nur leise – nicht für gut befinden, mag man mich verurteilen, ich empfinde keinen Funken Sympathie. Gut, wendet jetzt der belesene Bodybuilder vorsichtig ein, aber immerhin gilt eine ganz besonders gut trainierte tropische Milbenart, gemessen an ihrer niedlichen Körpergröße von nur 0,8 Millimetern, als das stärkste Tier der Welt, kann sie doch das 1.200-fache ihres Gewichts halten, Mensch, das verdient ja wohl Respekt! Ich danke. Man stelle sich vor, die wächst noch. Wer wünscht sich denn, von einer Milbe Huckepack genommen zu werden?

Es genügt, denke ich, dass ich, ohne darum ausdrücklich gebeten zu haben, mit vermutlich 400.000 dieser Ungeheuer und ihren Kotbällchen mein Kopfkissen teile. Ich kann nichts dafür, dort befindet sich eine ausgezeichnete Theke mit reichlichst Hautschüppchen, mein Haar ist immer noch nett anzuschauen und anzufressen, hübsch warm und feucht ist es auch, da, wo ich liege, und kacken muss schließlich auch sein. Was will das Herz mehr? Falls jetzt jemand aufmüpfig meint, jaaa, dann wasche das olle Kissen doch mal öfter, dann lache ich nur böse: Milbenfrei gibt’s nicht. Nie.

Eine Lösung wäre, sich einige Millionen Silberfische in die Wohnung zu holen, die fressen Hausstaubmilben recht gern, aber bei genauer Überlegung und Betrachtung sind die nicht so putzig. Die kann man eh schlecht ins Mehl geben, da wühlen die Viecher ja auch, und alle zusammen ab in den Herd, ich weiß nicht. Besser: Alle Pflanzen, Vorhänge, Teppiche, Polster, Bettzeug in den Müll, Glatze schneiden lassen, Heizung abstellen, Hund töten. Das mache ich. Wäre ja Horror, denen die Weltherrschaft zu überlassen.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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