Liesbetts Gäste

(Titelbild: Was geschah wirklich mit Baby Jane?, copyright: The Associates & Aldrich Company/Warner Brothers, 1962)

Constanze wartete darauf, dass der schwarze Hut um die Ecke bog. Sie hätte längst mit der Korrektur der Klausuren anfangen sollen, wie fest vorgenommen für den Samstagvormittag, aber sie wartete. Pustete in die bauchige Kaffeetasse, gähnte, rauchte. Sie lehnte am weit geöffneten Küchenfenster, schnippte die Asche in die graue Zeder vor dem zweistöckigen Backsteinhaus und blickte zu den hinter Holunderbüschen versteckten Mülleimern, die Liesbett Kremms jeden Morgen pünktlich um halb neun passierte. Seit gut vierzehn Tagen hatte sie diesen merkwürdigen hohen Hut auf dem Kopf, der wie ein windschiefer Turm schräg auf ihren gelben Pudellocken saß, mit kunstvollen Rosetten an der linken Seite, gehalten von einem langen roten Band, das sie unter ihrem Kinn zu einer monströsen Schleife gebunden hatte. Dazu trug sie ihre braunen Filzlatschen und eine bestickte Strickjacke über dem durchgeknöpften Nachthemd, das fast bis zu den Knöcheln hing. An ihrem Handgelenk baumelte ein altmodisches Einkaufsnetz.

Schräg gegenüber war der Bäcker, direkt daneben ein kleiner Lebensmittelladen, in dem man sich mit Namen ansprach und zum Plaudern kam, ohne wirklich etwas zu benötigen. Liesbett Kremms musste nur den schmalen Pfad bis zum Gartentor nehmen und die eine, kaum befahrene Straße überqueren. Offensichtlich hielt sie nicht viel davon, für diesen kurzen Weg festes Schuhwerk und ein ordentliches Kleid anzuziehen. Aber diesen Hut setzte sie sich dafür auf, erstaunten Blicken und unterdrücktem Gelächter hinter vorgehaltener Hand zum Trotze. Constanze war ihr am Vortag an der Haustür begegnet, und nachdem sie sich nun die Woche über ihre speziellen Gedanken über den abstrusen Kopfschmuck gemacht hatte, fragte sie nach. Ganz beiläufig sollte das klingen, Constanze wollte nicht auf so triviale Art neugierig wirken, gestand sich aber ein, das wissen zu wollen.

“Sie haben ja einen interessanten Hut, Frau Kremms. Richtig historisch sieht der aus.”
Liesbett Kremms stützte sich mit beiden Händen auf ihrem Stock ab, blickte überrrascht, schnaufte kurz, sagte “Hachjeh”, seufzte und verzog streng die Mundwinkel. Für einen Moment dachte Constanze, sie hätte sie vielleicht nicht richtig verstanden oder fühlte sich gar belästigt. Sie zögerte, überlegte, es dabei zu belassen, einen schönen Abend zu wünschen und zu gehen, aber dann erkannte sie, das es ein Lächeln war, das Liesbett Kremms sich aufzusetzen bemühte. Ein verkrampftes, irgendwie mehrmals durchgestrichenes Lächeln. Aber immerhin. Sie hatte diese feine, klirrende Stimme, die nervös macht. Sie sagte: “Nicht wahr? Und der sieht nicht nur so aus, Kindchen. Der ist so echt, wie ich hier stehe. Der stammt aus dem achtzehnten Jahrhundert. Glauben Sie’s oder nicht.”
“Wahrhaftig? So alt?” Constanze lächelte zurück, tatsächlich war sie leicht irritiert. Der Hut schien neu zu sein, keine Flecken oder Beulen, die Rosetten wie frisch aus der Basteltüte, das rote Band völlig sauber, von klarem Rot und glatt gebügelt. “Ist der auf der Bühne getragen worden?”
“Was für eine Bühne denn? Blödsinn. Bühne.” Liesbett Kremms blickte sie misstrauisch von unten herauf an. Sie war sehr klein, freilich auch recht dick. Constanze winkte hastig ab.
“Schon gut. Ich dachte nur. Im Theater haben die doch solche Hüte. Ich mein, zu einem passenden Kleid…aus der Zeit…das muss phantastisch aussehen.”
Liesbett machte “Tättätätt”. Dann schüttelte sie den Kopf.
“Hab ich aber nicht. So ein Kleid. Ich hab nur den Hut gekriegt. Reicht. Um ehrlich zu sein…” Sie kicherte. “…ich hab ihn ihr einfach abgerissen, bevor sie weg musste. Geklaut hab ich den. So ist das, Kindchen. Gestohlen. G-e-s-t-o-h-l-e-n. ”
Sie zwinkerte ihr freundlich zu, schnalzte mit der Zunge und zog davon.

