Mängelexemplare

Mein Name ist Mia, ich bin 26 Jahre alt, habe ein Faible für alte Friedhöfe und finde das moderne Leben zum Kotzen. Ich höre gern Musik und auch was die angeht, bin ich ziemlich altmodisch. Die Sachen, die 2046 gespielt wurden, finde ich ziemlich cool. Meine Haare trage ich kurz, erwische mich aber manchmal dabei, wie ich versuche, sie im Nacken zu zwirbeln und nach hinten zu streichen. Ich glaube, früher trug ich mein Haar lang. Sicher bin ich mir aber nicht. An viel von früher kann ich mich ehrlich gesagt nicht erinnern.

Mein Gedächtnis spielt mir ziemlich üble Streiche. Mal lässt es mich völlig im Stich, dann wiederum liefert es Wissen, von dem mir gar nicht klar war, dass ich es habe. Es selektiert selbst, was es mir preisgibt und was nicht. Und manchmal habe ich Halluzinationen. Regelrechte Wahnvorstellungen, denen ich im ersten Moment auf den Leim gehe. Wie lange das schon so ist kann ich nicht sagen. Ich erinnere mich dunkel, dass ich früher schon mal so krank war. Aber ich glaube, man konnte mir helfen und in letzter Zeit ging es mir besser. Temporär zumindest. Es wird wieder schlimmer.

Manchmal wüsste ich gern, was mit mir passiert ist, was mich in diese Lage brachte, aber im Grunde ist mir klar, dass es nichts Gutes gewesen sein konnte und dann bin ich irgendwie ganz froh, dass ich mich nicht erinnern kann. Ich habe aufgehört, allzu viel zu hinterfragen.

Zum Beispiel frage ich mich nicht mehr, warum immer Essen im Kühlschrank ist, weshalb frische Kleidung in meinem Schrank hängt, oder wer dafür verantwortlich ist, dass auch der Müll sich immer von selbst rausträgt. Vielleicht habe ich praktischerweise bei solch alltäglichen Tätigkeiten wie Einkaufen und Waschen kleine Blackouts. Wer weiß? Skurrilerweise kann ich mich nämlich nicht daran erinnern, solche Arbeiten jemals selbst verrichtet zu haben. Zumindest nicht, seit ich hier lebe. Hier, das ist ein Appartement in einer für mich namenlosen Stadt, mit grandioser Aussicht. Ich habe nicht nachgesehen, vermute aber, ich lebe im Penthouse eines Gebäudes, das ich für eine Art Ruhesitz halte, für Menschen, denen etwas Furchtbares passiert ist. Eine teure, private Einrichtung, für Leute wie mich. Menschen, mit denen etwas nicht stimmt, denen es zurzeit nicht gut geht. Keine Ahnung, wer die Rechnung dafür zahlt.

Morgens stehe ich darin auf, koche mir einen Tee in meiner Wohnküche, süße ihn mit Honig, noch bevor ich so richtig bei mir bin. Man könnte das wohl mein „Aufwachritual“ nennen. Irgendwo in mir schlummert das Wissen, dass Tee ein Luxusgut ist, das ich früher nur selten genießen konnte. Mit dem heißen Getränk setze ich mich in meinen Sessel am Panoramafenster, genieße den Ausblick auf die imposante Skyline, beobachte die kleinen Ameisen am Boden – meine Mitmenschen, abstrakte Pünktchen, die zur Arbeit gehen. Ich selbst gehe keiner Arbeit nach. Außer natürlich, die Blackout-Theorie ist richtig und ich arbeite währenddessen.

Ich nippe am Tee. Er schmeckt zuerst immer bitter, fast schon medizinisch. Mein erster Impuls ist stets, ihn wieder auszuspucken. Habe ich ihn zu lange ziehen lassen? Dann macht sich die Süße des Honigs in meinem Mund breit, der Geschmack wandelt sich und der nächste Schluck schmeckt ganz normal. Diesen anfänglichen Streich spielen mir meine Geschmacksnerven jedes Mal – auch darüber wundere ich mich nicht mehr.

