Logen Neunfinger: Der Blutige Neuner

Logen Neunfinger ist der Blutige Neuner, da muss man realistisch sein.

Mit diesem großen, oberflächlich derben Nordmann hat Joe Abercrombie den Archetypen des Barbaren um eine ganz besondere Figur bereichert: einen Krieger auf der Flucht vor sich selbst. Nun, das alleine würde Logen Neunfinger natürlich noch nicht außergewöhnlich machen, also die bloße Flucht vor der eigenen, schwarzen Vergangenheit. Große, grausame Krieger, die an einem bestimmten Punkt in ihren Leben Waffen zu Pflügen schmieden, um fortan den hehren Traum zu leben, den Boden, den sie bis dato nur mit Blut zu tränken wussten, fortan zu kultivieren und zu besäen, die gibt es im Genre wie Sand am Meer. Irgendwann wird jedoch immer irgendjemand vermeintlich unerwartet des Weges kommen, wird diesem bekehrten Krieger ein Tor in die Vergangenheit öffnen, ihn an seine blutige Schuld erinnern, eine Möglichkeit zur wahren Wiedergutmachung abseits des Daseins als Bauer im Gepäck haben, woraufhin dieser geläuterte Mann dann aufbrechen müsste, um endgültig mit sich selbst Frieden zu schließen. Aber so einer ist Logen Neunfinger nicht. Logen ist kein Träumer, er ist durch und durch Realist, immer schon gewesen. Leute, die die Geschichten bereits kennen, mögen jetzt Lamm ins Feld führen, aber lassen Sie uns über Lamm später sprechen. Die ersten Dinge zuerst, so werden wir das hier handhaben, um Logen Neunfingers Herangehensweise treu zu bleiben.

Logen ist ein großer, physisch überaus imposanter Mann, dessen Leib mit Narben aus vergangenen Schlachten übersät ist. Wie der Name schon verrät, ist die signifikanteste Wunde an seinem Körper der abwesende Mittelfinger seiner linken Hand. Seine Haare sind ein wirres, verfilztes, schwarzes Durcheinander, seine Augen tiefliegend und blau. Seine Gesichtszüge, eher platt, mit einer stark verbogenen Nase und einem eingekerbten Ohr, mögen auf den einen oder anderen vielleicht sogar einfältig wirken – aber lassen Sie sich da bloß nicht täuschen. Wenn dieser Mann eines nicht ist, dann ist es einfältig. Nein, man könnte ihn mitunter sogar als Philosophen bezeichnen, als jemanden, der stets danach trachtet, eine bessere Version seiner selbst zu sein, und wenn ihm das nicht möglich ist, so zumindest auf jeden Fall besser als all jene, die ihm nach dem Leben trachten; und davon gibt es einige.

Logen; Anonym

Logen ist ein überaus, überaus erfahrener Krieger, der seinen bemitleidenswerten Gegner sowohl mit eiskaltem taktischen Kalkül als auch enormen kämpferischem Instinkt begegnet. Er ist der gefürchtetste Mann des Nordens, der König der Killer (wenn man Crummock-i-Phail glauben darf). Obwohl er zumeist das Schwert bevorzugt, ist Logen im Umgang mit allen Waffen bewandert, und das vor allem, um als Duellant im Ring bestehen zu können.

Wenn man Logen das erste Mal trifft, könnte man – abgesehen von seinem einschüchternden Erscheinungsbild – überrascht feststellen, dass er im Grunde seiner Seele ein durchaus anständiger Mann zu sein scheint. Ein Krieger, klar, aber einer, der nur verletzt und tötet, wenn man ihm keinen anderen Ausweg lässt. Aber da sollte man sich lieber einmal nicht täuschen: Zu einem war er früher auf jeden Fall genau jener brutale und ruchlose Mann, der man sein muss, um einen Ruf wie den von Logen Neunfinger zu gewinnen – das Blutbad war ihm in jungen Jahren auf jeden Fall auch Vergnügen. Und dann wäre da außerdem noch der Blutige Neuner. Und genau dieser Blutige Neuner ist auch der Grund, warum ihn der gesamte Norden fürchtet.

Wenn Logen Neunfinger nämlich in eine aussichtslose Lage gedrängt wird, im Kampf an einen Punkt gelangt, ab dem es für ihn keinen Ausweg mehr zu geben scheint, übernimmt der Blutige Neuner das Kommando, und der Blutige Neuner ist niemand, dem man im Dunklen, oder im Hellen oder zu sonst irgendeiner Tageszeit begegnen möchte. Der Blutige Neuner ist nämlich nun tatsächlich jemand, der sich den Titel König der Killer rechtschaffen verdient.

Was genau diese andere Persönlichkeit von Logen Neunfinger ist, woher sie stammt, worin ihre Kräfte bestehen, ist nicht gänzlich geklärt. Fest steht auf jeden Fall, dass man diesen Zustand durchaus mit den Berserkern der alten germanischen Traditionen vergleichen kann, also als jemanden der in eine tranceähnliche Raserei verfällt, und mit schier unmenschlichen Kräften durch die Reihen jener mäht, die seinen Weg kreuzen; dabei spielt es für den Blutigen Neuner keinerlei Rolle, ob er Feind oder Freund gegenübersteht, in blindwütiger Ekstase macht er jedem und jeder den Garaus, der oder die sich in Reichweite befindet.

