Kleiner

Der Hund war klein und würde klein bleiben. Auf ewig sein. Ein Krümel, dachte Lorne, einen Krümel gibt der mir. Hunde sehen anders aus, Feldmaus bleibt Feldmaus, verflucht nochmal, Kenzo, du Idiot, was tust du mir an? Er starrte den Winzling auf Kenzos Arm unglücklich an und versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Kenzo strahlte. “Ein Pfundskerl. Der hat auf dich gewartet, sieh mal, wie der guckt.” Lorne atmete tief durch und warf erneut einen höflichen Blick auf das verschlafene Bündel an Kenzos Brust, das genau in diesem Moment seine Augen weit aufriss, den Kopf in seine Richtung drehte und ihn ansah. Bernstein. Wie mit Gold besprenkelt. Erstaunliche Farbe, dachte Lorne, war für einen Moment irritiert, weil der Hund ihn regelrecht zu fixieren schien, neugierig, natürlich. Lauernd. Irgendwie auch. Lorne grinste ihn schief an, schluckte, weil Jumper in seinem Kopf spukte. „Nett. Aber ich kann den nicht nehmen. Wirklich nicht.“

„Natürlich nimmst du ihn. Es ist ein Hund. Du brauchst einen Hund. Du kannst nicht ohne.“

„Wer behauptet das?“

„Alle. Alle meinen das. Wie du aussiehst. So richtig gut kaputt. Du bist der graue Mann, Lorne. Ohne Witz, du musst mal wieder Sonne tanken. Dein Jumper ist tot, Scheiße auch, der Junge war Klasse, aber er war alt, verdammt. Und du brauchst wieder Leben neben dir.“

„Und du kannst mich mal. Spar dir deine Sprüche und verzieh dich. Hau einfach ab und vergiss deinen Zwerg nicht.“

Lorne fühlte sich miserabel, als er das sagte. Kenzo war sein bester Freund, er war immer da, wenn er ihn brauchte, er verstand ihn, ohne umständlich im Drehbuch blättern zu müssen, um anschließend dämliche Fragen zu stellen. Solche Freunde sind Gold wert, dachte Lorne, solange sie einem nicht ihr überflüssiges Handgepäck an den Hals hängen.

Kenzo sah ihn ungläubig an, dann blickte er gekränkt zu Boden, die Wangen immer noch vor Aufregung gerötet, das Haar verstrubbelt. Wie ein Schuljunge, dachte Lorne, fehlt noch der Hemdzipfel, der aus der Hose hängt.

Er war wütend auf Kenzo, weil der mit diesem mickrigen Hund vor ihm stand und allen Ernstes erwartet hatte, dass er diesen Floh mögen würde. Gleichzeitig schämte er sich für seine Worte. Und irgendwie schämte er sich auch vor dem Floh, der ihn aufmerksam beobachtete. Lorne war laut geworden, als er Kenzo so barsch abgekanzelt hatte, seine Stimme war dunkel, eine Stimme wie aus dem Keller, die kleinen Kindern Angst machte, manchmal, das wusste er. Kleinen Kindern. Jungen Hunden. Natürlich war das so. Aber dieser dort auf Kenzos Arm zeigte keine Reaktion. Er sah ihn nur an, regungslos, konzentriert. Bereit. Das war es. Bereit für irgendwas. Lorne schüttelte den Gedanken wieder ab. Sei bloß nicht komisch, dachte er, was soll der schon im Sinn haben. Er sah streng zurück. War verblüfft. Die Augen waren schwarz. Nicht bernsteinfarben. Er hatte sich getäuscht. Sie waren tiefschwarz, mit einer Pupille, die wie vom Nachthimmel verschluckt war. Schöne, geheimnisvolle Augen, mit einem dichten Wimpernkranz, wie Frauen ihn lieben. Sie waren besonders. Sie wirkten gefährlich. Bedrohlich. So in der Form. Irgendwie.