Gestern Morgen aber war es anders. Der Honiggeschmack intensivierte sich immer mehr, wurde übermächtig, bis ich nichts anderes mehr schmeckte. In diesem Moment durchzuckte mich die Erinnerung daran, dass ich gar keinen Honig mag, noch nie mochte und auf einmal wurde mir so fürchterlich schlecht, dass ich meinte, mich übergeben zu müssen. Dann hatte ich den ersten Anfall, die Halluzination, wie auch immer Sie es nennen wollen. Als ich den nächsten Schluck Tee nahm, schien er mich beim Schlucken zu verbrühen und im nächsten Moment…

… versuche ich verzweifelt, den Schlauch auszuspucken, den man mir in den Hals zwängt. Das Gefühl daran zu ersticken, gepaart mit dem Würgereiz, dem Brennen, als er die empfindliche Schleimhaut im Hals reizt, treibt mir Tränen in die Augen.

„Halten Sie ihren Kopf fest! 176 ist heute ein wenig störrisch. Wir werden etwas nachhelfen müssen.“

„Das dürfte nicht sein. Vielleicht ging beim Update was schief?“

„Lass‘ noch mal das Konditionierungsprogramm laufen!“

… für den Bruchteil einer Sekunde fühlte ich mich wie einer dieser armen Versuchsaffen, die man benutzt um Shampoos zu testen. Sie wissen, was ich meine! Ich meine, ich war wirklich da. In diesem kurzen Augenblick war ich nicht mehr in meiner Wohnung. Es war kein Tee mehr, der meine Kehle hinabfloss. Ich befand mich in einem völlig anderen, steril wirkenden Raum, war an Elektroden und irgendwelche Kabel angeschlossen und ein Mann in einem weißen Kittel versuchte, mir einen Schlauch in den Hals zu stecken. Währenddessen unterhielt er sich ganz nüchtern mit einer weiteren Person, die meinen Kopf fest im Griff hielt. Ich konnte die Hand fühlen, mit der sie mich an die Lehne des Stuhls presste, auf den ich geschnallt war. Es war so real, wie Sie und ich, wie dieses Sofa in ihrer Praxis, auf dem wir gerade sitzen.

Die Halluzination hielt nur einen kurzen Moment an. Schon im nächsten musste ich husten. Der Tee war noch viel zu heiß, ich trank ihn zu hastig und er verbrühte mir den Hals. Das holte mich ins Hier und Jetzt zurück.

Diese Halluzinationen, halten Sie die vielleicht für versteckte Erinnerungen, an etwas, das mir früher geschehen ist? Das habe ich mir auch schon überlegt. Vielleicht sind diese Szenen ja tatsächlich passiert. Irgendwann. Früher, bevor ich alles vergaß. Vielleicht blitzt die Erinnerung in dem Moment, in dem sie mir wieder einfällt, so stark auf, dass sie sogar die Realität überlagert. Aber macht es überhaupt Sinn, etwas genauer zu hinterfragen, wenn man die Antworten möglicherweise gar nicht wissen möchte? Haben Sie nicht irgendein Medikament, das diese Erinnerungsfetzen, Halluzinationen, was auch immer es ist, einfach stoppt?

Nachdem sich der Husten wieder gelegt hatte, und meine Verstörung sich langsam legte, griff ich zur Zeitung. Ich fand einen interessanten Artikel, mit dem ich versuchte, mich abzulenken. Über Tee, seine entspannende Wirkung, seine gesundheitsfördernden Eigenschaften und schon während des Lesens, mit den nächsten kleinen Schlückchen, hatte mein Hals sich wieder beruhigt.

Um meine Nerven ebenfalls zu beruhigen und mich sinnvoll zu beschäftigen, ging ich danach hinüber in mein Werkzimmer. Darin habe ich mir eine kleine Schmuckwerkstatt eingerichtet. In akribischer Kleinarbeit setze ich dort feine Uhrwerke zusammen, mache sie zu Anhängern indem ich sie auf dünne Metallplatten löte, biege Messing, füge ein Kettenglied nach dem anderen zusammen und fabriziere kleine Steampunk-Kunstwerke zum Umhängen. Ich erschaffe jede dieser Halsketten nur genau einmal, sitze ewig daran, um jede einzelne detailreich und außergewöhnlich zu gestalten. Manche der verwendeten Teile sind so klein, dass ich mit einer Pinzette und einer Lupe arbeiten muss, um sie exakt zu platzieren. Eine kleine Kollektion habe ich so schon erschaffen. Mein Hobby macht mir großen Spaß und ich könnte mich den ganzen Tag nur damit beschäftigen. Trotzdem habe ich bisher nur wenige Teile vollendet und sie warten in einem Schaukasten an der Wand darauf, endlich auch getragen zu werden.

