Kategorie: Kolumnen

Willkommen zu den Kolumnen im Phantastikon!

Unter anderem findet ihr hier viele Artikel zu besonderen Themen wie der Horror- oder Kriminalliteratur, die im Original in englischen oder amerikanischen Magazinen erschienen sind.

Dissonanz und Horror

 

Humorvoll, das ist der einzig ehrliche Weg, um eine traurige Geschichte zu erzählen.“

―Jonathan Safran Foer

Je länger und aufmerksamer wir auf eine lustige Geschichte blicken, desto trauriger stimmt sie uns.“

―Nikolai Gogol

Vor einigen Jahren besuchte ich in Toronto einige Lesungen. Eine der interessantesten Phänomene, die ich dort beobachten konnte, war, dass immer dann, wenn jemand, der zu lesen begann, vorher erklärte, dass es sich dabei um eine Horrorgeschichte handelt, sich der Effekt unmittelbar zeigte: die Zuhörer gingen in die Abwehrhaltung, sie verschränkten ihre Arme, lehnten sich auf ihren Stühlen zurück, begannen die Stirn zu runzeln. Nun waren viele der Zuhörer selbst Autoren von Horrorgeschichten, also war das kein Zeichen von gänzlichem Missfallen gegenüber diesem Genre, wie man vielleicht vermuten könnte. Die Hörer schützten sich selbst. Ihre unmittelbare, einheitliche Reaktion war, sich emotional von der Geschichte zu distanzieren. Niemand von ihnen wollte sich fürchten.

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Stellen Sie sich ein Haus vor

Stellen Sie sich ein Haus vor.

Es ist ein altes Haus. Stattlich, mit zwei Viertelmondfenstern über einem Balkon, oder ein heruntergekommenes Bauernhaus weit draußen auf dem Land, mit Blick auf einen verkrümmten, alten Baum. Es hat etwas mit Geschichte zu tun, Geschichte, die nicht die Ihre ist, aber das macht nichts: Die Schlüssel haben Sie in der Hand. Sie besitzen sie. Sie werden sich dort ein Leben aufbauen. Sie bringen ihre Familie mit, füllen das Haus mit dem, was Ihnen gehört, und beanspruchen jedes Zimmer, jeden Flur. Außer dem Dachboden, wo Sie eine Kiste mit Super-8-Aufnahmen finden, die Ihnen nicht gehören, oder einem Foto, das vor Jahren mit dem Haus Ihrer Kindheit verbrannt ist. Mit Ausnahme des Kellers, wo die Treppe verrottet ist und eine Tür an der fernen Wand, die nirgendwo hinführt, mit Ketten versiegelt ist.

Sie gestalten ein Leben. Man isst, schläft, lässt die Deckung fallen, denn innerhalb dieser Mauern kontrolliert man seine Umgebung. Sie sind in Sicherheit. Das ist es, was ein Zuhause ausmacht: Sicherheit. Aber es gibt Abschnitte, die man nicht betreten darf, noch nicht. Und man fängt an, Stimmen zu hören. Klopfen mitten in der Nacht. Die Dinge verändern sich, wenn man sie nicht direkt ansieht.

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Von den Hexenjagden

 

Ich erinnere mich nicht daran, dass ich Hexen fürchtete, als ich aufwuchs. Stattdessen fürchtete ich die Männer, die sie verbrannten. Als merkwürdiges, tyrannisches Kind, das Magie immer für selbstverständlich hielt, nahm ich stillschweigend an, wenn die Hexenjagd jemals wieder beginnen würde, wäre ich nicht sicher. Jemand würde mich schnell als “falsch” erkennen und an den nächsten Scheiterhaufen binden.

Hexenjagden waren für mich der Stoff, aus dem echte Alpträume sind. Männer würden einen in der Nacht aus dem Bett reißen und in eine dunkle Zelle sperren. Die Chance auf einen fairen Prozess war nicht gegeben. Und sie taten dies angeblich zum Wohle der Nachbarn und der Familie, um sie vor einem zu schützen. Auch zum eigenen Besten würden sie das tun. Bereue vor deiner Hinrichtung, so wie die Flammen dein Fleisch verbrennen und deine Seele erlöst werden wird, sagen sie. Sie würden dich umbringen, um dich zu “retten”.

Ich tröstete mich damit, dass es besser war, dieses Risiko zu kennen. Märchen haben uns gelehrt, dass alles besiegt werden kann, oder? Wenn ein Wolf an der Tür stünde, würde ich ihn als das erkennen, was er war, und ich könnte mein bestes tun, um ihn auszusperren.

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