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John List: Mörder seiner Frau, Mutter, Kinder

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John List brachte sie alle um. Auf einen Schlag. Ohne Gnade. Ohne Zögern. Es war ein ausgereifter Plan. Penibel und eiskalt organisiert. Durch Pistolenkugeln sollte seine Familie sterben, das war beschlossene Sache und zudem die einfachste Lösung für den 46jährigen Buchhalter, da er zwei Revolver besaß. Einer davon war ein Erbstück seines Vaters.

Archiv-Bild: John List

List informierte pünktlich vor dem Tag, an dem er seine Frau Helen, seine Mutter, Alma List, und seine drei Kinder ermordete, die Schule, den Zeitungsboten, den Briefträger und den Milchmann darüber, dass die ganze Familie für ein paar Wochen bei der Großmutter in North Carolina sei. Ergo konnte er sicher sein, dass niemand unverhofft in der nächsten Zeit vor verschlossener Tür stehen würde und misstrauisch werden könnte, zumal auch keine für List lästigen näheren Kontakte mit Nachbarn bestanden. Die Familie lebte recht isoliert in ihrer alten Villa in Westfield, New Jersey.

Leichen aufgebahrt

Und tatsächlich wurden die Ermordeten, nebeneinander aufgebahrt im Wohnzimmer, – nur den Körper seiner Mutter hatte List im Dachgeschoss liegen gelassen – , erst vier Wochen nach der Bluttat gefunden. Bei der Spurensuche im Haus wurde auch festgestellt, dass List am Tattag noch zu Mittag gegessen hatte. Da waren bis auf den ältesten Sohn John Junior schon alle tot, und List stärkte sich noch in aller Ruhe in seinem Leichenschauhaus, bevor er sich sein letztes Opfer holte.

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Gewählt für seinen entsetzlichen Befreiungsschlag, – List wollte radikal für sein eigenes Wohlergehen Vergangenes ad acta legen – , hatte er den 9. November. An diesem Tag im Jahr 1971 erschoss List seine Frau und seine Mutter, beide per gezieltem Kopfschuss, wartete auf seine 16jährige Tochter Patricia und seinen 13jähriger Sohn Frederick, die noch in der Schule waren, und drückte wortlos ab, als die beiden zur Tür herein kamen. Danach löste er bei seiner Bank die Konten auf, holte John Junior von einem Football-Match ab, fuhr mit ihm gemeinsam nach Hause, – vermutlich plauderte er mit ihm auf dem Heimweg noch über das Spiel, so, wie Väter und Söhne es machen – , und schoss ihm dort zuerst in die Brust, dann ins Gesicht.

Ob der Junge kurz vor seinem Tod noch die Leichen seiner Schwester, seines Bruders, seiner Mutter gesehen hat, ob er wirklich registriert hat, was passiert war, was mit ihm passieren würde, was in ihm vorgegangen sein muss, wenn er überhaupt noch den Atem dafür gefunden hat, zu begreifen oder nichts zu begreifen…niemand weiß das. Es war alles blanker Horror. Es bleibt Horror.

Blanker Horror

Nachdem John List alle getötet hatte, entfernte er sein Abbild aus den Familienfotos, schaltete das Radio ein auf einen Sender mit Kirchenmusik und schrieb dem Pastor seiner Gemeinde in Westfield einen langen Brief, in dem er ihm sein ganzes Herz ausschüttete. Wohl wissend, dass das Beichtgeheimnis ihn unantastbar machte. Er schrieb von seinen finanziellen Sorgen, von seiner Ehehölle mit einer Alkoholikerin, die ihn öffentlich demütigte, und, Haupttenor: Es gäbe einfach zu viel Schlechtes auf der Welt. Und weil er die Seelen seiner Familie vor dem Teufel hätte retten wollen, wäre es für ihn unvermeidbar und zudem vernünftig gewesen, sie umzubringen. Vielleicht bat er auch um Vergebung. Und um fromme Wünsche für sein zukünftiges Lebensglück ohne Gefahr vor teuflischem Sinnen.

