News Ticker

Lons Launen

Da war dieser Moment in seinem Leben, der prinzipiell alles veränderte. Der schwere schwarze Vorhang flog dahin wie ein Krümel auf der Fensterbank, den der Wind unbekümmert weg fegt. So, als wäre das nichts, ihm den lästigen Glauben zu stehlen. Diesen unnötigen Glauben an die Familie und daran, dass die Welt da unten diesen einen, den sie den guten Gott nennen, längst gefressen und verdaut hatte. So war es eben nicht. Und das konnte ihm so verdammt egal sein wie der letzte lausige Fluch seiner Großmutter. Er war der böse Meister. Ganz offensichtlich.

Die Erkenntnis, die Lon schon in sehr jungen Jahren als selbstverständlich empfunden hatte, war vorerst einmal verschwunden. Die Erkenntnis, ein ganz besonderer Bursche unter den Besonderen zu sein. Ein Gesegneter vor dem umgedrehten Kreuz. Einer, der es richtig macht. Der nie patzt. Ein Auserwählter. Einer von denen, die von Geburt an so dicht am Feuer stehen, dass die verbrennen, die ihnen zu nahe kommen. Das wusste er längst. Dass es freilich so schnell gehen und vor allem so herrlich unappetitlich sein könnte, war eine erfreuliche Sache, mit der Lon nicht gerechnet hatte. Wie auch? Er war ein dreizehnjähriger Junge. Der Gescheiteste war er auch nicht. Dafür konnte er nichts. Seine Großmutter hätte ihn eben rechtzeitig aufklären müssen. Oder vernichten.

Tatsächlich war Lon von der Familie zwar respektvoll, stets aber misstrauisch beobachtet worden. Es lag an seinen Augen. Sie waren einmalig schön, fast schwarz mit goldenen Sprenkeln, umrahmt von einem dichten Wimpernkranz. Sie waren undefinierbar einfach nur schön. Viel zu irritierend, um seine Absichten lesen zu können. Für die Familie, die unanfechtbare Klarheit brauchte, um ihre Zukunft gesichert wissen zu können, blieb Lon undurchsichtig, wenn er sie ansah. Sein Blick war unverschämt. Frech und immer fremd. Man fürchtete sich ein wenig vor dem, was passieren könnte, wenn er erwachsen und mächtig sein würde, verscheuchte die Sorgen aber in der Gewissheit, dass die alte Wölfin sich kümmern würde. Enkelsohn hin oder her, es ging um das Rudel.

Anna schwieg dazu. Zwar liebte und schützte sie ihn beinahe wie eine ganz normale Großmutter, stöhnte aber insgeheim über die verfluchte Bürde und nannte ihn schwachsinnig. Seine schönen Augen waren für sie nicht unergründlich, sondern schlichtweg dumm. Seitdem er sie zum ersten Mal geöffnet hatte, wusste sie, dass diese Einfalt in ihnen lag, die immer Probleme bereitet. Eine gefährliche unkontrollierbare Dummheit, gepaart mit der Überheblichkeit, die ihm in die Wiege gelegt worden war. Sie sprach nicht darüber. Auch nicht mit ihrem Mann. Hans war immer schwach gewesen. Kein Priester. Nur ein kleiner Mitläufer. Jetzt war er alt und redete menschlichen Unsinn.

Hätte Anna geahnt, welch wirres Zeug sich in Lons Kopf herumtrieb, hätte sie ihn eigenhändig zum Altar geschleppt, ihn von oben bis unten aufgeschlitzt und seine Eingeweide in die Suppe gegeben.
Möglich, sie hätte Bedauern empfunden. Vermutlich nur bedingt. Dass er das Rudel einmal anführen sollte, bereitete ihr Übelkeit. Besser wohl, sie würden zeitig einen aus den anderen Sippen in Betracht ziehen und vorbereiten. Würden seine Eltern noch leben, sie hätten Vorsorge treffen können. Noch ein Bruder, eine Schwester, egal, das Blut zählte.

Da war noch etwas an ihm, das sie störte. Besser wohl, dass sie in ihrer Überzeugung bestätigte, mit einem Idioten geschlagen zu sein. Lon sammelte Augäpfel. Sechszehn Paare, alle recht hübsch mit kleinen Abstrichen, – die wirklich hellen mochte er nicht so sehr -, hatte er bereits zusammen, und das Erstaunlichste daran war, dass niemand darüber sprach. Sie nahmen es achzelzuckend hin, dass er sie herausschnitt, wenn sie die Festtagsmahlzeiten zerlegten, um sie in Einmachgläsern zu konservieren.
„Das hat schon seinen Sinn.“ Sagte er und grinste zufrieden.

