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Kaffeezeit

Er wartete auf sie. Die Frau mit dem winzigen Hund, den er sich größer, etwas fetter gewünscht hätte, war pünktlich, das wusste er bereits. Ihren Namen kannte er seit vier Tagen. Helena Lotschke. Der Hund hieß Troll und war alt. Er kläffte in hohen Tönen, die in seinen Ohren schmerzten, aber das alles würde nicht mehr lange dauern. Er hasste die Bank, sein Hintern tat weh, er hasste es, nur da zu sitzen und in ein Buch zu starren, das er nicht mochte. Er hasste es, lächeln zu müssen. Unwichtig. Es gehörte zur Rolle.

Sie kam raschen Schrittes auf ihn zu, flatternder Schal, vom Wind zerzaustes Haar, die Lippen eine Spur zu rot. Gelbe Tulpen in einem Plastikkorb. Troll vorweg an der Leine. Er schlug das Buch einfach zu, ein Lesezeichen war überflüssig bei dem Mist, erhob sich, breitete die Arme aus und umarmte sie kurz, vermied es dabei aber, sie an sich zu ziehen. Er war kein Anfänger, zu viel Vertraulichkeit schien ihm nicht ratsam. Er räusperte sich, bückte sich, um den Hund zu streicheln, eine Formsache, die ihn anwiderte und einzig Helena gefallen sollte. „Entschuldigen Sie den Überfall, ich freue mich nur so, Sie zu sehen, Helena.“ Sie wirkte überrascht, senkte aber nicht verlegen den Blick. Innerlich grinste er. Es war so einfach.

„Welch nette Begrüßung.“ Helena Lotschke setzte sich, stellte den Korb auf den Boden, atmete tief durch, strahlte. Troll bellte eine Taube an, sprang auf ihrem Schoß und gähnte. Sie griff in ihre Manteltasche und zog eine Packung Zigaretten heraus. Es störte ihn nicht, dass sie rauchte. Es war mit ein Grund, dass er sich für die Operation entschieden hatte. Ursprünglich war es ihm nur fair erschienen, ihr die Wahl zu lassen. Lächerlich, das überhaupt in Erwägung gezogen zu haben. Natürlich machte es mehr Spaß, zu basteln. Aber es dauerte viel länger. Und letztendlich wäre sie so nutzlos wie ein verstaubtes Bild. Wie Edith. Helena würde ihm gut tun, nackt und hilflos und so herrlich widerspenstig auf seiner Matratze. Helga war mit der Zeit lustlos geworden. Beinahe apathisch. Wie eine kaputte Puppe lag sie manchmal da.

„Ich hab Blumen für Ihre Frau besorgt.“ Sie zündete sich eine Zigarette an, inhalierte ungewöhnlich lang, wie er fand, blickte ihn an. Sie stieß den Qualm sehr langsam aus, die Nasenflügel zitterten dabei leicht. Das erregte ihn, er wurde ungeduldig, schalt sich einen Idioten, der nicht abwarten kann, sah hinüber zum Teich, strich sich durchs Haar, sah sie an, nickte. „Wie aufmerksam. Helga liebt Tulpen. Das hätte aber nicht sein müssen. Es ist mehr als genug, dass Sie die Einladung angenommen haben. Sie glauben nicht, wie glücklich Sie meine Frau damit machen. Sie hat so selten Besuch.“
„Ist das denn wirklich in Ordnung, Wilfried? Ich mein, Ihre Frau kennt mich doch gar nicht.“
„Sie wird Sie mögen, Helena, ich hab Ihr doch von Ihnen erzählt, sie ist schon richtig aufgeregt. Und seit dem Unfall kommt sie kaum noch aus dem Haus. Dann der Umzug im letzten Jahr. Sie kennt hier keine Menschenseele. Sie hat nur Thorsten und mich.“
„Thorsten. Stimmt. Was macht Ihr Sohn eigentlich?“
Sein Blick verfinsterte sich, sie bemerkte es, war kurz irritiert, dann lächelte er wieder, zuckte mit den Achseln. „Nun ja, er ist etwas…er ist handwerklich wirklich begabt. Ein guter Junge. Er kümmert sich sehr um…um alles einfach. Hilft mir, wo er kann. Doch.“
„Zur Schule geht er nicht mehr?“
„Nein.“
„Ist er in der Ausbildung?“
„Nein.“

