News Ticker

Luzies Nächte

(Titelbild: The Skeleton Key, copyright: Universal Pictures, 2005)

Wer war Luzie? Ein Gedanke, ein Gebet an irgendwen, dessen Namen Gilla vergessen hatte. Vielleicht auch nicht aussprechen wollte, um nicht heraufzubeschwören, was sie noch mehr hätte frieren lassen. Gilla war nackt, und instinktiv bedeckte sie hastig ihre Brüste und ihre unbehaarte Scham – wieso war sie rasiert? – mit einem achtlos auf den Boden geworfenen Handtuch, das ihr nicht gehörte. Nichts in diesem Raum gehörte ihr. Und niemand hätte ihrer Nacktheit diese besondere Aufmerksamkeit schenken können, vor der sie sich mit brennenden Wangen zu schützen versuchte.

Der Mann auf dem Bett war tot. In seinem Hals steckte ein Schraubenzieher, sein linkes Auge war ein schwarzrotes Loch, in dem etwas Gelbes, Eitriges schwamm.

Luzie war fort. Zweifellos in aller Hast verschwunden, denn ihre Kleidung lag immer noch dort, wo sie gelegen hatte, bevor Gilla ins Bad geschlichen war, um sich zu waschen. Warum hatte sie sich überhaupt waschen wollen, unbeteiligt in der Rolle des geladenen Voyeurs, die ihr lästig und peinlich und so erschreckend lieb gewesen war? Wie sie sich beleckt, beschleckt, aneinander gesaugt hatten. Er so rosig groß, gewaltig fast, so fordernd und nass. Überall nass, tropfend, spuckend auf ihr, in ihr, überall in ihr. Luzie. Schön, die geöffneten Lippen, schön das goldene Haar, mit dem sie ihn gekitzelt hatte, schön die Locken auf seinem Bauch, während sie an seiner Lust genagt hatte. Wie schön seine Zunge, weich und ehrlich. Hatte sie umkreist, hart und süß gemacht, sich in sie gebohrt, in ihr geklebt und gezuckt. Nimmersatt, tanzender Troll. Keine Aufforderung an Gilla, mitzuspielen, mitzustöhnen. Egal.

Gilla suchte ihre Strickjacke, die neue, sandfarbene mit den Knebelknöpfen aus Holz, suchte ihren Slip, rote Baumwolle mit Spitze, leicht, nur ganz leicht verwegen, war ratlos. Nichts war mehr da. Nichts von alldem, was so bedingungslos zu ihr passte wie das unerträgliche Grau des Novembers. Januar ist auch schlimm, dachte sie. Februar noch schlimmer. Hörte auf, darüber nachzudenken, weil sie Luzies Haare entdeckte. Lagen auf der kleinen Konsole neben dem Bett, lagen auf einem Haufen Glas, zersprungenem, unfreiwillig zerschlagenem Glas. Winzige Fläschchen auf Scherben, die im Vergessenen schwammen. Schnapspfützen. Unweigerlich atmete Gilla in ihre Handflächen, jetzt dicht vor ihrem Gesicht, vergaß dabei die bloßen Brüste, das Ungezogene zwischen ihren Beinen, sah ja niemand, wollte nur riechen, roch den Alkohol, roch den Mann. Als hätte sie ihm die Finger dort hin gesteckt, wo sie nicht hätten stecken dürfen. Aber es war Luzie gewesen, die Frau, die getrunken und gelacht und gefickt hatte und doch nüchtern geblieben war. Nüchtern genug, um entscheiden zu können, wer weiterlebt. Wer stirbt. Luzie, die fremde Freundin, die zugestochen hatte. Für Gilla in der sandfarbenen Strickjacke, die ihr nicht mehr gefallen wollte. Die dort im Türrahmen stand und ihre Brüste drückte, mit hochgeschobenem Rock dort stand und sich rieb, ohne die Brille abzunehmen.

Gilla dachte an den frühen Vormittag. Sah sich in der Fensterscheibe, sah ein blasses Köpfchen mit viel zu langer Nase. Graublondes kurzgeschnittenes Haar, weder wirklich blond noch grau. Wie alles an ihr nicht bestimmbar war. Sie nestelte an den Knebelknöpfen aus Holz, presste die Lippen fest aufeinander und starrte in ihre Teetasse. Schwarz mit Zitrone, kein Zucker. Die Frau, die sich ungefragt an ihren Tisch gesetzt hatte, machte sie nervös. Sie war so, wie sie nicht war. Sagte kein Wort, war nur Versuchung. Zu sein wie diese. Sie nannte sie Luzie. Bezahlte den Sekt, verfolgte sie eifrig, ließ es zu, ignoriert zu werden. Braves dummes Hündchen. Dachte sie, hasste ihre Strickjacke, ihr Haar, die flachen schwarzen Schuhe, die Falten in ihren Mundwinkeln. Lief Luzie hinterher, war ihr geduldeter Schatten, sah zu, wie sie sich für eine ihrer Nächte schmückte. Schloss die Augen und fühlte sich wie sie. Wie sie sich fühlen, anfühlen würde. Rollte die feinen Strümpfe hinauf zu den Schenkeln, malte sich die Lippen fleischig, sprühte Süßigkeiten in den Nacken, in den Slip, umkreiste den Blick schwarz und gold und herrlich gut. Spürte den kühlen Taft auf ihrer Haut, rauchte die schlanke Braune und schlüpfte in die Hohen, so edel, so teuer, zu göttlich für die lausige Bar, in der sie ihn fand.

Gilla trug seinen Trenchcoat, als sie das Hotel verließ. Luzies Haar in der Manteltasche. Noch mal rasieren, die Locken durchbürsten, Schuhe kaufen, einsprühen, malen, schön malen, dachte sie. Den Schraubenzieher hatte sie stecken lassen. Für die kommende Nacht würde sie sich einen besseren besorgen.

(erschienen in: Schweigeminuten, Dr. Ronald Henss Verlag, 2011)

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
Kontakt: Webseite

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz