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Keoma – Melodie des Sterbens

Keoma ist das letzte Aufbäumen vor der ewigen Nacht. Nicht kurz, nicht schmerzlos, nicht barmherzig. Mit Keoma stirbt all das endgültig, was den Italo-Western auf so unverkennbare Art hat atmen lassen. Es stirbt, wie es gelebt hat: Grob, brutal und schmutzig.

Die letzte Reise – grandioser Ritt

Auf dieser letzten großen Reise wird nicht geträumt. Nicht geweint. Nicht gelacht. Die Mine bleibt starr, die Augen fackeln, die Mundwinkel zucken, der Finger sitzt am Abzug. Und die Trauergemeinde kniet nieder. Keoma ist ein guter Tod.

Kein Leone. Kein Corbucci. Auch kein Morricone. Die Geschichte des jungen Halbbluts, geliebt vom Adoptivvater, mit Missgunst und Verachtung bedacht von den drei Stiefbrüdern, deren Eifersucht in Skrupellosigkeit und Hass gipfelt, erzählt Enzo G. Castellari mit kehliger, rauer Stimme im Schatten des Galgenbaums. Und es ist, wie es war: Unrecht kommandiert, Gewalt gehorcht, Gnade wimmert. Ungehört. So ruppig ist die Welt, so melancholisch das Lied.

Da hat sich im Tonfall, in der Szenerie nichts geändert. Man schreibt das Jahr 1976, King Kong liebt Jessica Lange, Sylvester Stallone macht Rocky, Sissy Spacek ist Carrie. Und Franco Nero, Corbuccis Ur-Django, kämpft sich durch ein Genre, über das man sagte, es sei endgültig ausgeblutet. Zutiefst bedauernd, natürlich, aber neue Wege erschlossen sich, und der frische Wind, der wehte, trug den Wüstensand nicht mehr mit sich.

Finito damit? Nein. Dann gäbe es diese späte Märchenstunde nicht. Sternstunde zudem? Uneingeschränktes Ja. Keoma, indianisch für „weit entfernt“ oder auch „Racheengel“, ist ein brillanter Film. Wie Franco Nero, dem wir scheu unsere Sympahie schenken, Frieden sucht und (erneut) das Unbarmherzige findet, wie er seine Erinnerungen betrachtet und erkennt, dass da nirgendwo sein Frieden, überhaupt ein Frieden sein kann, ist großartig in seiner ganzen Ungnade.

Enzo G. Castellaris (Foto) Keoma schaffte es aufgrund seiner besonderen Schnitttechnik und Kameraführung ins „Museum of Modern Art“

Mit Keoma holt Castellari den Italo-Western in seiner ganzen dreckigen, bösen Phantastik aus seinem hastig zusammengezimmerten Sarg. Wobei: So richtig ausgestreckt liegt er dort allerdings eh noch nicht. Immerhin brachte Toninio Valerii, unterstützt von Maestro Sergio Leone, 1973 mit Mein Name ist Nobody (Il mio nome è Nessuno) einen Italo in die Kinos, der schon die vertrauten harten Züge, die eigentümliche, ins schmuddelige Irgendwo-Einmal… entführende Erzählweise hat. Freilich kombiniert mit lockerer, teils heiterer Sicht. Schlitzohr-Perspektive, kein Halunken-Blick. Terence Hill schlägt und schießt, sinniert und schweigt anders. Sein Terrain ist nicht der düstere Irrgarten der Seltsamen. Der einsamen Rächer. Der Schweiger. Der Außenseiter.

So einer ist der Indianerjunge Keoma, einziger Überlebender eines Massakers an seinem Stamm, den der Farmer William Shannon aufnimmt und wie sein eigenes Kind großzieht. Er hat selbst drei Söhne, für die das Halbblut minderwertig ist und die zornig ansehen müssen, wie sehr der Vater Keoma zugetan ist.

