News Ticker

John Wayne Gacy – Der Clown

1942 lief der Western Die Freibeuterin mit Marlene Dietrich und Hollywoods Ur-Cowboy John Wayne in den Kinos. Im gleichen Jahr wurde in Chicago der kleine Gacy-Junior auf den guten Namen John Wayne getauft. Wie man das als junge Eltern eben recht gern so machte und macht, wenn der Nachwuchs wie ein Star heißen soll, stets (noch!) grundlos stolz, aber mit bester Hoffnung im Hinterkopf: Vielleicht wird ja was draus…

(Fast) der gemütliche Dicke: John Wayne Garcy

Der pausbäckige, propere Junge wurde tatsächlich berühmt: Weltweit, unverkennbar und längst noch nicht vergessen. Wie das eben so ist und immer sein wird bei den abartigsten Serienkillern der neueren Geschichte, die irgendwann erwischt und bestraft werden. In alten Zeiten war das anders, da waren und blieben die Massenmörder Könige. Einige wurden aus der Hölle gespuckt und wiedergeboren, die kennen wir und nennen sie an dieser Stelle nicht.

John Wayne Gacy, der so freundlich, so gemütlich heiter wirkende Dicke, träumte stets davon, Everbody’s Darling zu sein. Als Gastgeber. Geschichtenerzähler. Geschäftsmann. Als Pogo, der Clown, wie er sich, bunt angemalt und kostümiert, bei Straßenfesten und auf Kindergeburtstagen nannte. Selbst als Bilderbuch-Häftling im Knast, der mit bestem Benehmen trumpfte und sich und der Welt vorgaukelte, eine psychisch kranke arme Seele zu sein.

Gacy träumte auch von seiner Lust auf junge Männer. Eine perverse, tödliche Lust, die er bestialisch auslebte. Am Ende zählte man 33 Leichen und einen neuen Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde über die längste Strafe eines Serienmörders, die bis dato verhängt wurde: John Wayne Gacy erhielt 1980 12 Mal die Todesstrafe und wurde zusätzlich zu 21 Mal lebenslang verurteilt.

„Schlimme Dinge“ habe er getan, vertraute sich Gacy einem Freund an, kurz bevor nach ewig lang anhaltenden Ermittlungen die Polizei 1978 mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür seines roten Ziegelsteinbaus in gutbürgerlichem Siedlungsambiente stand. Da hatte Gacy, allseits gemocht als freundlicher Nachbar, sozial engagiert, als gutmütig und humorvoll geschätzt, eine sechsjährige Mordserie hinter sich, die nach der Trennung von seiner zweiten Frau begann und deren Blutspur viel eher zu ihm hätte führen können.

1968 war er in Illinois bereits zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden wegen sexueller Nötigung und Gewaltanwendung in schwerem Fall, kam aber aufgrund seiner tadellosen Führung bereits nach achtzehn Monaten wieder frei mit ausgesprochen fragwürdig positiver Zukunftsprognose. „Antisoziale Persönlichkeit“ wurde attestiert. Wie entartet sowas „Antisoziales“ sich in der Dunkelkammer eines Gehirns weiter entwickeln kann, zeigte sich, als die Ermittler im Dezember 1978 sein Horrorhaus auf den Kopf stellten.

Es stank. Es brachte die Männer zum Würgen. Überall, – im Keller, Garten, unter dem Fußboden -, waren Leichenreste und Knochen. Vier seiner nachweislichen 33 Opfer hatte er in den Fluss geworfen. Ausnahmslos Knaben, – oft Ausreisser -, und junge Männer hatte er umgebracht, – vergewaltigt, gefesselt, erwürgt – , deren spurloses Verschwinden in den vergangenen Jahren trotz etlicher (vager) Verdachtsmomente nie konkret mit Gacy in Verbindung gebracht wurde. Viel zu sauber, zu angepasst und demzufolge angenehm schien er, der fleißige Gacy, der nach Illinois und seiner ersten Scheidung zurück in seine Geburtstadt Chicago ging, erneut heiratete, Bauunternehmer wurde und begeistertes Mitglied der „Jolly Jokers“ war, einer ehrenamtlich auftretenden Clownstruppe.

1972 erzählte er seiner zweiten Ehefrau, die ihn später brutal und jähzornig nannte, von seiner Bisexualität und dass er nicht mehr länger „normal“ mit ihr zusammen sein könne. Sie ging, und er hatte freie Bahn. Als Bauunternehmer beschäftigte er immer wieder junge Arbeiter, die plötzlich nicht mehr auftauchten. So richtig hellhörig wurde da niemand. Gacy wurde gefragt, schüttelte erstaunt den Kopf. Fertig. Auch sein Vorstrafenregister wurde nie überprüft.

