Kaleidoskop der Seele

»Absurde Stimmen sangen letzte Nacht. Ich konnte die verschiedenen Melodien, die zu einem heillosen Durcheinander mutierten, nicht erkennen. Sie waren schrill und seltsam verzerrt, doch auf wundersame Art schienen sie mir vertraut. Nah und fern zugleich. Kalt. Dunkel.«

Er runzelte die Stirn, schloss die Augen. Zahllose Bilder huschten an ihm vorbei, Gesichter mit blutunterlaufenen Augen und dicken, pulsierenden Adern. Das Blut in seinen Ohren konnte er nicht nur hören, er konnte es riechen. Er öffnete seine Lider. Die Flut der imaginären Fratzen verschwand sofort, doch die Aufregung seiner Pupillen blieb. Suchend blickten sie hin und her, erforschten die Einrichtung des Raumes, in dem er sich befand, auf einem Stuhl sitzend, ursprünglich den Kopf auf das Fenster gerichtet, nun jedoch nach links schweifend.

Es waren eigentlich nur schemenhafte Konturen, die er sehen konnte, und alles schien nach wie vor weit entfernt zu sein. Irgendwo stand ein gewaltiger Schreibtisch mit dem dazugehörigen Sessel. Ein riesiges Bücherregal füllte eine Seite des Zimmers vollkommen aus und in der Mitte befand sich ein Beistelltisch, auf dem ein grinsender Totenkopf lag, der keiner war, sondern nur die billige Nachahmung eines solchen. Dieser hier diente als Zigarrenhalter. Eine Wanduhr tickte unaufhörlich, doch er konnte sie nur hören; sie entzog sich seinem Blick.

TOCK! TOCK!

Langsam … langsamer … bald würde die Zeit stillstehen.

TOCK! POCH!

Das Geräusch verwandelte sich. Es wurde dumpfer und – als befände sich die Uhr in einer großen Halle – erklang ein Echo dieses Pochens.

POCH! Poch! KLOPF! Klopf! TOCK! Tock!

Und nachdem die Zeit zwischen den einzelnen Geräuschen und den Echos immer länger zu werden schien, erkannte er plötzlich, dass die Zeit immer dieselbe Geschwindigkeit hatte, sie immer haben würde und niemals langsamer geworden war. Auch das Echo schien nur eine Einbildung, ein Scherz seiner Fantasie zu sein. Er schüttelte die Illusion ab und so hörte er wieder ein gleichmäßiges Tick-Tack!, wie es sein sollte und er es gewohnt war.

Dann sagte er: »Ich habe es vergessen. Ich kann mich an nichts erinnern, Doktor. An gar nichts. Ich weiß nicht einmal, was gestern alles geschehen ist. Ich weiß nur das, was man mir erzählte, und das, was ich angeblich getan haben soll und dass man mir dies nicht nachweisen könne und im Dunkeln tappe.«

Er schloss die Augen, diesmal jedoch nicht, um sich zu erinnern, sondern um die Tränen zu ersticken, die plötzlich hinter seinen Lidern hervorquollen.

Das Telefon klingelte. Er hörte, wie der Doktor aufstand, zum Apparat ging und das Gespräch annahm.

»Ja, hier Dr. Weißmann … Ja … Was? Wie konnte das … Oh mein Gott … Nein! Auf gar keinen Fall … Ja, … Natürlich. Ich bin in fünf Minuten bei Ihnen!« Der Hörer wurde hastig auf die Gabel geworfen. »Herr Mönius.«

Er blickte auf, sah sein Spiegelbild in den Brillengläsern des Doktors.

»Ein Sicherheitsleck. Ich muss sofort gehen. Machen Sie bitte mit meiner Sekretärin einen neuen Termin aus. Es wird alles gut, wir werden Sie schon wieder hinbekommen; und nun entschuldigen Sie mich bitte.«

Er schloss die Augen wieder. Der Doktor entfernte sich mit eiligen Schritten und warf die Türe hinter sich zu.

Mönius konnte sich wirklich an nichts mehr erinnern. Er fühlte sich, als wäre er gerade erst zwei Tage alt. Da hatte man ihn bewusstlos in einem Wagen aufgefunden, wo er mit dem Kopf auf dem Lenkrad gelegen hatte. Auf dem Rücksitz des Fahrzeugs war die übel zugerichtete Leiche einer jungen Frau gelegen.

Man hatte ihn in ein Krankenhaus gebracht, doch nach bereits einem Tag war er wieder so weit, dass es ihm einigermaßen gut ging. Es handelte sich lediglich um leichte Verletzungen, ein paar Prellungen und Schürfwunden, einige tiefe Kratzer, die – so mutmaßte man – von einem Tier stammen könnten (einem Wolf etwa) sowie einen Streifschuss, den er offenbar abbekommen haben musste. Dies war auch der Grund dafür, dass man ihn unter Beobachtung hielt.

Mittels seines Ausweises identifizierte man ihn als Herrn Edward Mönius, Beruf Reporter bei einem auflagenstarken Nachrichtenmagazin, wohnhaft in Frankfurt, ledig, katholisch, 1,73m groß, braune Augen, nicht vorbestraft.