Zeitschnitt: Keoma kehrt aus dem Bürgerkrieg zurück und trifft auf eine alte Frau, die einen Holzkarren mit Habseligkeiten hinter sich herzieht. Diese mysteriöse Schwarzgekleidete taucht im Verlauf immer wieder auf, wenn der Tod sich in unheilvoller Atmosphäre ankündigt, gebettet in eine wundersam gute Musik, die nicht erklärt, nicht tröstet, nicht schont, die einfach nur begleitet, wie es sein soll. Warum es sein soll. Die „Melodie des Sterbens“…so spricht sie:

You are searching just for what you are
and you go from town to town to find yourself.
No helper … Oh, no one.
Don’t go on, my boy.
Don’t kill them! No!
Don’t kill them! No!
Don’t kill them! No!

And when you find,
that love has gone away,
the world is tumblin‘ down,
and down you are.
Around you tears have no right to cry.
The pain, you see, the pain, you feel,
the wrong, you do, the hurt, you feel now
on you.(…)

Keoma hat den Tod als seinen ewigen Begleiter neben sich: Er hat ihn gesehen, als Kind beim grauenhaften Massaker, als Mann im grauenhaften Krieg, er sieht ihn bei der Rückkehr in die Heimat in Gestalt der alten Frau. Und er sieht, was in seiner Abwesenheit passiert ist:

Keoma, der Frieden sucht und Krieg findet, wehrt sich.

Der skrupellose Caldwell, Ex-Südstaaten-Offizier, hat mit seinen finsteren Leuten, darunter auch Keomas Stiefbrüder, in der Stadt das Kommando. In der Gegend ist eine Pockenepedemie ausgebrochen, Caldwell lässt die Kranken, auch die nur vermeintlich Infizierten, – darunter Lisa, eine schwangere Frau -, abtransportieren in ein bewachtes Bergwerk, wo sie ohne medizinische Versorgung sterben müssen. Keoma befreit Lisa und stellt sich gemeinsam mit seinem Vater und dem alten dunkelhäutigen George gegen die Banditen.

Ur-Django Franco Nero, Castellaris Wunsch-Rächer

Der gute George stirbt. Am Straßenrand steht die Frau mit ihrem Karren. Caldwell erschießt Shannon kaltblütig, woraufhin die drei Brüder Caldwell töten und Keoma, dem sie die Schuld am Tod des Vaters geben, gefangennehmen und foltern.  Keoma, brutal misshandelt, flieht mit Lisas Hilfe und tötet die Verfolger. Die Frau, der Tod sieht zu. Bei einem letzten Gefecht erschießt er auch seine Brüder, weil ihm keine andere Wahl bleibt. Und während des Gemetzels bringt Lisa ihr Kind, einen Jungen, zur Welt. Die alte Frau hilft bei der Geburt, Lisa stirbt. Keoma übergibt das Baby der Frau. Der Hebamme. Ziehmutter. Dem Tod. Überlässt ihm das neue Leben und geht.

Krasse Symbolik. Dazu die balladenhafte Musik, komponiert/getextet von Guido und Maurizio De Angelis, die sich an den Songs von Leonard Cohen orientiert. Exakt so wollte Castellari sie haben. Passt.

Warum Keoma II – Jonathan of the Bears (Die Rache des weissen Indianers), gleichsam mit Franco Nero als einsamer Streiter, nicht auf die erhoffte Resonanz stieß, bleibt nicht unbedingt ein Rätsel. 1994 hatte sich Castellari damit nochmals auf mittlerweile nun doch angestaubte Tugenden besonnen und präsentierte durchaus grandios Geratenes. Mit sehr viel Übel d’rin. Und mit deprimierendem Ende: Der Rächer stürzt sich in einen hoffnungslosen Kampf und wird auf einem Kirchturm gekreuzigt. Schon 1973 hat Castellari neben dem Todesengel biblische Motive einfliessen lassen, – Bruderneid, Aussätzige, Andersartige, – , hier war es, mag sein, zuviel des Guten. Bösen.

Als mein alter Vater, ein Ur-Italo-Gestein, vor dem Bildschirm saß und sah, das Keoma am Kirchturm hing, sagte er: „Tja. Und jetzt?“ Und ich sagte: „Tja. Das war’s.“

Mit respektvoller Verneigung.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (145 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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