Ich setzte mich also an meinen Werktisch, nahm mein aktuelles Stück unter die Lupe und begann mit der Arbeit daran. Während ich zwei winzige Zahnräder dazu brachte, sich ineinander zu verbeißen, hatte ich die nächste Halluzination. Es war vollkommen ruhig im Raum. Nichts lenkte mich von meiner konzentrierten Arbeit ab, es gab keinen Auslöser, soweit ich das beurteilen kann. Gerade sitze ich noch in meinem Hobbyraum, dann blicke ich einen kurzen Moment hoch und…

…mein Blick fällt auf die Montageanleitung, die an genau der Stelle hängt, wo bis eben noch meine fertigen Schmuckstücke im Schaukasten hingen. Vor meinem Werktisch, an der Wand. Auch der Tisch hat sich verändert, in dem Moment als ich auf und damit von ihm wegsah. Er verwandelte sich in ein langsam dahinlaufendes Transportband. Mit einer Arbeitsplatte, die davor montiert ist. Langsam drehe ich mich um. Hinter mir tut sich ein weiter Raum auf. Ich stehe am Ende einer riesigen Fabrikhalle, in der sich Band an Band reiht, Arbeitsplatz an Arbeitsplatz. Ich sehe unzählig viele Menschen, die Teile vom Band nehmen und sie bearbeiten. Dann werden sie zurückgelegt, um sie an einer anderen Station mit noch mehr Komponenten zusammenzuführen. Alle haben den Blick auf ihr aktuelles Werkstück gesenkt, arbeiten wie Roboter im Akkord, ohne zu sprechen, ohne aufzusehen. Sie alle scheinen demselben Arbeitstakt zu folgen, angeschlagen von Trommeln, die ich nicht hören kann. Auch rechts und links von mir stehen diese arbeitenden Robotermenschen. Was mache ich hier? Warum stehe ich hier, an diesem Band, als wäre ich einer von ihnen? Woran wird hier gearbeitet? Ich schaue wieder zum Fließband, um zu sehen, was darauf an mir vorbeitreibt. Etwas, das aussieht wie ein entstehender Computerchip, bringt mich dazu die Hand danach auszustrecken. Das muss ich mir genauer ansehen. Ich greife zur Lupe, um den Chip eingehend zu mustern…

…und sehe nichts weiter als die Zahnräder, die endlich ineinander greifen. Sie können sich nicht vorstellen, wie verstört ich in diesem Augenblick war. Diese Halluzination war gänzlich anders, als die vorangegangene, nur eins hatten sie gemeinsam: Wieder fühlte es sich viel zu echt an, um mir wie bloße Einbildung zu erscheinen. Aber natürlich gab es keine Fabrikhalle, keine wie Maschinen agierenden Arbeiter – nichts außer mir selbst und meiner viel zu blühenden Fantasie. Diese Fabrikfantasie war zwar seltsam, aber nicht so beängstigend wie die zuvor. Darum versuchte ich zunächst, den Vorfall zu ignorieren, ihn so schnell wie möglich zu vergessen. Ich beugte mich wieder über mein Schmuckstück und arbeitete einfach weiter. Trotzdem blieb ein unterschwellig beunruhigtes Gefühl in mir zurück. Immer wieder sah ich auf, um zu prüfen, ob ich mich noch dort befand, wo ich mich glaubte.

Ich war froh, als es irgendwann an meiner Tür klopfte. Ein Mitarbeiter des Hauses steckte den Kopf herein und erinnerte mich freundlich daran, dass ich mich zu einem Fitnesskurs angemeldet hatte, der in Kürze in der Sporthalle begänne. Das hatte ich zwar vollkommen vergessen, aber mein Sportsack stand schon gepackt neben der Tür und so glaubte und folgte ich ihm eben.

In der Halle schien zunächst alles völlig normal. Unter Anleitung des Trainers starteten wir mit ein paar Dehnübungen. Dann ein paar Runden laufen, zum warmwerden. Ich dachte, es würde mir guttun, mich körperlich richtig auszupowern, also rannte ich schneller als sonst, trieb mich an meine Grenzen. Nach den ersten Runden bekam ich Seitenstechen. Also, das hätten Sie vermutlich auch getan, bleibe ich kurz stehen…

… und falle vom Laufband, das bislang meine Schrittgeschwindigkeit bestimmte. Unsanft pralle ich auf dem harten Boden auf und schlage mir den Kopf am nächsten Band an, das dicht hinter meinem aufgestellt ist. Während meine Pupillen nach hinten rollen sehe ich den schweißüberströmten Kopf des nächsten Läufers, der ohne meinen Sturz zu beachten weitergeht, stetig voran und doch auf der Stelle tretend. Dann wird es schwarz vor meinen Augen.