Berserker aus der Nordischen Mythologie;

Sehen wir uns diesen Blutigen Neuner also einmal näher an. Was ist er, was will er, und warum kann Logen ihn nicht kontrollieren? Natürlich führt uns der erste Pfad auf der Suche nach dem wahren Wesen des Blutigen Neuners über die dissoziative Identitätsstörung, diese manifestiert sich über einen Zustand der menschlichen Psyche, in der verschiedene Persönlichkeitszustände abwechselnd die Kontrolle über das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen übernehmen; dabei sind die einzelnen Identitäten des Betroffenen klar voneinander abgegrenzt. Eingedenk des Umstands, dass es sich bei Joe Abercrombie um einen studierten Psychologen handelt, also eine sehr naheliegende Deutung dessen, was passiert, wenn der Blutige Neuner die Kontrolle übernimmt. Es sichert Logen das Überleben in einer durch und durch feindlichen Welt, befähigt ihn, Aktionen zu setzen, Taten zu begehen, für die er im Nachhinein – so grausam, wie sie mitunter ausfallen – die Verantwortung nicht übernehmen muss, kann und möchte. Immer noch am Leben, immer noch am Leben. Seine friedlichere Seite scheut zurück vor all den furchtbaren Dingen, zu denen er fähig ist, und damit braucht er unbedingt jemanden wie den Blutigen Neuner an seiner Seite, der keine Angst fühlt, keinen Schmerz, keine Gewissensbisse. Logen ist sich zu großen Teilen bewusst, was der Blutige Neuner in ihrer beider Namen begeht, und obwohl er innerlich die Verantwortung dafür übernimmt, entschuldigt er sich nicht dafür.

Womit wir es hier also auf den ersten Blick zu tun haben, ist der klassische Berserkerzorn, einmal umgerührt und vermengt mit jener psychischen Störung der multiplen Persönlichkeiten. Aber in dieser Welt voller Dämonen, Geister und vergangen geglaubter, aber nichtsdestotrotz manifester Magie, kann das da wirklich schon alles gewesen sein? Schauen wir also doch noch einmal genauer hin.

Etwas habe ich nämlich noch nicht erwähnt: Logen ist außerdem in der Lage, mit Geistern zu sprechen (lassen wir also zumindest vorläufig einmal die psychische Störung außer Acht, die ihn dazu befähigen könnte, aber behalten wir sie trotzdem im Hinterkopf – immerhin ist das hier Fantasy). Diese Kommunikationsgabe mit Geistern impliziert eine besonders starke Bindung zur verbotenen, der magischen, der dämonischen Welt. Möglicherweise ist – dieser Theorie zur Folge – der Blutige Neuner eine andere Version von ihm, seine dämonische Hälfte, herbeigerufen durch zu viel Grausamkeit, zu viel Blut. Ein Indikator dafür wäre die Kälte, die Logen spürt, wenn der Blutige Neuner naht – die Unterwelt ist kalt. Es gibt keinen einzigen Kämpfer in der Serie, der es ohne magischen Beistand mit dem Blutigen Neuner aufnehmen kann. Während es in der Serie also durchaus Menschen mit Dämonenblut gibt (Ferro etwa), ist Logens Verbindung vielleicht einfach magischer, subtiler, vielleicht ist er ein Wechselgänger, sein Körper das Haus zweier Seelen.

Was es auch immer ist, wir bekommen niemals eine definitive Antwort von Joe Abercrombie, aber genau das macht die Figur von Logen Neunfinger auch so großartig: Er ist ein Zerrissener, ein schnell Heilender, ein großes Geheimnis, obwohl er oberflächlich betrachtet so einfach wirkt.

Dann kommen wir am Schluss noch zu Lamm (ich würde Ihnen empfehlen, hier nicht weiterzulesen, wenn Ihnen Blutklingen bzw. Red Country noch fehlt). Ich bin bisher ganz bewusst nicht auf die Geschichte eingegangen, sondern habe mich ausschließlich der Einzigartigkeit der Figur von Logen Neunfinger gewidmet. Lamm, der friedliche Bauer, Lamm der schließlich geschafft hat, was Logen Neunfinger, dem gefürchtetsten Mann des Nordens, verwehrt bleiben musste: Er hat Frieden gefunden. Bis – und hier sind wir zurück, bei der initial vorausgesagten Geschichtenentwicklung dieserart Figuren – bestimmte Geschehnisse ihn dazu zwingen, den Blutigen Neuner zurückzuholen. Hier gibt es also keinen Abschluss für ihn, keine Erlösung, keine Wiedergutmachung der Schuld. Logen Neunfinger ist nur vorübergehende der Frieden gegönnt, bis der Blutige Neuner wieder bekommt, was ihm zusteht; denn solcherart ist nun einmal das Leben mit dieser Bürde, diesem Trauma, dass diese andere Seite ist. Da muss man realistisch sein.

Logen Neunfinger ist eine komplexe Gestalt, hineingepresst in das simpelste, derbste Gefäß, das es in solcherlei Geschichten gibt: Er ist ein grobschlächtiger, mörderischer Barbar, außerdem ist er aber noch Philosoph, Realist, er ist höchstwahrscheinlich psychisch krank und eventuell auch Magier, in einer Welt, in der es bis vor Kurzem keine Magie mehr zu geben schien, aus der die Magie immer noch hinausblutet und sowieso etwas Verbotenes ist. Logen Neunfinger ist im Ganzen ein Meisterwerk der Fantasy, seht ihn nur an, wie großartig er ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Um einen Kommentar zu verfassen, müssen Sie mit den Datenschutzbedingungen einverstanden sein.