Persönliches

Kann ein Autor ein guter Rezensent sein?

Die Frage, die heute auf Lauter & Leise erscheint, erschien mir offensichtlich zu stellen, und Antonia hat darauf reagiert, indem sie die Frage annahm. Tatsächlich betrifft sie mich auch ein Stückweit selbst.

Seit Ende der 80er Jahre bin ich zwar eindeutig auf der Seite der kreativen Autoren zu verorten und es war für mich überhaupt nicht vorstellbar, eines Tages einen Buch-Blog zu führen. Meine Lesehaltung war auch immer die eines Komparatisten. Unterschiedliche Strömungen und Stile prägten sich für mein eigenes Schreiben heraus, bis ich mich eines Tages davon lösen konnte und meine ureigene Literatur etablierte, die allerdings nichts mit dem zu tun hat, was heute vielversprechend verlegt werden kann. Dazu bin ich einerseits zu spät dran, habe nie der richtigen Seilschaft angehört und bin, lässt man das alles außer Acht, wohl auch in der falschen Sprachfamilie unterwegs. Ich muss hinzufügen, dass für mich Deutschland nie das Land der Dichter und Denker war. Aber ich schweife schon wieder regelrecht ab.

Das Verhältnis zwischen Schriftstellern und ihren Kritikern ist traditionell ein ziemlich Verfahrenes. Heute mag das alles nicht mehr ganz so extrem unterschiedlich gesehen werden, aber der Spruch „Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent“, den der alte Goethe formulierte, zeigt doch vor allem auf, wie massiv das Missverhältnis einst gewesen ist, da war regelrechter Hass im Spiel, vor allem, weil den Kritikern vorgeworfen wurde, alles zu wissen und nichts zu können.

Ein guter Rezensent weiß zwar genug über Literatur, um ein Buch fachlich richtig beurteilen zu können, geht aber dennoch immer von seinem eigenen Lesevergnügen aus, er ist nun mal nicht unbedingt ein Literaturwissenschaftler – oder aber, er ist zwar einer, hat sich aber entschieden, nicht auf diesem Gebiet zu arbeiten. Rezension und Literaturwissenschaft sind zwei paar Schuhe, schließlich kann jeder, der ein Buch gelesen hat, etwas darüber mitteilen – und wie man heutzutage sieht, fühlen sich auch eine Menge Leser dazu bemüßigt, das zu tun.

Aber auch hier ist alles von der Person abhängig, die über Bücher schreibt. Ob jemand überhaupt ein guter Leser ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle, die Qualität ist dann auch extrem schwankend. Dennoch kann jemand, der einfach nur ein Buch in die Kamera hält und den Klappentext vorliest oder den Inhalt nacherzählt (mit dem fachlichen Urteil: Hat mir supergut gefallen) etwas für seinen persönlichen Leserkreis tun. XY hat gesagt … vieles, was XY liest, lese ich auch, ergo gefällt mir das Buch, das XY vorschlägt aller Wahrscheinlichkeit nach. Das ist natürlich effizient, auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass sich dorthin Leser verirren, die auf der Suche nach Informationen oder dem nächsten Lesestoff sind. Man muss also bereits zur Peer-Group gehören, um davon seinen Nutzen zu haben.

Ich werfe hier viele Dinge durcheinander, die eigentlich eine genaue Betrachtung verdienen würden und mache gleichzeitig drei verschiedene Sparten auf: den Autor, den Kritiker und den (heutigen) Rezensenten. Tatsächlich ist natürlich bereits eine Rezension streng genommen eine kritische Bestandsaufnahme; man wird gleich erkennen, dass die meisten Buch-Blogger also definitiv keine Rezensionen schreiben, sondern eher von ihrem ganz persönlichen Leseerlebnis berichten, also tatsächlich eher ein Buch-Tagebuch schreiben – und das eher unkritisch. Buch-Blogger werden sich also kaum als Kritiker betrachten, sondern als Konsumenten, die gerne andere davon in Kenntnis setzen, was sie lesen. So setzt sich dann auch ihr Leserkreis aus jenen zusammen, die etwa das gleiche Zielfeld anstreben, wenn es um ihre Lektüre geht.

Siegrid Löffler sagte einmal: Der Konsument hat jedes Recht auf sein Geschmacksurteil. Der professionelle Kritiker hingegen muss sein Urteil nachvollziehbar und möglichst brillant begründen können. Und das unterscheidet ihn doch ganz wesentlich vom munter schwärmenden Blogger.

Aber kann ein Autor auch gleichzeitig ein guter Rezensent oder Kritiker sein? Im besten Fall dient dem Autor die Auseinandersetzung mit Literatur seinem eigenen Werk, er wird kaum die Zeit haben, über Bücher nachzudenken, die er dann einem Publikum vorstellen will, denn sein Anspruch wird es sein, sich selbst dem Publikum zu empfehlen. Das kann er natürlich tun, indem er sich selbst in einem Genre aufstellt, das er bearbeitet, oder als Kenner einer Tradition auftritt, in der er sich selbst verortet. Tunlichst vermeiden sollte er dabei, seine Kollegen zu verreißen. Und das macht ihn als Kritiker unmöglich. Er darf ja nie vergessen, dass er mit seinem Werk selbst Teil der kritischen Auseinandersetzung ist. Wenn ich selbst – wie oben erwähnt – fast schon die Seiten gewechselt habe, das alles auf mich also gar nicht zutrifft, gerade weil ich als Autor schwerlich einem Genre zuzuordnen bin, dann nur, weil ich nicht den Ehrgeiz habe, mit meinem eigenen Werk irgendetwas erreichen zu wollen. Ich kann mich also weder durch Kenntnis, noch durch das Aufzeigen einer Tradition, hinlänglich zu Markte tragen. Für alle anderen Autoren aber gilt das, was ich oben gesagt habe.

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