Am Abend hatte Constanze Martin von dem sonderlichen Gespräch erzählt. Der lachte nur. “Die ist halt verschroben, Stanzel, die Frau ist doch uralt. Vielleicht hat sie den komischen Deckel wirklich mitgehen lassen, aus irgendeinem Kostümverleih vermutlich. Oder das ist Karnevalszeug. ”
“Glaub ich nicht. Der Hut sieht irgendwie teuer aus. Wie handgefertigt.”
“Kann ja sein.” Martin zuckte mit den Schultern. “Was machst du dir Gedanken? Das ist doch völlig unwichtig.”
Weiß nicht.” Constanze beugte sich aus dem Fenster, atmete tief durch. Süßliche Abendluft stieg ihr in die Nase. Sie lächelte. “Gut riecht das, Martin. Nach Sommer.” Sie sah hinunter in den Garten.

Liesbett Kremms riesiger schwarzer Kater saß auf dem Mauervorsprung neben dem hölzernen Tor und säuberte sich. Plötzlich hielt er inne, streckte sich vor, starrte sie direkt an und fauchte. Unheimliches Tier, dachte Constanze, richtig unheimlich. Sie zog rasch ihren Kopf zurück. “Ich weiß es wirklich nicht.”

Am nächsten Morgen suchte Constanze vergeblich das mittlerweile vertraute Bild. Liesbett Kremms mit ihrem denkwürdigen Hut tauchte nicht auf. Constanze seufzte etwas ratlos, zog das bunten Tuch, mit dem sie ihr Haar zusammengebunden hatte, etwas strammer, sah kurz zum Küchentisch, auf dem der Stapel mit den Klausuren war, und verdrehte die Augen. Sie überlegte, sich eine weitere Zigarette zum Kaffee anzuzünden. Er war noch heiß, das lohnte sich allemal. Die paar Minuten würden sie noch warten können. Sie murmelte vor sich hin, während sie an der Tasse nippte und in ihrer Strickjacke nach dem Feuerzeug fingerte. “Die Hefte laufen mir nicht davon, egal jetzt, aber wo bleibt sie? Krank? In dem Alter klar. Geht schnell. Heute noch lustig bei der Sache, morgen tot.”
Sie ließ den Blick aufmerksam durch den kleinen Garten wandern. An den Biotonnen lehnte der rote Roller von Giesbert Pötter. Ein kleiner Werkzeugkasten stand daneben, ein Schlauch hing darüber. Wofür auch immer. Pötter bastelte ständig daran herum. Sie hörte ihn pfeifen. Er pfiff gern und ausgiebig, tatsächlich konnte er es auch. Es kam aus dem Keller. Sie lauschte kurz, sie mochte die Melodie, und dabei beobachtete sie für einen Moment die dickbäuchige Spinne, die am äußeren Rand ihres Netzes am Fensterrahmen hockte. Sie sah noch einmal zu Pötters Roller, dann zur japanischen Kirsche neben dem Kellerreingang. Stutzte. Sah genau hin. Auf der Bank im Schatten der rosaroten Krone waren Leute. Fremde. Ein Mann und eine Frau. Sie saßen dicht nebeneinander und schienen sich irgendwie aufgeregt zu unterhalten. Er sah sie nicht an, sondern blickte fortwährend in jeden Winkel des Gartens. Dabei drehte er seinen Hut zwischen den Händen und zuckte immer wieder mit den Schultern. Sie umklammerte fest eine große schwarze Tasche auf ihrem Schoß und starrte mit ernstem Gesicht geradeaus, und wenn sie erwiderte, führte sie ein weißes Taschentuch an ihre Lippen und tupfte sie ab.

Da jetzt so zu sitzen und zu reden, dachte Conanze, ist wohl auch ihr gutes Recht, sie werden das dürfen. Das Haus gehörte Liesbett Kremms. Vielleicht Gäste von ihr, überlegte sie, alte Bekannte, von weiter weg vermutlich, so, wie die aussehen. Sie betrachtete die beiden noch etwas genauer, obgleich sich das nicht schickte und sie innerlich mit ihrer leidigen Neugier schimpfte, stutzte, zog tief Luft ein und ließ sie hastig wieder raus. Das kann ja wohl nicht sein, dachte sie, normal ist das nicht. Nein, schalt sie sich streng, du bist die, die nicht normal ist, Constanze, die beiden kommen nicht aus einer fremden Gegend. Wo zieht man sich denn so an? Die sehen aus wie aus einer anderen Zeit. Theaterleute. Schauspieler. Das musste es sein. Die alte Kremms kennt welche von der Bühne, wer hätte damit gerechnet? Vielleicht hat sie selbst mal gespielt? Irgendwann mal die Julia. Später Mutter Courage. Zwischenzeitlich Irma La Douce. Constanze musste kichern. Sie drückte ihre Zigarette aus, trank den letzten Schluck Kaffe, blickte flüchtig auf die Uhr. Die Klausuren lagen immer noch unberührt auf dem Tisch. Natürlich lagen sie dort. Grundsätzlich ärgerlich. Die Szenerie im Garten erschien spannender, zumal grad in dem Moment, in dem sie sich vom Fenster abwenden wollte, Giesbert Pötter in seiner üblichen Latzhose über dem karierten Hemd mit den hochgekrempelten Ärmeln aus dem Keller kam. Pötter sah und hörte alles. Sein erster Blick ging hinüber zur Bank. Er blieb stehen, rieb sich den Bauch, hob den Kopf, blinzelte in die Sonne, verschränkte die Arme vor der Brust, sah erneut hin. Pötter verzog keine Mine, ganz steif stand er da und starrte. Der Mann erhob sich und verbeugte sich leicht. Dann wirbelte er seinen Hut kunstvoll durch die Luft. Pötter schien entgegen seiner Haudegenmanier zu zögern und sah irritiert hinter sich, als würde dort noch jemand stehen.

