Kategorie: Kolumnen

Willkommen zu den Kolumnen im Phantastikon!

Unter anderem findet ihr hier viele Artikel zu besonderen Themen wie der Horror- oder Kriminalliteratur, die im Original in englischen oder amerikanischen Magazinen erschienen sind.

Das leere Bett

 

In einem Film von David Lynch, den jeder hasst außer mir – Twin Peaks: Fire Walk With Me – gibt es einen der verstörendsten Momente des ganzen Horrorfilm-Genres (in Cannes buhte das Publikum bei der Premiere den Film aus, aber was wissen die schon). Für sich selbst genommen ist der Film nicht nur ein unterschätztes Juwel über die letzten tragischen Tage einer jungen Frau, sondern auch einer der furchterregendsten Filme der 90er Jahre. Ohne den schrulligen Humor der Serie betrachtet ist er ein geradlinig erzählter Alptraum, in dem alle gesunden Facetten des kleinbürgerlichen Amerikas durch und durch dunkel und verrottet sind.

In einer Szene gibt Mrs. Tremond Laura Palmer ein eingerahmtes Foto von einer offenstehenden Tür („Das würde an deiner Wand sehr gut aussehen“, sagt sie zu Laura). In der Nacht, nachdem Laura das Foto erhalten hat, träumt sie etwas Seltsames. Sie geht durch die Tür auf dem Foto. Dann, während dieser Sequenz, scheint sie zu erwachen; sie liegt im Bett, wendet sich nach links und sieht neben sich im Bett ein blutverschmiertes Mädchen namens Annie liegen (Annie taucht später in der Serie auf und ist Laura im Leben nie begegnet). Annie gibt Laura einige ziemlich sinnlose Informationen und Laura lächelt versonnen und nickt. Da liegt ein misshandeltes Mädchen in meinem Bett, und das ist völlig in Ordnung, alles in Ordnung, überhaupt kein Problem. Laura wendet sich ab, und als sie noch einmal einen Blick riskieren will, ist Annie verschwunden. Und erst das ist der Zeitpunkt, an dem Laura durchdreht.

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Wird es mich erschrecken?

 

Das scheint die Gretchenfrage in Sachen Horror zu sein. Wenn du dir den neuesten Film über Geister oder Serienkiller angesehen hast, einen weiteren Horror-Roman gelesen hast, oder eine gruselige Geschichte irgendwo im Netz gefunden hast, ist das die erste Frage, mit der du möglicherweise konfrontiert wirst. In diesem ewigen Kampf, die Bedeutung dieses riesigen und oft widersprüchlichen Feldes namens Horror zu finden, werden wohl die meisten Schriftsteller “Es soll dich erschrecken” als Arbeitsformel ausgeben.

Vor noch gar nicht so langer Zeit stritten sich Fans und Kritiker darüber, ob oder ob nicht Guillermo del Toros Huldigung an das Gothic-Romance-Genre Crimson Peak als Horrorfilm durchgehen sollte. Die Hauptmeinungen gehen dahin, dass der Film nicht besonders unheimlich ist, stattdessen aber verzweifelt versucht, unheimlich zu wirken. Das bringt uns zum Thema zurück, zur Idee nämlich, dass all das, was Horror vielleicht sonst noch sein mag, er versuchen sollte, dich zu erschrecken. Daran wird er sich wohl messen lassen müssen: ob es im gelingt, und wenn ja, wie gut er da macht.

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Die Berge, die Stadt, die Leere

 

Meine allererste Erinnerung ist die an meinen Vater, wie er im Vorgarten unserer gelben Hütte in Tacoma, Washington steht und Blumen in die Erde setzt. Dabei beobachtete ich ihn. Es war ein warmer Frühlingstag im Jahre 1966, und ich trug ein plissiertes Kleid und Mary Jane-Schuhe. Ich erinnere mich, wie ich über unseren immergrünen Garten hinweg blickte, die hohen Telefonmasten und ihre langen Drähte betrachtete, die überall im Himmel kreuz und quer gingen. Überall große Weite und mürrisches Schweigen in den Zweigen, die Massen grauer Wolken, die lange Schatten über den smaragdgrünen Rasen warfen. Der Garten war aufgeräumt und die Häuser in unserer Nachbarschaft waren hell und ordentlich, aber gleich hinter den geraden Hinterhofzäunen und beschnittenen Rhododendren kehrte das Land zu seiner natürlichen Ursprünglichkeit zurück, explodierte in einem dunklen Gewirr von vorsintflutlich-großen Bäumen und Farnen, um sich in der Höhe zu sammeln, bevor sie sich in der Kaskadenkette und dem Mount Rainier auf der einen Seite, und dem Olympic Mountain Range auf der anderen ergossen.

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