Die Schusswunde wurde untersucht und das Ergebnis der anschließenden Laboruntersuchung ließ verlauten, dass es sich eindeutig um eine Patrone handelte, die ausnahmslos von der Polizei verwendet wurde. Doch keine Polizeidienststelle kannte Mönius. Niemand konnte sich erklären, wie er sich den Streifschuss zugezogen haben mochte und das Schlimmste war wohl, dass Mönius selber sein Gedächtnis verloren hatte. Hätte man ihm nicht seinen eigenen Ausweis gezeigt, so wüsste er nicht einmal seinen Vornamen.

Die tote Frau, die man in seiner Gegenwart gefunden hatte, konnte bislang nicht identifiziert werden. Man wusste nichts über sie, ebenso wenig, in welcher Verbindung Mönius zu ihr stand. Der Verdacht, dass Möönius ihr Mörder sei, würde so lange bestehen bleiben, bis man gegenteilige Beweise finden würde. Sie war bestialisch mit einem Messer zugerichtet worden. Auch sie besaß Schusswunden derselben Waffe, wie der pathologische Befund verriet, doch in dem Wagen, in dem man die beiden fand, wurde keine Schusswaffe oder andere Tötungsinstrumente gefunden.

So wollte man ihn noch einige Tage im Krankenhaus behalten, um diverse psychologische Untersuchungen mit ihm durchzuführen. Heute war die erste Sitzung und ausgerechnet diese war bislang erfolglos und wurde darüber hinaus sogar vorzeitig abgebrochen, aus welchen Gründen auch immer.

»Ein Sicherheitsleck …«, murmelte er, stand auf und öffnete seine Augen wieder.

* * *

Die Bahngleise liegen in dichtem Nebel. Obwohl es früh am Morgen ist, warten bereits viele Reisende auf den Bahnsteigen, manche, um ihre Angehörigen abzuholen, die meisten jedoch, um selbst zu verreisen. Durch die Dunkelheit kann man deutlich die Massen aufglimmender Zigaretten ausmachen. Eine verlorene Bahnhofsdurchsage scheppert über die Wartenden hinweg. Gleichzeitig hört man den ziehenden Laut der Geleise, das von einem nahenden Zug kündet.

Bald schon schnaubt die Lokomotive des einfahrenden Zuges und im ersten Moment scheint es, als würde er nicht halten, sondern, ohne das Tempo zu verringern, durch den Bahnhofsbereich weiterrasen. Dann jedoch kreischen die Bremsen und unter öligem Quietschen und dem stampfenden Geräusch protestierender Kolben kommt die Lokomotive zum Stehen.

Die endlose Monotonie des Wartens als Beschäftigung löst sich unverzüglich in lautstarke Hektik auf. Die Falttüren der Waggons werden geöffnet. Reisende wuchten ihr Gepäck auf den Bahnsteig, springen hinterher, drängen zu den Treppen, die sie zu den Ausgängen des Bahnhofs bringen. Die Wartenden hingegen kämpfen sich in die offen stehenden Türen, als gäbe es keine Zeit zu verlieren, als würde der Zug sonst ohne sie abfahren.

Zwischen all dem Trubel und der Hektik wartet ein Liebender, den man als solchen erkennt, da er einen Strauß Blumen in den Händen hält. Emsig reckt er seinen Kopf, blickt abwechselnd nach rechts und nach links; und es ist ganz eindeutig, dass er jemanden sucht, der sich in dem Zug hätte befinden müssen.

Dann plötzlich: ein schriller Pfiff. Die Türen schließen selbstständig. Schwer atmend setzt sich der Zug in Bewegung. Nur wenige Passanten sind noch auf dem Bahnsteig und winken den sich immer schneller entfernenden Bekannten hinterher. Ein kleiner Junge beobachtet voll Ehrfurcht, wie der Schaffner in der noch offenen Türe steht und mit seiner Kelle winkt, obwohl der Zug bereits an Geschwindigkeit zunimmt. Schon hat der Zug den Bahnhof hinter sich gelassen, und man sieht einzig die roten Rücklichter, die sich kurz darauf im schmierigen Nebel auflösen. Die letzten Menschen verlassen den Bahnsteig, mit Ausnahme des Mannes mit den Blumen, und …

… einer Dame, die kaum merklich lächelt.

* * *

»Ich erwachte in einer Welt der Schwärze. Alles, was früher bunt und farbenfroh war, befand sich nun in schlichtem Grau und Schwarz. Bin ich schizophren, wenn ich behaupte, dass dies die völlige Wahrheit ist, Doktor? Nein. Es ist die pure, die blanke Realität. Für mich jedenfalls.«

Wieder der monotone Takt der Standuhr. Regen prasselte von außen gegen die Scheiben. Das Trommeln vermischte sich mit der Erinnerung an das Klopfen des Regens auf das Autodach, damals im Wald. Das Vergessene war jedoch noch zu verworren. Nur Bruchstücke waren es, die sich in Mönius’ Verstand nach oben kämpften.