„176 hat eine Fehlfunktion!“

Diese Worte konnte ich noch hören, bevor ich langsam wieder zu mir kam. Als ich die Augen aufschlug, beugte sich der Trainer über mich. Auch die anderen Teilnehmer waren stehengeblieben und standen, einen kleinen Kreis bildend, besorgt um mich herum.

„Sie hatten einen kleinen Kreislaufkollaps. Geht’s wieder?“, erkundigte der Coach sich nach meinem Befinden. Mir war noch immer leicht schwindlig und mein Kopf schmerzte. Ich musste ihn mir beim Umkippen ziemlich heftig angeschlagen haben. Als ich ihn darüber informierte, begleitete er mich fürsorglich zur Seite, wo ich mich auf eine der Zuschauerbänke setzte und wartete, bis das Schwindelgefühl nachließ. Noch bevor er und die anderen ihre sportlichen Übungen beendet hatten, fühlte ich mich wieder sicher genug, um aufzustehen und zu den Umkleiden zu gehen. Dort zog ich mich aus und betrat eine der Duschkabinen. Ich wischte mit der Hand über den Sensor und stellte mich unter den wohltemperierten Strahl.

Das Wasser regnete sanft auf mich herab, genussvoll schloss ich die Augen. Ich begann zu summen. Ein Lied, eine Melodie, die mir in diesem Moment ganz spontan einfällt…

…und die sich schon im nächsten Augenblick in etwas unglaublich Erschreckendes verwandelt. Plötzlich wird das Geräusch des prasselnden Wassers überlagert, von einem anhaltend tiefen, gurgelnden Ton, der aus hunderten Kehlen erschallt. Schlagartig wird das Wasser eiskalt.

Panisch reiße ich meine Augen wieder auf und finde mich nackt unter der Dusche. Doch die Einzelkabine um mich herum ist verschwunden und ich stehe dicht an fremde, nackte Leiber gedrängt unter kalten Strahlen, die aus großen Duschköpfen an der Decke rieseln. Das wahrhaft Beängstigende ist aber nicht, mich nackt in einer Menschenmenge wiederzufinden, sondern deren Verhalten. Die Anderen haben die Köpfe nach oben gewendet, das Wasser läuft in ihre offenen Münder und aus ihren Kehlen dringt dieser dunkle, kehlige Ton, zu dem meine Melodie sich unerwartet gewandelt hat. Sie wirken vollkommen weggetreten, als wäre ihnen gar nicht bewusst, was sie tun oder wo sie sind. Sie ängstigen mich. Mein erster Impuls ist zu schreien. Ich unterdrücke ihn, habe Angst, diese DINGER könnten mich dann doch noch bemerken. Meine Arme schlinge ich schützend um meinen Körper und zwänge mich langsam an ihnen vorbei, in die Richtung, in der ich die nächstgelegene Wand ausmachen kann. Manche von ihnen rücken instinktiv zur Seite, andere nicht. Keiner von ihnen scheint mich wahrzunehmen, als wäre ich gar nicht real. Ich kann sie hören, sie fühlen, zittere, weil das Wasser so kalt ist aber ich WILL glauben, dass ich mir das alles nur einbilde.

Der Boden ist rutschig. Obwohl ich mich langsam und vorsichtig bewege, rutsche ich aus und remple unsanft den nackten Summer vor mir an. Ich fange mich, will schon weitergehen, doch dann passiert etwas Unerwartetes. Der Summer schaut mich an, sieht mir direkt ins Gesicht und klappt seinen überflutenden Mund zu. Seine Augen weiten sich vor Entsetzen, während er in meine starrt. Er streckt seine Hände aus, greift nach mir und packt meinen Arm. Hält ihn so fest umklammert, dass es schmerzt. Angst und Grauen verzerren sein Gesicht zu einer unmenschlich wirkenden Fratze. Dann fängt er an zu schreien. Laut und panisch. Schnell reiße ich mich los, suche Schutz zwischen den Leibern der weiterhin unbeeindruckt Gurgelnden, gehe hinter ihnen in Deckung.