So geht das nicht, dachte Constanze, ich geh da jetzt hin, der Pötter baut nur Mist. Sie nahm den Weg von vorn die vier Stufen hinunter und durch die Eingangstür, das kleine Stück Gehweg um die Ecke bis zum Gartentor, so, als würde sie grad von irgendeiner Erledigung nach Hause kommen. Leicht amüsiert über sich selbst steuerte sie quer über die kleine Rasenfläche auf die Bank zu und mimte die Überraschte. “Ach, Herr Pötter, da ich sie grad treffe…aber ich sehe, sie haben Besuch. Eilt ja nicht. Ist nur wegen der Waschküche.”
Der Mann hatte sich noch nicht wieder gesetzt, drehte sich überrascht zu ihr um, nickte freundlich und machte den Ansatz eines korrekten Dieners. Er war recht klein und untersetzt und trug einen kurzen Mantel mit Stehkragen, dazu eine Halskrause. Den Hut hielt er immer noch in der Hand und schwang ihn kurz elegant in Constanzes Richtung. “Einen schönen Tag auch, gnädige Frau. Conradus. Wilhelm Conradus. Die Dame auf der Bank ist die werte Frau Getrud Wilmen. Sie stammt keineswegs aus meiner Zeit, noch aus meiner Gegend. Und mehr vermag ich dazu nicht zu sagen, mit Verlaub.” Constanze lächelte verkrampft. So was, dachte sie.
“Is’ nicht mein Besuch. Ich kenn die Leute nicht.” Pötter runzelte die Stirn. “Was ist mit der Waschküche?”
“Nichts. Später, Herr Pötter. Eilt wirklich nicht.”

Constanze kam nicht umhin, den Mann auf fast unverfrorene Art zu mustern, ohne seinen Gruß zu erwidern. Sie fühlte sich wie eine unfreiwillige Statistin in einem Kostümfilm. Der Hut, den der Mann in den Händen hielt, war eine Art Barret, geschmückt mit einer langen blauen Feder. Seine geschnürten Stiefel waren so blank gewienert, als hätte jemand eine ganze Nacht lang drauf gespuckt.
“Verzeihen sie, könnten sie uns helfen?”
Die Frau war jetzt auch aufgestanden, strich ihr bodenlanges Kleid glatt, rückte den großen Strohhut auf ihrem ordentlich zusammengesteckten Haar zurecht, räusperte sich, fragte nochmals: “Verzeihen Sie bitte, Teuerste, aber wir sind etwas ratlos. Wir müssen dringend nach Hause, sonst werden wir wohl…ja, am Ende wohl hierbleiben. Das geht nicht. Ganz unmöglich. Sie wissen das?” Sie sah Constanze erwartungsvoll von der Seite an, streckte sich dabei etwas und fuhr mit ihren Händen über die Rückenpartie, so, dass Constanze den direkten Blick auf ihre ausgepolsterte Gesäßpartie und die erschreckend schmale Taille werfen musste. “Dieses entsetzliche Korsett. Gott gibt und nimmt. Was er uns hier gegeben hat… welche Idee.” Sie griff an ihren Hals und lächelte.
Constanze schluckte. Die Frau trug im Ausschnitt ihres engen rostbraunen Kleides ein Kreuz an einer filigranen Kette. Sie berührte es kurz und seufzte.
“Frau Kremms scheint plötzlich von uns gegangen zu sein. Ach, Herr Conradus, wer öffnet uns denn jetzt diese fürchterliche Wand? Die Stunde ist ja nun bald um. Das musste ja so kommen. Ein ganz und gar übles Geschäft. Und alles nur wegen der paar Goldmünzen.”
Der Mann griff dezent an ihre Schulter und schüttelte unwillig den Kopf.
“Das geht auch anders, Frau Wilmen. Das muss auch anders gehen.”
“Wie denn bloß?”
Ihre Stimme klang weinerlich.

Constanze suchte Blickkontakt mit Pötter, der wie angewurzelt mit immer noch verschränkten Armen neben der Bank direkt unter der Kirsche stand und mit offenem Mund abwechselnd die Frau und den Mann anglotzte. Nicht zu gebrauchen, der, dachte Constanze und versuchte, sich zu sammeln. Nicht seine Zeit. Fürchterliche Wand. Goldmünzen. Liesbett Kremms.

