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Martha Beck: Mörderin im Namen der Liebe

(Titelbild: Lonely Hearts Killers, copyright: Millenium Films, 2006)

Eine fast schmalzige Love-Story, die auf den Titelseiten der Boulevard-Presse landet und auf dem elektrischen Stuhl endet. Das Leben schreibt manchmal erstaunliche Geschichten. Irgendwie erstaunlich sind auch die Leute, die einer Serienkillerin zuerst einmal Mitgefühl und Sympathie engegenbringen. Weil Martha Beck so frustriert, so vom Leben gebeutelt, so einsam, so traurig, so fett war. Eine tragische Figur. Die endlich ihr großes Glück fand.

Leider zwang der Auserwählte sie, ihre Kinder auf Nimmerwiedersehen bei der Heilsarmee abzugeben. Leider war Raymond Fernandez ein eiskalter Mörder, aggressiv, brutal und habgierig. Leider musste die schwer Verliebte da mithalten. Musste, sollte. Wollte Martha Beck?

Martha Beck und Ramond Fernandez: Lonely Hearts Killers (Foto: Archiv)

Zwölf Morde gestanden die „Lonely Hearts Killers“, mindestens zwanzig sollen es tatsächlich gewesen sein. Freilich, wirklich verantwortlich seien sie für ihre Greueltaten nicht gewesen, eher unzurechnungsfähig aufgrund von, ja, reinem, wahren Wahnsinn. Tatsächlich. Immerhin hielt der verwirrte Geist sie nicht davon ab, ihre Opfer ausgiebig zu berauben. Und so recht verwirrt klang es auch nicht, als Martha Beck vor Gericht mit hängenden Schultern und gleichwohl trotzigem Blick verkündete, sie habe „im Namen der Liebe“ getötet.

Am 8. März 1951 wurden dieses seltsame, böse und irgendwie nur bedingt ungleiche Liebespaar nach spektakulärem Prozeß und achtzehn Monaten in der Todeszelle im Sing-Sing-Gefängnis in Ossining, New York, hingerichtet. Der Öffentlichkeit, die das Verfahren anfänglich sensationsempfänglich, dann immer angewiderter und doch weiterhin gebannt verfolgt hatte, – vor allem Frauen waren es, die zu Prozessbeginn die „so arme Dicke, so traurig Verliebte , so unglücklich Missbrauchte“ so ein bisschen bedauerten – , lieferten Martha und Ray auch im Todestrakt noch Schlagzeilen: Die „Kontaktanzeigen-Killer“ stritten und versöhnten, küssten und schlugen sich…die Zeitungen berichteten eifrig.

Über sie: Eine ausgesprochen dickleibige 31Jährige aus Milton, Florida, schüchtern, unterdrückt und verspottet als Kind, später Krankenschwester, die trotz guter Zeugnisse und Leistungen nur eine Stelle in einem Leichenschauhaus fand. Ein Soldat, von dem sie ein Kind erwartete, versuchte panisch, sich umzubringen, als er von der Schwangerschaft erfuhr. Denn ehelichen wollte er diese so dicke, so unbedeutsame Frau auf gar keinen Fall. Dann schon besser…

Die nun völlig an sich zweifelnde, enttäuschte Martha, jetzt Mutter eines vaterlosen Kindes, fand zwar irgendwie doch noch einen Ehemann, bekam auch ein zweites Kind, aber die Beziehung war nur unerfreulich und kurz. Ihr Selbstwertgefühl war im Keller. Und da lernte sie Ray Fernandez über eine Kontaktanzeige kennen. Blühte auf. War fasziniert von ihm. Er war ihr Traummann.

Über ihn: Ein gebürtiger Spanier, sechs Jahre älter als Martha, markante Gesichtszüge, verschlossen und jähzornig. Während des zweiten Weltkrieges hatte er für den britischen Geheimdienst gearbeitet, galt ursprünglich als netter, freundlicher junger Mann. Das änderte sich nach einer schweren Kopfverletzung, die er auf der Überfahrt von Spanien in die USA erlitt. Danach war er nicht mehr der Alte, sein Wesen hatte sich gewandelt.

Als Martha in New York auf ihn traf, war er längst ein Krimineller, der mit Diebstahl und Betrug, vor allem aber mit Geld, Schecks und Juwelen von alleinstehenden Frauen auf der Suche nach einem Partner sein Leben finanzierte. Über Singlebörsen nahm er Kontakt mit ihnen auf, erschlich sich ihr Vertrauen und ihre Zuneigung und raubte sie aus. Aus Schamgefühl zeigten sie ihn nicht an. Ins Bett gelockt und dann hintergangen von einem Latino-Lover …Wie peinlich. Wie skandalös.

Martha (Shirley Stoler) in „Honeymoon Killers“ 1970 (Foto copyright: Roxanne/American International Pictures)

Martha war eine von Rays Briefbekanntschaften. Sie war sofort entbrannt für ihn. Ray war ihre große Liebe, gleichsam ihre eigene Kopfverletzung. Aus der biederen, so normalen, anständigen Person wurde eine sexuell von ihm Besessene, – bizarre Praktiken kamen während des Prozesses ans Licht – , die seine Skrupellosigkeit nicht nur hinnahm wie eine interessante Charaktereigenschaft, sondern sich als Mittäterin ungeniert nützlich machte. Wenn Raymond sich nach ersten Kontaktaufnahmen mit ausschliesslich vermögenden Frauen in deren Wohnungen oder Häusern verabredete, begleitete Martha ihn als die jüngere liebe dicke Schwester, die halt am großen, einsamen, suchenden Bruder hing.

War man allein zu dritt, hatten die Opfer keine Chance mehr. Sie starben schreckliche Tode, bevor Beck und Fernandez sie ausplünderten: Janet Fay wurde von Martha zu Tode geprügelt, Myrtle Young von Ray vergiftet. Furchtbar: Die zweijährige Rainelle musste mit ansehen, wie Ray ihrer Mutter in den Kopf schoss. Als sie nicht aufhörte, zu weinen, ertränkte Martha das kleine Mädchen in der Spüle. Dieselbe Martha, die sich vor Gericht so friedfertig zeigte und die so fast unbeholfen charmant in die Kameras der Presseleute lächelte.

Raymond und Martha, deren Blutspur 1970 unter dem Titel „Honeymoon Killers“ (Regie: Leonard Kastle) verfilmt wurde und 2006 als „Lonely HeartsKillers“ (Regie: Todd Robinson) auf die Leinwand kam, – mit einer viel zu schlanken, zu rassigen, zu schönen Martha (Salma Hyek) – , baten (vergeblich) um Gnade. Natürlich?!- Tja…das Leben schreibt manchmal erstaunliche Geschichten. Irgendwie erstaunlich sind auch die Leute, die am Ende noch betteln können.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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