News Ticker

Marthe stirbt nicht

(Titelbild: Rosemary’s Baby, 1968, copyright: William Castle Productions)

Mittlerweile machte ihr Alter sie nervös. Marthe sah in den Spiegel und verfluchte ihr Bild. Mit jedem Jahr wurde es hässlicher, der Tod rückte näher, und sie betete, dass er sich die Junge holen würde. Wenn sie nur endlich käme. Vielleicht krepiert dieser Dreckskörper endlich. Es wäre so einfach. Lieber Gott, hol ihn dir morgen. Übermorgen. Am Sonntag, wenn deine verdammten Glocken läuten.
Sie griff an ihren Hals und zog an der Haut. Lappig wie bei einem Truthahn. Ekelhaft.
„Große Güte, Gottgottgott, oh bittebitte, hilf mir doch. So hilf mir doch. Das da ertrage ich nicht mehr.“
Marthe sprach laut, obwohl sie wusste, dass Gregor sie hören musste und sich vermutlich köstlich über sie amüsierte. Sein Kommentar war boshaft, natürlich, sie verstand das Liebevolle darin und lächelte sich im Spiegel zu. Erblickte eine Greisin mit gelben Lippen, die sich kräuselten, spuckte aus.
„Würde ich ihn in Erwägung ziehen, hättest du ernsthafte Schwierigkeiten, meine Teure. So was nennt man Lästerung.“
„Dass ich bete? Jeder darf beten. Jedes Schwein, jedes Arschloch darf das.“
„Er wäre ein Vollidiot, wenn er ausgerechnet dir helfen würde.“
Sie drehte sich um, er lehnte mit verschränkte Armen am Türrahmen, sie kniff die Augen zusammen. Uralt bist du. So alt. So grässlich alt.

Marthe zuckte mit den Schultern. „Warum? Weil ich ehrlich bin? Als würdest du dich nicht anwidern. Als würdest du dir nicht wünschen, dass der junge Kerl es sein wird. Nicht du. Du doch nicht, Goro. Du bist fünfundachtzig. Du gierst nach seinem Tod. Du hast nicht mehr viel Zeit. Dein Herz, mein Guter.“
„Zumindest bettle ich nicht. Bittebittebitte.“ Er imitierte ihre Stimme, die tatsächlich dunkler war, hustete, wischte sich mit dem Handrücken den Speichel vom Mund.
“Tu bloß nicht so scheinheilig. Du willst es ja auch. Du hast Angst. Du stinkst. Du verfaulst. Und Himmelherrgott, du sollst deine Chance kriegen. Aber nicht ohne mich. Wie gottverflucht unfair wäre das denn?“
Er lachte, es klang heiser, er rauchte immer noch. „Den da oben kotzt du an, wetten? Falls so was wie der klar denken kann, bist du die Letzte, die ihm einfällt. Ich sag das ungern, du bist mein Leben, was soll ich sonst? Aber sieh doch ein, wie es ist. Wenn es passiert, gut. Wunderbar. Wenn nicht, Pech. Das ist Roulette, Marthe.“
„Du bist ein Spielverderber, Goro.“ Sie drehte sich wieder um, seufzte in den Spiegel und griff nach der Haarbürste. Sieh sich einer diesen gerupften Kopf an. Nützt nichts, kämm ihn.
Sie zog die schmalen Lippen nach. Hellrosa. Ihre Farbe für das Alter. Sie bevorzugte ein kräftiges Rot. Das nahm sie für die Mädchen, bei denen passte das immer.
Gregor nickte und zwinkerte ihr zu.
„Bist meine Schöne.“
„Bist mein Bester.“

In dem Moment klopfte es. Gregor atmete tief durch. Marthe war selig. Einundzwanzig Tage. Und wer weiß?
Vor der Tür warteten ihre Gäste. Die neuen Mieter. Ein nettes junges Paar. Perfekt ausgesucht. Lisa und Bernd. Schöne Namen. Schöne Körper. Und so herrlich unabhängig. Marthe war immer noch begeistert. Es klappte immer wieder. Etwas Geduld musste sein, aber es klappte. Sie bedankte sich für die Blumen, lächelte. „Ich bin Marthe. Das ist mein Mann. Mein lieber alter Goro.“
Er warf Marthe einen ärgerlichen Blick zu.
„Gregor. Ich heiße Gregor.“
Marthe kicherte. „Heute so, morgen so. Egal aber auch.“ Sie klatschte in die Hände. „Goro hat Sekt kalt gestellt. Wollen wir?“