“Sagten sie, Frau Kremms sei tot? Seit wann denn? Wie denn? Ich meine, gestern noch…”
Sei nicht albern, dachte sie, natürlich kann ein Mensch mausetot sein, den du kurz zuvor noch höchstlebendig mit diesem sonderlichen Hut auf dem Kopf gesehen hast. Mit einem gestohlenen Hut. Vielleicht ist der von der da. Gertrud Wilmen. Die jetzt einen breiten Strohhut mit extrem auffälligem Federtuff trägt. Eine Hut, der…zu einer völlig anderen Mode gehört.Das passt alles nicht zusammen, Constanze, Mädchen, du hast Kunstgeschichte studiert, überlege.

“Sie liegt dort und rührt sich nicht. Da sind wir gegangen, um den Herrn Neffen zu informieren. Jetzt befinden wir uns hier. Wo genau sind wir denn, bitte?”
“Im Garten von Frau Kremms. Sagten sie, sie liege in ihrer Wohnung? Leblos? Sie waren dort, als sie…haben sie keinen Arzt gerufen?”
“Mit Verlaub, wir kennen hier keine Menschenseele.” Der Mann sprach mit strenger Stimme. “Nur Frau Kremms und ihren Neffen Thomas. Und das rein zufällig, aber in aller Ordnung. Der Herr Neffe entschuldigte sich nach kurzer Zeit in angemessenem Ton bei uns, er habe noch Dringendes zu erledigen. Wäre er geblieben, wären wir wohl wieder daheim. Und wie Frau Wilmen es sagt…die Zeit drängt. Eine Stunde haben wir nur. Die ist bald um. Der Herr Neffe wird wissen, was zu tun ist. Wir sollten ihn aufsuchen.”
Constanze war jetzt leicht verblüfft. Herr Neffe? “Ich wusste gar nicht, dass Frau Kremms einen Neffen hat. Ist denn da oben irgendwas passiert? Hat dieser Neffe…ich meine…ich…wir sollten besser mal nachsehen, Herr Pötter. Herr Pötter? Hallo?”Giesbert Pötter zuckte zusammen und drehte ruckartig seinen Kopf in Constanzes Richtung. Er wirkte ärgerlich.
“Was jetzt? Hat hier jemand einen Schlüssel oder was? Soll ich vielleicht die verdammte Tür eintreten? Neenee, wenn die da oben tot ist und dieser Kerl treibt sich da noch rum, müssen wir die Polizei rufen. Wer weiß, was da los war.”
“Ja nun…schauen wir halt nach.” Constanze gab Pötter mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass er mitkommen sollte. Er zuckte die Achsen, trottete unwillig hinter ihr her und warf einen kurzen Blick zurück auf die beiden, die ihnen einträchtig folgten. “Komisches Volk”, brummte er, “Leute gibt’s.”

Sie gingen durch die Kellertreppe ins Haus, blaue Tür links war die Wohnung von Liesbett Kremms, braune Tür rechts daneben die von Giesbert und Marianne Pötter. Die war vor gut zwei Monaten ausgezogen und hatte das Auto und den alten blinden Dackel mitgenommen. Seitdem entsorgte Pötter seinen Abfall liderlich, die leeren Glasflaschen landeten im Hausmüll, die Kartoffelschalen in der Papiertonne, und Pötter tauchte erst am späten Nachmittag im Garten auf, den er für Liesbett Kremms gegen ein recht großzügiges Taschengeld in Ordnung hielt. Ansonsten war das Verschwinden von Marianne Pötter keine nennenswerte Geschichte. Constanze hatte kaum drei Worte mit ihr gewechselt, sie kannte die Frau gar nicht, und ihr Gekeife aus dem Erdgeschoss fehlte ihr wirklich nicht. Constanze und Martin waren vor gut einem halben Jahr in die größere Wohnung über Pötters gezogen, die kleinere mit Schrägbalken gehörte einem merkwürdigen Kerl namens Krommzack, der völlig geräuschlos zu leben schien. Er war stets schwarz gekleidet und trug noch jetzt, Ende Frühling, einen Rollkragenpullover. Krommzack hatte ein fast weißes, spitzes Gesicht, murmelte mit gesenktem Kopf einen knappen Gruß, wenn man sich überraschend begegnete, und stob so hastig davon, als hätte er Sorge, auch nur geringfügig belästigt zu werden.

