News Ticker

Leatherface: Krasser Irrsinn an der Kettensäge

The Texas Chain Saw Massacre, 1974, copyright: Vortex

Messer, Gabel, Schere, Licht, sind für kleine Kinder nicht! Und große Kinder, zumal, wenn Stumpfsinn plus Entartung auf ihrer Stirn geschrieben steht, sollten die Hände von Kettensägen lassen. Sei denn, Drehbuch und Regie servieren ihnen das leicht zweckentfremdete Massaker-Rüstzeug auf blutbespritztem Silbertablett.

Leatherface, der debile Hüne mit seinen wechselnden Masken aus Menschenhaut, hat die Kettensäge als Mordinstrument global berühmt, für das Horror-Genre in gewisser Hinsicht salonfähig gemacht. Wirft Ash in Tanz der Teufel sie an, drückt sie uns in den Sessel. Noch sitzen wir halbwegs aufrecht. Geschockt kauern lässt uns Leatherface. Und leicht nervös grübeln: Wer denkt sich sowas aus? Warum kennt man den so gut? Und wieso fällt uns soviel ein bei so simplem Stoff, aus dem der schmutzig-blutrote Fetzen genäht ist?

Leatherface 1974, copyright: Vortex

1974 demonstrierte Gunnar Hansen in der Rolle des wilden Irren mit kannibal-sadistischen Ambitionen in Ur-Aufführung, dass Kraft und Leistung einer Motorsäge, primär gedacht für Holz- und Waldarbeiten, tatsächlich auch gänzlich andere Anforderungen optimal erfüllen. Als überaus effiziente Waffe eingesetzt, dient sie in der Hauptsache dem Abtrennen von Gliedmaßen und dürfte prinzipiell nur von diesem einen, richtig bös‘ besagten Rasenmäher (Braindead, 1992, Peter Jackson) geschlagen werden.

Mit Tobe Hoopers Texas Chainsaw Massacre, – Blutgericht in Texas – ,  stieg Leatherface, der schweigsame Sprößling der Saw-Familie mit diesem ausgeprägten Drang, ihr Haus möglichst unappetitlich mit organischen Überresten zu dekorieren, in die Liga der ganz besonders fiesen und vor allem komplett gefährlich durchgeknallten Kerle auf. Horror-Prominenz mit übel riechender Eigenmarke, Garant für Ekel, Schock und Schauder: Bloodshed at its finest! Eben!

Leatherface und seine Brüder im Geiste und in der Tat wie Michael Myers und Jason Voorhees sind kultige Schreckgestalten, deren Existenzberechtigung und letztendlich auch einzige wirkliche Befriedigung darin besteht, möglichst schnell und brutal Leute zu töten. Da sind Zorn (auf alles und nichts!) nebst Wahnsinn, da steht die Gier (auf Blut und Fleisch) neben dem Schwachsinn. Verbunden mit der absoluten Mitleidlosigkeit plus Grausamkeit.

Sowas gucken wir uns an. Keineswegs tatsächlich vergnügt, aber gespannt und aufmerksam genug, dass wir da schon vorsichtig hinterfragen sollten, warum wir meinen, da zusehen zu müssen. Zu wollen, wohlgemerkt, es wird ja niemand gezwungen.

Wir, die Wert auf gute, so besonders erzählte Geschichten legen, beobachten mit Popcorntüte im Schoß und griffbereitem Kissen für arg strapazierte Augen diese krassen Psychopathen, die relativ sinnfrei metzeln, – gut: Leatherface frisst und bastelt danach, das wäre wohl (s)ein Grund – , und klatschen in die verschwitzten Hände, wenn mehr oder weniger gescheite, vor allem in bewährter unappetitlicher Speisenfolge servierte Fortsetzungen auf dem Programm stehen: Drei gibt es, dann das Remake von Michael Bay (2003), „The Beginning“ drei Jahre darauf und fast brandneu erneut ein Ausflug in die wahnwitzige Vergangenheit des kannibalischen Killers, kurz „Leatherface“, von Julien Maury und Alexandre Bustillo.

Leatherface 2017, copyright: Campbell Grobman Films, Millenium Films…

Dieses Prequel vom Texas Chainsaw Massacre, durchaus vom blutigen und dreckigen (Angst-)Schweiß und Atem des Originals durchtränkt, klärt uns über Kindheit und Jugend von Leatherface auf. Explizit gebeten darum, das nun unbedingt zu erfahren, haben wir zwar nicht, aber wesentliche Schäden trägt niemand davon, der den Background nun auch noch kennt. Oder nicht kennt. Das ist egal oder schade oder wichtig, frei nach jeweiliger Perspektive.