Er fixierte sie scharf von der Seite, sie empfand den Blick als unangenehm, hätte gern den Grund gewusst, fragte aber nicht weiter. Er machte auch keine Anstalten, näher auf das Thema einzugehen, zog stattdessen seine Brieftasche hervor, klappte sie auf und zeigte ihr ein Foto von einem kräftigen blonden Mann, der die Pubertät schon eine Weile hinter sich gelassen hatte. „Das ist er. Mein Großer. Aus erster Ehe. Und das..“, – er zog es aus dem Sichtfenster, dahinter war ein zweites Bild -, „..das sind die Zwillinge. Von meiner Helga.“ Sie betrachtete es widerwillig, aus Höflichkeit länger, als sie es wollte. Das sollte sie wohl, sie schluckte, sah ihn an, wusste, das sie etwas sagen musste. „Ganz reizend. Wirklich. Bildschöne Kinder. Und wie furchtbar, das alles. Es tut mir so leid, Wilfried.“ Er schwieg, nickte, steckte das Foto seines Sohnes wieder vor das der Zwillinge, verstaute die Brieftasche, winkte barsch ab, wütend auf sich selbst, weil er das nicht geplant hatte. Es hätte eine Überraschung für Helena werden sollen. Natürlich sahen sie jetzt etwas anders aus. Immerhin.
„Es ist, wie es ist. Mit dem Tod müssen wir umgehen können.“ Er erhob sich abrupt, bot ihr die Hand, um sie von der Bank hoch zu ziehen, zwinkerte ihr zu. „Kommen Sie, Helena. Es ist gleich Kaffeezeit.“

Zum ersten Mal aufgefallen war sie ihm vor gut drei Wochen. Sie saß auf der Bank mit dem Rücken zum Teich, telefonierte, rauchte dabei, legte das Handy zur Seite und rief nach diesem grauenhaften Hund, der so jämmerlich klein und dünn war. Nicht besser als eine ausgestopfte Ratte, hatte er noch ärgerlich gedacht, aber auf jeden Fall hübscher. Helga würde ihn mögen. Dann betrachtete er die Frau genauer. Recht groß war sie, nicht zu dürr, das Haar kinnlang, Brille, Blue-Jeans, heller Trenchcoat. Er schätzte sie auf Ende Fünfzig, etwa zehn Jahre jünger als er. Deutlich älter als Helga.
Er beobachtete sie dann täglich und ging ihr unauffällig nach, bis er sicher sein konnte, dass sie allein lebte, keinen festen Job und wohl auch keine Freunde hatte. Nur diesen Troll. Mit ihm ging sie jeden Tag exakt um dreizehn Uhr in den Park, suchte die Bank auf, setzte sich, rauchte. Selten griff sie zum Handy. Ein gutes Zeichen, wie Wilfried fand, kaum Kontakte erleichtern es.

Vor fünf Tagen fragte er sie, ob er neben ihr Platz nehmen dürfe. Der Rest hatte sich als Kinderspiel erwiesen. Wilfried war ein gutaussehender Mann, hoch gewachsen, charmant, gebildet. Als Chirurg im Ruhestand hatte er sich vorgestellt, eine bescheidene Lüge nur, er hätte einer sein können, er fühlte sich prädestiniert dafür. Sie hatte sich beeindruckt gezeigt, gleichsam geschmeichelt von seinem so offensichtlichen Interesse an ihr. Er wollte alles über sie wissen, und sie erzählte bereitwillig, wie eine alte Freundin, vom Verlust ihrer Eltern, von ihrer Kinderlosigkeit, ihrer Scheidung, der plötzlichen Kündigung, ihrer Flucht vor zwei Monaten in die andere Stadt, um von vorn anfangen zu können. „Ich bin halt nicht mehr die Jüngste“, sagte sie. Und er hatte den Kopf geschüttelt und ihre Wange geküsst. „Sie sind großartig, Helena. Niemand soll Ihnen etwas anderes einreden.“