Krommzack war es, der Constanze gegenüberstand, als sie an die blaue Tür klopfte und zu ihrem Erstaunen feststellte, dass diese nur angelehnt war. Sie schob sie vorsichtig ganz auf und wich erschrocken vor dem hageren, langen Mann zurück, der sie mit finsterer Miene betrachtete.
“Herr Krommzack. Sie sind hier? Ich meine…wollten sie…Sie sehen nach Frau Kremms?”
“Keineswegs.” Seine Stimme klang fest und rau. “Ich bin ihr Gast. Wie auch diese werten Herrschaften in ihrem erfreulichen Gefolge ihre Gäste sind. Herr Conradus. Gnädigste.” Er deutete auf das seltsame Paar neben Pötter, das ihm höflich zunickte. “Der Herr Neffe.” Constanze war mehr als irritiert. Neffe Thomas? Der?
Krommzack grinste breit. “Dürfte ich die Herrschaften um ihre Hüte bitten? Sie sind notwendig für..nun, für die Reise.”
Pötter starrte ihn grimmig an. “Was ist mit Frau Kremms?” Er trat einen Schritt vor und schob Krommzack barsch zur Seite. “Die Leute hier, diese… diese Herrschaften behaupten, dass sie tot ist. Wenn das der Fall sein sollte…”
Pötter riss die Tür zum Wohnzimmer auf und stürmte hinein.
“Umso besser. Der kommt freiwillig.” Krommzacks Stimme klang jetzt heiser, fast schrill. Er fegte mit rascher Handbewegung Wilhelm Conradus und Gertrud Wilmen die Hüte von den Köpfen, sammelte sie hastig auf, murmelte eine Enschuldigung und eilte hinter Pötter her. Ehe Constanze überhaupt irgendwie reagieren konnte, flog die Tür wieder ins Schloss. “Unerhört”, sagte Frau Wilmen.
Constanze hörte ein Poltern, dann ein Schaben. Ein Kratzen. Einen dumpfen Schlag. Nur einen laut vernehmbaren Satz: “Das darf doch wohl nicht wahr sein.” Pötter. Eine Frau lachte. Ein merkwürdiges Lachen. Es hörte sich an, als würde Glas an Metall stossen. Liesbett Kremms. Ein Fauchen irgendwo hinter der Tür. Der Kater, dachte Constanze, der Kater ist auch dort. Pötter brüllte.
“Was geht hier vor? Lassen sie mich los. Ich ruf die..”
Er brach ab. Es kam keine Antwort. Nur der Kater schrie.

“Wir haben keine Zeit mehr. Wir müssen da hinein. Sofort.”
Gertrud Wilmen hatte einen ihrer langen Handschuhe ausgezogen und wischte sich damit über die Stirn. “Mir wird so heiß.” Sie versuchte, die Tür wieder zu öffnen, sie war abgeschlossen. Krommzack musste von innen den Schlüssel umgedreht haben. “Ich mach das. Und dann legt dieser Herr Neffe mir Rechenschaft ab über sein ungebührendes Verhalten. Raubt einem Mann den Hut.” Wilhelm Conradus hieb mit den Fäusten gegen das Holz, sein Gesicht war rot angelaufen vor Wut. Angst vermutlich auch, denn die Frau verfiel jetzt in ein markerschütterndes lautes Schluchzen. “Wir schaffen es nicht mehr. Wir kommen nicht wieder zurück, Herr Conradus. Diese schreckliche Welt. Wegen der paar Goldmünzen kein Zurück mehr. Ich will hier nicht bleiben. Ach, warum nur, warum?”

Constanze strich ihr behutsam über den Arm. Sie fühlte sich völlig überfordert. Das ist doch alles nicht echt, dachte sie, was redet die denn da, und offensichtlich lebt die Kremms ja noch, und der Krommzack… Sie schüttelte sich, dann spürte sie Panik in sich aufsteigen. Pötter. Was machen die da mit Pötter? Sie schlug ebenfalls gegen die Tür. “Machen sie endlich auf. Wir klären das. Die Leute hier haben keine Zeit mehr. Aufmachen! Hören sie? ”

Stille. Und dann vernahm sie das Rieseln neben sich. Seine Hand. Die rechte Hand von Conradus war unnatürlich gräulich blau und eigenartig knorrig, die Adern, die dünnen Fingerknochen schienen die Haut durchsprengen zu wollen, die sich an der Oberfläche bereits löste und in winzigen Krümeln zu Boden fiel. Er stöhnte auf, sah sie aus tiefen Augenhöhlen an.
“Was…was…du Hexe.”
Sein Gesicht war von hässlichen farblosen Schuppen bedeckt, eitrige Beulen, die aufplatzten und blutigen Schleim freigaben. Rauch stieg aus ihm auf, überall am Körper züngelten Flammen, die seine Kleidung versengten. Vermutlich auch seine Eingeweide. Er schrie entsetzlich, es war so grauenvoll, wie nur die Hölle irgendwas ausschreien könnte, das nicht sein darf. Seine Lippen sprangen auf und hingen in dünnen Fetzen über seinem Gebiss. Er hustete, spuckte Zähne aus, hustete wieder, würgte auf eine Art, die furchtbar anzuhören war, griff sich in den Mund und zog einen kleinen ekligen Klumpen heraus, dann noch einen, noch einen, größer, dann eine Art Schlauch. Der Darm, dachte Constanze, und dass sie das unverschnörkelt denken konnte, ohne gellend loszulachen, verriet ihr, wie nahe sie dem Wahnsinn tatsächlich war.
Hinter sich hörte sie Gertrud Wilmen gellend aufschreien.
“Es brennt. Es tut so weh.”
Sie drehte sich nicht um. Sie hielt sich die Ohren zu, kniff die Augen fest zusammen und ließ ihren Kopf ein Lied singen, das ihr gnädig den Trost der Unschuld längst vergangener Momente schenkte.

