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Menschenschlächter Denke: Warte, warte nur ein Weilchen…

(Titelbild: Wrong Turn, Bloodlines, copyright: 20th Century Fox Home Entertainment, 2012)

Schaurig wird’s …und lausig kalt ist es im schlesischen Münsterberg kurz vor Heiligabend 1924. Der arbeitslose Steinsetzer Vincenz Olivier, der in einer schäbigen Herberge mit dem fast spöttisch anmutenden Namen „Zur Heimat“ übernachtet, packt sich warm ein, – soweit sein abgewetzter kleiner Koffer an ordentlichen Wintersachen hergibt – , und macht sich auf den Weg in die Randbereiche der Stadt. Dorthin, wo die Schutzmänner keine lästigen Fragen stellen und wo Leute wohnen, die zwar auch nicht viel besitzen, die aber ein bisschen abgeben, wenn sie Herz und Verständnis für die bittere Armut in der rauen Zeit haben.

Olivier geht von Tür zu Tür und fragt höflich nach ein paar Pfennigen. Der 64jährige Karl Denke bittet ihn ins Haus, – eine fürchterlich schmutzige, übel riechende Wohnung – , und verspricht ihm ein Honorar, wenn er einen Brief für ihn schreiben würde. Olivier, überrascht von dem seltsamen Ansinnen, aber eben auch recht erfreut über den zu erwartenden Lohn, setzt sich an den Tisch, greift zu Stift und Papier, wartet. Denke, der hinter ihm steht, diktiert: „Adolf, du dicker Wanst, …“

Olivier, verblüfft, wohl gleichsam amüsiert über diese Anrede, dreht den Kopf zur Seite, sieht einen dunklen Gegenstand scheinbar aus der Luft auf ihn zuschnellen und weicht reflexartig zur Seite. Die Spitzhacke, fest umklammert von Denke, trifft ihn nur leicht an der Schläfe. Denke holt erneut zum Schlag aus, da gelingt es Olivier, den Stiel zu packen und vor dem ganz offensichtlich mordlüsternen Denke zu fliehen. Er taumelt mit klaffender Wunde auf die Straße und schreit wiederholte Male: „Ein Verrückter will mich erschlagen.“ Und mit diesen Sätzen beendet Olivier, ohne es in seinem ganzen grausigen Ausmaß auch nur zu ahnen, die Geschichte von Karl Denke, des Kannibalen von Münsterberg, der über zwei Jahrzehnte hin völlig unbemerkt Menschen ermordete, schlachtete und aß.

Über 30 Opfer waren es, die  Denkes Einladung in sein düsteres, schmieriges Quartier an der Teichstraße in Münsterberg angenommen hatten, um eine Mahlzeit oder gar einen Groschen für eine Gefälligkeit zu erhalten und die ihre Gutgläubigkeit mit dem Leben bezahlten.  Da dachte sich niemand etwas dabei, zumal es meist mittelose, alleinstehende Leute aus der „Herberge zur Heimat“ waren, die dankbar jede Aufmerksamkeit annahmen. Der eiserne Junggeselle, nie in Beleitung eines Freundes oder gar einer Frau, galt als eigenbrötlerisch und verschroben, gleichwohl als freundlich, friedlich und hilfsbereit. Die Kinder nannten den bärtigen, korpulenten Kauz „Vater Denke“. Er war der Prototyp des zwar merkwürdigen, aber harmlosen Onkels von nebenan. Ein skuriller, netter Kerl eben, den man hinnahm mit seinen Schrullen, weil jeder sein eigenes Päckchen zu tragen hatte. Und mit dem Gesetz wollte eh‘ niemand was zu schaffen haben.

Grund, wegzuhören bei abendlichen Hack- und Sägegeräuschen, die Nase wegzudrehen, weil es immer eigentümlich roch. Wegzusehen, wenn Denke des Nachts seinen Handkarren mit einem vollen Sack in den Wald brachte, wenn im Erdboden ein Finger gefunden wurde oder ein Bauchnabel auf dem Tisch lag, – wie von einer Nachbarin bekundet, die sich „dabei nichts dachte“ – , alles bestenfalls etwas irritiert zu ignorieren, wenn ein blutender Mann über die Straße rannte und schrie, da wolle ihm jemand an die Gurgel.

