Kategorie: Kolumnen

Willkommen zu den Kolumnen im Phantastikon!

Unter anderem findet ihr hier viele Artikel zu besonderen Themen wie der Horror- oder Kriminalliteratur, die im Original in englischen oder amerikanischen Magazinen erschienen sind.

Mutter weiß es am besten

 

Wenn dir als Kind etwas Angst macht – ein böser Traum oder ein Monster unter dem Bett – was tust du dann? Du forderst den ultimativen Schutz: deine Mutter. Aber was passiert, wenn Mütter selbst monströs sind, und was macht sie zu diesen Monstern? Mütter – Frauen in der Horrorfiktion ganz allgemein – kommen nicht so gut weg. Sie leiden unter dem Problem “Sei verdammt, wenn du es tust / Sei verdammt, wenn du es nicht tust”, und werden zu einer Quelle des Terrors, weil sie zu mütterlich oder nicht mütterlich genug sind.

Die monströsen Schreckensmütter haben ihre Wurzeln in Mythen und Märchen, mit den bösen Stiefmüttern in Geschichten wie Schneewittchen als klassischem Beispiel. Die Brüder Grimm popularisierten diesen Archetyp zwar, aber in vielen der ursprünglichen Geschichten, auf denen ihre Märchen basieren, waren die Stiefmütter das Böse. Im typischen Muster dieser Geschichten sah die Mutter/Stiefmutter eifersüchtig auf die Jugend und Schönheit ihrer Tochter hinab und versuchte sie dafür zu bestrafen oder zu vernichten. In den extremsten Fällen führte das sogar zu Kannibalismus. Als die Grimms ihre Märchen von Müttern zu Stiefmüttern entwickelten, schufen sie eine nützliche Dichotomie. Auf der einen Seite die böse, eifersüchtige Stiefmutter, auf der anderen die reine, liebevolle Mutter, die aufgrund ihres Todes makellos ist.

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Diese älteste Angst

H.P. Lovecraft schrieb einst den berühmten Satz:

„Das älteste und stärkste Gefühl der Menschheit ist Angst, und die älteste und stärkste Angst ist die Angst vor dem Unbekannten.“

Ich bin weit davon entfernt, dem Propheten aus Providence zu widersprechen, will allerdings anmerken, dass die älteste Angst die Angst vor dem Tod ist. Das Unbekannte ist in der Regel nur beängstigend, wenn Sie der Meinung sind, es könnte Sie verletzten – oder Schlimmeres. Unsere prähistorischen Vorfahren ängstigten sich vor einem Geräusch in der Dunkelheit, weil sie, oft aus gutem Grund, fürchteten, die Ursache des Geräuschs könnte sie töten. Und diese Urangst hat uns nie verlassen. Es steckt fest verankert in unseren Köpfen als ein Mechanismus der Selbsterhaltung. Die Angst vor dem Tod hat uns überleben lassen. Und sie hört nicht auf, uns zu faszinieren.

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Übernatürlicher Horror in einer säkularen Welt

 

Ist es einfacher, das Übernatürliche in der Fantasy zu akzeptieren, wo wir bereits unseren Unglauben überprüft haben, bevor wir in eine imaginäre Welt eingetreten sind?

Im Sommer 2018 Sommer moderierte ich bei NecronomiCon Providence ein Panel namens „Faithful Frighteners“, in dem wir diskutierten, ob es für einen Atheisten schwieriger ist, sich vor einer Geschichte zu fürchten, in der das Grauen von den Elementen einer religiösen Weltanschauung abhängt. Der Glaube ist per definitionem die Aussetzung des Unglaubens, also schien es mir naheliegend, dass die berühmte Anthologin Ellen Datlow auf der gleichen Tagung sagte, dass sie das Übernatürliche in Kurzgeschichten effektiver findet als in Romanen, weil es schwieriger ist, diese Aussetzung des Unglaubens für einen ganzen Roman aufrechtzuerhalten. Das ist ein berechtigter Gedanke, und ich bin mir sicher, das trifft auf die meisten Leser zu. Es entging dem Publikum dabei nicht, dass sie diese Äußerung machte, während sie neben Peter Straub saß, der immer wieder bewiesen hat, wie effektiv übernatürlicher Horror in Romanlänge funktionieren kann.

Seitdem habe ich über dieses Problem des Glaubens an übernatürlichen Horror nachgedacht. Das früheste Geschichtenerzählen wurzelt im Mythos und der Religion, in Magie und Monstern. Aber was macht das Übernatürliche für ein modernes säkulares Publikum so unwiderstehlich? Sicherlich gibt es Fans des Horrors, deren Wertschätzung des Genres durch ihre religiöse Überzeugung, durch die Vorstellung, dass die Seele eines Charakters – nicht nur sein Leben – auf dem Spiel steht. Aber die meisten Horrorfans, die ich treffe, scheinen bestenfalls eine lose Verbindung zur Religion zu haben. Viele identifizieren sich als Atheist oder Agnostiker und doch lieben sie Filme wie „Der Exorzist“ und „Rosemary’s Baby“ und betrachten Geistergeschichten wie „Spuk in Hill House“ und „Shining“ als die Säulen unseres Genres. Einige von uns können einem übernatürlichen Nervenkitzel nicht widerstehen, auch wenn wir nicht an Geister oder den Teufel glauben.

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