Zwei Stunden später wähnten Lisa und Bernd sich in einem grotesken Horrorfilm. Sie hatten Sekt getrunken, das Käsefondue, Gregors Feuerzeugsammlung und Marthes Aquarelle gelobt, sie hatten Likör dankend abgelehnt, dann doch probiert, sich recht wohl und erheitert und etwas benommen gefühlt. Als dann Marthe unverhofft mit dieser Blechdose vor ihnen stand und ihnen bräunlichen Puder ins Gesicht blies, hielten sie das schlicht für eine harmlose, nichtsdestotrotz unangenehme Merkwürdigkeit. Freilich kamen sie weder dazu, sich solch eine Unart höflich zu verbitten noch einer gewissen Empörung Luft zu machen. Völlig entgeistert starrten sie auf ihre junge, hübsche Gastgeberin. Sie war eine absolut identische Kopie von Lisa, Sonnenbrille im Haar, bunter Sommerrock, lackierte Fußnägel. In der rechten Hand die Dose.
Lisa, das Original, schrie auf, hörte Bernd eigenartig dumpf keuchen. Er war hoch gesprungen und hatte dabei den Beistelltisch mit der Sektflasche und den frisch gefüllten Gläsern umgestoßen. Lisa schrie nochmals, fasste sich an den Hals und zerriss dabei eine filigrane Kette, die sie nie besessen hatte. Dabei kniff sie sich unbeabsichtigt in die schlaffen Hautlappen unter ihrem Kinn. Es schepperte, das Glas zersprang auf den Fliesen, Lisa kreischte, Bernd blickte kurz zur Seite, sah eine kreischende Marthe in ihrem grünen Baumwollkleid und wollte das alles nicht wissen.
Er trug Gregors Cordhose und hatte einen dicken Bauch, und unwillkürlich ließ er seine Zunge durch seinen Mund wandern. Falsche Zähne. Er, der andere Bernd, saß immer noch scheinbar unbeeindruckt auf dem Sofa, lehnte sich langsam vor vor, zündete sich als strenger Nichtraucher eine Filterlose an und zuckte mit den Schultern.

„Jetzt beruhigt Euch mal, Kinder. Es ist nicht von Dauer. Nur ein Spiel. In drei Wochen seid ihr wieder die Alten.“
Marthe nickte eifrig, ihre vollen roten Lippen glänzten. „Also bitte. Gönnt uns den Spaß. Ihr habt Ferien. Ihr wolltet zu Hause bleiben. Was ändert sich? Einundzwanzig Tage. Das ist nichts gegen ein langes Leben. Außerdem..“ Sie machte eine kleine Pause, seufzte, lächelte. „…außerdem können wir es jetzt auch nicht mehr ändern.“ Würde ich auch nicht, bin ich denn bescheuert, so eine fette Chance, hoffentlich klappt’s und ihr seid mausetot. Morgen, übermorgen, am Sonntag, wenn die verdammten Glocken läuten.

Bernd und Lisa hofften nur kurzfristig, mit irgendwelchen abstrusen Drogen zugedröhnt worden zu sein. Nachdem sie aufgebracht und widerwillig, notgedrungen interessiert eine Geschichte gehört hatten, die nicht besser und nicht schlechter als irgendein anderer Wahnsinn war, mussten sie einsehen, dass nichts anderes als dieser gottverfluchte Irrwitz für sie herauskam. Der Spuk dauerte ohne Wenn und Aber einundzwanzig Tage, das wussten Marthe und Gregor definitiv. Die Puderdose hatte ihnen ein weit gereister Freund vor einigen Jahren im Tausch mit einem der seltenen Feuerzeuge überlassen, die Gregor sammelte und sich insgeheim die Hände gerieben hatte, weil die Dose zwar sehr ausgefallen, aber simples Blech war. Marthe gefiel sie. Und Marthe gefiel, was man mit ihr machen konnte.
„Körper tauschen? Wofür denn bloß? Das ergibt doch keinen Sinn.“ Lisas Stimme klang gequält. Marthe sah sie entgeistert an. „Keinen Sinn? Ich bitte dich, Kindchen, wir sind über achtzig. Sieh dich doch an. Gruselig, meine Gute. Und jetzt sieh mich an. Gregor. Sieh meinen lieben alten Goro an. Wir sind jung. Alles macht Sinn.“
Bernd hustete, schlug mit der Faust auf den Tisch, hustete heftiger, griff sich an die Brust. „Wie jetzt?“ Er krächzte. „Ihr seid jung? Völlig durchgeknallte Arschlöcher seid ihr. Ich geh zur Polizei, Schluss mit dem Schmierentheater.“

