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Lost Highway – funny how secrets travel

Bildnachweise: © October Films

I’m deranged

© October Films

Ich bin verwirrt / zerzaust / in unordnung / höchst durcheinander, singt Bowie, der in diesem Song das Steuer einer Blondine überlässt … Es ist der erste Song des Soundtracks. Das erste Lied, das wir im Film zu hören bekommen, der damit beginnt, dass wir bei Nacht eine Straße entlang fahren, von der wir nicht wissen, wohin sie führt. Wir sehen nur die gelben Streifen, die Fahrbahnmarkierung, sonst nichts. Wir sehen nur, was der Lichtkegel der Scheinwerfer uns sehen lässt. Wir sitzen in einem Auto, von dem wir nicht das Gefühl haben, dass wir es sind, die es steuern. Wir wissen auch nicht, wieso wir darin sitzen. Es ist, als fahre es von selbst. Und das tut es, das kann ich Ihnen jetzt schon verraten, auch wenn wir später sehen, dass es Fred ist, der am Steuer sitzt. Es scheint, als hätte sich David Lynch diesen Song zum Anlass genommen, die Geschichte eines Mannes mit dem Namen Fred Madison (grandios gespielt von Bill Pullman und seinem Sax) zu erzählen, der einen Horror erlebt, den ich für den ultimativen Horror halte, der in den beiden Geschlechtern Mann und Frau keimt, seit sie sich ihrer bewusst wurden. Seitdem sie ihre Augen, ihre Sinne füreinander öffneten.

Derangiert: Ein starkes Wort mit vielen Bedeutungshöfen. Psychisch, geistig, somatisch. Das ist ein Zustand, der mächtig was mit einem macht. Kein einfacher, in dem man sich vorfindet.

So war das bei mir, ich war irgendwie derangiert, als ich (der THC-Spiegel in meinem Blut war nicht gerade gering) mich das erste Mal mit einem Werk von David Lynch konfrontierte. Ich tat es noch zu Schulzeiten, 5 Mädels um mich herumliegend, die in etwa der Mitte des Films sich nacheinander von Morpheus in den Schlaf ziehen ließen. Ich schaute weiter, war gebannt. Ich war ja auf einem Lost Highway unterwegs, in einem Auto, das von selbst fuhr. Ich war Fred. Was ein Einstieg! Was für eine Transformation! Ausgelöst von einer (zeitweise blonden) Sirene, die in ihrem Wesen die in Fleisch und Blut übergegangene Sphinx verkörpert. Jene Sphinx, von der wir wissen, lösen wir ihre uns gestellten Rätsel nicht, werden wir von ihr erwürgt und verschlungen. Renée Madison / Alice Wakefield (gespielt von Patricia Arquette) entspricht der Sphinx nicht einfach nur, sie ist sie. Nicht etwa weil sie eine Fernstehende ist, die in keinem Beziehungsverhältnis steht, sondern gerade und aufgrund dessen, dass sie die Frau von Fred ist. Gemeinsam mit ihm unter einem Dach lebt und eine Beziehung führt, in der sie ihm, trotz der körperlichen Nähe, doch entrückt und ferner steht, als jede zwischen zwei Menschen liegende Wegstrecke es überhaupt möglich machen könnte. Es ist die Nähe, die diese Kluft erst aufzumachen vermag, ist eine Beziehung im Innern nicht intakt. Der nahestehende Mensch wird zum Feind unter geteiltem Dach. Ein Feind, den man liebt und weiterhin begehrt (paradoxerweise gar umso mehr begehrt, entzieht er / sie sich) aber doch nicht vertraut, der Empfindungen wie die des Besitzanspruchs wach werden lässt: Die Eifersucht. Die Jalousie. A jealous Guy. Fred, der das Licht scheut.

Wie kam es aber zu der Distanz / der Kluft von Fred und Renée?