Lachhaft. Der Krümel da. Hirngespinste, dachte Lorne, bilde dir jetzt keinen Unsinn ein, dieser Hund ist ein Hund, wenn auch eine mickrige Ausgabe, er ist jung und blöd und hat normale Hundeaugen. Er sah ihn erneut an, es war gar nicht seine Absicht, ihm soviel Aufmerksamkeit zu widmen, aber der Köter, – Köter? Gott, Lorne, du Arsch! -, schien ihn zu hypnotisieren. Er blieb ganz ruhig, blickte nur, die Ohren aufgerichtet, das Maul leicht geöffnet. Er streckte seine winzige rosa Zungenspitze heraus, grundsätzlich fand Lorne das niedlich, schob sie noch ein Stück weiter nach vorn, riss dann das Maul auf, gähnte und zeigte ihm seine Zähne. Lorne erstarrte. Das konnte jetzt so nicht sein, das war Fake in seinem Hirn, das war nicht normal und anatomisch schlichtweg unmöglich. Die Zähne waren weiß und lang. Fürchterlich lang. Sie waren einfach nur riesig. So stark und gewaltig wie die eines ausgewachsenen Schäferhundes. Ach was, größer. Er hatte Jumpers Gebiss vor Augen. Ein gutes, ordentliches Gebiss für einen Collie, ein Witz gegen das da. Das geht nicht, dachte Lorne, die Zähne passen in ein Löwenmaul, und der Kopf von diesem Hund ist nicht größer als eine Apfelsine, das haut doch alles nicht hin, vermutlich bin ich wahnsinnig geworden, so was passiert. Er atmete durch. Tief, ganz tief, Junge, dir passiert nichts, da sitzt nur ein Untier auf dem Arm deines besten Freundes und lauert darauf, dich endlich anfallen und zerfleischen zu können. Er räusperte sich, wunderte sich nicht weiter über das krächzende kaputte Geräusch, das er dabei von sich gab, – nichts ist mehr in Ordnung, nichtsnichtsnichts, ich sowieso nicht -, starrte weiter auf die Zähne, trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Irgend was stimmt mit dem nicht.“ Er sah noch einmal hin, misstrauisch, scheu, ängstlich fast, bannte seinen Blick auf den schneeweißen Hundekopf, der an Kenzos Brust lehnte, war fassungslos. Das groteske Bild war verschwunden. Ein winziger harmloser Hundeknirps war das, ein kleiner Mann mit bernsteinfarbenen Augen und dunkel gesprenkelten weißen Pfoten, und die Zähne waren die eines Welpen, so, wie es sein sollte. Und verflucht noch mal auch ist, es ist so, basta, es ist alles gut. Da war er sich sicher, das musste er jetzt nicht überdenken oder kontrollieren. Anfassen wollte er den Hund eh nicht. Nicht unbedingt. Unfreiwillig vielleicht. Er wollte ihn nicht haben. Immer noch nicht. Irgendwie nicht. Nein. Aber der Hund wollte ihn. So absurd ihm das auch zu sein schien, der Hund lächelte ihn an. Manche Hunde lächeln. Und dieser dort beherrschte das besonders gut. Er lächelte ihn an und sagte ihm mit seinen Augen, dass er ihn lieben würde. Auch in der Dunkelheit. Lorne wurde das Gefühl nicht los, dass er diesen Hund nicht ablehnen durfte. Warum auch immer.

„Was soll mit dem nicht stimmen? Spinnst du jetzt?“ Kenzos Stimme riss Lorne von irgendwo her, wo er sich nicht wirklich auskannte, wieder zurück auf seinen Platz, dorthin, wo sie sich getroffen hatten, am Ehrenmal im Stadtpark, zehn Minuten Fußmarsch vom Biergarten entfernt, ihrem tatsächlichen Ziel. Kenzo hatte am Telefon nichts davon gesagt, dass er ihm Jumpers Nachfolger präsentieren wollte. Eiskalt erwischt. Da war dieser alte, schöne, starke, wunderbare Freund, der ihn verlassen hatte. Und da war der seltsame Kleine. Ein ungleiches Paar, das in seinem Schädel spukte.

„Vergiss es. Gib schon her.“ Und wenn mit dem da tatsächlich alles in Ordnung ist, dann besorg mir einen vernünftigen Seelenklempner, dann ist es soweit, Himmelherrgottscheißnochmal, erst neununddreißig und schon das Hirn im Eimer.

Kenzo sah aus, als hätte ihm soeben seine Traumfrau ihre Liebe gestanden. Er freute sich wirklich, und allein das war es wert. Er war ein echter Freund. Der Beste.