Anna Schlot galt als bodenständige Frau. Konsequent in allem. Hervorragende Köchin, ehemals Dorfschönheit aus dem Münsterland. Zwei ihrer Brüder erhängten sich noch als Jugendliche freiwillig, weil die Familie sie als zu schwach befunden hatte. Die Schwester hatte das achselzuckend hingenommen. Sie wären eh geopfert worden.

Jetzt stand sie kurz vor ihrem achtzigsten Geburtstag. Sie liebte gekochte Innereien, frisch gestärkte Blusen, Bienenstich, den sie mit Trudel Overthür auf der Friedhofsbank teilte, und einen Mann, der schwerhörig war, nach Wacholder stank und stundenlang den Hund kraulte, ohne ein Wort zu sagen.

Vor allem aber liebte sie die Messe im Kellergewölbe der alten Villa, die den Schlots seit zwei Jahrhunderten als gewöhnlicher Wohnsitz diente, umgeben von einem dicht bewachsenen Garten, gut abseits gelegen an kalten Bahngleisen. Da waren Freunde. Gesang. Blutroter Wein. Da war er dicht bei ihnen. Ihr Herr.
Den Nachmittag vor eben jener bedeutsamen Messe, die Anna und einige weitere zentrale Personen aus der Familie nicht mehr erleben sollten, verbrachten sie auf der Terrasse, sprachen über die Gebote und zwischendurch auch über das leidige Ungeziefer, das die Verwesenden ins Haus geschleppt hatten.
Anna griff nach dem bauchigen Krug, schenkte nach und lächelte entschuldigend. „Immer das gleiche. Wenig amüsant, stinken furchtbar und schmecken nicht.“

Versammelt waren die Bülows, Oskar und Elvira mit ihren halbwüchsigen Söhnen, Gerd und Katharina Lappküper mit Tochter Willa, der alte Kornsten, Witwe Bunnach. Anna und Hans Schlot. Lon. Der langweilte sich. Er beugte sich nach vorn, roch an seinem Glas, verzog das Gesicht.
„Eklig.“

Seine Großmutter sah ihn streng von der Seite an.
„Du trinkst das. Heute ist Messe. Deine erste.“
Er lachte kehlig, hielt die Luft an, spuckte Galle auf den Tisch. „Aber sicher.“
Anna hob die Hand, sah ihn zornig an. Lon duckte sich, grinste.
Sein Großvater nickte paffend.
„Die Katholiken haben Läuse im Hirn, das kommt nicht von ungefähr, wisst ihr das?“
„Wen interessiert dein dummes Gewäsch, Hans?“

Anna warf ihm einen abschätzigen Blick zu. Der Trottel war wirklich nicht mehr zu ertragen.
Hans paffte weiter, sie hustete hinter vorgehaltener Hand, ihm egal. War sein Haus.

Anna starrte in den Garten, da blühte der Flieder, sie starrte zum umgedrehten Kreuz an der Wand, dann auf Lon. Gut sah der Junge aus. Wie sein Vater. Wenigstens etwas. Verfluchter Weihrauch. Musste er ihn saufen, nur weil sein Weib krepiert war?
Lon stellte das Glas zurück auf den Tisch und schüttelte sich.
„Was ist das für ein Zeug in dem Krug?“
Hans Schlot kicherte.
„Ob du jetzt weißt, wer wen warum und wann ans Kreuz genagelt hat, ist doch egal. Der da oben hängt mit den Füßen in der Luft.“
Anna gab ihm einen Schlag in den Nacken. „Taub bist du. Hörst gar nichts mehr.“
Er zuckte mit den Achseln und sehnte sich nach seinem Wacholder, keine Chance, seine Frau passte auf. Der Hund auch. Er streichelte ihn.

Anna zupfte an ihrer Bluse, räusperte sich, blickte flüchtig auf die Uhr. „Nicht mehr lange. Der Umhang, Junge. Deine Probitten hast du wohl im Kopf?“
Lon verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie herausfordernd an. Er sprach laut. Hans Schlot horchte erfreut auf. Er konnte hören. So klar. Wie nett.
„Wo sonst als im Kopf? Im Arsch? Und wenn es sein muss, leiere ich Dir auch noch die zehn Gebote runter.“
Anna fauchte. „Untersteh dich. Sag das nie, nie wieder. Ist das klar, du elender kleiner Taugenichts?“

Bevor Lon ärgerlich antworten konnte, kam ihm sein Großvater zuvor. Unbekümmert wie ein kleines Kind. Tödlich senil.
Der Untergang. Welch Glück für ihn.

