Knirpse

Die Sonne schien, als müsste sie sich für nichts rechtfertigen, auf die kleine Grundschule am Kräuterpark, und die Knirpse, die Erstklässler, die Abc-Schützen, strömten jauchzend und kreischend auf dem lichtgesättigten Schulhof umher. Es war Sommer und der letzte Schultag, bevor die Knirpse all das machen konnten, was sie wollten, und im Bewusstsein dessen nahmen sie gern eines der öden Diktate in Kauf, die sie zu anderer Zeit, nämlich inmitten der Schulzeit, lange vor Ferienbeginn, so unendlich gequält hätte. Dieses Diktat würde ihnen locker von der Hand gehen, dessen waren sie sich sicher, und so strömten sie in Scharen in ihre Klassen und nahmen den letzten Tag vor der wohlverdienten Pause in Augenschein. Klaas, der Kleinste in seiner Klasse, war aufgeregt, fiel es ihm doch immer schwer, die Worte seiner Lehrerin, Frau Brummer, richtig und fehlerlos niederzuschreiben. Er pinkelte sich fast in die Hose, doch schaffte er es noch rechtzeitig, fünf Minuten vor Stundenbeginn, durch die Kindermassen, zur Toilette zu gelangen und sich dort zu erleichtern.

Fünf Minuten später klingelte es und die Knirpse saßen alle auf ihrem Platz. Frau Brummer betrat die Klasse 1a der Grundschule am Kräuterpark und begrüßte die Schüler. „So, meine Lieben. Wie ihr wisst, ist heute der letzte Schultag. Leider müssen wir noch das fällige Diktat schreiben…“ Ein Raunen ging durch das Klassenzimmer.
„Ja, ich weiß, leider müssen wir das Diktat schreiben, aber am Ende der Stunde habe ich noch eine Überraschung für euch und dann geht’s ab in die Ferien.“

Erleichtertes Seufzen ging durch das Klassenzimmer.

„So, dann holt mal eure Hefte raus. Wir wollen auch gleich anfangen.“
Die Knirpse kramten in ihren Scout-Ranzen und fischten nach und nach ihre Diktathefte heraus, legten sie auf den Tisch, nahmen ihre Bleistifte aus den Federmappen und machten sich bereit. Der kleine Lorenzo ging zum Papierkorb in der Ecke und spitzte seinen Bleistift. Frau Brummer gefiel das nicht. „Lorenzo, müssen wir jetzt auf dich warten, ja?“

Klaas sah mit angsterfüllten Augen Frau Brummer an und dann zu Lorenzo. Lorenzo beeilte sich, doch die Miene seines Bleistifts brach an der Spitze ab, hastig wie er war, und er rief: “Tut mir leid!” Dann setzte er sich schnell wieder hin und nahm einen anderen Stift in die Hand. Frau Brummer lächelte zufrieden.

„So, dann wollen wir mal. Unser Diktat heißt: ‘Der letzte Schultag’. Schreibt das auf. Der… letzte… Schultag.“
Klaas konzentrierte sich, nahm all seine Kraft zusammen und schrieb die drei Wörter in sein Heft. ‘Dehr letzte Shuultak’. Er war sich nicht sicher, ob es richtig war. Nach und nach diktierte Frau Brummer die Sätze, zehn Minuten lang schrieben die Knirpse geduldig in ihr Heft und am Ende sammelte Frau Brummer die Hefte ein und entließ sie schreienden Schüler in die Freiheit der Sommerferien, nachdem sie jedem einen Lolli in die Hand gedrückt hatte.

Klaas stand auf dem Schulhof und dachte nach. Hatte er alles richtig gemacht? Wie würde es diesmal enden? Würde ihn sein Papa verprügeln? Würde die Mama ihn schelten? Eine Träne stieg ihm ins Auge, die er sich aber verkniff, als er die rothaarige Tine sah, die ihn anlachte. „Kommst du mit zu Michael? Der hat Super Nintendo“, rief sie ihm zu und Klaas lächelte ein wenig verkniffen zurück, bejahte und ging mit Tine mit.
Tine und Klaas gingen durch die Kafkastrasse, lachend, sich unterhaltend, und für einen schönen Moment war das grausige Diktat vergessen, all die Mühe, alles Üben, das nie was genutzt hatte, und Klaas fühlte sich wie ein richtiger kleiner Mensch. Als sie am Ende der Straße angelangt waren, gingen sie in ein Wohnhaus, liefen das Treppenhaus nach oben und klingelten. Michael öffnete die Tür.

„Kommt rein, wie spielen grad Super Nintendo“. Er lachte verschmitzt.

Klaas und Tine gingen in die Wohnung, zogen sich die Schuhe aus und gingen ins Wohnzimmer, wo bereits Sing, der kleine chinesische Junge, Tim, Thilo, und nun auch Michael vor dem Fernseher saßen, wie verrückt an den Gamepads herumfingerten und immer wieder glucksten und lachten, als Super Mario den fetten Koopa alle machte. Tine und Klaas setzten sich zu den anderen, freuten sich und lachten ein wenig mit, und Klaas war wohlig zumute, als er die rothaarige Tine betrachtete, die sich neben ihn kuschelte. Nun war alles perfekt.