»Es war das letzte Mal, dass ich sexuellen Kontakt mit einem weiblichen Wesen hatte und seitdem ist die Welt schwarz, und voller Schmerz. Sie werden das wie immer nicht verstehen, Doktor, doch für mich ist meine Abneigung gegen die Liebe hiermit begründet. Und dies ist schließlich die Hauptsache, der Sinn und die Erkenntnis des Todes.«

Das kratzende Geräusch des Füllfederhalters untermalte nun das unnachgiebige Prasseln des Regens gegen die Fensterscheiben. Ohne Pause, so schien es ihm, schrieb der Doktor. Auch wenn Mönius nicht redete, schrieb er. Es kam ihm so vor, als habe er ständig zu tun, nur nicht, sich seiner Sache anzunehmen; doch das sollte nicht sein Problem sein. Auf der Couch war es bequem genug. Neben ihm befand sich ein Beistelltisch, auf dem langsam aber sicher eine Tasse grünen Tees erkaltete. Daneben eine Schale mit krossen Keksen. Er konnte sie nicht essen. Nicht weil sie nicht schmecken würden, sondern weil das beißende Geräusch, der Klang des Kauens die unnachgiebige Monotonie der Stille zerstören würde, welche unablässig im Raum vorherrschte. Die Stille – nur durch den Regen, die Wanduhr und den Griffel des Doktors unterbrochen – schwebte förmlich im Raum. Sie stand still, die Stille. Ein unbeweglicher Klotz, den man nicht entfernen durfte, da er eine Art heilige Reliquie darstellte. Für ihn; und für den Doktor vielleicht auch.

»Meine Haut schmerzt wieder.« Seine Stimme war laut. Viel zu laut für die hehre Geräuschlosigkeit. »Sie juckt und schuppt sich stellenweise. Ich habe wieder mit dem Kratzen angefangen.«

»Ich gebe Ihnen etwas«, sagte der Doktor. »Eine homöopathische Paste; damit werden Sie sich besser fühlen.«

»Und das Sicherheitsleck?«, fragte Mönius.

»Was meinen Sie?«

»Wie wollen Sie das da durchschmuggeln?« bohrte Mönius weiter.

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, beharrte der Doktor und wechselte das Thema.

* * *

Das Paar sitzt nun im Auto und fährt über eine einsame Landstraße. Noch immer hat der Tag nicht begonnen. Die Luft ist kalt, der Nebel nach wie vor sehr schmierig, spürbar klamm. Der Mann muss die Scheibenwischer betätigen, da sich die dicken Nebelschlieren wie ein öliger Film auf die Scheiben legen.

Die Straße führt durch dichten Wald. Es ist finster und die Nebelscheinwerfer des Fahrzeugs sind eingeschaltet. Die Dame hält den Strauß Blumen, der ihr von dem Mann auf dem Bahnsteig überreicht worden war, kurz bevor sich beide küssten, auf dem Schoß. Sie schaut nach rechts aus dem Seitenfenster. Der Wald ist dunkel, so dass es unwahrscheinlich ist, dass sie dort etwas Bestimmtes betrachten würde. Sie starrt ins Leere. Der Mann hält das Lenkrad steif mit beiden Händen fest. Seine Fingerknöchel treten blutleer hervor. Sein Blick scheint an die Straße gefesselt, seine Lippen wirken verbissen. Keiner der beiden redet. Das Brummen des Motors dringt dumpf an ihre Ohren.

Die Lichtkegel eines entgegenkommenden Fahrzeugs tauchen hinter einem Hügel auf und blenden sowohl Fahrer als auch Frau. Der Mann flucht. Sie sagt nichts. Für kurze Zeit werden ihre beiden Gesichter grell beschienen. Dann dämpft der andere Wagen die Nebelleuchten ab, und der Mann tut es ihm gleich. Alle können wieder etwas entspannter sehen, auch wenn ihre Sicht nun aufgrund der Dunkelheit deutlich eingeschränkt ist. Aus der Vogelperspektive wirkt es, als würde der Wald seine schattigen Klauen nach den Fahrzeugen auf der Straße ausstrecken. Davon unbeirrt fahren die Autos weiter; fahren aneinander vorbei; verlassen die Szenerie in entgegengesetzte Richtungen.

Die Fahrt des Paares wird schweigend und ohne Unterbrechung fortgesetzt. Der Nebel wandelt sich in Regen, so dass die Lichtkegel des Wagens aussehen, als würden sie wabern.

* * *

»Das Sicherheitsleck, das unsere erste Sitzung unterbrochen hat«, sagte Mönius, »was war da los?«

»Das darf ich Ihnen leider nicht sagen.«

»Aber es interessiert mich. Wo bin ich hier? Ich blicke aus dem Fenster und sehe entweder weitere Gebäude dieser Anstalt oder aber dichtes Waldgebiet. Mir kommt das doch recht abgeschieden vor. Regelrecht abgeschottet, so als wolle man mich fernhalten von der Außenwelt.«

»Sie können jederzeit einen Spaziergang machen. Niemand sperrt Sie hier ein.«

»Das habe ich nicht gemeint, und das wissen Sie auch.«

»Sie wollten weitererzählen, Herr Mönius.«

»Nein, nein – ich will wissen, was hier vor sich geht!«

»Nun, es gab ein Sicherheitsleck. Psychomedizinische Experimente. Ein Großteil der Patienten wird mit einem Sonderzug hier rausgeschafft werden. Sie vermutlich auch. Mehr kann und darf ich Ihnen beim besten Willen nicht erzählen.«

»Aber … das klingt so nach … als wäre irgendein Gas ausgetreten, als würden wir uns hier nicht in einem Sanatorium befinden, sondern in einer Fabrikanlage oder so etwas.«

Einmal mehr setzte Stille ein. Eine unnatürliche Stille, die sich wie eine Glaskuppel über die Anwesenden stülpte. Mönius legte sich wieder zurück auf die samtbezogene Couch und hing seinen Erinnerungen und Eindrücken nach. Alles war so verschwommen. So dunkel. Lautlos. Eine schleierhafte, unklare Grabesruhe, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in sich einschloss.