„Gute Wahl, Bruder. Das wirst du nicht bereuen, ich kenn dich doch.“

Lorne nah ihm den Hund ab, setzte ihn auf den Boden,hockte sich neben ihn und kraulte seine Ohren. Samtohren. Der Hund schnurrte wie eine Katze. Er sah ihm in die Augen. Bernsteinfarben, natürlich.

„Wo hast du den überhaupt her?“

„Bauer Heitfeld hatte einen Wurf.“

„Und warum der?“

„Na, hör mal. Wie der guckt.“ Wie der guckt. Korrekt, Junge. Anders guckt der. Ganz schön viel anders. Aber das sag ich nicht, im Leben nicht, der hält mich doch für bescheuert.

„Gib ihm einen Namen. Das musst du jetzt sofort machen. Kein Zurück mehr.“

„Kleiner. Ich nenn ihn Kleiner.“

Kenzo strahlte erneut. Für ihn war es ein phantastischer Tag. Für einige nicht. Für einige änderte sich etwas in ihrem Zeitablauf. Sie starben früher als höchstwahrscheinlich von ihnen gedacht. So was passiert.

Lorne gewöhnte sich schnell an seinen neuen Mitbewohner, mehr noch, er schloss ihn erstaunlich schnell und kompromisslos in sein Herz. Natürlich vermisste er Jumper, aber Kleiner in seiner unbekümmerten Art schaffte es, dass er nicht ganz so oft und so verdammt schmerzvoll an ihn denken musste, wie er es sich nach seinem Tod vorgestellt hatte. Am Tag seines Einzugs in Lornes Hexenhaus, – es hatte seinen Großeltern gehört, er nannte es so, weil es für ihn eins war, immer schon und immer noch -, saß Schröders gelber Kater wie gewohnt in der Hofeinfahrt des Nachbarn und wartete darauf, irgendwen umbringen zu können. Trollo war groß, Lorne hatte noch nie einen derart großen Kater gesehen, und wie er da so hockte, bewegungslos, wie aus goldgelbem Stein gemeißelt, flößte er einen Respekt ein, von dem sich niemand so recht freisprechen konnte. Man machte automatisch einen Bogen um ihn, selbst Jumper, der jedem anderen Tier auf seine diskrete, freundliche Art Aufmerksamkeit schenkte, ignorierte ihn gezielt und vermied jeden Blickkontakt, um Trollos Interesse nicht zu wecken. Wenn irgend jemand es wagte, sich dem Kater zu nähern, – wer zu Helmut Schröder wollte, nahm den Hintereingang -, buckelte er, fauchte und machte sich sprungbereit. Wer Vernunft besaß, ergriff umgehend die Flucht. Der Cockerspaniel von Else Tettloff hatte das nicht kapiert. Er verblutete in der Einfahrt, und Schröder zeterte über die Sauerei auf seinem Grundstück.

Lorne hatte ein mulmiges Gefühl, als er mit Kleiner an der Leine das Haus verließ, um ihm seine neue Welt zu zeigen. Der gelbe Kater hockte an seinem Platz, Lorne wohnte direkt nebenan, und die Straße, mehr ein Weg, ungepflastert, zugängig nur für die wenigen Anwohner, war eng und bot keine nennenswerte Ausweichmöglichkeit. Sie mussten da vorbei. Trollo starrte. Kleiner blieb abrupt stehen, frontal zu ihm, sah ihn nur an, blieb ganz ruhig. Der Kater erhob sich, starrte immer noch, fauchte. Lauerte. Dann wich er langsam zurück, zwinkerte kurz, – das hätte Lorne beschwören können, der Kater zwinkerte – , drehte sich um und ging. Einfach so. Kleiner hatte nur ein einziges Mal, kaum hörbar für Lorne, geknurrt. So leise, wie ein Welpe knurrt, kaum der Rede wert. So prinzipiell unschuldig. Fast niedlich. Zaghaft nicht. Lorne ging in die Knie, zog Kleiner an seinem Halsband näher zu sich heran, sah ihm direkt in die Augen. Kleiner erwiderte den festen Blick. Sie sind schwarz, so gottverdammtverfluchtnochmal schwarz wie sonstwas schwarz sein kann, ich sehe, was ist, ich sehe was, was du nicht siehst, schwarz, ich bin nicht verrückt. Kleiner runzelte die Stirn, Lorne kannte das von Jumper, zumindest sah es aus wie ein menschliches Runzeln, dann veränderte sich die Farbe. Bernstein. Und Lorne dachte, jetzt liebe ich ihn eben doch. Aber wer bist du, mein Freund? Wer bist du?