Er macht solchen Radau, weicht so sehr vom vorherrschenden Ton ab, dass die Wachen aufmerksam werden und herbeistürzen. Instinktiv weichen die restlichen Summer vor ihnen zurück. Sie bilden eine schmale Gasse, ohne dabei mit ihrem gespenstischen Gesumme aufzuhören. Ich kann beobachten, wie das uniformierte Personal  auf den kreischenden Mann zu rennt.  Einer von ihnen hält eine Spritze in der Hand. Atemlos schaue ich zu, wie man sie ihm in den Hals rammt und er zu Boden sinkt, man ihn aufhebt und wegträgt. Vernünftigerweise beschließe ich, mich schleunigst aus dem Staub zu machen. Schnell folge ich, sobald das Sicherheitspersonal an mir vorbei ist, diesen nur temporär existierenden Weg durch die Leiber, der schon wieder dabei ist, sich zu schließen.

Hinter den letzten Nackten vor der Wand halte ich inne, ducke mich und spähe zwischen einem Beinpaar hindurch, peile die Lage. Etwa einen halben Meter weiter sehe ich die Hosenbeine von 2 weiteren Wachen in wasserabweisenden, gelben Gummianzügen. Das Summen und Gurgeln scheint hier unten leiser zu sein. Angestrengt lausche ich und versuche zu verstehen, was sie miteinander reden.

„…Kollege aus der Fütterung hat mir erzählt…“ … „…wieder einer aufgewacht…“ … „…Programmierer wohl Scheiße gebaut.“ … „…haben immer noch nicht herausgefunden…“ … „…beim Duschen auf einmal alle Summen…“

Ich kann nur Fetzen ihres Gesprächs verstehen. Zu laut ist der Chor der gurgelnd Summenden und das Geräusch des herabprasselnden…

…warmen Wassers.

Diesmal war ich länger weg als zuvor. Als ich wieder zu mir kam, stand ich schlotternd in der Dusche der Sporthalle und hatte eine Gänsehaut, obwohl das von oben herabfallende Wasser so warm war, dass es dampfte. Ich stellte es ab und rannte aus der Nasszelle.

Noch immer zitternd saß ich in der Umkleidekabine, hatte es gerade geschafft, mich wieder anzuziehen, als die anderen Teilnehmer ihre Sportstunde beendeten und die Turnhalle verließen. Der Trainer zeigte sich äußerst besorgt und bestand darauf, mich wenn schon nicht zu einem Arzt, dann doch zumindest zu meiner Wohnung zurück zu begleiten. Vor Tür Nummer 176 verabschiedete er sich von mir.

Ich weiß, das alles klingt ziemlich verrückt. Und wahrscheinlich halten Sie mich für komplett durchgeknallt, wenn ich Ihnen nun sage, dass ich langsam glaube, dass ich mir diesen Scheiß nicht nur einbilde. Aber wie sonst erklären Sie mir die blauen Flecken an meinem Arm? Gestern dachte ich noch, die Schmerzen kämen vom Sturz beim Laufen, aber sehen Sie: Heute erkennt man genau die Abdrücke, an der Stelle, an der mich der aufgewachte Summer gepackt hat. Sehen Sie! Das sind doch die Umrisse einer Hand?

Es quälen mich noch zwei weitere Visionen. Gestern Nacht wachte ich auf, doch statt in meinem Bett…

…befinde ich mich in einem Schlafsaal. Trübes Licht, gespendet von schwach funzelnden Lampen an der Decke, erhellt den Raum gerade genug, um mich die endlosen Reihen aufgestellter Stockbetten überblicken zu lassen, in denen wir auf minimalstem Raum während unserer benötigten Ruhezeit gestapelt werden. Die Anderen schlafen, nur wenige schnarchen und ich kann die langen Schatten der Ärzte sehen, die den Gang entlang kommen. Sie führen eine leise Unterhaltung.

„Die neue Serie macht Schwierigkeiten. Das Produktions-Update scheint Auswirkungen auf die Konditionierung zu haben.“

„Wie viele sind heute aufgewacht?“

Die Schatten verharren und ich höre das Rascheln von Seiten, die hastig durchgeblättert werden.