Das unvollkommene Schweigen eines Sicherheitslecks …

* * *

Der Wagen in der Nacht hält am Straßenrand. Umgeben von dicht wucherndem Wald und der einsamen Landstraße bleibt er einfach stehen. Der Motor wird abgeschaltet, die Scheinwerfer hingegen leuchten weiter. Leise dringt die Musik des Autoradios nach außen. Von dorther klingt es verschwommen, weit entfernt, nicht näher greifbar – geheimnisvoll. Weiterhin vermengen sich die Klänge mit keuchenden Lauten.

Durch die beschlagenen Scheiben des Autos sind Bewegungen auszumachen. Eine Hand hinterlässt Fingerschlieren auf dem Seitenfenster. Die Frau hat sich an diesem abgestützt, doch ihre Hand gleitet wieder hinab. Das Fahrzeug fällt in heftiges Wippen ein. Es mag obskur anmuten, dass das Paar mit dem liebevollen Empfang am Bahnhof und der schweigenden Fahrt durch das Waldgebiet sich nun im ekstatischen Liebestaumel ringt.

Ein unterdrückter Schrei gellt durch die Nacht. Dann ebbt das Schaukeln des Fahrzeugs ab. Der Akt scheint vorüber. Die Fahrzeugtüren öffnen sich. Unverzüglich ist die Musik um einiges lauter: »One more kiss, Dear – One more sigh …«

Die Silhouetten zweier nackter Gestalten umrunden den Wagen und fangen im Licht der Scheinwerfer zu tanzen an. Wippende Brüste und ein hängendes, noch tropfendes Glied. Beide scheinen glücklich. Sie lachen, tanzen, drehen sich im Kreis und lachen wieder.

Kratzen ist zu hören. Ein Rascheln im Gebüsch. Ein Fauchen und Knurren. Sogar ein Schuss gellt durch die Nacht. Die Stimmen von Männern auf der Jagd. Ein Tier.

Dann geht alles ganz schnell.

* * *

Das Nichtstun war das Schlimmste. Schon gestern wollte man ihn von hier fortbringen. Zumindest hatte man ihm das vorgestern erst gesagt.

Doktor Weißmann hatte bereits in der letzten Sitzung davon gesprochen, doch nichts war geschehen.

Mönius saß in seinem Zimmer und wartete. Er wartete darauf, dass endlich etwas geschah. Dass man ihn hier fortbringen würde. Er betrachtete die kahlen Wände und kam zu dem Schluss, dass es überall nur besser sein konnte als hier. Seit Tagen war er nun schon hier. Oder waren es bereits Wochen?

Ja, er erinnerte sich an diese Frau. Ein Mädchen, in das er verliebt war. Er erinnerte sich daran, dass sie die Beziehung zu ihm beendet hatte, und er begann sich daran zu erinnern, was darauf folgte. Doch was sollte dies nur mit seinem Autounfall zu tun haben, fragte er sich. Ist eben jenes Mädchen die Tote auf dem Rücksitz seines Wagens gewesen? Man sagte ihm hier ja nichts. Um alles wurde stets ein riesengroßes Geheimnis gewoben. Sowohl um seinen Fall als auch um dieses ominöse Sicherheitsleck, das ihn so beunruhigte.

Dann plötzlich klopfte es und man holte ihn endlich von hier fort.

* * *

Der Raum, in den man ihn bringt, ist kalt. Düsterrotes Licht. Wasser tropft. Ein leerer Bahnsteig.

Mönius riecht Abwasser, Urin, Zigarettenqualm sowie nicht isolierte Stromkabel. Der Zug, der hier wartet, summt unerträglich, wird aber nicht abgeschaltet. Kein Fahrer scheint nötig, alles verläuft automatisch. Anonym.

Der Bahnsteig ist niedriger gebaut als alle anderen und er gleicht eher einer Höhle, in der sich Kabel von einer rissigen Decke winden. Pfützen verdecken den dreckigen Kachelboden. In ihnen spiegelt sich rotes Licht, das aus dem Nirgendwo zu kommen scheint.

Aus ihn umgebenden Gesprächsfetzen erfährt er, dass er sich in der tiefsten Ebene der Anstalt befindet, die aus diesem Grund den Spitznamen Die Grube bekommen hat. Wartungsschächte, Tunnel, allesamt bestückt mit illegalen Unterkünften der Verstoßenen und Unheilbaren.

* * *

Keine Frage, er wollte hier weg. Kein normaler Mensch wäre zu dieser Zeit in der Grube alleine unterwegs gewesen, wenn überhaupt; doch er hatte da diese Verpflichtung, der er nachkommen musste. Er sollte abtransportiert werden.

Vergleiche kamen ihm in den Sinn. Euthanasie, die Judenvernichtung im Dritten Reich … auch diese Leute wurden in Zügen fortgeschafft, wenn auch nicht unterirdisch. Auch waren die Gründe andere. Da war niemand verrückt oder hatte wie er nur das Gedächtnis verloren. Dort gab es kein verdammtes Sicherheitsleck.