Schröder, der seine Einfahrt fegte, ließ den Besen fallen, schob die Schiebermütze in den Nacken und rieb sich das Kinn. Für einen Moment war er sprachlos, drehte den Kopf, sah seinen Kater im Schuppen verschwinden, sah Lorne und seinen weißen Winzling, die ein göttliches Pärchen bildeten, der Minihund und dieser auf dem Gehweg kauernde Einsneunzigmann, kam auf sie zu, fand die Stimme wieder.

„Was zum Henker soll das werden?“

Lorne zuckte die Schultern, blieb hocken, lächelte nicht, als er beschwichtigend die Hand hob. „Nichts. Was soll denn sein?“

„Haben Sie was mit Trollo gemacht? Und was ist das da? Geh’n Sie jetzt mit Ratten Gassi, wo der alte Köter weg ist? Nichts für ungut, Nachbar.“ Er grunzte, das sollte ein Lachen sein, warf dabei einen nervösen Blick zurück zum Schuppen. Trollo tauchte nicht auf.

„Das da ist mein neuer Hund. Und mit dem Kater ist alles in Ordnung. Mehr als in Ordnung.“ Der ist auf jeden Fall schlauer als du mieses Sackgesicht.

„Na, dann passen Sie mal gut auf den auf. Mein Trollo mag solche kleinwüchsigen Kläffer nicht. Ich warne nur, will ja keine Beschwerden hören, Sie wissen schon, wenn die sich kriegen, da hat der da schlechte Karten. Aber ganz schlechte.“ Er musterte Kleiner, lachte erneut, gab dabei ein kehliges Brummen von sich. „Der hat ja Kohleaugen. Das ist der böse Blick.“

Einen Monat nach seiner ersten Begegnung mit Kleiner war Helmut Schröder tot. Kleiner hatte sich nicht wirklich anstrengen müssen, Schröders Herz war nicht gesund, es genügte ein langer Blick, Schröder wirkte wie elektrisiert, er zuckte, keuchte, lief rot an, konnte seine Augen nicht abwenden von dem Hund, der so jung und süß und zierlich vor ihm in seiner Einfahrt stand und kurz, recht kurz nur das zarte Maul öffnete, um ihm als letztes Überraschungspaket sein Geheimnis zu zeigen. Lorne saß auf der Veranda und gönnte sich nach guter Arbeit einen besseren Burgunder, als Schröder wie eine aufgeblasene Papiertüte, die jemand zwischen den Handflächen kaputt klatscht, in sich zusammen sackte. Er war nicht der einzige Zeuge. Trollo, der sich entschieden hatte, seinen Platz in der Hofeinfahrt wieder einzunehmen und Kleiner kompromisslos zu akzeptieren, mehr noch, ihm Höflichkeit und Bescheidenheit zu zollen, beobachtete, wie sein Herr und Meister tot zu Boden fiel. Er zeigte keine Anteilnahme. Helmut Schröder hatte er geduldet, gemocht, wie ausnahmslos alle in der Straße, hatte er ihn nie. Selbst Margot Schröder hielt sich nach vierundvierzig farblosen Ehejahren in ihrer Trauer bedeckt, zeigte sich betroffen, gefasst und machte weiter bis bisher. Halt ohne ihren Helmut, wie es kommt, kommt’s, dachte sie, und manchmal ist das nicht das Schlechteste. Er war ein echter Scheißkerl. Und damit hat es sich.

„Du bist ein ungezogener Junge.“ Lorne tätschelte Kleiners Kopf, der auf seinem Schoß lag. Es war der Abend nach Schröders Tod, sie hatten es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht, im Fernsehen lief Zwei glorreiche Halunken. „Den kennst du noch nicht, Kumpel.“ Kleiner gähnte, schmatzte, leckte Lornes Finger ab, an denen Chipskrümel klebten. Er zupfte ihn an den Ohren, eine Welle von Zärtlichkeit war da, unfassbar, dachte Lorne, wie gut man sich fühlen kann. Du hast diesen fiesen Drecksack um die Ecke gebracht, kleiner Mann, schön, was kommt jetzt?

