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Mein Freund

(Titelbild: Oculus, copyright: Relativity Media/Intrepid Pictures, 2013)

Ich wünsche mir, du hättest nie gefragt. Fühle mich verpflichtet, dir zu erklären, was mich grau und weiß gemacht hat. Träume von der verpatzten Chance, dich ernst nehmen zu können. Bete leider ungehört. Bete zu spät. „Geh‘ lieber“, hast du gesagt. Vorwurfsvoll. Unsicher. Dachtest wohl, ist soweit. Armes Stanzerl. Armes Ding. Habe dich weggetreten. Bist gekränkt gegangen.

Jetzt ist es drei Uhr fünfundvierzig. Es ist kalt und unbequem. Ich hocke auf dem Küchentisch, vor mir liegt die rote Kladde für die täglichen Ausgaben. Du weißt, wie akribisch ich bin. Hast mich ausgelacht deswegen. Könnte dir diese letzten Zeilen aber nicht zukommen lassen, würde sie nicht stets hier liegen auf dem blau gepunkteten Wachs. Daneben der schwarze Kugelschreiber. Billiges Werbegeschenk. Rettet mit Sicherheit nicht mein Leben, das wäre auch zu kitschig. Groschenromane passieren nicht wirklich. Mein schäbiges Gekritzel (Sauklaue, verzeih, kauere hier wie eine verkrüppelte Stubenfliege) lässt Euch aber vielleicht vorsichtiger werden. Gutes Gefühl, tot und fair und edel zu sein.

Habe vergessen, mich mit einer Wolldecke in Sicherheit zu bringen. Meine Füße sind Eisklumpen, die verdammte Heizung funktioniert nicht und der Rotwein geht zur Neige. Schaffe es nicht mehr, mich zu betäuben, es reicht nicht. Habe noch drei Zigaretten. Zwei Streichhölzer. Traue mich nicht, eins zu entzünden. Wenn es sofort wieder erlischt, fange ich an zu schreien.

Die Schatten toben immer noch durch meine Wohnung. Lächerlich, zu denken, hier auf dem Tisch würden sie mich nicht erwischen. Habe Krämpfe in den Waden, würde gern aufspringen, und auf, wieder ab, wieder aufhüpfen, um sie loszuwerden. Wage nicht, mich unnötig zu bewegen. Wie ein Kind, das sich sein Bettzeug über den Kopf zieht und keinen Finger, keinen Zeh unbedeckt lässt. Damit sie dich nicht kriegen. Damit sie dich nicht anhauchen, kitzeln, beißen können. Doktor „Janus“ Plötten sagt, es sind die Tabletten. Haha! Hält sich starr an seine Bücher. Der Idiot. Krempelkram. Janus Oberarsch.

Habe gestern den Trompeter am Fenster gegenüber gesehen. Wieder mal. Hat diese Melodie gespielt, den Totengräber-Blues. Wanna be killed by you, just you…Nenne ich so, das finstere Getröte. Schelm, ich Gottverfluchte. Muss von Maden im Hirn komponiert worden sein. Sage jetzt nicht, mein Freund, es seien meine eigenen. Hat mich angegrinst, der Kerl. Winkewinke. Kahlköpfig. Berechnend. Schwarzer Schlund, den er mir zeigte, als er die Trompete kurz von seinen Lippen befreite. Träge Insekten im Maul. Glaube mir, dass ich sie erkennen konnte. Spinne nicht. Sah sie müde nisten. Lauernd auf ihre Brut. Musste würgen. Sah violettbraune Tentakel aus den Ohren schießen. Spielten sein Lied, während er beidhändig weiter winkte. Öffnete die Hose und ließ seinen gelben Schwanz senkrecht emporschnellen. Komm‘ doch, komm‘ doch. Ging nicht rüber. Bin ja nicht bescheuert.

Meine Nachbarn grölten im Treppenhaus. Polonäse von Tür zu Tür. Affentheater. Klingelten Sturm bei mir. Besoffenes Pack. Wolten Schnaps von mir, wollten meine Titten sehen, mit meinem Schritt spielen. Mir Spucke in den Mund träufeln und mich von hinten beim Reigen ficken. Hab‘ nicht aufgemacht. Fühlte mich leblos, kochte vor Wut. Hätte die Wahnsinnigen gern kaputt gebissen. Meine Zähne an ihren Kehlen, in ihren Kehlen. Nippel und Hoden zerfleischen, Haare und Haut schmecken. Suchte Schlaf. Weg mit dem Spuk.

In meinem Bett lag schon einer, konnte da nicht hin. Roch nach verwesendem Fleisch wie die Möwe, die ich als Kind mit nach Hause gebracht hatte. Mein Vater knallte mir eine, rot vor Wut, rot vom billigen Fusel. „Das Viech ist tot. Stinkt. Es stinkt. Bohr‘ deine Nase rein, dummes Gör.“ Er packte mich im Nacken wie einen vom Schnee erstaunten Welpen und ließ mich atmen. Nie vergessen. Der Kotzreiz sitzt in mir, hast sich festgebohrt.

Der Schatten schnarchte in meinem Satin. Kühl ist es darunter, lässt dich über die Schwüle eines verfluchten Sommers grinsen. Ich stach ihn ab, hatte Lust, meine Finger in warmem Blut zu baden. Es floss nicht. Nichts floss. Schnitt ihm die Kehle durch, schnitt ihm die Zunge heraus. Schälte seine Augäpfel, viertelte seine Maschine. Ihm war das egal. Hatte das Bett längst verlassen, klebte an der Decke und rotzte kichernd auf mein Haar. Seine Brüder warteten hinter meinen Türen, zauberten ein Spinnennetz, in dem ich mich verfing. Konnte mich lösen und hörte sie jaulen. „Kriegen dich, kriegen dich.“ Denke an Doktor Janus. Hasse ihn. Würde ihm mit Vergnügen seine Peitsche aus den wichsenden Fingern reißen, sie ihm ins Loch stecken, in sein eigenes, jungfräuliches. Wünsche mir, dass die Schatten seine Gelenke zerschmettern und mit Strohhalmen sein Gehirn aussaugen. Möchte mitschlecken. Will seine dummen Lippen kauen, die nach Tabletten kreischen.

Habe die Pillen seit Tagen nicht mehr genommen. Aber die Schatten sind nicht gegangen. Raunen, schluchzen, brüllen in meine Ohren, die ich fest umklammere, damit nichts durchdringt. Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann? Niemand? Ichichich.

Der Küchentisch ist keine Zuflucht, der Wein kein Trost. Habe eins der Streichhölzer entflammt, rauche hastig. Zu langsam für das Ende. Mein Haar ist strähnig, ich esse meine Fingernägel, glaube an Gott und irgendwie doch nicht. Wer soll ewig leben? Wer will das? Ich höre, wie sie Luft schmatzen. Sie kommen näher. Habe keine Zeit mehr, mein Freund. Lies mich und begreife. Sie haben auf mich gewartet. Schließe die Augen und lausche…die Toten ruhen nicht lange. Und nicht alle sind gut.

Schlägt dir nachts feuchter Atem ins Gesicht, dann denke an mich. Halte die Luft an, lauf‘ in die Nacht und komme nie wieder. Schwöre, mein Freund. Gebt Acht auf Eure Träume. Sage das. Erzähle das. Und warne.

Ich küsse dich süß und hungrig, werde dich besuchen.
Bald schon.

Konstanze

 

(erschienen in: Schweigeminuten, Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken, 2011)

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (145 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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