Wasser tröpfelte auf die Kacheln. Irgendwo, Schächte entfernt, gellten schrille Sirenen in der Dunkelheit. Sie hallten von Keramik, Stein und Stahl, den Hauptbestandteilen der unteren Schächte wider.

Mönius lebte in einer Schachtwelt, viele Ebenen unter einer mittlerweile unbewohnbaren Oberfläche, so erzählte es ihm zumindest einer seiner Mitwartenden. Angeblich gäbe es geheime Ausgänge. Doch davon abgesehen würde niemand die oberen Schächte erreichen, da die Patienten schlichtweg nicht befugt seien.

Schritte hallten in der uneinsehbaren Krümmung einer Treppe. Er rannte ein Stück hinauf und wandte sich nach links, wo er ein wie ausgestorben daliegendes Viertel erblickte.

Ein dunkler Schatten trat auf ihn zu, blieb unter einer losen Glühbirne stehen und der Hut des Fremden verbarg dessen Gesicht in Dunkelheit. Er hatte, wie fast alle hier, einen langen Mantel an, nur dass seiner schwarz und nicht grau war.

»Gehen Sie zurück zu den anderen und steigen Sie in den Wagen«, sagte er. Stumm verfolgte Mönius, wie die ferne Gestalt sich abwandte und zwischen den Schatten der alten Kammern verschwand.

Jemand neben im rauchte eine Zigarette und blickte den Rauchschwaden hinterher. Mönius beschloss, dem Mann zu folgen, der rauchend nach unten stieg, um in den Zug zu steigen. Doch der Raucher nahm einen ganz anderen Weg als den über die Treppe, über die Mönius hier herauf gelangt war.

Er trat von der Plattform und folgte ihm, vorbei an Rohren, Fundamenten, Granitfelsen und Abwasserkanälen. Mehr hatte die Welt hier unten nicht zu bieten.

Er zweifelte und war unsicher, was seine Stellung in dieser Welt der Schächte und Ebenen, der dunklen Gassen und der immerwährenden Nacht anging. Er wusste auch nicht, welche Dinge hier von ihm verlangt wurden, wo es ihn hinführen sollte, oder welches Spiel Doktor Weißmann mit ihm trieb. Von ihm bekam man ja überhaupt keine Information.

Zischende Rohre, Turbinen die Elektrizität erzeugten, kranke Kakophonien aus gehärtetem Stahl, leblose Geräusche ausstoßend, unnatürliche Ängste hervorrufende Abnormitäten, Wurzeln aus Kabeln und Steckern, Windungen, Gitternetze, Ölgeruch und purer, abstruser Lärm. Dies alles bekam Mönius zu spüren, als er durch die Katakomben schritt, darauf hoffend, dass der Mann, dem er folgte, schon das richtige Ziel haben würde.

Nach geraumer Zeit hatte er das Labyrinth hinter sich gelassen. Aufatmend stand er in einem langen Gang, wartend auf das Ungewisse.

Der Gang schien keinen Anfang und kein Ende zu haben. Zwei trostlose Richtungen, trübes Licht von der Decke, irgendwo summte ein Motor.

Plötzlich: Ein Zischen – laut und erbarmungslos öffnete sich die Tür, ein stählerner Greifarm hob Mönius in die Lüfte. Er wurde herumkatapultiert und auf ein Fließband gelegt. Maschinen rissen ihm die Kleider vom Leib und er stand nackt in der Dunkelheit. Das Band beförderte ihn immer weiter, der Ewigkeit entgegen.

Die beunruhigende Fahrt auf jenem eigenartigen Förderband kam nach ein paar hundert Metern wieder zum Erliegen. Unhöflich stieß ihn ein grober Schubmechanismus von der Anlage, und als er sich wieder aufrichtete, stand er vor einer Türe. Kurzerhand öffnete er diese, um in einen kahlen Raum zu gelangen, welcher lediglich einen grauen Spind beherbergte.

Ahnungslos stand er da, nicht begreifend, was dies alles sollte, und als er sich endlich dazu entschlossen hatte, den Sektor zu verlassen, ertönte eine blecherne Stimme aus einem unsichtbaren Lautsprecher: »Na schön, Leute! Packen wir‘s an. Zieht den Anzug an, der sich im Spind befindet.«

Man war gewohnt zu gehorchen, und so begab er sich zum Spind, öffnete ihn und entdeckte einen hässlichen, goldfarbenen Anzug.

Er war mit dem Ankleiden noch nicht ganz fertig, als die scheppernde Stimme erneut sein Gewissen beflügelte, ihren Anweisungen zu folgen.

»Nun gut. Ich hoffe, Ihr seid so weit. In dem Spind befindet sich eine Schiebetür. Durch diese geht Ihr nun und folgt dem Gang bis zu seinem Ende. Marsch!«

Ahnungslos, aber bedingungslos, kletterte er in das Innere des Spinds und entdeckte so die Schiebetür, von der die Rede war. Er öffnete sie und stellte mit Erleichterung fest, dass sich dahinter tatsächlich ein Gang befand. In dieser Welt wäre es nicht verwunderlich, wenn dieser nicht existent gewesen wäre.

Mönius lief, und nach kurzer Zeit führten andere Gänge in den seinigen, durch die nun mehrere Leute, ebenfalls in jene goldfarbenen Anzüge gekleidet, kamen. Wie willenlose Puppen schritten sie durch das unsympathische Stahlgewölbe, und immer mehr schlossen sich ihnen an.

