Marty McFly (Der zeitlose Zeitreisende)

Der Urtext des Nerdkanons

Als Robert Zemeckis und Bob Gale einigen Studios das Drehbuch der mittlerweile legendäre Science-Fiction-Komödie von 1985 anboten, wollte es zunächst keiner haben. Man war der Meinung, dass dieser unbeschwerte Spaß gut zu Disney passen würde, aber dort sträubte man sich gegen Marty McFlys Techtelmechtel mit seiner Mutter Lorraine im Jahre 1955.

Aber auch, als der Film bei Universal ein Zuhause fand, blieb die Produktion chaotisch: Der ursprüngliche McFly-Darsteller Eric Stolz wurde für Michael J. Fox abserviert, während Schnitt- und Terminschwierigkeiten einen kompletten Film immer unwahrscheinlicher machten. Schließlich wurde der Film am 3. Juli 1985 in den Kinos uraufgeführt. Der Rest ist – wie man so schön sagt – Geschichte.

Die brillante Science-Fiction-Abenteuer-Komödie, die genau genommen aus drei Teilen besteht, ist bis heute ein Favorit der Fans nicht nur der 80er Jahre, sondern von Filmliebhabern allgemein. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der versehentlich in jene Zeit zurück reist, in der sich seine Eltern trafen. Und nun muss er sie zusammenbringen, um seine eigene Zukunft zu retten. Dargeboten von einer wunderbaren Besetzung, von einem großartigen Soundtrack untermalt, gespickt mit hervorragenden Dialogen und mit soliden Spezialeffekten versehen, kam etwas Zeitloses dabei heraus.

Über das zentrale Thema des Films hinaus (dass Marty nämlich schnell zusehen muss, seine Eltern zusammenzubringen), wird hier auch das Motiv der Überwindung von Angst abgehandelt. George McFly war einst ein Mauerblümchen voller Zweifel. Er braucht seinen eigenen Sohn, damit er auf eigenen Füßen stehen kann, um Biff (endlich) in den Griff zu bekommen und sich in Lorraine zu verlieben.

Aber Martys Einfluss reicht noch weiter, denn er beeinflusste während seiner Zeitreise auch das, was mit George und seiner Frau im Jahre 1985 passiert. Er kann das, weil Marty anstelle von George von seinem Großvater angefahren wurde. George ist nur deshalb ein erfolgreicher Autor und Hochschulprofessor, Lorraine ist nur deshalb ein glückliches Wesen. Selbst Martys beiden älteren Geschwister geht es besser dank des Selbstvertrauens, das Marty George vermitteln hat.

Es gibt viele Dinge der 80er Jahre, die in Erinnerung bleiben werden: die Musik (alles von Hair Metal bis Pop), die Fortschritte in Technologie und Wissenschaft (Heimcomputer) und der persönlichen Unterhaltung (CDs, Videospiele, etc). Aber wenn es zur großen Unterhaltung kommt, werden es die Filme dieses Jahrzehnts sein, die wirklich unvergänglich sind. Zurück in die Zukunft ist einer von ihnen. Das Vermächtnis und der Einfluss dieses Films sind so kraftvoll, dass selbst Ronald Reagan ihn in seiner Rede über die Lage der Nation zitierte, als er sagte:

„Noch nie gab es eine aufregendere Zeit zu leben (…) wie sie in Zurück in die Zukunft sagen: Dort wo wir hingehen, brauchen wir keine Straßen.

Präsident Reagan hatte Recht, die 80er Jahre waren eine aufregende Zeit, selbst wenn der Kalte Krieg gerade seinen Höhepunkt erreichte und die Probleme im Nahen Osten zunahmen. Die 80er Jahre waren eine Zeit der Errungenschaften, der Neulanderschließung in so vielen Bereichen. Und dieses Film-Triptychon wird für immer Robert Zemeckis‘ Meisterwerk sein.