Plötzlich rief Thilo: „Scheiße“, und pfefferte das Gemepad in die Ecke. Er hatte verloren. Super Mario lag tot am Boden. Sie hatten nun jeder einmal gespielt und langsam wurde es ihnen langweilig, immer den fetten Super Mario durch die Gegend zu steuern. So saßen sie also eine Weile im Wohnzimmer und Michael kam auf eine Idee: „He, wir könnten ja die Bong holen“.

„Au ja“, rief Tim. Sie lachten und liefen schnell in ein anderes Zimmer, kamen zurück mit einer riesengroßen flaschenähnlichen Apparatur, die zur Hälfte mit Wasser gefüllt war.

„Ich hab noch Dope“, meinte Sing, der kleine chinesische Junge, und so fertigten sie behände eine kleine Mische an, steckten sie in den Kopf der Bong, hielten ein Feuerzeug an die Mische und es begann zu gurgeln. Michael zog. Klaas fragte Tine, was die da machten. Tine erklärte es ihm. Klaas wunderte sich, wollte es aber auch mal ausprobieren. Michael blies den Rauch aus, hustete, verzog das Gesicht, lächelte dann aber und gab die Bong weiter an Thilo und Tim, die sich schon in den Haaren lagen, um das Ding in die Hände zu kriegen. Thilo rauchte, dann Tim, dann Sing, und schließlich Tine, die von Klaas argwöhnisch betrachtet wurde. Zuletzt zog auch Klaas und die Bong ging noch eine Runde herum, noch eine Runde, noch eine und noch eine, als alle sechs schließlich und endlich schön high und zugedröhnt im Wohnzimmer saßen.

„Boah, bin ich straff“, meine Sing. „Könnte jetzt was fressen.“

Tim und Thilo hingen stoned in der Ecke und Michael dachte auch ans Essen.

Dann biss Thilo plötzlich Tim in den Arm, Tim schrie, Thilo knurrte und riss wie ein wilder Wolf an Tims Arm herum, entriss ihm ein Stück Fleisch, eine kleine Blutfontäne ergoss sich aus Tims Wunde, Thilo kaute. Tim schrie wie am Spieß. Michael grinste, rannte auf Tim zu und biss ihm in die Nase und biss und biss dran herum und entriss ihm schließlich die Nasenspitze und kaute darauf herum, bis er sie wieder ausspuckte, „Böh, nur Knorpel!“ rief und ebenfalls in Tims Arm biss. Klaas und Tine sahen gebannt der Prozedur zu, und Sing, Thilo, und Michael bissen und rissen und fraßen innerhalb von zwei Stunden schließlich das meiste von Tim auf, der, fleischig-blutige Masse, nur noch tot dalag. Die drei kauten und leckten sich die Finger, erstaunt von Tine und Klaas betrachtet. Irgendwann hielten sie sich die Bäuche und rülpsten.

Dann kamen sie auf die Idee, Tine zu vergewaltigen, was sie dann auch versuchten. Sing stürzte sich auf die schreiende, um sich schlagende Tine, und hielt ihre Arme fest, Thilo setzte sich auf ihre Beine, und Michael riss mit den Zähnen Tines Rock vom Körper, holte seinen kleinen Pillermann aus der Hose und rubbelte an ihm herum. „Wie soll das gehen, ich hatte noch nicht mal einen Samenerguss!“ rief er an die Zimmerdecke, um den Autor anzusprechen, der die Geschichte anders schreiben sollte. Aber der Autor machte weiter und dachte gar nicht daran, den Fluss der Erzählung irgendeinem Erstklässler zuliebe zu unterbrechen und sich Gedanken zu machen, wie er das ganze logisch gestalten könnte.

Also nahm Michael widerwillig seinen steifgerubbelten Pillermann in die kleine Hand und war drauf und dran, ihn der kreischenden Tine in die kleine Muschi zu stoßen, als ihn irgendetwas hart am Kopf traf und er zu Boden fiel. Klaas. Er hatte die Gefahr erkannt und verteidigte nun Tine. Nacheinander schaltete er mit verschiedenen chinesischen Vasen all die drei kleinen Möchtegern-Vergewaltiger aus und half Tine auf die Beine. Zitternd legte sich die weinende Tine in Klaas’ Arme.

„Es ist vorbei, es ist vorbei, nun weine doch nicht“, flüsterte Klaas ihr zu. „Wir können wieder Kinder sein. Wir müssen so nicht weitermachen. Es wird uns noch früh genug ereilen.“

Und die beiden verließen die Wohnung, gingen die Kafkastrasse entlang und setzten sich in eine Eisdiele. Der Sommer war da.

Christian Kind

Christian Kind

Christian Kind alias “kritzl” war von 2005 – 2007 Mitglied der Literaturgruppe der Lärmenden Akademie. Als Videokünstler und Lynch-Verehrer versuchte er naturgemäß einen stark vom Visuellen geprägten Stil zu entwerfen, der durch seine “Epilepsien” Seelenzustände ausspuckt. “Kritzl” ist uns verschollen, aber er ist uns nicht abwesend. Die hier behutsam redigierten Texte stammen aus der Anfangszeit der Lärmenden Akademie und sind die einzigen Zeugnisse eines Schriftstellers, der wie kaum ein anderer das Zeug zum Kultautor hatte. Die Mechanismen, mit denen er seine Sprache bedient, sind Bausteine einer wesentlich größeren Absurdität, eines Alptraums, der nicht von außen kommt, sondern im Innern schlummert.

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