* * *

»Mönius, Sie sind verrückt«, sagt Doktor Weißmann. »Es gibt keine innere Schachtwelt, oder wie Sie das nennen. Es gab auch nie ein Sicherheitsleck. Mir ist nicht begreiflich, wovon Sie da eigentlich reden. Sie haben diese Frau ermordet, das ist es, was ich von Ihnen weiß!«

Und während er all dies Mönius entgegenbrüllt, schreibt Doktor Weißmann unaufhörlich in seine Kladde. Die Standuhr. Der Griffel. Und wieder Regen, der gegen die Fensterscheibe tropft.

»Ich weiß, was ich erlebt habe«, hört sich Mönius sagen.

»Sie leiden an Amnesie, Sie wissen gar nichts. Deswegen sind Sie schließlich hier.«

»Ich weiß.«

»Ich werde Ihre Medikation vorübergehend erhöhen.«

»Auch das weiß ich bereits, Doktor.«

»Ach ja? Ist das so? Was wissen Sie denn noch so alles?«

»Ich weiß, dass ich mich mit dem geheimnisvollen Mädchen verbinde, dass Vergangenheit und Gegenwart eins sind, Doktor. Die Zeiten vermischen sich. Nur die Zukunft traut sich noch nicht so recht hinein.«

»Soll ich Ihnen von Ihrer Zukunft erzählen, Mönius? Soll ich das wirklich tun?«

»Sind Sie der Zukunftsbringer, Doktor?«

* * *

Der Bahnsteig der Station war wie ausgestorben, aber die elektronische Anzeige wies darauf hin, dass sein gewünschter Zug jeden Moment hier eintreffen konnte. Dennoch musste er sich einige Minuten gedulden, bis der Zug dampfend und quietschend, unter lautem Getöse und mit grellen Scheinwerfern angerollt kam.

Hastig stieg er ein, suchte ein Streckenverzeichnis und wurde informiert, dass es nur ein Fahrtziel gab. Doch bereits nach einer Station ertönte eine blecherne Stimme durch unsichtbare Lautsprecher: »Station B – bitte alles aussteigen, dieser Zug endet hier.«

Fassungslos lauschte er der unsympathischen Stimme, die die Ansage wiederholte.

Auf dem Bahnsteig erblickte er eine Art Schaffner, den er sofort fragte, was dies zu bedeuten habe.

»Ja, die Gleise sind zu. Schon das dritte Mal in dieser Woche. Ständig dringen mutierte Ratten in die Schächte ein und zerfressen die Stromverbindungen. Vor einer Stunde kam die Meldung, dass ein Zug stehenblieb. Mitten im Tunnel und …«

»Das ist ja alles schön und gut«, unterbrach Mönius den Mann, »doch sagen Sie mir, wie es nun weitergeht.«

»Oh, da müssen Sie den Express nehmen. Der fährt drei Schächte tiefer. Nehmen Sie den Aufzug, das geht schneller als mit der Rolltreppe.«

Erst jetzt bemerkte er, dass der Bahnsteig von Menschen überfüllt war. Mönius nickte dem Schaffner noch einmal zu und bahnte sich dann einen Weg durch die Menschenmassen. Bei der Rolltreppe war tatsächlich kein Vorankommen möglich. Also suchte er den Aufzug, fand schließlich ein Schild, das die Richtung anzeigte, und machte sich eilig auf den Weg.

Er musste durch zwei Türen hindurch und stand endlich in einem unangenehm riechenden, kleinen Raum. Vor ihm stand die Aufzugtür offen. Mönius drückte auf E – wie Express und wartete, bis der Aufzug losfuhr.

Nachdem er den Aufzug verlassen hatte, fand er sich auf dem Bahnsteig der Expresslinie wieder. Dort wartete er gemeinsam mit einer Unzahl weiterer Passagiere, und missmutig bemerkte er, wie sein Herz raste und ihm der Schweiß ausbrach.

Dann hörte er das Rollen und Kreischen eines sich nähernden Zuges. Funken sprühten, als er in den Bahnhof einfuhr. Der ankommende Zug erfüllte den düsteren Durchgang mit stampfenden und donnernden Geräuschen. Quietschend kam der Express zum Stehen.

Mönius eilte den Bahnsteig entlang. Sein Weg führte ihn an einem Mann vorbei, der missmutig Abfälle zusammenfegte. Dann sprang er über einen Schlafenden. Vor dem schwach beleuchteten Fahrplanaushang blieb er stehen und stellte resigniert fest, dass die Scheibe zertrümmert und die Spalte der Abfahrtszeiten zerfetzt war. Der Pfiff des Zuges veranlasste ihn, sich vom Schaukasten loszureißen. Er sputete sich und erreichte den Zug in allerletzter Sekunde. Sofort schlossen sich die Türen hinter ihm mit lautem Zischen. Durch die Scheiben erblickte er heißen Wasserdampf.

Der Wagen war ziemlich leer. Eine ältere Dame saß schnarchend in einer Ecke, ihre Handtasche auf ihrem Schoß fest umklammert. Auf der Bank gegenüber saßen zwei Geschäftsleute in grauen Anzügen und lasen Zeitung.

Eintauchend in einen Tunnel, verfinsterten sich die Wagenfenster, färbten sich aufgrund der außerhalb des Zuges herrschenden Dunkelheit schwarz. Die Neonröhren über ihm flackerten nervös und er blickte hektisch auf das ausgehängte Streckennetz, während er sich an einen der Halteriemen klammerte.

