Kai Meyer: Klammroth

Man hätte es damals an ein paar kleinen Augenfälligkeiten bemerken können. Da ist einmal der Name: Isa Grimm. Es ist nicht schwer zu erraten, dass dies ein Pseudonym ist, sogar ein gutes – und das in zweifacher Hinsicht. Zum einen referiert das Pseudonym auf Isegrim, den Wolf. Dann aber ist “Grimm” ein tatsächlicher Nachname, nicht zuletzt der Gebrüder Grimm. Warum sollte es nicht irgendwo eine Isa geben?

Nun, Kai Meyer hat seine Karriere mehr oder weniger mit den Grimms begonnen, nämlich 1995 mit dem “Geisterseher”. In diesem Roman (und in einem weiteren) treten die Märchensammlern und Begründer der Germanistik als Detektive auf. Das erklärt natürlich nichts.

Verräterisch ist aber der Stil. Ich möchte nicht behaupten, dass ich es gewusst hätte, als es noch nicht klar war, aber mir ist kein deutscher Autor bekannt, der derart gut schreibt. Da fällt gerne einmal das Wort “flüssig”, aber das sollte eine Grundvoraussetzung sein (die man allerdings auch nicht überall antrifft).

Klammroth ist im Juni im Blitz-Verlag als Hardcover unter dem Namen des echten Autors erschienen. Im Buch enthalten ist die Entstehungsgeschichte des Romans, über die ich hier nichts sagen kann, weil ich das Buch von Bastei-Lübbe aus dem Jahre 2014 vorliegen habe. Interessieren würde mich das durchaus, aber es ist mir schlicht zu teuer, nur um zu erfahren, was da los gewesen ist.

Dabei muss man gar keine große Sache daraus machen. Es ist nichts ungewöhnliches, dass Autoren sich aus den unterschiedlichsten Gründen ein oder sogar mehrere Pseudonyme zulegen. Ein berühmtes Beispiel ist Stephen King und Richard Bachmann. King aber hat sein Pseudonym gewählt, weil er ende der 70er, anfang der 80er den Buchmarkt zu überschwemmen drohte, aber noch ein paar Manuskripte in der Hinterhand hatte, bei denen er einen abgespeckten Stil verwendete. Isa Grimm hingegen schreibt wie Kai Meyer. Und auch thematisch passt das.

Es lässt sich nicht verleugnen, dass alles, was man über den Inhalt sagen könnte, Gefahr läuft, zu viel zu verraten, denn alles, was noch recht beschaulich beginnt, entwickelt schon bald einige Schlupflöcher, durch die man sich als Leser bestätigt sehen will, nur um dann ins Leere zu laufen.

Kai Meyer schafft neben der beklemmenden Atmosphäre in Klammroth auch eine Zwischenmenschlichkeit, die nie überkippt, sondern den beteiligten Figuren Raum gibt für ihre persönlichen Tragödien. So ist das, was oftmals so wirkt wie eine klassische Geistergeschichte in modernem Gewand, auch ein Thriller, eine Tragödie und eine Geschichte über den Niedergang eines Dorfes, auch wenn viele Elemente nur am Rande mitschwingen

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