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Lovecrafts „übernatürlicher“ Erfolg

Titelbild von Mike Mignola

“Ich hege keine trügerischen Hoffnungen gegenüber dem heiklen Zustand meiner Erzählungen, und ich erwarte nicht, ein ernsthafter Konkurrent der von mir bevorzugten Autoren unheimlicher Literatur zu sein“, schrieb Lovecraft 1933 in seinem autobiographischen Essay „Some Notes on a Nonentity“. Er fügte hinzu: „Das einzige, das ich zugunsten meiner Arbeit ins Feld führen kann, ist ihre Aufrichtigkeit.“

Mit der Weird Fiction verhält es sich ähnlich wie mit der amerikanischen Short Story. Beide sind nicht verlustfrei in die deutsche Sprache zu übersetzen, denn weder ist die Weird Tale mit unserem Verständnis einer unheimlichen Erzählung identisch, noch ist die Short Story einfach eine Kurzgeschichte. Das führt zu Komplikationen im Wust der Übersetzungen. Noch verwirrender wird es, wenn man die Weird Tale einfach mit einer Horrorgschichte gleichsetzt. Lovecraft zum Beispiel hat das unheimliche Element genutzt, um seine eigene Arbeit zu beschreiben, wurde aber präziser, wenn er sie als „Literatur kosmischen Grauens“ oder „Literatur der Angst“ bezeichnete. Das sind Aussagen, die darauf hinweisen, dass Lovecraft sich selbst im Horror-Genre verortete. Dennoch sind viele seiner Konzepte und Metaphern der Science Fiction zugehörig. In dieser Kombination ist es nicht verwunderlich, dass man Lovecraft als den Schöpfer kosmischen Horrors bezeichnet, was nicht ganz den Tatsachen entspricht. Elemente des kosmischen Horrors tauchten bereits in der Gothic Tale zu Beginn des 19ten Jahrhunderts auf. Namhaft in Bulwer-Lyttons „Zanoni“ – und in den 1890er Jahren dann bei Arthur Machen und Robert Chambers, auch wenn sich die existenztheoretischen Ansätze stark von jenen Lovecrafts unterschieden. In seinem Essay „Supernatural Horror in Literature“ vermerkt er, dass er gerade diese Autoren bewundere und in ihrer Tradition schreibe. Lovecraft hat den kosmischen Schrecken nicht erfunden, er hat ihn neu interpretiert, indem er den Fokus auf die Theorien der modernen Wissenschaft legte und gleichzeitig das Element der Viktorianischen Moralvorstellung daraus entfernte. Was Lovecraft schuf, war die Idee des 20. Jahrhunderts – und darin glich er eher Kafka als seinen Vorgängern. Das Universum ist ein leerer, gleichgültiger Ort, in dem es keine spirituelle Bedeutung, keine sinnträchtigen Handlungen gibt, und in dem die menschliche Existenz völlig unerheblich ist.

Eines der geplanten (und teilweise bereits umgesetzten) Schilder, die in Providence durch eine Spendenkampagne ermöglicht wurden.

Lovecrafts Cthulhu-Mythos und all die exorbitante Beschäftigung mit ihm, verstellt mittlerweile das Bewusstsein dafür, dass Lovecraft am Ende seines Lebens etwas Neues schaffen wollte, das nichts mit diesem Mythos zu tun haben sollte, den er zu diesem Zeitpunkt satt hatte, das sich aber dennoch um den kosmischen Schrecken drehen sollte. Aber Lovecraft unterschied sich nicht von jenen Figuren, derer er sich hauptsächlich bediente. Der typische Protagonist bei Lovecraft ist belastet von zu viel Wissen über die wirkliche Welt. Je mehr Kenntnis er über die Realität des Verlegens gewann, desto verzweifelter wurde er, bis er zum Schluss nur noch zwei Geschichten in seinen letzten sechs Lebensjahren schrieb.

Wie aber konnte Lovecraft überhaupt den Status erlangen, den er heute genießt? Er war keineswegs der beste Genreschriftsteller seiner Zeit. Clark Ashton Smith war der weitaus bessere Stilist, Algernon Blackwood schrieb den besseren Horror, Olaf Stapledon die bessere Science Fiction. Und doch ist es Lovecraft, dem man Luxusausgaben widmet, der die Quelle für viele akademische Untersuchungen darstellt und der derart von der westlich-kapitalistischen Kultur aufgesaugt wurde und wird, dass man keinen Mangel an Comics, Spielen und Plüschtieren zu beklagen hat. Sein groteskes Pantheon ist ein wesentlicher Bestandteil der populären Kultur, wie es auch die Stadt Arkham und die Miskatonic University sind. Ganz sicher hätte sich Lovecraft nichts davon träumen lassen, als er 1937 starb. Zwar hatte er in gewissen Kreisen seinen kleinen Erfolg durch die damals kursierenden Pulp-Magazine, blieb aber bis zu seinem Tode arm und kränklich, bis ihn schließlich der Magenkrebs dahinraffte. Der Literaturtheoretiker Roger Luckhurst nannte ihn einen „unbekannten und erfolglosen Schundautor“. Acht Jahre nach seinem Tod fällte ein Rezensent der Zeit eine vernichtende Kritik, indem er Lovecraft als Schmierfink bezeichnete. Und doch ist es nicht Smith, Blackwood, Fritz Leiber, oder einer der vielen anderen, dem heute gehuldigt wird. Woran liegt das?