Kleiner wuchs nur unwesentlich, er blieb ein winziger Knirps, den jeder entzückend fand. Der Hund war wachsam und blickte dunkel, wenn er ein falsches Lächeln in fremden Augen erkannte. Der Entlarvte, ob Mensch oder Tier, wich meist erschrocken zurück und mied Kleiner fortan. Lorne zeigte ihm jeden Tag seine Zuneigung, und Kleiner dankte es ihm mit seiner bedingungslosen Aufmerksamkeit. Als Kleiner zum ersten Mal ein Kaninchen erlegte, war er knapp sechszehn Wochen alt. Oben auf der mit üppigem Gras bewachsenen Halde, wo Lorne ihn von der Leine ließ, wenn niemand mit Gesellschaft störte, fand er seine Beute, die unter einem Busch saß, ihn sah und sich nicht rührte, ergeben wartend, regungslos, als hätte das Schicksal sie dort fest genagelt, schnappte fast behutsam nach ihr, tötete sie mit einem einzigen Biss in die Kehle und trank das Blut. Er zerfetzte das Tier nicht, um das rohe Fleisch fressen zu können, er saugte es gierig aus.

Lorne war fassungslos. Gleichsam auf irritierende Art fasziniert. Er rief ihn nicht zurück, er zeigte ihm auch nicht, dass er solch ein Verhalten nicht dulden könne, dass Welpen so was grundsätzlich nicht machen würden und Hunde generell nicht machen sollten. Ich weiß doch, dass du anders bist, mein Freund, so verflucht anders, jaundjaundjaund, auch wenn ich jetzt hysterisch werden könnte. Panisch. Bekloppt. Aber warum? Warum sollte ich, das bist eben du, dachte er weiter, du bist einzigartig. Du bist ein guter Hund. Er blinzelte in die Sonne, steckte sich eine Zigarette an, ließ Kleiner Zeit. Trink, Junge, du lernst von mir, ich von dir. Nur verrate uns nicht. Dann holen sie dich von mir weg. Als Kleiner zu ihm zurück kehrte, leckte er sich einen letzten Tropfen von der Schnauze, setzte sich brav zu seinen Füssen und sah ihn an. Bernsteinfarbene Augen. Lorne lächelte. Dann brauchst du also Blut. Dann und wann. Solange es Kaninchen sind.

Es blieb nicht dabei. Der Tag, an dem Kleiner auf dem abgelegen Dörter Waldfriedhof Kalle Menzel und Jacko tötete, belehrte Lorne knapp drei Monate nach dem Kaninchen (es folgten ungezählte weitere) eines Besseren. Kleiner durchtrennte zuerst dem mächtigen braunen Jacko die Halsschlagader, dann seinem bösem tapferen Herrchen, das sich schreiend auf seinen Hund warf und versuchte, Kleiner mit seinem Messer abzustechen. Kalle Menzel, ein rundum tätowierter Hüne, einfältig und ständig in finanzieller Not, hatte Lorne und seinen winzigen Wegbegleiter vom Geldautomaten der Dörter Sparkasse aus bis zur Familiengruft der Knoppkens verfolgt, wo er ihm nach einem groben Hieb in den Rücken zu verstehen gab, Scheine sehen zu wollen, und „…hey, Alter, ich hatte bereits einen beschissenen Tag, der kann nur beschissener werden. Aber nicht für mich.“ Hier irrte Kalle. Als Lorne, völlig perplex, nicht sofort reagierte, ließ Kalle, zu dessen paar Tugenden Geduld nicht zählte, seinen Hund los. Jacko, ein armer Kerl, der es nicht anders kannte, stürzte sich auf Kleiner, registrierte keine Augen. Keine Zähne. Er verblutete, wie auch Kalle, der gar nichts mehr ordentlich machte und nichts mehr sehen musste, in Sekundenschnelle.

Kleiner hob den Kopf, sah Lorne an, der völlig erstarrt mit seiner Brieftasche in der Hand, die er noch hastig und völlig unnötig aus der Jackentasche gezogen hatte, neben Knoppkens verwittertem Grabstein stand. Und wartete. Hinter Lornes Stirn hämerte es. Er wartet auf meine Erlaubnis, Gottgottgott, verfluchter Mist, was mach ich bloß?, und wenn das jemand gesehen hat?, ohGottohGott, Scheißescheißescheiße. Ich kann das nicht ändern, das ist nun mal so, das ist passiert, und wenn das keiner beobachtet hat, dann bleibt das, wie es eben ist, und wer sollte uns schon verdächtigen, einen harmlosen Architekten aus Dörten und sein süßes winziges Hündchen mit Säuglingszähnchen und bernsteinfarbenen schönen Äuglein. Niemandniemandniemand wird das denken, ach was, das wäre ja geisteskrank. Geisteskrank. Lorne kicherte. Dann nickte er schwach. Irre. Wer oder was ist schon irre?