Er selbst hatte ruhig, fast sachlich berichtet: Von seiner ersten Frau Esther, Mutter seines Sohnes Thorsten, früh an Krebs gestorben, von Helga, seiner zweiten Frau, depressiv und seit Jahren auf den Rollstuhl angewiesen, ein Autounfall, der passierte, nachdem die Zwillinge die Masern , – „Unfassbar, Masern, wer stirbt an so was, und das mir als Arzt.“-, nicht überlebt hatten. Von seiner Entscheidung, den Arztkittel an den Nagel zu hängen, um sich der armen Helga und endlich, endlich auch eigenen Interessen widmen zu können. „Sie dürfen mich nicht missverstehen, Helena“, sagte er, „das Leben hat mir zugesetzt, aber es nützt nichts, zu jammern. Ich sorge dafür, dass ich mich wohlfühlen kann.“
Gestern hatte er schließlich die Einladung ausgesprochen, sehr direkt, ohne Umschweife, er hielt nichts von Verzögerung. Er war davon ausgegangen, dass sie sich anfangs zieren würde, aber sie schien tatsächlich nicht ablehnend zu sein. Etwas unsicher schon, das war normal. „Sie meinen, Ihre Frau möchte mich kennenlernen?“ Er griff nach ihrer Hand, drückte sie, sah sie ernst an. „Auf jeden Fall. Ich habe ihr von Ihnen erzählt, Helena, und sie möchte Sie unbedingt sehen. Sie weiß, dass ich Sie gern habe, großer Gott, ja, das ist so…wissen Sie eigentlich, wie sehr ich die letzten vier Tage mit Ihnen hier auf unserer Bank genossen habe? Dieses Gefühl…nun, wir führen keine wirkliche Ehe mehr. Es ist Freundschaft. Gute Freundschaft. Sie ist ein wunderbarer Mensch. So verständnisvoll. So, nun, so gönnend. Verstehen Sie?“

Sie fühlte sich eigenartig bei seinen Worten. Unbehaglich. Sie zog sogar für einen Moment in Betracht, dass er sich über sie lustig machen wollte. Irgendwie, aus welchem Grund auch immer. Unsinn, dachte sie. Ihr fielen Rituale, Sexspiele, Lustmorde ein, sie schüttelte unmerklich den Kopf, mach dich nicht lächerlich, Helena.
Er sah sie abwartend an, senkte den Blick, beinahe scheu wirkte er jetzt.
„Verzeihen Sie meine Direktheit. Ich fühle mich sehr zu Ihnen hingezogen, Helena. Deshalb ist es mir so wichtig, dass Sie und Helga sich verstehen. Und dass Helga weiß, mit wem ich Zeit verbringe. Wenn ich nicht bei ihr bin.“

Sie zuckte etwas ratlos mit den Schultern. Das ging ihr zu schnell, viel zu schnell, das war eine ganz und gar merkwürdige Geschichte. Und trotzdem fühlte sie sich seltsam berauscht. Es war schon eine Ewigkeit her. Sie und ein Mann. Vielleicht. Sie dachte an Manfred, ihren Geschiedenen, da waren Welten zwischen, sie verzog das Gesicht.
„Alles in Ordnung, Helena?“
Sie lächelte und nahm seine Hand. Er verbeugte sich leicht, Troll kläffte ihn an, er hätte gern nach ihm getreten. Eher nicht, dachte er, beschädige die Ware nicht. Er nickte ihr zu.
„Dann gehen wir. Kaffeezeit.“