Ödipus und die Sphinx (Gustave Moreau), 1864

Das wird nicht geklärt. Ein weiterer wichtiger Protagonist ist das Haus, in dem beide wohnen. Es steht in seiner äußeren und inneren Erscheinung für die Beziehung der beiden. Besonders wie die Kamera sich durch das Haus bewegt, in welchem Licht uns die Räume gezeigt werden, all das erzählt uns etwas über den Seelenzustand von Fred. Die Zimmer sind dunkel, es dringt kaum Licht hinein, wir wissen nicht, wie die Räume angeordnet sind, haben keine Ahnung vom Grundriss, wissen nicht, was uns hinter der nächsten Ecke, am Ende des Flurs erwartet. Es wirkt lieblos und kalt, recht nackt, ohne eine individuelle Note. Das Fehlen von persönlichen Dingen wird offenbar. Gerade einmal das Saxophon von Fred ist ein solcher Gegenstand. Einer, mit dem er seine Gefühle auszudrücken weiß. Der Rest ist Kulisse, ist Schein, so, als würde hier niemand wirklich leben. Das Haus: seine Erscheinung lebt von der misstrauisch unterkühlten Atmosphäre der beiden, die Giftcharakter hat. Aufgeladen wird dies noch zusätzlich durch die außen am Haus angebrachte Kamera. Heruntergelassene Jalousien tun ihr übriges. Nicht nur, dass sie kein Licht hinein lassen, sie schotten auch nach außen hin ab. Sie sind die verschlossen Augen von Fred, der sehen will, es jedoch nicht kann, da sie, Renée, es ihm scheinbar nicht ermöglicht.

Wir sehen zwei Menschen, die sich nicht mehr viel zu sagen haben, die, wenn sie miteinander schlafen, keine Leidenschaft mehr erleben. Wir werden sogar mit Freds Potenzängsten konfrontiert, in einer Szene, in der der Akt jäh und recht schnell sein Ende findet, da ihn seine „Manneskraft“ verlässt und er sich auf ihr, Renée, ablegt. Ein Moment der Verletzlichkeit, der Zuwendung und Wärme bedeuten könnte. Doch wir sehen, dass Fred mit dieser Angst von ihr allein gelassen wird. Wir sehen, dass sie ihm mit der linken Hand leicht die Schulter tätschelt. Eine Geste, die in ihrer Ausführung, d.h.: wie sie es tut, keine sehr liebevolle ist. Es ist eine nüchterne, kalte Geste. Eine, die ihn sterben lässt. Die die Potenzängste und das damit eintretende Nichtmehrvermögen ihres Mannes auslöst. Eine Geste, die ihn in einem Labyrinth zurücklässt, ohne einen Faden der Geliebten, die ihn zu sich lotst. Die sich aber doch sicher sein kann, dass er ihr folgt. Eine, die um ihr sirenisches Wesen weiß, die es ihm, ihn reitend, am Ende des Films mit den Worten

Du wirst mich niemals kriegen

direkt serviert.

Das ahnte er die ganze Zeit. Vielleicht wusste er es auch. Aber es macht eben einen Unterschied, ob es der geliebte Mensch einem bestätigt, oder ob es immer nur eine Befürchtung bleibt. Und solange es nicht ausgesprochen wurde, war seine Transformation in Pete Dayton (Balthazar Getty) möglich. Eine Transformation, die notwendig war, um Alice – als wäre sie das Karnickel zu seinem Glück – in den Bau folgen zu können, wie Alice im Wunderland es tat. Als Fred wäre ihm das unmöglich gewesen, zu desolat sein Zustand. Zu extrem das Machtgefälle von ihm und Renée. Pete erfährt nicht weniger ein Machtgefälle und seine enorme Abhängigkeit aufgrund seiner Liebe zu ihr, er verkörpert jedoch andere Wesenszüge. Es sind Wesenszüge, die es ihm erlauben, mit ihr zu gehen, ihr das “Steuer” zu überlassen. Er ist im Gegensatz zu Fred der naivere von beiden. Lebt noch bei seinen Eltern. Wirkt jung und unerfahren. Jedoch mit Pete gelingt es ihm, sein Haus, sein Innerstes zu verlassen (Bedenken Sie den Namen Dayton! Day: Tag : wie Licht.) und sich den „Gesetzen der Straße“ bzw. den Gesetzen von Mr. Eddy / Dick Laurent (Robert Loggia) auszuliefern. Auszubrechen, wie Jugendliche es tun, die auch die Gefahr kennenlernen wollen. Es wird roadmovielike.