Gacy als „Pogo, der Clown“

Pogos Vorgehensweise: Er köderte die Jugendlichen mit Jobs und bot ihnen an, bei ihm zu übernachten. Dort wurde getrunken, gekifft, Gacy wollte Sex, das wurde meist abgelehnt, er zog seine Clownsnummer ab, legte Handschellen für einen vermeintlichen Befreiungstrick an, vergewaltigte sie und strangulierte sie mit einem Seil, spezifisches Merkmal drei Knoten und ein Stock, eine Methode von ihm selbst ausgedacht und später bei der Vernehmung nicht ohne Stolz erwähnt. Die Toten zerlegte und versteckte er, und niemand ahnte etwas, obgleich es in seinem Haus immer merkwürdig gerochen haben soll, wie Nachbarn sich später erinnerten.

Erst, als der 15järige Robert Piest von seiner Mutter als vermisst gemeldet wurde, – er hatte ihr zuvor gesagt, er würde sich mit Gacy treffen -, wurde man misstrauischer und in den Recherchen konkreter. Großmaulig sagte Gacy noch zu einem der Vernehmer:

„Weißt du nicht, dass ein Clown sogar mit Mord davonkommt?“

Hirr irrte der Spaßmacher. Und was endlich ans Licht kam: Ein großer, furchtbarer Leichenfund. Ein halbherzig reumütiges Geständnis. Und die Erkenntnis, wie Fassaden längst schon bröckeln, die immer noch vernünftig aussehen sollen. Die letzten Worte des vermeintlichen Biedermannes vor Gericht:

„Kiss my ass.“

Die Nation war fassungslos, der Mordprozess mit Urteilsverkündung 1980 spektakulär mit gewaltigem Polizeiaufgebot, um den Angeklagten vor Angehörigen der Opfer und der Masse an Volk zu schützen, dem Lynchjustiz im Kopf spukte. Große Frage: Wie kann ein Mensch…? Zentrale Frage: Wie? Der? Ausgerechnet? Und keiner hat’s gemerkt?!

Zum Entsetzen aller war es nicht nur der dickleibige, sympathische, gutem Essen und netter Gesellschaft zugetan’e Mr. Gacy, der unverhofft ein Monster war. Es war auch Pogo, der Clown, als der Gacy, Mitglied der „Jolly Jokers“, im selbstgeschneiderten Kostüm und typisch geschminkt mit Luftballons in der Hand auf Benefizveranstaltungen und in Krankenhäusern auftrat. Pogo, der fröhliche Freund aller Kinder, lernte bei einer Parade in Chicago sogar die damalige Präsidentengattin Rosalynn Carter kennen, die dem amerikanischen Musterbürger, Serienkiller per se incognito, lächelnd die Hand schüttelte und ihm später das gemeinsame Foto mit persönlicher Widmung schickte.

Ein Original Pogo-Gacy

Das Todeurteil wurde erst 1994 vollstreckt. Seine Zeit im Stateville Correctional Center, Hochsicherheitstrakt, nutzte Gacy, geschäftstüchtig und beifallheischend, um auf jeden Fall interessant zu bleiben: Er sah sich als „Ikone des Bösen“, mit der man für 23 US-Dollar telefonieren konnte, und begann, zu malen. Hauptsächlich natürlich Clownsbilder, die für Tausende von Dollars über den Tisch gingen. Einige von ihnen wurden nur gekauft, um sie öffentlich symbolisch zu verbrennen, andere gingen an Sammler. Zudem gab es T-Shirts mit seinem Konterfei in memoriam.

Wohlweislich und ganz dem finsteren Zwecke dienlich wird auch in American Horror Story an John Wayne „Pogo“ Gacy erinnert: In der vierten Staffel (Freaks) hält er als Vorlage für den Killerclown Twisty her, in der fünften Staffel (Hotel) findet in der Halloween-Nacht die „Devil’s Night“ statt, in welcher sich die Geister legendärer Serienmörder treffen, zu denen auch er sich gesellt.

Gacy, der im Gefängnis sein Geständnis geleugnet und auf die „Gnade“ psychiatrischer Gutachten, – schizophren, unzurechnungsfähig, geisteskrank, misshandelt, ausgegrenzt als Kind…das Übliche… – , gehofft hatte, starb durch die Giftspritze. Weil eine Kanüle verstopft war, dauerte sein Tod achtzehn Minuten. Qualvoll wohl. Muss man wohl sagen. Müsste man wohl…

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*