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Wie viele herausragende Ikonen ist auch Huckleberry Finn eine zutiefst amerikanische. Die Zeiten, in denen man die Figur halbwegs auch bei uns verstehen konnte, sind anscheinend vorbei, und doch führen seine Spuren durch die gesamte Kultur der westlichen Welt. Seine ursprüngliche Wildheit und Seltsamkeit mag Huck im Laufe der Zeit wohl verloren haben, er hat der heutigen Zeit jedoch mehr zu sagen, als man vermutet.

Ein Jahrhundert voller Filme, Cartoons, Comics, versteckter und weniger versteckter Anleihen in Romanen, sagt vor allem eines aus: wie frei und unschuldig die Kindheit früher war. Aber es gab auch im viktorianischen Amerika Banden, Schulschießereien und die Ängste der Eltern, dass ihre Kinder der gewalttätigen Popkultur ausgeliefert sind. Mark Twain schrieb über all das. Für heutige Eltern, die sich um ihre Kinder und deren Kontakt zu dekadenten Medien sorgen, sich über die Natur oder eine standardisierte Bildung Gedanken machen, ist Huck Finn kein Rückfall in eine unschuldigere Zeit, sondern erinnert sie nur daran, dass die gleichen Debatten seit mehr als einem Jahrhundert stattfinden.

Würde man Mark Twain sagen können, dass sich sein Buch im 20. Jahrhundert 20 Millionen Mal verkaufen würde, würde er sich wahrscheinlich freuen. In den USA war das Buch allerdings Schullektüre, und das hätte ihm weniger behagt. Ganz im Gegenteil brachte er seinen eigenen Kindern das Lesen bei, indem er ihnen verbot, Bücher zu lesen. Damit machte er sie zu einem begehrten und geheimnisvollen Objekt. Huck Finn sollte nie ein staubiger Klassiker werden, und das ist er ja auch nur zum Teil, denn die ganze zeitgenössische Jugendliteratur, angefangen von Harry Potter, wäre ohne Twain gar nicht denkbar. (mehr …)