Es dämmerte bereits, als Kleiner sich von den Leichen abwandte und zu ihm trottete. Er schien satt, zufrieden, auf eine gute Art erschöpft zu sein. Lorne hatte sich, während der Hund ihm sein Hinterteil zuwandte, den Kopf nach unten gebeugt, dorthin, wo Kalle und Jacko halb aufeinander lagen mit erstaunten, weit aufgerissenen Augen, auf einen Findling schräg gegenüber von der Gruft gesetzt, rauchte, wünschte sich etwas Starkes zum Hinunterspülen und war recht gelassen. Das wunderte ihn etwas, aber dumme Gedanken über sich selbst und diese merkwürdige Welt an sich spukte er von sich. Ist so, na und? Gibt Schlimmeres, führwahr.

Er kraulte Kleiners Nacken, verlor sich kurz im Bernstein und küsste Kleiner auf die Nase. Er liebte diesen Hund, das war’s, so war’s, und damit war alles Wichtige gedacht. Es war Zeit für den Heimweg. Frieden. Liebe. Brandy wäre gut. Er atmete tief durch. Zu früh. Denn in dem Moment war da diese Stimme, sie schien aus dem Ahorn über dem Grab, aus dem Rhododendron, aus der Erde, aus dem Friedhofsbrunnen, aus dem Himmel, der Hölle zu kommen. Tatsächlich war sie zwei Meter hinter Lorne und gehörte einem Mann mit Trachtenjacke, Spazierstock und hochrotem Gesicht. Gerd Brügge aus der Konradstraße. Lorne hatte vor einem Jahr seinen Dachausbau gemacht. Er schien angespannt, war laut. Zornig. Wirkte furchtbar erschrocken. Ängstlich war er auch. Mit Sicherheit. Da lagen blutleere, zerbissene Körper auf der Erde, wie sollte er sich das erklären?

„Was ist da vorn los? Was zum Teufel ist das? Was in aller Welt machen Sie da, Herr Lindner?“

Er sah, er keuchte, schrie, sah wieder hin, die einbrechende Dunkelheit verschluckte ein wenig von dem Bild, wich zurück, ließ den Stock fallen und hob die Hände abwehrend vor das Gesicht. „Nein. Neinnein. Oh Allmächtiger. Nein.“ Lorne starrte ihn nur an. So ein Idiot, dachte er, wie blöd kann man denn sein? Brügge torkelte rückwärts, fiel zu Boden, rappelte sich umständlich, aber erstaunlich schnell für sein Alter wieder hoch, sah erneut hin und würgte. „Das ist…das kann nicht…wer war das? Wer macht das? Sie müssen…Polizei…ich mein, Sie haben doch nicht…waren doch nicht…? Herr Lindner, was…?“

Lorne ging langsam auf ihn zu, tätschelte seine Schulter, verzog den Mund zu einem hübschen Lächeln, das nicht echt sein musste. Hier nicht. Grotesk, das Ganze, wie absurd, wie lästig, es hätte gut sein können, das ist es nicht mehr, das ist schlecht, ganz schlecht. Keine Polizei, Brügge, keine Zeugen. Brüggebrügge, du bist eine arme Sau.

Lorne sah seinen Hund an. Er hörte. Er lauerte. Er war nicht mehr durstig. Aber er war bereit. Schwarze Augen. Die Zunge blitzte hervor. Er wartete.

Lorne nickte. „Hol ihn dir, Kleiner.“

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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2 Kommentare auf "Kleiner"

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Max
Gast

Pech für den ollen Brügge. War bestimmt so’n selbstgerechter oder knausriger Typ, der dem Lorne die Rechnung für den Dachausbau erst nach der dritten Mahnung gezahlt hat. Kennt man doch als Freiberufler. Geschieht ihm Recht, dem alten Sack, warum musste der auch überall herumschnüffeln. Nee, nee, dem süßen Kleinen kann da man keinen Vorwurf machen.
🙂
Klasse geschrieben, Karin.

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