Als sie ihre Augen wieder öffnete, war es vorbei. Alles, was von den beiden übriggeblieben war, verbarg sich in den zwei Haufen Asche und Staub im mit Nippes vollgestopften Korridor von Liesbett Kremms.

Jemand drehte den Schlüssel um, öffnete die Tür. Krommzack.
“Treten sie ein.”
Constanze starrte ihn nur an und bewegte sich nicht von der Stelle. “Sie sind…”, flüsterte sie, “sind…”
Krommzack griff nach ihrem Ellenbogen und zog sie unsanft in das Wohnzimmer. “Das wissen wir. Wirklich tragisch. Aber unabänderbar. Meine Tante hätte nicht einnicken dürfen. Aber diese Leute…langweilig. Wahrlich.”
Liesbett Kremms kicherte. “Ein klitzekleiner Fehler. Aber was soll ich sagen? Passiert ist passiert.” Sie saß breitbeinig in einem bunten Kaftan auf einem monströsen Sofa, über dem ein scheußliches Ölgemälde in grellen, stechenden Farben hing, zog an einer Pfeife und zwinkerte Constanze vergnügt zu. “Ach Kindchen, dass sie auch da sind.” Dann verdüsterte sich ihre Mine. “Obgleich es wahrlich schade um sie ist.”
Constanze stand wie angewurzelt im Raum, hinter ihr dieser widerliche blasse Mann, vor ihr die dicke, kleine Frau, die ein übel riechendes Kraut rauchte und so gar nicht verwundert zu sein schien. Verwundert, dachte, Constanze, welch altmodisches Wort, und überhaupt, wie kann es mir jetzt in dieser grauenvollen Situation in den Sinn kommen, das passt doch gar nicht. Verwundert.
“Die haben…sie sind…sie waren…große Güte, was… warum sind… sie können…”, hörte sie sich stammeln und verspürte dabei den Drang, einfach gnädig einzuschlafen oder alles zusammenzuschlagen.
“Stottern sie nicht herum. ” Liesbett Kremms nahm einen Schluck von einem dampfenden roten Gebräu in einer gläsernen Teetasse, zog erneut an ihrer Pfeife, räusperte sich. “Das mit Wilhelm und Gertrud bekümmert mich. Aufrichtig.Tatsächlich tut es das immer. Mehr aber auch nicht. Freilich ist mein harmloses Schläfchen ihr Schaden, Mädchen. Das hätte nicht sein müssen. Und nun setzen Sie sich gefälligst.”
“Es…bekümmert sie?” Constanze ließ sich fast apathisch in einen der Korbstühle fallen, die rings um den wuchtigen Tisch plaziert waren, obgleich sie nichts anderes wollte als diese Wohnung umgehend zu verlassen. Sie sah ihr Gegenüber fassungslos an. “Da sind zwei Menschen vor ihrer Wohnzimmertür auf…auf die groteskeste, abscheulichste Art gestorben, und sie reden von Kummer?” Widernatürlich jung wirkte die Haut der Alten, Constanze starrte auf die fast faltenlose Augenpartie, die rosigen Wangen, den nackten, glatten Hals. Verblüffend, dachte sie. Innerlich fröstelte sie. Liesbett Conradi schien ihr Blick nicht entgangen zu sein. Sie lächelte und tippte an den Rand der Teetasse mit dem eigentümlichen qualmenden Gebräu.
“Mein phantastisches Geheimrezept. Hält einen frisch und gesund. Benebelt auch tüchtig. Hatte heute morgen etwas zuviel davon. Aber dieser wirklich dumme, dumme Conradus…und diese einfältige Person, diese Willem. So erbärmlich ermüdend. Das rechte Schlafmittel für eine müde, müde alte Frau. Bin tatsächlich nach einer Viertelstunde weggenickt. Sowas.”
Constanze schluckte. “Was heißt das?”, flüsterte sie, “bedeutet das, wenn sie nicht eingeschlafen wären, dann würden…?”
“…die beiden noch leben? Zurück in ihrer Zeit sein? Nein.” Sie seufzte theatralisch. “Meine Gäste kommen allesamt aus der Vergangenheit, sie zerfallen nach einer Stunde. Sind ja im Grunde genommen eh schon lange tot. Streng betrachtet. Meine ich. Na gut, stimmt nicht so ganz. Ist ja auch ein verfrühtes Ableben, hier bei mir. Und so unschön.” Sie lächelte traurig. Tatsächlich wirkte die Alte traurig, Constanze hätte ausspeien können. “Jämmerlicher Schnickschnack auch, keine schlechte Laune heute. Du verstehst nicht, Kindchen? Ich greif dort durch die Wand und geradewegs durch die Zeit und pack mir von irgendwo und irgendwann einen am Hut.”
Liesbett Kremms wies auf das Mauerwerk zwischen Fenster und Kamin. Roter Ziegelstein, fahrlässig in einem hässlichen Gelb übermalt. “Durch die Wand. Zack. Hab dich. Immer am Hut. Zwei. Manchmal auch drei. Dann freut sich mein Kater. Mir sind zwei genug, den überflüssigen Dritten kriegt er am Stück. Nach einem gemütlichen Plausch mit mir, bevor die Stunde um ist. Aber zurück, nein zurück kommt keiner mehr.”
Sie griff nach ihrem Glas, stöhne laut auf. “Hach nein und Hölle, das ist aber auch immer ein Drama. Dass der Rückweg nicht hinhaut, verrate ich nicht, nie, das wäre furchtbar störend für die Atmosphäre, bewahre uns wer auch immer vor dem Bösen. Ich sage, sie bekämen etwas Gold für ihre Freundlichkeit, sich mit mir alter Frau aus diesem schrecklichen, schrecklichen Jahrtausend zu unterhalten. Zuerst sind sie hübsch irritiert, das ist verständlich, aber wenn sie ein Gläschen getrunken haben..ich misch da noch was Gutes bei. Da legt sich das Hysterische ganz schnell.” Sie zwinkerte Constanze verschwörerisch ein Auge zu. Die starrte nur. Das gibt es nicht, das ist alles nicht wirklich. Alles. Die..die zwinkert mir tatsächlich zu. Als wäre das normal. Alles.

Liesbett Kremms beugte sich nach vorn, goss aus einer bauchigen Karaffe die rote Brühe in ein zweites Glas und schob es über den Tisch. “Hier. Trink das. Wird dir helfen. Mehr kann ich nicht für dich tun. Du musst fort. Du hast alles gesehen. Nun bin ich kein schlechter Mensch, fürwahr. Ich geb dir meinen ersten Hut, der bewahrt dich mit etwas Magie hier und da vor dem schnellen Tod. Du setzt ihn auf, dann weg mit dir, durch die Wand. Wirst schon nicht zerbröseln. Sorg ich für.”
Constanze blickte angewidert auf das brodelnde Gebräu. “Das trinke ich mit Sicherheit nicht. Was soll das unsinnige Gerede? Sind sie krank? Wenn sie mir Angst machen wollen..” Sie atmete tief durch. Ruhig, bleib ruhig jetzt, dachte sie, sieh zu, dass du hier rauskommst, hau ab, ruf die Polizei, ruf Martin an. Oh Gott, Martin, wenn du auch nur ahnen würdest..
“Angst? Hölle auch, Schmickschnack redest du. Hör zu, Kindchen, gesehen hast du eh schon zuviel, also…” Sie zog an ihrer Pfeife und wies erneut auf die Wand. “…mit Hut kann ich da sogar hindurch gehen. Und bleiben, solange ich lustig bin. Die Hüte sind für meine Reisen. Phantastische Reisen. Ich will doch wissen, wie die guten Leutchen leben, dort, wo sie herkommen. Und von wo ich sie mir packe. Und ob da was zu holen ist. Ist immer ein Zufallstreffer. Goldrichtig dann und wann. Und frag nicht dumm, warum ich das kann. Und warum ich das mache. Ich kann es eben. Und ich mach es, weil ich es will. Basta. Ich lade mir Gäste ein. Ich stehl ihre Hüte. Ich lass sie krepieren. Ich spazier mit Hut in eine andere Welt. Oh, Seligkeit… jammerschade halt, dass die ganze Geschichte immer so eine üble Sauerei in meiner Wohnung hinterläßt. Was soll ich machen?” Sie zuckte mit den Schultern und zog ein Gesicht. Es sollte vermutlich betrübt aussehen. Es war eine eklige Fratze. Constanze fror erbärmlich. Es war später Frühling, ein sonniger Tag, die Fenster standen weit offen, und doch spürte sie eine Eiseskälte.
Liesbett Kremms schien auf keine Antwort zu warten. Sie nickte Krommzack zu. “Mein Neffe hat bereits gefressen. Alles sauber abgeleckt.” Sie kicherte, trank einen Schluck, kicherte erneut. “Mein Thomas dürfte satt sein. Aber wenn du bockst, Mädchen, und dich von mir nicht durch die Wand schicken lässt…hach und herrjeh, was rede ich, da muss ich erst noch Vorbereitungen treffen für dich, damit du mir nicht am Ende auch verfällst. Ich schwatze und schwatze, dabei ist Eile geboten.”
Constanze sah sie irritiert an, sprang auf, schwankte. Ihre Knie zitterten. In ihrem Kopf tobte es. Was?, dachte sie. Was? Mach langsam, werd bloß nicht hektisch. Die ist komplett durchgeknallt. Steh auf, sag was. Irgendwas. Und dann renn.
“Ich werde jetzt gehen, und zwar sofort. Wo ist überhaupt Herr Pötter? Ich habe gehört, dass er geschrien hat. Was ist mit ihm? Auf der Stelle sagen sie mir jetzt, wo Herr Pötter ist. ”