Klein-Leatherface alias Jedidiah bekommt zum Kindergeburtstag eine Torte und seine erste Kettensäge. Auf dem Küchenstuhl sitzt ein gefesselter Mann, der bestraft werden soll. Und Punkt. Mehr wird hier nicht erzählt, es ist die alte Geschichte von Norman, dem seine Über-Mutter nach der Sache mit den Milchzähnen ein Playboy-Heft mit ausradierten Frauen und ein wirklich gutes Messer schenkt. So war das nicht. Es könnte aber.

Diese fürchterlichen, von nichts gesund Normalem wie Love & Peace, vor allem Gnade zu überzeugenden Brutalos wie Michael, Jason und eben auch Leatherface suhlen sich in Blut und mentaler Finsternis. Und bewegen sich Lichtjahre entfernt von unseren Schauer-Klassikern wie Dracula, Frankensteins Monster und dem Werwolf.

Der Edel-Vampir ist speziell schön und erotisch, zweifellos gefühlskalt, egoistisch, gierig und grausam, aber durchweg faszinierend als so sonderbares, alptraumhaftes und gleichwohl sehnsuchtsvolles Geschöpf der Nacht. Das Monster rührt, weil es hässlich, einsam und unverstanden ist, der Wolf bleibt der durch den Biss Verdammte, der nicht tötet, weil der Mensch in ihm es befiehlt, sondern die dunkle Macht, die ihn gefangen hält.

Alle drei, jeder auf die ihm zugestandene Art, erwecken Gefühle. Da ist nicht nur die Angst. Das Entsetzen. Die Abscheu. Die Aversion gegen das, was sie sind und was sie machen. Da sind auch Mitleid und Sympathie. Vielleicht diese eine besondere Verbundenheit, die gänzlich fehlt bei den wortkargen, emotionslosen Gestalten, die morden, weil sie morden wollen. Morden müssen. Alternative gleich Null.

Bei solchen Geschichten und ihren Charakteren fragt man sich, was eine außerirdische Intelligenz für Eindrücke gewinnen könnte: Sie registriert als selbstverständlich, vermutlich wenig besorgt, dass wir den Kot unserer Hunde fein sauber aufsammeln und den Dreck in kleinen Tütchen brav hinter ihnen hertragen, während die Vierbeiner vorweg laufen und uns in die korrekte Richtung dirigieren. Das allein wäre vermutlich ansatzweise noch irgendwie erklärbar.

Aber wenn ein Film wie Texas Chainsaw Massacre mit einem Typ wie Leatherface irrtümlich als Dokumentation über die menschliche Zivilisation verstanden würde, könnte man ins Schwitzen kommen. Zumal bedenklicherweise eindeutig nachgelesen werden kann, dass der Film auf wahren Begebenheiten beruht. Was so freilich nur bedingt stimmt.  Eine Saw-Familie hat es, – zumindest nachweislich – , in Texas und näherer Umgebung nicht gegeben.

Aber es gab in den 1950ern Ed Gein aus Plainfield in Wisconsin, diesen eigenbrötlerischen, einfältigen Junggesellen vom Lande, der sich die abgezogene Gesichtshaut von Frauen an die Wand hing. Er zog Lippen an einer Schnur auf, fertigte sich Geldbörsen aus menschlicher Haut an, bewahrte Organe im Kühlschrank auf und hatte, als er, Serienkiller vom Abartigsten, festgenommen wurde, einen Topf mit kochendem Wasser auf dem Herd stehen. Darin schwamm das Herz einer Frau, die er kopfüber aufgehangen und ausgenommen hatte. Leatherface wählt für eine derartige Aktion den Fleischerhaken.

Ed Gein gilt gleichsam als Inspiration für Robert Bloch, der „Psycho“ schrieb, verfilmt von Hitchcock 1959, direkt im Erscheinungsjahr des Romans. Ein Welterfolg. Wir kennen Norman Bates gut. Irgendwie mögen wir ihn. Leatherface mit seinen gleichsam spezifischen Gein-Genen mögen wir nicht. So ein Kerl kann keinem sympathisch sein. Aber eine Auszeichnung für besondere Verdienste als einer der ganz Bösen macht ihm wohl niemand streitig. Immerhin etwas. Etwas viel wohl. Soll so sein.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*