Kiez-Killer Honka: Suff, Schmutz und Sünde

Im Film weiß Fritz Honka anfangs nichts so recht, wohin mit der Leiche. Er könnte sie in den Müllsack stecken. Nur wie? Und den dann durch das Treppenhaus wuchten? Der schmächtige Mann mit Schnauzbart und Brille starrt auf die tote Frau, entkleidet sie schließlich, trinkt seinen billigen Schnaps, schaltet den Plattenspieler ein. Adamo singt: „Es geht eine Träne auf Reisen…“. Honka steckt sich die Zigarette zwischen die Lippen, setzt die Handsäge an.

Dass Fritz Honka, der Prostituiertenmörder aus Hamburg-Ostensee, im Dezember 1970 bei sentimentaler Schlager-Musik sein erstes Opfer, die 42jährige Gertrude Bräuser, zerstückelte, bleibt des Regisseurs eigene freie Wahrheit. Könnte so gewesen sein. Vielleicht war es ein anderes Lied. Vielleicht war auch das entsetzliche Kratzen und Schaben der Säge das einzige Geräusch in der vermüllten kleinen Dachwohnung, deren Wände Honka vom Fußboden bis zur Decke mit Bildern nackter Mädchen tapeziert hatte.

Fatih Akins Film „Der Goldene Handschuh“ nach dem Roman von Heinz Strunk, eine Milieustudie aus der finstersten Ecke des Tatsächlichen mit einem perfekt ungeschönten Hauptdarsteller (Jonas Dassler) als Honka, läuft aktuell im Wettstreit um die große Jury-Gefälligkeit und Publikums-Gunst auf der Berlinale. (07. – 17. Februar).

Ungeschönter Schocker

Kritiker nennen ihn einen „Schocker“, wirksam und krass in der Darstellung. Einige schütteln sich verbal und bezeichnen ihn als würdelos, schmerzhaft und eklig, für andere ist er das gelungen düstere Portrait eines Serienkillers ohne jegliche Romantisierung, wie sie bei einem Ted Bundy vielleicht sogar als irgendwie echt empfunden werden könnte.

(c) Warner Bros.

Honka war weder optisch noch mental der Mann, dem verklärte Frauen Liebesbriefe in die Zelle geschickt hätten. Krumme Körperhaltung, kaputte Zähne, Schielen, Hasenscharte. Honka war ungepflegt, jähzornig, Frauen verachtend, Alkoholabhängig, sexuell zutiefst gestört und ungebildet. Da war nichts wirklich Erfreuliches an ihm.
Sein Leben war Schattendasein. Sein Kopf war finster. Und seine Morde waren schmutzig und grausam. Da bleibt kein Platz für Licht. Vielleicht aber für eine absolut ehrliche Geschichte:
Am 21. Februar startet Faith Akins Film in den deutschen Kinos. Dann wissen wir mehr.

Der Titel Goldener Handschuh, Name einer im Abseits gelegenen Kiez-Kneipe, in der Fritz Honka verkehrte und die heute als eine Art Schauer-Kultstätte gilt, – über dem Eingang prangt ein Schild mit der süffisanten Willkommens-Aufschrift „Honka Stube“ – , steht für den brutalen, illusions- und schonungslosen Alltag der Gescheiterten. Die Verlorenen, vom Schicksal und von der Gesellschaft Getretenen sind die Akteure. Einer von ihnen: Der Serienkiller Honka, dessen Geschichte im Mittelpunkt steht.

Platz für die Verlorenen

Fritz Honka: Ein Heimkind ohne echte Nähe und Perspektiven, Hilfsarbeiter aus dem Osten, zweimal mit derselben Frau verheiratet, – er hätte viel mehr Sex von ihr verlangt, erklärte er später – ,nach der zweiten Scheidung von ihr in den Westen gegangen, Gelegenheitsjobs auf Bauernhöfen getätigt, schließlich in der Millionenstadt Hamburg gelandet. Das Geld, das er als Nachtwächter in einem Wasserwerk verdiente, gab er auf der Reeperbahn aus, in den billigen Rotlicht-Kaschemmen auf St. Pauli, in denen die Übriggebliebenen ihren Platz hatten und sich mit Fusel die Welt irgendwie anders tranken. Heiler, fairer, leichter. Oder noch schlechter.

Fritz Honka, Archiv-Bild

Er war wohl ein Eigenbrötler. Aber allein in seiner ärmlich eingerichteten Zwei-Zimmer-Mansardenwohnung wollte er auch nicht bleiben. Er suchte Gesellschaft bei den „alten Huren, die keine Freier mehr bekommen“, wie er es im Verhör nach seiner Festnahme im Juli 1975 ausdrückte, die hätten kaum Geld gekostet und wären nach reichlich Bier und Schnaps zu allem bereit gewesen.