Dass er, Pete / Fred (wir erleben eine Art Retransformation), am Ende nicht versagt, was seine Potenzangst betrifft, mag man, angesichts dessen, was Alice ihm alles offenbart hat, ebenso paradox finden, aber das ist ja gerade das, wovor er sich fürchtet(e), was sie, Renée, zu dieser Sphinx macht, die ihn sirenisch (besonders als Alice) in den Abgrund zieht. Sie zeigt ihm, dass es der Entzug ist, mit dem sie ihn an sich bindet, der ihn potent macht, ihn nicht „versagen“ lässt. Über Renées Motivation erfahren wir nie etwas. Wir lernen sie nie kennen.

Wäre ich jetzt spitzfindig, was ich offenbar bin, würde ich Ihnen noch mitteilen, dass ein Stellungswechsel stattgefunden hat. Vollzog sich der Akt von Fred und Renée zu Beginn des Films in der Missionarsstellung, ist es am Ende die Reiterstellung. Inkubus und Sukkubus. Oder: Alles was dem Menschen, den beiden Geschlechtern schon immer zum Zankapfel gereichte.

© October Films

Sollte Ihnen dieser Zankapfel nicht reichen, so, dass Sie Ihrer (Selbst-)Sicherheit beraubt sind wie Fred es ist, werden Sie es spätestens mit der Angst zu tun bekommen, wenn ein Wesen wie der Mystery Man (gespielt von Robert Blake) Sie kontaktiert. Ein Wesen, das stark an Mephisto erinnert, vor dem sich selbst der Tod fürchten würde. Der Ihnen ein Video schickt, welches ihn in Ihrem Haus zeigt. Der Sie filmte, ohne dass Sie es bemerkt haben. Denn Sie waren ja auch anwesend. Spätestens ab da dürften Sie wissen, dass Sie nicht mehr der Herr in Ihrem Hause sind. Schließlich wird Ihnen ja auch der Vorwurf gemacht, dass Sie Ihre Frau ermordet haben. Und dass Ihre Telefonnummer mit 666 endet, dürfte auch kein gutes Licht auf Sie werfen.

„Wir sind uns schon einmal begegnet.” “Ach ja?” “Aber natürlich. In Ihrem Haus. Erinnern Sie sich nicht?“

Das Auto fährt wie von selbst, wie ich Eingangs schon schrieb. Griechisch autos-: selbst-. Autoaggression, Autosuggestion, autonom, automatisch … Also: Machen Sie sich Ihren eigenen Reim darauf. Oder: Take it easy, baby!

… funny how secrets travel …

David Lynch ist mit Lost Highway, den er 1996 drehte, und der bereits 1997 in die Kinos kam, ein psychogener Horrorstreifen in der Manier eines Film Noir gelungen, der unter anderen Regisseuren und Drehbuchautoren seinesgleichen sucht. Nur ihm selbst gelang es, weitere hinzuzugeben. Insbesondere die Filme Mulholland Drive und Inland Empire sind hier zu nennen, die gemeinsam mit Lost Highway eine Arbeitstrilogie bilden.

Albera Anders

Albera Anders wurde 1982 in Wriezen geboren. Ist Dichterin und Malerin. Sie studierte in Heidelberg Germanistik und europäische Kunstgeschichte, lungerte out of order jedoch auch im philosophischen Seminar herum. Lebt und arbeitet in Bayern.

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