* * *

Mönius sitzt fremden Menschen gegenüber, die lautstark gackern. Dialektsprechende Individuen der widerlichsten Sorte, die nervende Kommentare zu den uninteressantesten Themen zum Besten geben, so tun, als wären sie eingeweiht, und ihr Unwissen mit Lachen überspielen. Ein schüchterner Ausländer, dessen fünf Frauen – allesamt orientalische Schönheiten – im Hühnerabteil Platz nehmen dürfen, erbittet Auskunft bei dem fränkischen Einheimischen, der ihn blöde angrinst, als wolle er allen mitteilen, dass er nichts gegen Ausländer habe, was natürlich eine Lüge ist. Beschäftigt fuchtelt er mit seinem Gehstock – den er wohl immer bei sich trägt, obwohl er eindeutig nicht gehbehindert ist (wahrscheinlich eher als ein Zeichen seiner Dauererregung) – und gibt Informationen preis, welche den Fremden nur noch mehr verwirren. Ein hochdeutsch sprechender Herr mit Schnauzbart versucht, sich unter das Volk zu mischen. Man lacht ihn aus und er lacht mit, da er ihre Sprache nicht versteht. Speicheltropfen rinnen von den Sitzbänken, als zwei exotische Damen stolz vorübergehen. Aalglatte Fahrgäste tragen Brillen. Diese beschlagen vom vielen reden. Man kratzt sich die Kopfhaut wund, auf dass die Flöhe von den Schuppen fliegen. Es stinkt. Das Kreischen des Zuges wird unterdrückt vom lauten Gemecker. Der Schaffner – ein fetter Theologiestudent aus Arnsheim – kontrolliert mit verschmitztem, heuchlerischem Lächeln die Fahrscheine, während alles johlt und jauchzt. Ein Mann mit tiefen Runzeln steckt einer hübschen Dame seinen Finger ins Ohr. Sie lacht.

* * *

Im Gegensatz zu vorhin versprach ein Keller Helligkeit. Zuweilen huschten Lichtschwärme vorbei. Eisengerüste, Menschenleiber, eine rote Lampe. Der Pfiff des Zuges gellte und Schatten stahlen sich zur Seite. Elektrizität knackte und krachte. Der Tunnel rauschte, toste, schallte von umherpeitschenden Echos; zuerst langsam, dann rasend. Die Schwellen und Schienen wackelten absurd, als der Zug in den Bahnhof einfuhr. Schrilles Quietschen, gefolgt vom zischenden Öffnen der Türen, bereitete dem Lärm schließlich ein Ende.

Mönius wartete, bis die drängelnden Reisenden den Zug verlassen hatten, doch bevor die Außenstehenden hineinströmen konnten, nutzte auch sie die Gelegenheit und verließ den Wagen.

Nebel herrschte hier außen auf dem Bahnsteig. Sie stellte ihr Gepäck ab und wartete, bis das Gedrängel der umsteigenden Reisenden nachgelassen hatte. Doch trotz der Massen sah sie ihn bereits. Nervös blickte er den Bahnsteig auf und ab, einen Strauß Blumen in der Hand.

Belustigt beobachtete sie ihn dabei, wartete, bis sich der Trubel um sie herum verzogen hatte. Der Zug fuhr kreischend davon und ließ nur den Nebel auf dem Bahnsteig zurück. Den Nebel, den Mann mit den Blumen und Mönius, der die ganze Situation aus einer anderen Perspektive heraus bereits bekannt vorkam.

Dann ging sie auf ihn zu, nahm den Strauß Blumen entgegen und küsste ihn dafür.

* * *

»Und dann fuhren Sie gemeinsam in Ihrem Wagen die Landstraße entlang«, sagt der Untersuchungsrichter, der den Fall resümiert. »An Kilometerpfosten fünfundsiebzig parkten Sie am Straßenrand und vollzogen den Beischlaf. Vom Liebesakt noch völlig berauscht verließen Sie schließlich den Wagen und tanzten nackt am Waldrand, als das Tier kam, das vor den Jägern der örtlichen Polizeibehörden auf der Flucht war. Schüsse, die dem Raubtier gelten sollten, trafen Ihre Begleiterin, während das Tier Sie angriff.«

»Es war kein Tier im eigentlichen Sinne«, sagt Mönius. »Es handelte sich um einen Wolf. Genauer gesagt um die Mutation eines solchen. Ein Sicherheitsleck. Ansonsten wäre die Bestie nicht auf freien Fuß gelangt.«

»Von welchem Sicherheitsleck sprechen Sie?«

»Da befragen Sie am besten den Doktor. Dieselbe Frage habe ich ihm nämlich auch immer und immer wieder gestellt. Nur Antworten bekommt man von ihm nicht.«

»Herr Mönius: Der Doktor und das Tier haben nichts miteinander zu tun.«

»Ist es so? Ich bezweifle das.«

»Eine andere Frage«, sagt der Untersuchungsrichter nun. »Was hat es mit den Messerstichen auf sich?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wir müssen es jedoch wissen, um den Fall endgültig abschließen zu können.«

»Die Rückführung bei Dr. Weißmann hat diesbezüglich keine Ergebnisse liefern können«, sagt Mönius.