Der Grund dafür ist aber nicht so sehr Zurück in die Zukunft selbst, es sind vielmehr die Fans. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein solches Franchise eine treue Kultanhängerschaft inspiriert, aber hier liegt es vielleicht an den wunderbar verzweigten Handlungssträngen. Der Film ist beeindruckend populär und beeindruckend albern; ob Zemeckis damit den Urtext des Nerdkanons schreiben wollte oder nicht: gerade der erste Film ist dazu geworden.

Versteckte Hinweise

Abgesehen davon, dass es sich bei Zurück in die Zukunft um eine der besten Filmtrilogien handelt, die jemals gedreht wurde, sind die einzelnen Filme auch deshalb besonders bemerkenswert, weil sie vor Referenzen geradezu strotzen. Es vergeht kaum eine Szene, die nicht etwas enthält – sei es ein Wink, der sich auf die laufende Geschichte bezieht, ein Verweis auf ein anderes Werk, oder einfach nur ein kleiner Witz.

Einige Beispiele

Doc Browns Uhren

© United International Pictures GmbH

Zu Beginn des ersten Films bewegt sich die Kamera durch Doc Browns imposante Uhrensammlung, die perfekt aufeinander abgestimmt ist; alle Uhren gehen 25 Minuten nach. An einer von ihnen baumelt ein Mann. Das ist natürlich der Stummfilm-Star Harold Lloyd, wie er auch in der berühmten Szene seines Films „Ausgerechnet Wolkenkratzer“ von 1923 zu sehen ist. Abgesehen davon, dass es der Hinweis auf einen klassischen Film ist, wird hier schon die spätere Szene vorgezeichnet, in der Doc auf nahezu identische Weise von der Hill Valley-Uhr hängt.

Allerdings ist die Uhrensequenz auch eine offensichtliche Hommage an den Klassiker „Die Zeitmaschine“ von 1960, der ebenfalls mit einer Montage verschiedener Uhren eröffnet.

Statler Toyota

Sobald der Radiowecker angeht, bekommen wir unsere erste Referenz auf „Statler Toyota“, ein Autohaus, das später auf dem Hauptplatz von Hill Valley zu sehen sein wird (dieses Autohaus ist im Besitz des Trucks, den Marty so sehr schätzt). In jeder Version von Hill Valley gibt es einen Statler-Händler – es sind „Honest Joe Statler’s Fine Horses“ im Jahre 1885, „Statler Studebaker“ im Jahre 1955 und „Statler Pontiac“ im Jahre 2015.

Der CRM 114-Verstärker

© United International Pictures GmbH

Hier haben wir eine ziemlich markante Referenz vor uns, obwohl sie leicht zu übersehen ist, wenn man nicht weiß, was sie bedeutet. Das Schildchen auf dem Verstärker, in den Marty seine Gitarre steckt, trägt die Aufschrift „CRM 114“. Dies ist der Name eines Geräts aus Stanley Kubricks „Dr. Seltsam“ (übernommen aus dem Roman Red Alert von Peter George, der diesen Film lose inspirierte). In Kubricks „Uhrwerk Orange“ taucht es dann als Serum 114 erneut auf, ebenso in „Eyes Wide Shut“. Seitdem ist es auch von anderen Regisseuren verwendet worden, findet seine Erwähnung in Star Trek: Deep Space 9 oder in Men in Black III.

Die Szene ist aber auch eine Referenz an das Musikvideo „We’re not gonna take it“ von Twisted Sister, in dem eine laute Gitarre den Vater des rockenden Kindes aus dem Fenster bläst.

Die Rathaus-Uhr

Als die Spendensammlerin Marty das Flugblatt mit Informationen über die Rathaus-Uhr überreicht, sagt sie, dass die Denkmalgesellschaft will, dass die Uhr genauso erhalten bleiben soll, wie sie ist. Allerdings gibt sie Marty mit dem Flugblatt die Möglichkeit in die Hand, ins Jahr 1985 zurückzukehren, und während Doc versucht, den Blitz einzufangen, bricht sein Fuß ein Stück von dem Mauerwerk ab. Und diese Änderung wird auch am Ende des Films (im neuen „1985“) gezeigt.