„Und was willst du sagen? Bei der Polizei? Was willst du erzählen? Hä? Armleuchter.“ Gregor war aufgestanden und hatte sich mit verschränkte Armen vor ihm aufgebaut. Er sah so groß und gut aus in seinen engen Jeans. Bernd kam sich so nichtig und schäbig in seiner ausgebeulten grauen Cordhose vor. Er zuckte zusammen. Gregor grinste. „Nimm’s mir nicht übel, Junge, aber für die Märchenstunde bist du zu alt.“ Er ging zur Anrichte, goss sich einen Schnaps ein und prostete Bernd zu. „Auch einen? Kräuter. Gut gegen Zipperlein.“
Marthe lachte. Lisa hätte ihr ins Gesicht schlagen können, aber sie fühlte sich zu müde, um die Faust zu ballen. „Wie oft schon? Wie oft habt ihr Irren irgendwelchen Leuten dieses beschissene Zeug schon ins Gesicht geblasen?“ Sie sprach tonlos, rieb sich die Augen, sah auf ihre Hände, knetete hilflos ihre dürren Finger.

Marthe schüttelte den Kopf. „Nicht irgendwelchen. Es waren natürlich immer Pärchen. Alles andere hat doch keinen Zweck. Denk doch mal nach, Mädchen. Was stand in der Annonce? Parterrewohnung an junges Paar in ruhiger Wohnlage zu vermieten. Da hast du’s. Wir suchen uns zwei aus, bei denen wir nicht mit unnötigen Schwierigkeiten rechnen müssen, und damit ist es auch schon getan.“
„Was für Schwierigkeiten? Ihr habt ganz große Schwierigkeiten, das sag ich Euch.“ Bernd hatte sich wieder gefasst, er saß aufrecht und sprach zornig, aber seine Atmung verriet die Anstrengung.
Marthe warf ihm einen gelangweilten Blick über die Schulter zu. Sie hatte neue Gläser geholt und schenkte Sekt ein, Wesentliches war erledigt. „Mitnichten. Wenn alles vorbei ist, geben wir euch zwanzigtausend, und ihr zieht einfach weg. Die ganze Sache glaubt euch eh niemand.“
„Und ihr inseriert einfach wieder neu. Oder was?“
„Wenn unsere Gesundheit es erlaubt. Ja.“
„Mit Sicherheit nicht. Sobald das hier gefressen ist, sorge ich dafür, dass ihr am Arsch seid. Bis eure Gurgeln platzen.“
Bernd legte seinen Arm um Lisa und zog sie an sich. Wie knochig sie war. Wie sie roch.
Lisa hätte jetzt gern geweint, aber da kam nichts, ihre Augen waren trocken. Zu trocken. Sie blinzelte.
Marthe lächelte. „Nimm mein Spray. Steht im Bad.“ Sie runzelte die Stirn, überlegte kurz, lachte. „Vergessen. Ach nein. Die nächste Zeit wohnt ihr bei uns und wir sind unten. Wie immer.“
„Wie immer?“
„Einige Male eben.“ Und bei dieser Katja hätte ich wetten können, dass ich sterbe, so schlecht ging es mir im Herbst. Aber nein, das blöde Stück hat mich durch die Grippe geschleppt, wie weh das tat, dieser stramme Hintern, dieses schwarze Haar, diese feine weiße Haut wieder hergeben zu müssen, ich Ärmste, ich, und der da oben rührt keinen dreckigen Finger.