Er wohnte abseits vom Stadtkern in einer Sackgasse ganz in der Nähe des Parks. Das Haus war alt und von einem dicht bewachsenen, eingezäunten Grundstück umgeben. Die Jalousien waren herunter gezogen, es sah unbewohnt aus. Als er die Haustür für sie öffnete, sagte er: „Vorhang auf. Nach Ihnen, meine Schöne.“
Es war eine langgezogene, schmale Diele, die sie betrat, es roch streng, und direkt im Eingang neben dem Schirmständer stand ein junger Wolf. Über dem Türbogen am Ende des Flurs hing ein riesiger gelber Kopf, es war dunkel, sie erkannte nicht sofort, dass es eine Raubkatze war. In der Ecke saß ein dicker, grauer Dackel mit herausgestreckter Zunge auf einer Art Blumenhocker, und an den Wänden waren in unterschiedlicher Höhe Regale für kleinere Tiere angebracht.

Helena Lotschke war nicht unbedingt schreckhaft, aber der Anblick beunruhigte sie auf diese Art, die eng und kalt in der Kehle sitzt. Ihr kamen plötzlich große Bedenken. Der Mann, den sie nach nur wenigen Tagen zu kennen glaubte, hatte ihr Wesentliches verschwiegen. Nichts wirklich Dramatisches, aber gewusst hätte sie es gern vorher. Vielleicht…wohl unwichtig, dachte sie. Dann sah sie einer spontanen Eingebung folgend hoch zur Decke, da hingen Käfige mit jeweils drei, vier Vögeln auf Stangen oder mit gesenkten Köpfen an den Futtertrögen.

„Große Güte.“ Sie sprach leise, es klang beinahe ehrfürchtig, wenn da nicht dieser Unterton gewesen wäre. Wilfried lachte und schlug ihr burschikos auf den Rücken, sie zuckte zusammen, sah ihn verblüfft an, das passte so gar nicht zu ihm. Oder doch, und sie hatte sich einfach geirrt. Er wirkte amüsiert. „Gefällt es Ihnen nicht? Ach, Helena, wenn Sie wüssten. Es macht so viel Spaß.“
Sie trat einen Schritt zurück, musterte ihn kurz und suchte nach einem vertrauten Blick. Nichts. Sie atmete tief durch.
„Nun. interessant. Doch. Das hätte ich jetzt freilich nicht erwartet. Haben Sie die alle…ich mein, sind die alle von Ihnen?“
„Ausgestopft. Jawohl. Präpariert. Auf ewig erhalten. Jung und stumm gelassen. Wie Sie wollen. Sein einigen Jahren hilft unser Thorsten mir dabei. Sie glauben nicht, wie begeistert er davon ist. Stimmt doch, Junge?“

Der Mann, der unter dem Katzenkopf auftauchte, war jung, untersetzt und trug eine dreckige Latzhose. Fettiges Haar, stumpfer Blick. Er starrte sie an, sah dann zu seinem Vater und verzog weinerlich den Mund. „Papa. Die hat sich voll gemacht. Immer muss ich alles weg machen. Ich will das nicht machen. Das müffelt.“ Wilfried nickte, ging auf ihn zu, ganz langsam, ganz ruhig, stellte sich ganz nah vor ihn, schüttelte den Kopf. „Thorsten,Thorsten. Wo bleiben deine Manieren?“ Dann schlug er ihn mit der Faust ins Gesicht. „Sie entschuldigen, Helena.“ Er schlug ihn noch einmal. „Kleine Missgeburt, du.“ Er drehte sich zu ihr um, lächelte. „Kinder. Aber egal. Kommen Sie, Helena, Helga wartet mit dem Kaffee.“