Orgy American Style

© United International Pictures GmbH

Das hier ist ziemlich nerdy. Auf einer Kinoanzeige in Hill Valley kann man erkennen, dass dort ein Film namens „Orgy American Style“ gezeigt wird. Dieser Film ist ein Porno aus dem Jahr 1973, in dem George Flower mitspielte, der in Zurück in die Zukunft I und II als „Red“, der Stadtpenner auftaucht. Dieser George Flower ist überhaupt bekannt dafür, in unzähligen Filmen immer nur als kurze Nebenrolle aufzutauchen.

The Honeymooners

Honeymooners; © United International Pictures GmbH

Als sich am 25. Oktober 1985 mit seiner Familie zum Abendbrot hinsetzt, wird im Fernsehen eine Episode der „Honeymooners“ von 1955 wiederholt. Und als er im Jahre 1955 mit der Familie seiner Mutter am Tisch sitzt, wird exakt die gleiche Episode ausgestrahlt, die zu diesem Zeitpunkt natürlich brandneu ist. Dies ist die Episode „The Man from Space“ und sie kündigt den Moment an, in dem Marty sich als Raumfahrer verkleidet, um George in Stimmung zu bringen, sich um Lorraine zu bemühen.

Die Farben der Zeitanzeige

© United International Pictures GmbH

Die Datumsanzeigen im DeLorean mit ihren grünen, gelben und roten LEDs  ist eine direkte Referenz an die gleichfarbigen Glühbirnen, die von George (Rod Taylor) in „Die Zeitmaschine“ von 1960 angebracht wurden.

Der unheimliche Zotti

Das ist der deutsche Titel des Disney-Klassikers aus dem Jahre 1959. Laut Bob Gale wollte man eine Szene haben, in der ein Hund wie im Disney-Film hinter dem Steuer eines Autos sitzt. In Zurück in die Zukunft ist das Einstein, der im DeLorean zum ersten Zeitreisenden der Welt wird.

Tales from Spacre

© United International Pictures GmbH

Das Comic, das auf seinem Titelbild eine Szene ähnlich der Martys mit seinem DeLorean zeig, gibt es in Wirklichkeit nicht. Es wurde vom Produktionsteam mit der Vorgabe gestaltet, den zeitgenössischen Horror- und Sci-Fi-Comics so nahe wie möglich zu kommen. Man verwendete sogar das Logo und die Schriftart des legendären Verlags EC (Entertaining Comics), um dem Ausehen von „Vault of Horror“ und „Tales from the Crypt“ nachzubilden.

Zurück in die 50er

© United International Pictures GmbH

Als Marty zum ersten Mal in den 1950er Jahren den Hill Valley City Square betritt, ist ernatürlich von zeitspezifischen Popkultur-Referenzen umgeben. „Cattle Queen of Montana“ (Königin der Berge) ist ein echter Film aus dem Jahr 1954 mit Barbara Stanwyck und Ronald Reagan – der den Hinweis auf den zukünftigen Präsidenten einige Szenen später (als sich Doc Brown darüber lustig macht) vorwegnimmt. „The Ballad of Davy Crockett“ und „16 Tons“ (von denen der erste auch zu hören ist, als Marty in Lou’s Diner geht) waren beide Hits im Jahr 1955. „Mister Sandman“ erschien 1954.

„Ich weiß nicht,  ob ich so eine Zurückweisung verkraften würde“

Diese Worte, die George zu Marty sagt, sind natürlich ein Spiegelbild dessen, was Marty etwas früher im Film zu Jennifer sagt. Es ist das erste Zitat, das von einer McFly-Generation zur nächsten übergeht.