Doktor Weißmann schaltet sich an dieser Stelle in das Verhör ein und bestätigt die Aussage seines Klienten: »Es ist in der Tat so, dass sich mein Klient, ausgelöst durch den Angriff des Tieres, in einer tiefen Bewusstlosigkeit befunden haben muss.«

Ruhe herrscht nun im Saal der Anhörung. Man hört Papierrascheln. Die Protokollführerin tippt die letzten gesprochenen Zeilen. Einer der Richter klappt eine Aktenkladde zu und flüstert seinem Nebenmann etwas ins Ohr.

Mönius schwitzt.

»Doktor Weißmann«, sagt nun der Untersuchungsrichter, »erzählen Sie uns noch kurz etwas zu den Nebenwirkungen jener Rückführungspraxis.«

»Gerne.« Weißmann steht auf. »Der Patient wird mit speziell von mir entwickelten Psychopharmaka in einen tranceartigen Hypnosezustand versetzt. Dadurch vermischt sich die Realität in der Wahrnehmung mit der Vergangenheit. Gezielte Fragen lösen gewisse Hirnblockaden auf, und der Klient kann über die Erlebnisse seiner Amnesie verfügen, davon berichten – wenn auch alles etwas wirr erscheint. Manche Erfahrungen jedoch, meist kleine Nebensächlichkeiten, werden immer wieder durchlebt, so dass eine Überlagerung des Bewusstseins stattfindet. In unserem Fall waren dies die abstrusen Schilderungen einer irrealen Schachtwelt, in der Züge durch nebulöse Ebenen fahren, die der Patient Mönius durchlebt. Auch jetzt noch. Die Nebenwirkung wird als irreparabler Schaden bestehen bleiben. Ein Opfer der Wissenschaft, wenn Sie so wollen. Mediziner bezeichnen derartige Langzeitschäden gerne auch als Sicherheitsleck; eine Bezeichnung, die ich eventuell in einer unserer gemeinsamen Sitzungen erwähnt haben mag. Hieran konnten Sie soeben erst die Vermischung von Realität und vergessener Erinnerung erkennen. Dass er jenes Tier als Sicherheitsleck identifiziert hat, mag in seiner Wahrnehmung durchaus schlüssig sein, in unserer Realität hingegen ist dies nichts anderes als Humbug. Auch die Tatsache, dass er sich zum Schluss aus der Perspektive seiner Gefährtin wahrgenommen hat, zeigt, dass er trotz seiner nun bewiesenen Unschuld für unzurechnungsfähig erklärt werden muss.«

Weißmann setzt sich wieder.

Mönius springt auf und brüllt: »Der Wolf – der Wolf mit den sieben Klauen! Das Sicherheitsleck; auf der Flucht vor dem fürchterlichen Wolfsorden!« Weißmann hastet zu ihm, gibt ihm eine Spritze. Mönius fällt in sich zusammen.

Die Verhandlung ist beendet.

Mit Ausnahme der Schwärze bleibt Mönius nichts. Nur die fragmentarischen Fetzen einer immer wiederkehrenden Erinnerung; Erinnerungen, die für den Rest seines kärglichen Lebens wie ein waberndes Kaleidoskop immer wieder durchlebt werden. Es dreht sich, einer Spirale gleich, immer enger werdend, sich dabei schließend. Die letzten Farben kreisen, immer schneller, immer enger, und dann verschmelzen sie, glimmen auf, sprühen Feuer und schließlich verglühen sie am Horizont seiner Gedanken, und zurück bleibt …

… ein tiefes, schwarzes Loch, ein Tunnel, in dem in weiter Ferne der rettende Ausgang leuchtet. Mönius wird den Schacht durchschritten haben, sobald dieses Manuskript vollendet ist; wird das Buch zuschlagen und sich auf den gedanklichen Weg in neue Welten wagen, in der Hoffnung, das Alte zu vergessen.

»Wohlan denn«, murmelt er noch, während man ihn auf eine Bahre schnallt. »Treten Sie ein. Nutzen Sie das Sicherheitsleck. Das Kaleidoskop der Seele wartet schon auf Sie, Herr Doktor.«

Dann bringt man ihn fort. In seiner Wahrnehmung geht der Weg durch ein Labyrinth aus Schächten und Schleusenkammern.

In Wirklichkeit scheint die Sonne.

 

 

© 06/2007 bei Tobias Bachmann
2008 erstveröffentlicht in:
ZWIELICHT
(Hrsg. Michael Schmidt)
Eloy Edictions, Augsburg
ISBN: 978-3-938411-20-9
© der Überarbeitung: 06/2015

Tobias Bachmann

Tobias Bachmann

Tobias Bachmann wurde 1977 in Erlangen geboren und veröffentlicht seit 1998 Erzählungen, Novellen und Romane; unter anderem der gemeinsam mit Markus K. Korb verfasste Episoden-Roman “Das Arkham-Sanatorium” (2007, Atlantis Verlag) sowie der als bester deutschsprachige Horrorroman 2009 mit dem Vincent Preis ausgezeichnete Roman “Dagons Erben” (2009, Basilisk Verlag).

Zuletzt erschien der Roman “Scherlock Holmes taucht ab” (2012, Fabylon Verlag), eine gemeinschaftliche Veröffentlichung mit Sören Prescher.

Tobias Bachmann ist verheiratet und lebt mit seiner Familie im Fränkischen Seenland.

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