Stocksteif stand sie da, unfähig, irgendwie zu reagieren, etwas zu sagen, das hätte richtig sein können. Nur weg hier, dachte sie, ich muss schnell hier weg.Thorsten bohrte seine Fäuste in die Augen und heulte mit nach vorn gebeugtem Oberkörper, sein Schluchzen klang wie ein Jaulen, und erst jetzt registrierte Helena, dass es Troll war, den sie hörte. Wilfried hatte ihn am Nacken gepackt und ihn sich unter den Arm geklemmt wie ein zusammen gerolltes Handtuch. Sie versuchte, nach ihm zu greifen.„Lassen Sie ihn sofort runter, Sie tun ihm weh.“
Er schnaubte kurz, verächtlich klang das, kehrte ihr wortlos den Rücken zu, ging durch den Türbogen und verschwand mit ihrem Hund um die Ecke. Thorsten richtete sich augenblicklich auf und stolperte schreiend hinter ihm her. „Papa. Papa. Was machen wir jetzt? Machen wir jetzt was?“
Helena stöhnte auf, nicht zu fassen, das, alles falsch, dachte sie, zwang sich, nicht hysterisch zu werden, und folgte notgedrungen, völlig entsetzt und auf fast naive Art empört über solch ein Verhalten. Sie spürte Panik in sich aufsteigen bei der Vorstellung, dass es nicht schaden könnte, Angst zu haben.

Der Raum, den sie betrat, war stark spärlich eingerichtet, schäbiger Teppich, kaum Möbel, schwere Vorhänge, die zugezogen waren. Ihr erster Blick fiel sofort auf die zierliche brünette Frau, die in einem Rollstuhl neben einer ordentlich gedeckten Kaffeetafel saß. Sie trug eine dunkle Sonnenbrille, geblümte Shorts und eine weiße ärmellose Bluse. Ihr fehlten beide Beine und der linke Arm. Regungslos saß sie da und sah in Helenas Richtung, zumindest schien es so, die Augen waren durch die Gläser nicht zu erkennen.
„Entfernt hab ich sie nicht, falls du das denkst. Ich bin kein Unmensch, Helena.“
Sie zuckte zusammen. Wilfried stand jetzt dicht hinter ihr und schlug ihr mit der Handfläche in den Nacken. Sie taumelte einen Schritt nach vorn, er hielt sie an den Schultern fest, seine Stimme ganz nah an ihrem Ohr. „Helga kann sehen. Und hören. Nur sprechen kann die Gute nicht. Ist das ein Problem für dich?“

Helena kreischte, wand sich aus seinem Griff, stolperte und fiel. In diesem Bruchteil von Zeit, der ihr blieb, um sich beim Fall abstützen zu können, sah sie die zweite Frau. Sie saß auf einem hölzernen Schaukelstuhl, dahinter stand Thorsten und bürstete ihr Haar. Es war lang und lockig, es passte nicht zu ihrem Gesicht. Helena landete sicher auf ihren Knien und ihren Händen, rührte sich nicht, starrte nur diese Frau an, die in ihrem Schaukelstuhl hin und her wippte, ohne sich zu bewegen.

„Mama will fliegen. Flieg, Mama.“ Thorsten nahm den Bürstenstil zwischen die Zähne und gab dem Stuhl so kräftig Schwung, dass Helena dachte, die Frau würde tatsächlich hinaus rutschen und kopfüber auf dem Boden landen. Dann sah sie die Stricke. Sie war an der Hüfte und am Hals festgebunden. Helena hockte immer noch auf allen Vieren da, wie Vieh, dachte sie, zog sich hastig hoch, konnte dabei diese zweite Frau nicht aus den Augen lassen, die scheinbar völlig entrückt dort in ihrem Stuhl schaukelte und gefesselt war. Am Hals. Helena griff unwillkürlich nach ihrer Kehle, ihre Mundhöhle war trocken, sie bemühte sich, kräftig zu schlucken, das könnte helfen. Bei was, bei was bloß, dachte sie.
Ihr Blick klebte weiter wie gebannt an dieser zweiten Frau, Helena stand steif im Raum, sie keuchte, sie glaubte, ihr Keuchen sei laut, so laut, dass man es draußen, auf der Straße, im Park, in der Stadt hören müsste. Es war nicht das einzige Geräusch. Troll kläffte, dieser Thorsten Junge kicherte und brabbelte irgend was. Helena keuchte. Da war noch etwas. Das Gesicht der Frau sah aus, als wäre es mit einer glänzenden braunen Paste eingerieben. Es sah aus wie blank geputztes Leder. Wie ihre Hände, die in ihrem Schoß ruhten, die dünnen langen Finger gespreizt. Sie trug einen Ehering, eine zierliche Armbanduhr und diese absurde Jungmädchenperücke, die zu tief über die Stirn gezogen war. Ihr Lippenstift war verschmiert, jemand hatte ihn ungeschickt aufgetragen. Mit Sicherheit nicht sie selbst. Sie war tot.