Drei Tage später stand der Leichenwagen vor dem Haus. Gregor war tot. Marthe freute sich für ihn. Gleichzeitig fühlte sie sich zutiefst beunruhigt. Wenn es ihr nicht auch gelingen würde, müsste sie weiter suchen. Allein. Natürlich würde er ihr helfen, aber die Zeit drängte. Sie war jetzt zweiundachtzig. Es könnte ohne den Tausch passieren, in nur wenigen Wochen, praktisch stündlich, da machte sie sich nichts vor. Ich werde brennen, wenn es schief geht, er wird mich holen, und dieser Gott guckt zu, guckt weg, lacht mich aus. Lacht sich kaputt. Vielleicht morgen. Übermorgen. Am Sonntag, wenn die verdammten Glocken läuten.

Sie betrachtete sich im Spiegel. Schulterlange blonde Locken, straffe Brüste, Puppenaugen. Blau und rund, ganz anders als ihre eigenen. Sie war schön. Ich will so bleiben so bleiben so bleiben.
Im Wohnzimmer hockte die alte Frau neben dem jungen Mann auf dem gelben Plastiksofa, mit dem Marthe sich nicht anfreunden konnte. Die Frau heulte, der Mann hatte tröstend den Arm um ihre Schultern gelegt. Wie gut er aussieht. Wie grausam alt ich bin.
Marthe zündete sich eine Zigarette an, setzte sich in den Korbstuhl vor der Terrassentür und bemühte sich um Betroffenheit. Es strengte sie nicht wirklich an, es war nur falsch.
„Was soll ich sagen, Lisa? Es ist ganz furchtbar. Das haben wir nicht gewollt.“
Die alte Frau hob den Kopf, das Gesicht aufgequollen vom Weinen, der Blick hasserfüllt. Natürlich. Trotzdem zuckte Marthe leicht zusammen.
„Was? Was nicht gewollt?“
Sie schüttelte sich, sprang auf, stöhnte, weil die Knie schmerzten, schrie.
„Erzähl doch keinen Scheiß. Was hast du nicht gewollt? Dass Bernd stirbt? Dass er in diesem verrotteten Körper tot umfällt? Einfach so? Mit zweiunddreißig? Was hast du denn gewollt? Was hast du dir gedacht? Dein Mann war todkrank. Der konnte nicht mehr. Der brauchte meinen Bernd für seine nächsten fünfzig erbärmlichen Jahre. Ist doch so?“

Marthe sah sie an, nicht wirklich betrübt, trotzig, mitfühlend vielleicht. „Ja. Was soll ich machen?“
Lisa kniff die Lippen zusammen, presste „Hol dich Drecksau der Teufel“ heraus, schrie erneut. “Das hast du genau gewusst.“
„Nein.“ Marthe flüsterte jetzt. Sie log, sie wollte leise lügen. „Es sollte das letzte Mal sein. Wirklich. Ich schwöre bei Gott.“ Wenn dir das nicht passt, kannst du mich mal. Vor der Hölle retten wirst du mich wohl auch kaum, also glotz nicht so abfällig.
Marthe drückte die halb gerauchte Zigarette aus, das Rauchen gefiel ihr nicht, sie überlegte, eine Flasche Wein zu öffnen, noch eine, das würde sie alle ruhig stellen. Wieso eigentlich alle? Er könnte auch was sagen. Er war schuld. Wenn es auch richtig war.
„Sag was, Goro. Sag, dass sie die Letzten sein sollten. Dass wir dann ganz einfach so gestorben wären. Wenn wir wieder getauscht hätten. Wie abgemacht. Es ist ein Unglück. Ein entsetzliches Unglück. Der arme Bernd.“
„Der arme Bernd?“ Lisa fuchtelte wild mit den Armen. „Du Miststück, dreckiges Miststück. Was war abgemacht? Habt ihr gefragt? Haben wir gesagt, dass wir da mitmachen? Nienienienienie hätten wir das gemacht. Nie.“ Sie ruderte weiter, keuchte, schwankte gefährlich, fing sich wieder. Marthe sah ihr ausdruckslos zu. Lächerlich. Hysterisch, so was. Was soll ich denn sagen? In achtzehn Tagen bin ich in diesem Wrack drin, und sie hat ihre goldenen Löckchen wieder. Und Goro bleibt Jungsiegfried.
Lisa stand jetzt kerzengerade vor dem Korbstuhl, so dürr, so gebrechlich. Trotzdem. Marthe rutschte nervös zur Seite, dann fiel ihr der Wein ein. „Ich schlage vor, du setzt dich wieder zu deinem…meinem Mann.“ Sie schluckte, das klang jetzt ganz und gar daneben, sie hätte sich ohrfeigen können. Hineinschlagen in diese wirklich entzückende Visage. Wohl eher nicht. Noch gehört sie mir. „Ich hole uns was zu trinken.“
Lisa kreischte. „Ich will nichts trinken. Ich will Bernd zurück.“
„Unmöglich. Er ist tot. Das Herz. Mein Herz. Entschuldige.“ Das war Goro. Marthe blickte augenblicklich flehend zu ihm herüber. Hol mich weg von der Irren, so war das nicht geplant. Warum fällt die Alte nicht um, so wie Du?

