Kategorie: Was ist Horror?

Die Kolumne

Die Wahl grausiger Themen

Von John Langan haben wir auch eine Erzählung im Phantastikon. – Phantastikon

Meine Frau hat niemals in Frage gestellt, dass ich Horrorliteratur schreibe. Auch meine Söhne haben nie darum gebeten, ich möge ihnen doch erklären, was ich da schreibe. Es war meine Mutter, die mich nach meiner Literatur fragte, obwohl sie das erst vor kurzem zum ersten Mal tat. Wir waren auf einer Dinner-Party, gemeinsam mit einem anderen Horrorautor, und als die Platten für den Hauptgang geleert waren, wendete sich meine Mutter ihm zu und fragte ihn, woher er seine Inspiration bekäme. Als er gerade zu antworten begann, bemerkte ich, wie ihre Blicke kurz zu mir herüber huschten, leicht in Alarmbereitschaft versetzt, als sie bemerkte, dass sie ihm eine Frage gestellt hatte, die sie mir selbst nie gestellt hatte. (Sie ist eine gute Mutter und gewissenhaft in diesen Dingen.) Als mein Freund geantwortet hatte, drehte sie sich zu mir und wiederholte ihre Frage. Ich murmelte eine Antwort, an die ich mich wirklich nicht mehr erinnern kann, und alles andere, an das ich mich erinnere, ist nicht interessant.

Es war nicht das erste Mal, dass ich gefragt wurde: „Warum schreibst du dieses Zeug?“ Es ist die typische Frage von Leuten, die freundlich zu mir sein wollen, aber mir nicht besonders nahe stehen: Kollegen in der Schule, wo ich unterrichte; die Eltern der Mitschüler meines jüngsten Sohnes; Leute, die mir in Buchläden, Bibliotheken oder nach einer Lesungen begegnen, wenn ich Bücher signiere, oder wenn ich an einer Podiumsdiskussion teilnehme. Nach all den Jahren habe ich noch immer keine gute Antwort.

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Sind Märchen die ursprünglichen Horrorgeschichten?

 

Ich war nicht auf ein bestimmtes Genre fixiert, als ich mit dem Schreiben begann, aber auf eine merkwürdige Weise hatte mich dabei mein fünfjähriges Selbst in der Hand. Ich war ein verträumtes kleines Kind, das es liebte, zu lesen und das in der Fantasie seine eigenen Bücher herstellte. Mehr als alles aber liebte ich Märchen. Es mag sich seltsam anhören, aber ich glaube, das ist der Grund, warum ich Horror schreibe. Es gibt viele Gründe, die dafür sprechen, Märchen als die ersten Horrorgeschichten zu betrachten. Sie sind voller Schrecken wie zum Beispiel Tod eines Elternteils, lebendig verspeist oder verlassen zu werden.

In Hänsel und Gretel werden die Kinder ihrem Schicksal im Wald überlassen, weil es für die Familie nicht genug zu essen gibt. Die Eltern in Rapunzel und Rumpelstilzchen verkaufen ihre Kinder. Blaubart testet den Gehorsam seiner Frauen und tötet sie, wenn sie versagen. Es gibt genug Verrat, Eifersucht, Mord, Kannibalismus und Grausamkeit in diesen Geschichten, um jeden Horrorfan zu befriedigen.

Bevor jetzt irgendwelche besorgten Eltern ihren Kindern Märchen verbieten, möchte ich hinzufügen, dass ich all diese Dinge zu dieser Zeit nicht sonderlich erschreckend fand. Als die Gebrüder Grimm ihre gesammelten Märchen herausgaben, erwähnten sie im Vorwort, dass sie nicht für Kinder geeignet seien; und doch schwelgen Kinder in diesen makabren Geschichten, oder etwa nicht? Ich kann mich nicht daran erinnern, Angst gehabt zu haben, stattdessen war ich von diesen Geschichten absolut begeistert. Tatsächlich war die einzige Geschichte, die mich erschütterte Die kleine Seejungfrau von Hans Christian Andersen, in der die Heldin alles opfert, um die Liebe eines Prinzen zu erringen, der sie seinerseits jedoch nicht liebt. Allerdings brachte mich die Geschichte eher zum weinen als dass sie mich erschreckte, ich liebte sie und sie brach mir das Herz in gleichem Maße. Das Grauen und das Blut in den Märchen war kein Thema. Schließlich waren das nur Geschichten, sicher zwischen den Seiten eines Buches aufgehoben. Und vielleicht war das ihr ursprünglicher Zweck, als Märchen noch Teil einer oralen Tradition waren, um näher ans Feuer zu rücken, während die Leute ihre entsetzlichen Geschichten von Wölfen und Hexerei und anderen Gefahren zum Besten gaben, die in jener Zeit noch präsenter waren als heute.

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Das Scheitern der Furcht

 

Lassen Sie mich mit einem Bekenntnis starten: Ich war die längste Zeit nie wirklich verängstigt wegen einer literarischen oder cineastischen Arbeit – wahrscheinlich mit einer einzigen Ausnahme in meinem Erwachsenendasein: vor vierzehn Jahren, als ich The Blair Witch Project sah, und zur Belustigung meiner Frau mit angeknipster Nachttischlampe schlief. Was (jedenfalls für mich) den Film so wirkungsvoll macht, ist, wie er das Bekannte unterminiert, indem er vorgibt, die Dokumentation eines Studenten zu sein, und außerdem mit komplett unbekannten Personen besetzt wurde, die keinem Horrorfilm-Klischee entsprachen.

Die Protagonisten sind weder angehende Hollywood-Größen noch durch Gymnastik gestählte Körper, die im Film in unterschiedlichen Phasen der Nacktheit gezeigt werden: es sind alltägliche Leute, die den Hauptteil des Films in Parkas rumlaufen. Das Dokumentarfilm-Motiv ist mittlerweile selbst zu einem Klischee verkommen, aber wir sehen noch immer die gleichen jungen Stahlkörper, die in Scheiben geschnitten und zu Würfeln gepresst werden, auf ihrem unvermeidlichen Weg in das nächste Sequel. Nicht wirklich beängstigend. Genauso wenig wie die literarische Seite der Gleichung – selbst durch die versiertesten Händen (und ich glaube, dass wir eine kleine Renaissance des Genres erleben) – gelingt es kaum, mich zu verunsichern.

Das bedeutet aber nicht gleichzeitig, dass ich ein unzufriedener Kunde bin. Ich sehe mir mir nach wie vor eine Menge Horrorfilme an und ich lese mich ausgiebig durch das Genre – ausgiebiger als irgendein sonstiges Genre. Es ist ein wesentliches Geheimnis, dass ich, als ich mich zum ersten Mal an der kürzlich verschiedenen Trinoc*Con einklinkte, mich selbst zugeben hörte (zu meinem Entsetzen – Wortspiel beabsichtigt), dass ich nicht wirklich hart daran arbeite, die Leute zu erschrecken, und auch gar nicht groß daran interessiert sei: und das von einem Schriftsteller, der ziemlich regelmäßig schreibt, wenn auch nicht ausschließlich für das Genre, und der regelmäßig für die jährlichen Awards nominiert wird. Ich habe sogar einen gewonnen, den internationalen Horror Guild Award, für die Novelle „Death and Suffrage,“ die von Zombies handelt, die von den Toten zurückkehren … um zur Wahl zu gehen. Nicht gerade der Stoff, aus dem Alpträume gemacht werden.

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