„Du magst meine Esther? Gutes Mädchen.“ Wilfried hatte sich neben sie gestellt und legte seinen Arm um sie. Helena stieß ihn von sich, sie schwitzte, es war so heiß hier, es roch so widerwärtig. Sie musste würgen und hielt sich die Hand vor den Mund. Wilfried sah sie streng an. „Kotz mir nicht auf den Teppich.“ Er drohte ihr tatsächlich mit dem Zeigefinger, die Geste war derart grotesk, dass Helena für einen Moment ihren Brechreiz vergaß. Thorsten tauchte hinter seinem Vater auf, er hielt Troll an den Hinterpfoten, er baumelte kopfüber wie ein erlegtes Kaninchen vor seiner Brust, der Kopf schwankte, als wäre er schlecht angeschraubt. „Du da, du da, guck mal.“
Helena wich schreiend zurück. „Was habt ihr mit meinem Hund gemacht? Bitte bitte nicht. Lieber Gott, bitte nicht.“ Sie schluchzte, es war so grauenvoll, es fühlte sich so einsam an, hier zu sein und um Troll zu weinen, es schien ihr so sinnlos, weil sie ahnte, dass sie auch um sich selbst heulen sollte.

„Genick knick. Genick knick. Richtig, Papa?“ Thorsten strahlte seinen Vater an, der Rotz aus seiner Nase hing an seinem Kinn. Wilfried nickte. „Richtig, Sohn. Und jetzt bring ihn in den Keller. Wir machen das in Ruhe. Er soll doch schön werden für deine Stiefmutter, nicht wahr? Nicht allein anfangen, hörst du? Hörst du, Thorsten? Sonst ist der nächste Finger ab.“
Helena schloss die Augen, sie wollte das nicht mehr wissen, nicht mehr sehen, es interessierte sie nicht, wie viele Finger dieser Irre schon verloren hatte.
„Neineinein, nienienie. Paaapaaa!“ Thorsten brüllte, sein Gesicht war krebsrot, dann senkte er den Kopf und trottete mit Troll davon. Er summte.

„Schon wieder fröhlich, der Junge.“ Stolz schwang mit in Wilfrieds Stimme. Er zwinkerte ihr zu. „Wir präparieren ihn, wirst sehen, wie schön das wird. Ist leider nicht viel dran, die Fetten gehen leichter.“ Er zwinkerte ihr zu. In dem Moment krächzte etwas. Jemand. Die Frau im Rollstuhl. Sie schien etwas sagen zu wollen, Helena hörte heisere Laute, sehr leise, offensichtlich sehr bemüht, man sah die Anstrengung in ihren Augen, sie hatte die Brille abgenommen. Anstrengung und eine Verzweiflung, die wirklich niemand eindrucksvoller hätte zeigen können als diese Frau, die keine Beine mehr hatte und nur noch einen Arm, die nicht sprechen konnte und dort saß und so sicher so verdammt schnell Hilfe brauchte wie Helena selbst.