„Heiliges Scheißdonnerwetter. Ich sag nur, Vater unser, der du…und Amen auch noch.“

Alle schrien gleichzeitig auf. Lon nicht. Er war aufgestanden, um das kitschige Gewand zu holen, blieb erstarrt stehen, glotzte leicht erschrocken in die Runde. Kreidebleiche Gesichter, weit aufgerissene Augen, wie aus den Höhlen gedrückt. Seine Großmutter keifte. „Wie kannst du es wagen, Hans?“
Der sah irritiert auf.
„Was denn, was denn? Das war ein Witz. Alter Katholikenwitz. Läusewitz. Der du bist im Himmel…Seit wann lachen wir da nicht?“
Anna umklammerte ihren Hals, krächzte. „Du Volltrottel. Du bist ja noch idiotischer als der Junge.“
Der alte Kornsten war vom Stuhl gerutscht, versuchte, sich an der Tischkante wieder hochzuziehen, fluchte. „Dreckiger Mistkerl. So was gehört weggesperrt.“

Willa Lappküper heulte, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, stammelte. „Heute…heute doch nicht. Bitte..nicht.“ Elvira Bülow war aufgesprungen, schwankte, torkelte auf Hans zu, entriss ihm seinen Stock und versuchte, ihn damit zu schlagen, fiel auf den Rücken, wimmerte. „Ich mach dich kaputt, Hans. Wie kannst du? Vor der Messe? Vor ihm?“

Lon sah in die fassungslosen Gesichter, sah die hervorquellenden Augäpfel, die herausgestreckten Zungen, setzte sich, sank in seinem Sitz zurück, fasste sich an die Stirn, sah, wie sie alle krümmten. Stöhnten. An ihren Kleidern rissen.
„Was ist jetzt los?“
Er blickte angewidert auf seine Großmutter, die auf allen Vieren sabbernd vor ihm kauerte.
Hans brüllte. „Was macht ihr denn da? Das war ein verdammter Witz.“
Lon pfiff durch die Zähne.
„Den nenn ich gelungen.“

Anna hatte sich keuchend erhoben, schlug zitternd um sich und versuchte, ihn zu treffen.
„Bastard. Teufel, du.“
„Das sollte dich freuen.“

Ihre Augen traten weiter hervor. Lon staunte. Das war faszinierend. Er sah sich um. Es fehlte nur ein bisschen, dann würden sie alle herausspringen, ihm direkt vor die Füße, klassisch serviert für seine wundervollen Gläser. Er begriff, so dumm war er wirklich nicht, stellte sich in die Mitte, schrie.
„Und dein Reich komme, dein Wille geschehe.“
So geschah es. Lons Wille. Sein Wille. Egal.
Und er schrie:
„Vergib uns unsere Schuld.“
Sie zerfetzten ihre Körper, zerrten an ihren Eingeweiden.
Seine Stimme überschlug sich, er betete sich heiser.
„Erlöse uns von dem Bösen.“

Totenstille.
Lon sah sich um. Die Terrasse war ein Schlachtfeld.
Er seufzte.
„Was für eine Schweinerei.“
Er sammelte seine Augen ein, dachte kurz nur an die Messe, steckte seinem Großvater die Zigarre in den Mund und lächelte.
„Uns kann der Blödsinn wohl nichts, was? Du bist fast taub, und ich bin der böse Meister. Hörst du, Gott, hörst du?“
„Was?“
Hans Schlot legte den Kopf zur Seite, brummte etwas, zündete die Zigarre an, paffte, blickte hoch zu Lon, der ihm die Wange tätschelte.
„Was? Was machst du eigentlich mit den ganzen Augen?“
Lon betrachtete den Flieder. Hübsch scheußlich, dachte er.
„Da fällt mir schon was ein. Hat seinen Sinn.“

Der Großvater nickte schwerfällig, verstanden hatte er kein Wort. Er suchte Anna. Sah sie, wandte sich angewidert ab.
„Nur noch Klumpen. Alle. Dem da oben gefällt das. Hast sie kaputt gemacht. Alle.“
Lon runzelte die Stirn. Er zögerte.
„Wenn der da oben immer noch ist, bin ich besser.“
Er setzte sich wieder. Ihm wurde merkwürdig heiß. Übelkeit stieg in ihm auf. Nicht doch, dachte er, ich bin erst dreizehn. Das muss ich gar nicht wissen.
„Was machst du mit den Augen?“
„Irgendwas. Ich bin der böse Meister.“

Jemand lachte. Laut. Sehr laut. Sehr nah.
Lon zuckte zusammen, blickte sich um. Nichts. Sah den Großvater an, der durch die Zähne pfiff.
„Ohoh.“
Lon erstarrte.
„Wer war das?“
„Ohoh.“

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
Kontakt: Webseite

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz