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Leichen pflastern seinen Weg

Kein Western lässt so deprimiert im Regen stehen wie Corbuccis Il grande Silenzio. Der stumme Held stirbt brutal, die schöne Frau wird erschossen, die arme Bevölkerung abgemetztelt, und der große Böse reitet mit seinen Kopfgeldjägern davon, um weiter für schmutzige Dollars zu morden. Ein Geschäft. Mehr nicht. Mit eisigem Blick sagt’s Loco (Klaus Kinski):

„Geld wird es immer geben.“

Loco bei der Arbeit – ein grandios böser Klaus Kinski

Klingt recht niederschmetternd. Trostlos. So alles. Man könnte frösteln. Spielt auch noch in den tief verschneiten Rocky Mountains, die so gekonnt mitfrieren lassen. Bemüht sich an keiner noch so bescheidenen Stelle, dem Zuschauer irgendwo irgendwie ein kleines Lächeln abzugewinnen. Ein trauriges mag sein. Gilt? Nur arg bedingt. Das macht aber tatsächlich nichts.

Il Grande Silenzio ist so großartig finster, dass ein erfreulicher Lichtblick einfach nur stören würde. Zuviel Sonne wäre das, um echt zu sein. Hoffnungsschimmer am Horizont? Geht hier nicht. Perspektiven, die locken, um die Hemdsärmel wieder hochzukrempeln für etwas Idealismus und Ehrbarkeit? Passen hier nicht hin.

Der harte, kalte Schauerwestern, der nach Sergio Corbuccis grundsätzlich pessimistischem, aber eben doch mit ein klein bisschen Esperanza versehenen Django 1968 in die Kino kam, lässt Gewalt und Gier über allem anderen federführend sein. Kompromisslos. Edel zerlumpt. Obligatorisch versagt alles Gute und versinkt im Morast.

Was bleibt…ist eine Geschichte, die nicht achselzuckend, – ist halt so, die böse Welt! -, mit dazugehörigem Seufzer zugeklappt und zum Verstauben ins Regal gelegt wird. Diese bleibt liegen, wohl behütet unter Glas. Sie ist ein Original. Durchaus ein Meisterwerk. Da so anders, so schmutzig wahr, so genial schonungslos gemacht, mit so heiserer Stimme gesprochen, dass man darüber fast vergisst, wie einstimmend, fast süsslich schwermütig die Musik dazu ist. Morricone. Natürlich.

Trauer um den ermordeten Sohn: Silence rächt ihn für ein paar Dollar mehr

Erzählt wird ein rohes, raues Märchen am erloschenen Lagerfeuer, in lausig kalter Nacht, in düsterer Einsamkeit, wenn die Whiskyflasche längst leer ist, die Wölfe sich nähern und in der Pistole nur noch eine Kugel steckt. Erzählt wird schwarz-weiß, da ist kein wirklich blauer Himmel, die Wüste lebt hier nicht, und der Staub ist gefroren. Ein unheimliches Märchen ist das, was wir da hören, und es tröstet, sich in eine warme Decke zu hüllen, wenn man lauschen will. Sollte man: Es ist in seiner Besonderheit einmalig.

Der große Regisseur Darryl F. Zanuk (Jesse James, 1939/1940) nennt Leichen pflastern seinen Weg, – ausnahmsweise ein beeindruckend reißerischer deutscher Titel zudem – , einen „der besten Western aller Zeiten“. Und Punkt. Die Begründung müssen wir uns denken. Können wir auch. Vorausgesetzt, da steht nicht der unabänderliche Glaube an das im Weg, was die Reinheit, die Moral, diese teuflisch gottverdammte Unschuld und das Überragende, das Gute uns gebieten.

Wer Corbuccis Il grande Silenzio schätzt und versteht, mag wortlos nicken. Der große Rest darf Schweigen sein.
Wer ihn nicht kennt…kann durchaus noch ein wenig ohne die Sorge weiterlesen, es würde zuviel verraten. Denn, Hand aufs Herz und Gemüt? Was kann hier groß ausgeplaudert werden? Dass die Schlechtigkeit triumphiert, obwohl man sich bis zum bitteren Schluss wünscht, dass noch irgendwas Nettes, Schönes passiert, um so ein bisschen aufatmen zu können?

Silence mit seiner Automatik: Am Ende fällt er, die Waffe wird Locos Trophäe

Silence (Jean-Louis Trintignant) ist ein Hunter mit durchgeschnittener Kehle und durchaus sympathischen Zügen, der die Dollarzeichen freilich genauso klar in den Augen hat wie Profikiller Loco, – Klaus Kinski massgeschneidert – , und der ganze üble Rest, der in Snowhill Jagd auf arme, hungernde Outlaws macht. Silence provoziert, bevor er schiesst, Loco knallt ab. Mitleid erwecken einzig die beiden Frauen, eine Mutter, eine Witwe. Überleben wird niemand, dem man das gegönnt hätte. Und ja, das Massaker am Ende könnte Tränen verdienen. Rote, die in die Schneelandschaft tropfen, in der die Mörder verschwinden.

Kitschig? Stimmt. Zurück darf ergo nur beklemmende Stille bleiben. Und der eine Gedanke, dass das (trotzdem) richtig gut ist. Es ist ein leises, ehrfürchtiges, betretenes, beindrucktes Gut!

Warum sowas gut sein soll? Darf? Muss? Weiß der Henker. Wusste Corbucci. Wissen wir.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (145 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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2 Kommentare auf "Leichen pflastern seinen Weg"

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Michael Perkampus
Webmaster

Schön dreckig, das Teil. Und ich meine: wirklich, wirklich dreckig.

J Höreth
Gast

Sicherlich mehr Kunst als Unterhaltungskino, es sei denn man ergötzt sich am Gemetzel, gerade das Fehlen des moralischen Kompasses, das Ausbleiben einer Endszene, die ein Quäntchen Hoffnung signalisiert, verstört vielleicht den Erstseher, ist aber auch als Kommentar Corbuccis auf die Übel der Welt zu sehen

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