Wie Gertrude Bräuer, eine St.-Pauli-Prostituierte, die zwar erst zweiundvierzig war, deren gute Tage aber lange schon vorbei waren. Wenn sie denn wirklich gute erlebt hatte. Vom Leben hart gezeichnet waren sie alle, die sich in den zwielichtigen Lokalen trafen, die irgendwie Vorhölle waren und trotzdem Hort der Sehnsucht und des Trostes. Man betrank sich, während die Juke-Box ihre Schmalz-Schlager ausspuckte. Und man nickte sich zu. So war das. So sollte es sein.

Honka nahm Gertrude Bräuer „für ein paar Mark“ und einige weitere Schnäpse in dieser Dezembernacht 1970 mit zu sich nach Hause. Dort erwürgte er sie, wohl voller Wut, wie er sich im Verhör erinnerte, weil sie den Sex mit ihm plötzlich ablehnte. Und herumschrie, was ihn wegen der Nachbarn sorgte. Die Tote versteckte er vorerst im Stauraum neben der Küche, holte sie aber wegen des immer penetranter werdenden Leichengeruchs wieder hervor und zerstückelte sie mit einem Schlachtermesser und einer Handsäge. Den Kopf der Frau fanden spielende Kinder einige Wochen darauf auf einer Baustelle in der Nähe des Haues, in dem Honka lebte.

Der ermordete in den Folgejahren drei weitere Frauen aus dem Milieu, die 54jährige Anna Beuschel, die 57jährige Frieda Roblick und die 52jährige Ruth Schult, „die altgewordene Nutten“, wie Honka sagte, die einem für lächerlich wenig Geld den Himmel auf Erden versprechen, wenn sie genug Alkohol kriegen.

(c) Warner Bros.

Solche Frauen waren es laut seiner Aussage ausschließlich, die ihn in der Zeit von 1970 bis 1975 nach den Kneipenbesuchen nach Hause begleiteten. Und immer war er zutiefst enttäuscht. Sie hätten ihn alle nur ausnehmen und beklauen wollen, sagte er, und einfach nur Sex, wie er ihn hätte haben wollen, hätte er nicht bekommen. Verbleibt tatsächlich die Frage, warum Honka nicht deutlich mehr Frauen getötet hat. Seine vier Opfer hatten vielleicht einfach nur das hundsmiserable Pech, zum ungünstigsten Zeitpunkt am ungünstigsten Ort mit einem frustrierten, wütenden Mann zu sein.

Auf dessen Spur brachte die Polizei ein bloßer Zufall: Wegen eines Brandes im Haus Zeißstraße 74 wurden auch der Dachboden und Honkas Wohnung in dessen Abwesenheit (er hatte Nachtschicht) durchsucht. In der wohl ziemlich versifften Wohnung wunderten sich die Beamten über den widerlichen Geruch, suchten nach der Quelle und fanden im Stauraum ordentlich verschnürte blaue Müllsäcke mit verstümmelten und verwesten Leichenteilen. Die „Reste“ von Anna, Frieda und Ruth. Erwürgt und zerlegt.

Das Schwurgericht Hamburg verurteilte Fritz Honka am 20. Dezember 1976 zu einer Freiheitsstrafe von fünfzehn Jahren mit anschließender Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Im Alter von 63 Jahren starb Honka, der zum Pflegefall geworden war, 1998 in der Hamburger Nervenklinik Ochsenzoll. Eine Pflegerin erinnerte sich in einem Zeitungsbericht über den Patienten Honka an „Fiete“ als einen netten, harmlosen Kerl.

Einen, dem die Tränen in die Augen schießen, wenn aus der Juke-Box in der Kiez-Kneipe Heintjes „Du sollst nicht weinen“ erklingt? Irgendwie wollen wohl alle heulen, als das in Faith Akins Der goldene Handschuh geschieht. Filmbeobachter finden die Herz-Schmerz-Liebe-Leid-Schlager der 1970er, – wie in der eingangs geschilderten Szene Adamos Schnulze – , als Begleitung grausamer Bilder entweder verstörend, geschmacklos oder den reellen Nerv treffend. Es scheint aber allemal zu passen.

Sich vorzustellen, dass Serienkiller wie Bundy, Dahmer, Gacy, Kroll… ganz normal nach und vor ihren Morden Käsebrote aßen, Nachbarn grüßten, Hunde streichelten, in Zeitschriften blätterten und Jazz oder Rock oder eben Schlager hörten, macht aus ihnen die Menschen, die sie waren. Keine Horrorgestalten. Keine Monster. Und das ist grundsätzlich noch viel schlimmer.

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