„14. Die Meisten konnten wir neu konditionieren. Danach funktionierten sie wieder normal, haben gearbeitet, gegessen und geschlafen. Auch die Motorik scheint wieder in Ordnung. Aber bei einer ist wirklich der Wurm drin.“

„Zeig‘ mal den Bericht.“

„Die hier: 176. Die ist ganze viermal aufgewacht. Erstmals kurz nach dem Update, bei der Medikamentenvergabe. Später wieder, in der Fabrik, als die Arbeiter zum ersten Mal die neuen Implantate bauen sollten. Dann bei der körperlichen Ertüchtigung und noch ein weiteres Mal während der Säuberung. Ist jedes Mal neu konditioniert worden, aber wie’s scheint, nimmt sie das Programm nicht richtig an. Irgendwas dringt zu ihr durch und weckt sie. Liegt in 40D – das ist gleich hier drüben.“

Nun kommen die Schritte auf mich zu und ich schließe schnell meine Augen. Es kostet mich Anstrengung und Selbstbeherrschung, nicht angstvoll die Luft anzuhalten und auch nicht zu schreien. Stattdessen versuche ich, möglichst ruhig und gleichmäßig zu atmen und einen schlafenden Eindruck zu erwecken. Selbst dann noch, als ein gummibehandschuhter Finger mein rechtes Augenlid nach oben zieht und mit einer Taschenlampe hineinleuchtet.

„Hast du das gesehen? Eindeutige Pupillenaktivität! Dabei dürfte sich da doch gar nichts rühren, während das Schlaf-Suggestivprogramm aktiv ist, oder?“

„Wir müssen sie in die Diagnostik schicken!“

Mein Fluchttrieb wird übermächtig, ich schrecke hoch…

… und natürlich finde ich mich nach dem Hochschrecken in meinem eigenen Bett wieder, schweißüberströmt aus einem Alptraum erwachend.

Als es dann vorhin an meine Tür klopfte, war ich nicht sonderlich überrascht. Mein besorgter Trainer stand davor und bat mich inständig den Termin wahrzunehmen, den er gestern noch aus reiner Besorgnis bei ihnen für mich vereinbarte. Ich vermute, wenn ich mich gesträubt hätte, dann hätten Sie einen Hausbesuch gemacht, um Ihre Diagnose zu stellen. Also sagen Sie mir schon, dass ich vollkommen verrückt bin und dass ich mir wirklich nur einbilde, ab und an aufzuwachen und die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist. Na los, beteuern Sie endlich, dass Sie mir nur ein Beruhigungsmittel spritzen möchten, damit ich mich ein wenig entspannen kann. Vor allem aber versichern Sie mir, dass meine letzte Halluzination nicht echt ist, denn sonst…

… sehe ich, wie Sie langsam die Giftspritze präparieren, nachdem Sie einen roten Stempel auf das drückten, was ich für ein Rezept halten möchte. Auch wenn die Schrift auf dem Kopf steht, kann ich sie lesen: MÄNGELEXEMPLAR – AUSGEMUSTERT.

Die Nadel piekt, aber ich will Ihnen glauben, dass Sie nur mein Bestes wollen. Gerne nehme ich das Rezept, das sie mir hinhalten und strecke mich auf dem Sofa aus, weil mir schon wieder leicht schwindlig wird…

… und versuche das Gefühl der Bewegung auf meinen schwachen Kreislauf zu schieben, nicht auf die Bewegung der Transportliege, auf der Sie mich aus dem kalt gefliesten Untersuchungs- und Sterberaum rollen. Ich kneife die Augen zusammen, versuche die Ohren ebenfalls zu verschließen, damit ich nicht höre, wie Sie einer Schwester den Auftrag geben mich schon mal rüber ins Krematorium zu bringen, denn ich bin schon fast hinüber. Nichts weiter, als eine defekte menschliche Arbeitsdrohne, bei der die Neuprogrammierung versagt hat…

 

Die Story erschien zuerst in Mängelexemplare – und andere makabere Geschichten
Broschiert: 378 Seiten
Verlag: Amrun Verlag; Auflage: 1 (18. März 2014)
ISBN-10: 3944729412
ISBN-13: 978-3944729411

Stefanie Maucher

Stefanie Maucher

Stefanie Maucher wurde 1976 in Stuttgart geboren und lebt inzwischen in Leipzig. Als situationsangepasste Lebenskünstlerin sammelte sie Erfahrung in verschiedenen Berufszweigen und widmet sich nun ihrem heimlichen Kindheitstraum, dem Schreiben spannender Geschichten.

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