Einserseits war Lovecraft einer der fleißigsten Briefeschreiber der ganzen Literaturgeschichte, und das gilt es auch auf keinen Fall zu unterschätzen, denn damit legte er den Grundstein eines Bewusstseins bei seinen Lesern und bei anderen Schrifstellern, das in seinem Nachleben Früchte getragen hat. Außerdem war Lovecraft der erste Schriftsteller, der eine fiktive Welt mit anderen teilte und diese sogar ermutigte, sie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Dadurch erreichten Begriffe, Wesen und Welten, die Lovecraft entwarf, eine Langlebigkeit, die den Fiktionen anderer Schriftsteller nicht vergönnt war. (Howards Conan ist ein kleiner aber weniger definierter Ableger dieses Vorgehens). Ein dritter Punkt ist, dass Lovecraft schlichtweg DIE Persönlichkeit dessen ist, was wir als Weird Fiction akzeptieren, merkwürdige oder beunruhigende Geschichten – mit übernatürlichen Vorgängen oder auch nicht – die sich in einem Zwischenstadium darstellen, immer am Rand zu etwas anderem aufhalten, aber nirgendwo eindeutig durchbrechen. Die Bandbreite der Weird Fiction, die als Subgenre um 1880 herum begann, reicht von Coleridge bis China Miéville. Der Vorteil, Lovecraft dort zu verorten, liegt auf der Hand. So gelingt es, ihn zu einem Mitbegründer und Repräsentanten des Subgenres zu machen; einmal durch seine Erzählungen, und zweitens durch sein kanonbildendes Essay „Supernatural Horror in Literatur“.

Das allein würde wahrscheinlich dennoch nicht für den außerordentlichen Stellenwert Lovecrafts sprechen. Tatsächlich nämlich ist es die Intelligenz, die Vorstellungskraft, und die Qualität von Lovecrafts besten Geschichten. Es gab einfach niemanden, der ähnlich schrieb. Lovecraft war eine völlige Neuheit. Und das gilt trotz des mittlerweile etablierten Subgenres „Lovecraftian Horror“, in dem sich viele versuchen, bis heute. Das ist der offensichtliche Teil. Weniger offensichtlich, aber ebenso prägnant ist die perverse Attraktivität des Lovecraft’schen Nihilismus, der zur Marke wurde. Seine Fähigkeit, Ekel, Angst, und andere kathartische negative Emotionen zu vermitteln und zu wecken. Lovecrafts offenes Spiel mit einem Universum, dessen Sinn und Existenz – mit uns darin -, das nicht nur andere Schriftsteller, sondern auch das akademische Ghetto herausfordert, darüber nachzudenken, was seit Jahren auch geschieht; all das macht Lovecraft zu einem der interessantesten Fiktionalisten überhaupt.

Dennoch geschah der Aufstieg zu einer Art Pop-Ikone rätselhaft und plötzlich und nicht etwa kontinuierlich. Aus bis heute ungeklärten Gründen kam es um 1969 herum zu einem Ansturm auf die Taschenbuchausgabe von Beagle / Ballantine, was zur Folge hatte, dass das Time-Magazine auf diesen überraschenden Erfolg aufmerksam wurde und am 11. Juni 1973 ein scherzhaftes, aber respektvolles Review lancierte. Sicher hat August Darleth, das selbsternannte Sprachrohr in Sachen Lovecraft, nicht wenig damit zu tun, allein schon dadurch, dass er immer wieder aufzeigte, dass Lovecraft ein kühner Denker war und keineswegs nur der exzentrische Weggefährte, für den man ihn lange Zeit hielt. Und nicht zuletzt war es Darleth, der sich den „Cthulhu-Mythos“ als Marke erdacht hatte. Das Verdienst, das sich Darleth durch das fachmännische Anordnen, Hinzufügen und Chronologisieren dieser Pseudomythologie (begonnen mit „The Call of Cthulhu“, 1926) erwarb, ist selbst derart komplex und noch gar nicht erschlossen. Sein Beitrag zum Phänomen allerdings außerordentlich. Sein eigener Beitrag zum Cthulhu-Mythos ist dennoch völlig uninspiriert, hauptsächlich deshalb, weil er die fundamentale philosophische Bedeutung von Lovecrafts Texten fehlinterpretierte.

Der endgültige Beweis, dass Lovecraft auch die akademische Welt infiltriert hatte, trat mit der großen H.P. Lovecraft-Konferenz der Brown University (August 1990) zu Tage, wo Wissenschaftler aus der ganzen Welt drei Tage lang in Podiumsdiskussionen das reiche Werk, das Leben und die Gedanken Lovecrafts thematisierten. Zu dieser Zeit erblickten unzählige wichtige Bücher über Lovecraft das Licht der Welt, und das renommierte Literaturjournal American Literature konstatierte: „Jeder, der Lovecraft jetzt noch ignorieren möchte, sieht sich eindeutig in die Defensive gedrängt.“

 

Michael Perkampus
Über Michael Perkampus (129 Artikel)
Michael E. Perkampus ist Kulturanthropologe und der ehemalige Moderator der Literatursendung "Seitenwind" bei Radio Stadtfilter, Winterthur. Er ist Übersetzer, Hörbuchsprecher und Sammler von Phantastik. 2014 schuf er mit dem Phantastikon einen Ort im Netz, auf dem sich Erzählungen, Artikel, Interviews und Rezensionen rund um das Thema finden. Er lebt derzeit in Kempten, Allgäu und schreibt kurze Erzählungen, die sich um den Mythenkreis "Schwarzenhammer" drehen.

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