“Durch die Wand ist er nicht.” Die alte Frau erhob sich erstaunlich behende von ihrem Sofa, ordnete den Kaftan, reckte sich und deutete mit ihrem Zeigefinger auf Constanze. “Du, Kindchen, darfst das. Herr Pötter wurde unverschämt. Den hat mein Neffe gefressen. Verdienterweise. Bei solchen Manieren.”
Es klang streng. Hinter Constanzes Stirn hämmerte es. Unmöglich. Doch. Nein. Unmöglich. Die hat gesagt, Pötter …gefressen, der Neffe soll Pötter gefressen haben, Hilf Himmel, das ist ein Irrenhaus.

“Meine werte Frau Tante ist begnadet, was ihre Künste angeht.”
Constanze zuckte zusammen. Krommzack. Er lehnte an der Tür und durchbohrte sie mit seinem kalten Blick. “Ich bin eins ihrer Meisterstücke. Ich bin der Kater.”
Krommzack trat näher, breitete die Arme aus und schürzte die Lippen. “Miau, schöne Frau.”

Constanze wich erschrocken zurück. “Kommen sie mir nicht zu nahe, ich warne sie. Mein Mann..”
Krommzack lachte. Es war mehr ein grollendes, dumpfes Grunzen, bei dem er breit die Zähne zeigte. “Dein Mann ist ein Wurm. Und übrigens, liebe Tante, habe ich sehr wohl noch Appetit. Auf die da.”
Kremmkus krächze heiser. Er stieß einen gellenden Pfeifton aus, krümmte sich, ging zu Boden und zuckte, als wäre sein ganzer Körper von heftigen Krämpfen geschüttelt. Eine Stichflamme schoss aus seinem Kopf, eine zweite aus seinem Unterleib. Für einen Moment schien er völlig in Flammen aufzugehen. Beissender Rauch stieg Constanze in die Augen, sie sprang zurück, schrie, taumelte und sah nur noch das Feuer, sah im Feuer eine groteske Verwandlung, hörte das Kreischen. Das Lachen. Liesbett Kremms lachte.
Nach nur wenigen Sekunden war der Brand erloschen. Kremmkus war fort. An seiner Stelle saß dort der schwarze Kater. Er streckte sich und öffnete sein Maul. Er öffnete es immer weiter, er riss es förmlich auseinander, so breit und tief, dass der Kopf der eines Löwen hätte sein müssen, mit dolchartigen Zähnen und einer tellergroßen Zunge.

Liesbett Kremms sah ihn fragend an: “Keine Wand? Du willst sie fressen?”
Der Kater fauchte. Schloss sein Maul wieder, setzte zum Sprung an und landete vor Constanzes Füssen. Er schnurrte. Liesbett Kremms strahlte: “Du willst eine Katze? Auch gut.”

Am frühen Nachmittag wunderte Martin sich darüber, dass Constanze scheinbar ausgeflogen war, ohne ihm eine Nachricht zu hinterlassen. Die Hefte lagen unkorrigiert auf dem Küchentisch. Gar nicht ihre Art, dachte Martin, sitzt vielleicht im Garten und liest. Auf der Bank unter der Kirsche hockte breitbeinig Liesbett Kremms, die ihn misstrauisch mit finsterem Blick musterte. Typisch, die Alte ist doch ewig grantig, dachte Martin, grüßte höflich und fragte sie, ob ihr zufällig Constanze über den Weg gelaufen sei. Liesbett Kremms trug einen hohen Strohhut mit Federtuff, dazu einen bunten Kaftan und die üblichen braunen Filzlatschen. “Nicht gesehen”, murrte sie, blinzelte in die Sonne und seufzte. “Hach je. Vielleicht in der Waschküche? Was meinen sie?” Blödsinn, dachte Martin, an so einem Tag. Er nickte ihr höflich zu.”Kann sein. Guck ich da mal.” Als er Richtung Kellertür ging, sah er den Kater. Er thronte auf der Steinmauer, neben ihm eine zierliche rotbraune Katze, die sich die Pfote leckte und abrupt damit aufhörte, als sie merkte, dass er sie ansah. Martin drehte sich noch einmal um. “Haben sie jetzt zwei?” Liesbett Kremms lächelte. Tatsächlich lächelte sie zu Martins Verblüffung so echt, wie man es nicht spielen kann.
“Sie ist sein Gast. Nicht meiner. Wir lieben beide Besuch.”

(erschienen in: Zwielicht 9, Horrormagazin, Hrsg. Michael Schmidt und Achim Hildebrand, 2016)

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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2 Kommentare auf "Liesbetts Gäste"

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Michael Schmidt
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Solche Gastgeber wünscht man sich nicht.

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