„Was hast du Dreckskerl mit ihr gemacht? Was hast du mit ihnen gemacht? Was hast du getan?“
Er schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. „Reiß dich zusammen. Was hast du getan? Was hast du getan?“ Er äffte ihre Worte nach, lachte. „Ich hab gemacht, dass beide ihre Schnauze halten. Einfach Schnauze halten. Ich bin Chirurg.“

„Ein Scheiß bist du.“ Sie spuckte ihn an und schlug zurück, an seiner Wange war ein roter Striemen zu sehen, er wankte leicht, rieb die Stelle, blickte sie verblüfft an, packte ihr Handgelenk und drehte es mit einem hässlichen Geräusch ruckartig um. Helena schrie auf, der Schmerz stieß ihr wie eine Flamme in den Arm bis zur Schulter. Es brannte höllisch, ihre Hand hing schlaff herunter. Sie wimmerte. Er zuckte mit den Achseln, sprach ganz ruhig. „Das machst du niemals niemals niemals wieder. Sonst wirst du es bereuen.“
„Was sonst? Was bereuen? Dass du Abschaum von Scheißkerl mir die Finger abhackst? Wie deinem schwachsinnigen Sohn?“ Er machte Anstalten, sie erneut ins Gesicht zu schlagen, ließ den Arm sinken und stieß ihr mit voller Kraft die Faust in den Magen. Helena schwankte, fiel zu Boden, hustete, krümmte sich.
„Ich könnte das da aus dir machen.“ Er kniete sich neben sie, fasste ihren Kopf und bewegte ihn in Richtung der Frau im Schaukelstuhl. „Edith sitzt da schon seit zehn Jahren. Sie stinkt etwas, die Zwillinge sind frischer. Ich denke, bei ihnen war meine Arbeit auch besser. Sieh sie dir an.“

Er drückte ihren Kopf zur anderen Seite, da hing ein ovaler Spiegel über einem gekachelten Kamin, und rechts und links vom Spiegel auf dem Sims hockten zwei Puppen. Keine Puppen. Sie hatten die Größe von etwa einjährigen Kindern, trugen Schlafanzüge und hatten graue Gesichter mit rund gemalten roten Wangen und viel zu langen schwarzen Wimpern. „Siehst du?“ Er küsste ihre Stirn. „Perfekt.“

Helena hustete, sie spuckte Blut kniff die Augen zusammen, als könnte das alles damit verschwinden, hustete nochmals, sah wieder hin, schrie. „Du hast sie umgebracht. Du krankes Schwein hast alle umgebracht. Du hast sie ausgestopft.“
„Unsinn.“ Er wirkte verärgert. „Völliger Blödsinn. So was bringt man nicht um. An den Masern sind sie gestorben. Einfach unbegreiflich. Und das mir als Arzt. Gut. Geschehen. Sind doch immer noch wunderbar, meine Kinder. Wenn du artig bist, darfst du mit ihnen spielen. Aber schön vorsichtig, sonst werde ich böse.“
Er fingerte in ihrer Manteltasche, holte die Zigarettenschachtel mit dem Feuerzeug heraus, steckte sich eine zwischen die Lippen, zündete sie an, hielt sie ihr an den Mund. Sie inhalierte automatisch, verfluchte sich dafür und zog nochmals.
„Ich selbst rauche nicht“, sagte er, „Edith hat geraucht. Helga raucht auch nicht. Es wird sie nicht stören. Mich stört es auch nicht. Im Schlafzimmer vielleicht. Aber da brauch ich deine Hand eh für mich. Die rechte. Die linke ist hin. Die kommt zuerst weg. Einverstanden?“ Er tätschelte ihre Stirn. Sie schüttelte sich, sah ihn entgeistert an, flüsterte, mehr ging nicht. „Du warst das. Du hast…barmerziger Gott, du hast sie…“