Grund für die Handvoll Gelegenheitsarbeiter und Hausierer, die mit dem Leben davongekommen waren, indem sie vor Denkes Attacken fliehen konnten, ihre Alptraum-Erlebnisse gar nicht erst zur Anzeige zu bringen. Sie hatten eigene Geschichten, die sie für sich behalten wollten. Sie hatten Skrupel, weil man ihresgleichen immer misstrauisch begegnete. Sie hatten Angst, selbst in der Zelle zu landen. Wie Olivier. Der berichtete im Polizeirevier von Denkes Mordversuch an ihm und wurde zuerst einmal selbst wegen Landstreicherei verhaftet. Eine Frau, die Näharbeiten für Denke verrichten sollte, erzählte später, er habe plötzlich eine Spitzhacke gehalten, da sei sie aus dem Haus gerannt und nie wieder hingegangen. Das zu melden sei ihr aber nicht in den Sinn gekommen.

Der tote Karl Denke (Zeitungs-Archiv-Bild)

Sehr viel später erzählte sie das, da war Karl Denke schon tot. Hatte sich erhängt in seiner Zelle, nachdem Oliviers Aussage die Polizei nach anfänglichen Bedenken, – Olivier war ein unbedeutender Landstreicher, Denke immerhin ein ordentlicher Bürger der Stadt – , dann doch dazu veranlasst hatte, den Beschuldigten vorerst einmal unter Arrest zu stellen. Somit gab es nie einen Prozess. Nur ein riesiges Medienspektakel. Und die eine große Frage: Wie konnte sowas sein, wie konnte jemand sowas Grauenvolles machen, ohne dass jemand in all den Jahren Verdacht schöpfte? Letztendlich waren so viele Menschen in all den Jahren einfach von der Bildfläche verschwunden, und niemand hatte wirklich nachgeforscht.

Umso entsetzlicher das Bild, das sich den Durchsuchungsbeamten in Denkes Haus bot: Hunderte von Zähnen und Knochen fand man, aus Menschenhaut gefertigte Hosenträger und Schnürsenkel, „Schlachtgewicht“ und Name der Ermordeten sauber notiert, Sauce aus menschlichem Fett auf dem schmutzigen Herd, das Fleisch in Pökelsalz gelegt oder zum direkten Verzehr zubereitet. Das Gerücht, Denke habe Teile davon auch auf dem Breslauer Wochenmarkt verkauft, wurde natürlich von der Marktleitung empört zurückgewiesen, aber Beigeschmack, Würgereiz und die böse Ahnung blieben.

Denkes Leben war ausgelöscht, bevor ihm auch nur eine einzige Frage gestellt werden konnte. Bemerkenswerte, intensive Recherchen (Quelle) von Armin Rütters gewähren Einblick in eine ganz spezifische Zeit mit eigenen Regeln und Sichtweisen, in eine kranke und verschlossene Seele, dunkel und schwer ergründlich. Was machte Karl Denke, diesen so introvertiert wirkenden Sonderling, zum Menschenschlächter? Zum Menschenfresser? Als man ihn zur Vernehmung mit aufs Revier nahm und ihn mit Oliviers Beschuldigung konfrontierte, behauptete er, der Mann habe ihn überfallen und er hätte sich lediglich gewehrt. Er muss gewusst haben, dass er mit dieser Lüge nicht durchkommen würde. Nicht mehr. Man würde alles, alles finden. Und er…

Sein Selbstmord hat ihm, „Vater Denke“, dem Kannibalen von Münsterberg, nicht die unrühmliche Popularität eines Fritz Haarmanns verschafft, der zeitgleich (1924) festgenommen worden war. Da war nichts, keine Bekenntnisse, Leugnungen, Erklärungen, Geständnisse, keine Unmengen an Zeugenaussagen unterschiedlichster Couleur, keine Protokolle, keine ewigen Erinnerungen durch die Medien. Denke verblasste schneller. Die Menschen verdrängen gern, das wurde mit den Jahren immer leichter. Diese eine umgetextete Operetten-Weise teilt er sich mit dem Kannibalen von Hannover:

„Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Denke (Haarmann) auch zu dir; mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Pökelfleisch aus dir.“

Ein eigenes Schauer-Lied, – „Menschenfleischwolf“ – , widmete ihm die deutsche Death-Metal-Band Eisblut:

(…) ein paar Bissen vom Fleisch
versüssen mir den Schweiß.

Sammle ihre Zähne als Trophäen,
410 sind es an der Zahl.
Ordne sie in 10er Reihen
sorgsam auf der Schlachterbank.
Meine Nachbarn mögen mich und meine Art.

Wer hätte je gedacht, dass der Fleischdämon
In Münsterberg weilt? (…)

Wer hätte? Könnte, wäre? Aber warten, warten wir…ein böses, furchtbar echtes Weilchen.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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