„Ihr habt das alles geplant. Ihr beide. Was ist los? Worauf warte ihr? Wollt ihr mich nicht endlich auch umbringen? So habt Ihr euch das doch vorgestellt. Das ist doch alles völlig krank. Das ist doch nicht normal. Wahnsinn, Wahnsinn ist das. Ein Alptraum.“ Lisa wimmerte und sackte auf dem Teppichboden zusammen.
Marthe sah ihr staunend zu. Welch Elend von Mensch. Und die hält sich immer noch. Der große schlanke Mann sprang vom Sofa auf, beugte sich über das zitternde Bündel am Boden, zog es hoch, drückte es an seine Brust. „Schtscht.“
Marthe gefiel das nicht. Es war ihr Goro, so sanft, so sportlich, Goro mit kurzgeschorenem schwarzem Haar, leicht gebräunt, mit guten echten Zähnen. Ein junger Gott. Ihrer. Er sah nicht zu ihr herüber. Er streichelte den winzigen alten Kopf und flüsterte in das alte weiße Ohr. „Schtscht.“

Zehn Tage später hatte Lisa sich mit ihrer Situation einigermaßen arrangiert. Gregors Körper war Asche. In ihrer Trauer um Bernd fand sie Trost bei Marthes Mann, er kümmerte sich rührend um sie, von Schuldgefühlen geplagt, die ihn verwirrten, weil er am Ziel und trotzdem ratlos war. Er hatte seinen neuen Körper. Er hatte phantastischen Sex mit der schönen Marthe, sie tanzten wieder. Er war jung. Einunddreißig. Musikschullehrer, der grandios Trompete und recht leidlich Klavier spielte, wie er jetzt wusste. Gregor hatte in seinen vierundachtzig Jahren keine einzige Note gelernt, er mochte einige Schlager und Seemannslieder, die er mitbrummen konnte, da hörte es auf.
Lisas Augen, in denen er Marthe nur verschwommen sah, ruhten traurig auf ihm. „Bernd liebte Klassik.“
Marthe, so zauberhaft unschuldig in verwaschenen Blue-Jeans und vor dem Bauch verknoteter Bluse, nickte ungeduldig. „Ja. Fein. Goro aber nicht. Goro war Tischler. Das wird sich regeln lassen. Schaffenskrise. Drang zu neuen Ufern. So was.“

Sie gab sich praktisch, auch optimistisch. Tatsächlich hatte Marthe Angst. Vier Jahre war es her, dass sie und Gregor durch diesen denkwürdigen Zufall die Chance erhalten hatten, neu beginnen zu können. Fünfmal hätte es bereits passieren können. Es wäre richtig gewesen. Aber sie waren nicht gestorben. Jetzt war sie übrig. Wenn Lisa sie überleben würde, bräuchte sie möglichst schnell einen jungen Körper. Eine alleinstehende Mieterin ohne Pflichten. Vielleicht Studentin. Neu in der Stadt. Ohne lästige Familie und Freunde und Fragen.
Marthe stöhnte innerlich auf. Könnte sie Lisa geschickt umbringen, wäre alles so herrlich einfach. Ein Treppensturz. Vor einen Bus stoßen. Mit einem Kissen ersticken. Genickbruch. So ein morsches Genick bricht gern auch bei einem banalen Fall vom Küchenstuhl.Und Licht aus. Pffft.