„Amputiert. Himmel, das siehst du doch.“ Er zog ein Skalpell aus seiner Brusttasche und hielt es dicht vor ihr Gesicht. „Siehst du? So was braucht man. Und eine banale Säge.“ Er kicherte. „Sauber amputiert. Einszweidrei. Kurz, nachdem unsere Zwillinge…nun, ich hatte halt doch etwas Pech in meiner zweiten Ehe. Thorsten mag Helga nicht. Der Schlingel. Mag nur seine Mutter. Das elende Miststück. Alles, was aus ihr heraus kam, war der Junge. Ein Idiot. Dieser Lauser. Seine Mutter schaukelt er. Das ist so rührend, wie er das macht. Hin und her und hin und her. Ich musste sie anleinen, damit sie nicht raus fällt und kaputt geht. Gut, ich kann sie reparieren, muss aber nicht sein, war viel Arbeit, die Edith. Bei Helga wusste ich nicht. Aber noch eine im Schaukelstuhl? Wo wäre ich geblieben? Ich bin ein Mann, ich hab meine Bedürfnisse. Das muss ich dir, liebe Helena, nicht sagen. Du und ich, das war von Anfang an genial. Ich hab dich ausgesucht, so allein, so richtig. Du und ich, das passt.“
Er griff in ihren Nacken, kraulte sie. Sie zuckte zusammen, er hatte das Skalpell in der Hand, ritzte sie leicht, lachte. „Wie schön das wird.“

Helena blieb ganz ruhig. Sie hörte ihn atmen. Er murmelte etwas, lehnte sich ein Stück zurück. Sie drehte sich vorsichtig ab, legte sich auf den Bauch und schaffte es, aufzustehen, ohne das gebrochene Gelenk mit dem Boden in Berührung kommen zu lassen. Sie wich einige Schritte zurück, blickte zum Türbogen, dahinter war der Flur, der Eingang. Ausgang. Die Welt. Er machte keine Anstalten, ihr zu folgen, blieb auf dem Teppich hocken, sah sie abwartend an. Natürlich. Alles verschlossen. Wenn sie laut um Hilfe schreien würde… Wenn es ihr gelingen würde, irgendeinen Gegenstand zu nehmen… Schwer müsste er sein, schwer genug, um einen Schädel damit zertrümmern zu können. Ein Schlag würde vielleicht nicht genügen, sie könnte ihn aber wieder und wieder… Der Kopf in der Diele fiel ihr ein, gelb und groß mit Katzenaugen aus Plastik. Wenn sie den herunter reißen könnte, schnell genug, um…

Er sprach tonlos. „Wollten einfach beide gehen. Wollten einfach nicht die Schnauze halten. Jetzt schweigt die eine dort, die andere da. Die eine tot, die andere nicht. Die eine stinkt, die andere hat keine Zunge. Hab ich sauber abgetrennt. Diese hohen Töne. So schrill. Deine gefallen mir auch nicht.“ Er verstellte seine Stimme. „Ich bin halt nicht mehr die Jüngste. Große Güte.“ Er lächelte wieder. „Weißt du noch? Kaffeezeit. Ich trinke gar keinen Kaffee. Schwarzen Tee. Nur schwarzen Tee. Etwas Zitrone. Ich werde dir natürlich Zigaretten kaufen. Das müsste ich nicht, wenn ich dich zu meiner guten Esther setzen würde. Das mach ich nicht. Du kommst zu meiner Helga, da haben wir alles was von. Aber jetzt…“, – er sprang auf und streckte sich -, „genug geplaudert. Ab in den Keller mit uns. Mir jucken die Finger.“ Er grinste und breitete theatralisch die Arme aus. „Chirurgenfinger.“

Helga krächzte auf ihrem Stuhl, Helena sah sie für den Bruchteil von Sekunden an, um ihr zu versprechen…sie zögerte nicht länger, rannte zum Türbogen, lief hindurch, drehte sich um und sprang hoch. Sie war groß. Sie hatte nur eine gesunde Hand. Sie war kräftig. Sie wusste nicht, wie stabil der Kopf befestigt war. Sie betete.

 

(erschienen in: Zurück zu den Wurzeln; die Stories zum Marburg-Award 2016, Marburger Verein für Phantastik e.V.)

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
Kontakt: Webseite

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