Science Fiction Theatre

George McFlys Lieblingsfernsehsendung war in der Tat im Jahre 1955 eine echte Anthologie-Serie; und am 12. November 1955 wurde auch wirklich eine Episode ausgestrahlt, die er verpasst hat, als er zum Tanz ging und Lorraine Baines küsste.

© United International Pictures GmbH

Die Ausgabe des Fantastic Story Magazine, die wir in der abgebildeten Szene neben einem schlafenden George sehen, ist ebenfalls echt: Es handelt sich um die Herbstausgabe 1954.

Van Halen

© United International Pictures GmbH

Bemerkenswert ist auch das Kassettenband, mit dem Marty George verwirrte: Es ist deutlich zu erkennen, dass der Name Edward eilig zu „Van Halen“ hinzugefügt wurde. Der Grund dafür ist, dass die Band Van Halen weder ihren Namen noch ihre Musik für Filme freigab. Eddie Van Halern selbst allerdings stimmte zu und sorgte für das Gitarrenflirren. Er gab allerdings erst Jahre später zu, dass er es selbst eingespielt hatte.

Gitarrengötter

Wahrscheinlich wissen wir alle, dass Marvin mit seinem Cousin Chuck Berry telefoniert, der Johnny B. Goode drei Jahre nachdem er es von Marty „hörte“, geschrieben und aufgenommen hat (im Film singt übrigens nicht Michael J. Fox, sondern ein Sänger namens Mark Campbell). Für den Fall, dass ihr eine der Referenzen verpasst habt: Marty zollt Pete Townshend tribut, als er dem Verstärker einen Tritt gibt, Angus Young (auf dem Rücken liegend), Jimi Hendrix (Gitarre hinter dem Kopf), und dem bereits erwähnten Eddie Van Halen (das „Tapping“ auf der Gitarre).

Lone Pine Mall

© United International Pictures GmbH

Möglicherweise eines der berühmtesten Easter Eggs der Filmgeschichte, obwohl es immer noch Leute gibt, die es auch nach mehrmaligem Sehen nicht bemerkt haben: Was früher die „Twin Pines Mall“ war, ist, als Marty ins Jahr 1985 zurückkehrt, zur „Lone Pine Mall“ gworden – eine Folge davon, dass Marty einen der beiden Fichtenbäume von Old Man Peabody auf dessen Ackerland zerstörte, wo sich jetzt die Mall befindet. Neben dem zerbrochenen Mauerwerk an der Rathausuhr ist das ein weiterer subtiler Hinweis darauf, dass Martys Reise in die Vergangenheit eine nachhaltige Wirkung auf seine eigene Gegenwart hatte.

Es gibt noch unzählige Referenzen mehr. Einige von ihnen gehen durch die kulturellen Unterschiede und die Synchronisation unter, wie etwa der Ausruf Docs: „Great Scott!“, der im ersten Teil zu „Grundgütiger!“, und im zweiten Teil schlicht zu „Großer Gott!“ wurde. Tatsächlich ist das nicht etwa eine falsche Übersetzung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war dies in den USA ein geläufiger Ausruf des Erstaunens, und „Scott“ war hier als Ersatz für „Gott“ zu verstehen. Diese Referenz geht auf den großen Geschichtsschreiber Sir Walter Scott zurück.

In Teil 2 und 3 gibt es natürlich ebenfalls eine Menge Referenzen, aber das würde den Rahmen sprengen. Wer Lust hat, kann sich gerne selbst auf die Suche machen. Man könnte ein ganzes Buch damit füllen.

Karl Marco

Karl Marco

Karl Marco wurde 1978 im Schwarzwald geboren. Er absolvierte ein Studium, arbeitet aber hauptsächlich als Förster. Er findet sein Glück in der Pokultur genauso wie bei Shakespeare, wobei er ein bisschen mehr Glück dann doch in der Popkultur erfährt. Da er das Phantastikon für das beste Magazin überhaupt hält ist es klar, dass er ab und zu daran mitarbeitet.

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