Es lautete aber anders. Keine Gewalteinwirkung. Ansonsten…Was? Was sonst? Küss die Pest. Ich weiß, ich weiß, auf die Tour läuft das nicht, ich muss warten, warten, und dieser nutzlose Körper zuckt immer weiter und geht nicht kaputt. Elf Tage noch. In elf Tagen quält er mich wieder und lässt mich stinken, oh nein, ich habe es mir vorgestellt, wenn ich krepiere, in ihm krepiere. Brennen lassen sie mich. Und ewig und ewig schreien und heulen. Gottgottgott, hilf mir. Ich will den Tod in ihr. Ich sündige, und du vergibst. Wo ist dein Scheißproblem?
Regen prasselte gegen die Fensterscheibe. Ein Gewitter zog auf. Es donnerte. Marthe schauderte.

Am zwanzigsten Tag sagte Gregor seiner Frau, dass er sich in Lisa verliebt hätte und sie verlassen würde. Er wählte nüchterne Worte, die Zeit für Umwege und Erklärungen war vorbei. Gregor kam sich grausam vor, sie würde alt und allein sein, aber Marthe machte es ihm leicht. Sie keifte und wütete, verfluchte ihn und sein Flittchen, heulte und schrie, und erst, als sie still in der Ecke kauerte, mit gesenktem Kopf und zitternden Händen, empfand er tatsächlich Mitleid und dann noch irgend was, von dem er längst geglaubt hatte, es verloren zu haben. Er strich ihr sanft über den Kopf. „Schtscht.“ Er sagte: „Du schaffst es auch ohne mich, Marthe, noch bist du stark. Such weiter, bevor du gehen musst, wie du bist.“ Und er ging und sie hasste ihn.

Drei Jahre später spürte Marthe die beiden in einer abgelegenen kleinen Stadt irgendwo im Süden des Landes auf. Sie hatte es in dieser Zeit viermal getan, es war sogar unproblematischer gewesen als mit ihm zusammen, aber die jungen Dinger, die bei ihr ein- und wieder auszogen, hatten sie alle überlebt. Marthe starb einfach nicht. Sie war jetzt fünfundachtzig und fürchtete sich davor, geholt zu werden. Er hat es gesagt, er hat uns gewarnt, der Haken daran, alles hat einen Haken. Sie dachte zurück an den Tag, als Gregor die Puderdose eingetauscht hatte. Dieser Freund, längst verschollen im Nepal oder bittejabitteja in der Hölle, hatte ihnen damals erzählt, er hätte den Hexenkram aus Spaß selbst bei seinem Schwiegersohn getestet. Erfolglos. „War zu erwarten“, sagte er, trank seinen Wein aus, der Deal war im Kasten, gut soweit. Beim Abschied zwinkerte er Marthe verschwörerisch zu. „Vielleicht besser, wenn so ein Zeug nicht funktioniert. Man verkauft seine Seele. Immer. Kennt man ja.“

Marthe fühlte sich nicht wohl. Alles schmerzte, wenn sie sich bewegte, der Kopf dröhnte, und am liebsten hätte sie nur noch geschlafen. Schlafen. Das könnte euch so passen. Ich kneif die Augen zu, und ihr habt Eure Kirmes. Der da oben scheißt auf mich, und wo bleibe ich? Dummer kleiner Goro. Könntest noch einige Jahrhunderte schaffen, aber ohne Puder läuft das nicht. Ist noch genug da. Fürmichfürmichfürmichallein. Wird Zeit. Diese verdammte Müdigkeit. Dieser Gestank. So alt.
Marthe recherchierte. Sie fand heraus, wo Gregor und Lisa lebten. Dich hol ich mir, Mädchen. Dich hol ich mir zurück. Und dann krepierst du. Ich sterbe bald. Hörst Du? Miststück.

Die lange Zugfahrt schreckte sie nicht ab, sie wusste, dass die Mühe sich lohnen würde. Sie nahm sich am Bahnhof ein Zimmer, ruhte sich etwas aus, setzte Perücke und Sonnenbrille auf, um, wenn überhaupt, viel zu spät erkannt zu werden, steckte die Puderdose in die Manteltasche und rief sich ein Taxi. Der Fahrer war ein wortkarger hässlicher Kerl, sie sah ihn sich von der Seite an. Aufgedunsenes Gesicht, fette Wampe, strähnige Haare. Sie schüttelte sich innerlich, lehnte sich zurück, schloss die Augen. Sie fror, ihre Stirn glühte. Wenn der das Letzte ist, was ich kriegen kann, dann schlitze ich Goro und irgendeinen Pfaffen auf, dann spuck ich auf dein Kreuz. Morgen. Übermorgen. Am Sonntag, wenn die verdammten Glocken läuten-

Sie hielten in einer Sackgasse vor einem roten Backsteinhaus. Marthe öffnete die Beifahrertür, selbst das fiel ihr schwer, die Finger flatterten, die Beine zitterten, dass sie überhaupt noch funktionierte, war erstaunlich. Ihr war speiübel, sie hätte dem Kerl in seine widerliche Visage kotzen können. Vielleicht meine Visage. Ich hol die Dose raus. Ich sterbe. Den da will ich aber nicht. Ich sterbe. Himmelarschundzwirn, jetzt doch nicht. Warte. Warte, verdammt noch mal.
„Is’ was mit Ihnen?“ Er drehte am Radio, ohne aufzublicken, sie gab keine Antwort. My Way. Was sonst?

Es waren nur wenige Schritte bis zum Haus. Eine Qual. Marthe klingelte, betete. Lieber Gott, du Guter. Sie hörte Schritte, stützte sich am Türrahmen ab, keuchte. Lisa öffnete, lächelte. „Ja?!“ Dann runzelte sie die Stirn, kniff die Augen zusammen. Erkannte? Vielleicht. Sie war hübsch und zum Sterben geschaffen. Marthe taumelte. Mir ist so schlecht, ich stürze, stürze gleich. Diese verdammten Glocken.
Sie fiel vornüber auf die Knie, Lisa griff nach ihrer Schulter, bückte sich, sah sie an. Sagte „Nein“. Neben ihr stand eine Zwergin.

Marthe klappte die Dose auf und blies. Schwankte, starrte und schüttelte wütend den Kopf. „Verdammte Scheiße. Doch nicht die Kleine.“

Als Georg eine Stunde später nach Hause kam, hockte seine junge Frau aschfahl auf der Treppe vor dem Haus und rauchte. Neben ihr stand eine leere Weinflasche. Beides war höchst ungewöhnlich. Er musterte sie besorgt. „Ist was passiert? Ist was mit Jule?“
Lisas Lider zuckten, sie sah ihn trüben Blickes an, brabbelte Unverständliches, kicherte kurz, verzog die Mundwinkel. Es waren nur gestammelte Wortfetzen, die Gregor verstand, aber alles war so klar. So einfach. So grauenvoll.
Marthe. Notarzt. Jule. Tod.
Gregor schrie.
„Was ist mir ihr?“
Lisa kicherte erneut, es klang wie zerspringendes Glas. Dann sprach sie ruhig, wie plötzlich ernüchtert. „Die eine ist gestorben. Die andere liest Zeitung.“

Gregor rannte ins Haus, rief nach seiner zweijährigen Tochter, hoffte immer noch völlig verzweifelt und wusste es. Sie hockte ihm Wohnzimmer auf dem Fußboden, vor sich ausgebreitet der Wochenkurier, zwischen ihren Beinen die Puppe. Jules Stoffpuppe Käthe.

„Mein lieber alter Goro. Was sagst du jetzt?“ Sie winkte ihm mit dem Puppenarm zu.
„Hallo, Papa.“

Sie sah auf, blaue Juleaugen, alter Blick. Strahlte. Winkte ihm mit dem Puppenarm zu.
„Duda. Papa Goro.“

 

(erschienen in: Der letzte Turm vor dem Niemandsland, Hrsg. Michael Schmidt & fantasyguide, September 2017)

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

Kommentar verfassen