Seelen gerettet

Denn sich selbst gleich besser mit zu erschießen, um auch die eigene Seele in Sicherheit vor Satans bösem Treiben zu bringen, stand für List natürlich nicht zur Debatte. Weil er sich selbst zweifellos als zutiefst religiös empfand, – er war überzeugter Lutheraner – , und Selbstmörder sich bekanntlich vor der Hölle fürchten sollten. Und weil er ganz gern selig noch ein bisschen weiter leben und sein zukünftiges Dasein unbeschwert und auch prinzipiell ehrbar genießen wollte. Unter einem anderen Namen in einer anderen Stadt, weit entfernt von seinem alten „Ich“, dem er mit seinem grausamen Radikalschlag einen großen Gefallen getan hatte.

Er war frei. Frei von Verantwortung, frei von lästiger Pflicht, frei von Sorgen, die nicht mehr seine waren. Indem John List seine komplette Familie ausgelöscht hatte, öffneten sich ihm die erhofften Perspektiven. Der 46Jährige stellte sein Auto auf dem Parkgelände am Kennedy Airport ab und verschwand spurlos. List begann als „neuer“ Mann in Richmond, Virginia, ein zweites Leben unter einem anderen Namen, arbeitete weiter als Buchhalter und heiratete Delores Miller, die in ihm den soliden, freundlichen und gläubigen Mann sah, als der „Bob“ sich ausgab.

Archiv-Bild: John List

Alle kannten John List als Robert Peter „Bob“ Clarke, und auf diesen Namen beharrte er auch stur, als er 1989, achtzehn Jahre nach den Morden, verhaftet wurde. Erst Monate später gab er zu, jener List zu sein, nach dem über einen derart langen Zeitraum hinweg national breit ausgedehnt gefahndet worden war, dass man kaum noch damit gerechnet hatte, ihn irgendwann fassen zu können. Seine Fingerabdrücke, die man mit denen aus alten Akten verglich, die List während seiner Zeit beim Militär in den 1940ern bearbeitet hatte, machten jegliches weitere Leugnen zwecklos.

Gesicht aus Lehm

Tatsächlich war es dem Geschick des forensischen Künstlers Frank Bender zu verdanken, dass der Mörder List überhaupt gefunden wurde. Im Fernsehen lief damals seit gut einem Jahr die US-amerikanische Serie „America’s Most Wanted“, basierend auf dem deutschen „Aktenzeichen XY…“ und dem englischen „Crimewatch“, und am 21. Mai 1989 wurde der Kriminalfall List aufgearbeitet und nachgespielt.

Archiv-Bild: Benders Büste

Benders Büste aus Lehm, die den älter gewordenen List darstellte, alarmierte einen Anwohner, der in dem seit Jahren gesuchten Mörder seinen Nachbarn Bob Clarke zu erkennen glaubte. Die Ähnlichkeit war verblüffend. Zumal List seinem Brillengestell treu geblieben war. Die Polizei verhaftete ihn am 1. Juni 1989, nur wenige Tage nach Ausstrahlung der Sendung, an seiner Arbeitsstelle.

Wegen fünffachen Mordes wurde John List im April 1990 zu fünfmal lebenslänglich verurteilt. Die Verantwortung für seine Tat, – er sei in seiner fatalen Situation nicht Herr seiner Sinne gewesen – , wies er auch nach der Urteilsverkündung weit von sich, bat mit gepresster Stimme um

„…Vergebung, Verständnis und Gebete.“

Der Bogeyman

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List legte erfolglos Revision ein. 2002 sagte er in einem Interview, er würde alles zutiefst bereuen und hätte sich das Leben genommen, wenn er nicht wüsste, dass ein Selbstmord ihm den Weg in den Himmel zu seiner Familie versperren würde. 2008 im Alter von zweiundachtzig Jahren starb List an den Folgen einer Lungenentzündung. In seiner Todesanzeige titulierte ihn der Newark Star-Ledger als „Bogeymann von Westfield“.
List und seine Morde inspirierten: 1987 lief „The Stepfather“ (Remake: 2009), 1993 wurde „Judgement Day: The John List Story“ gedreht. Auch in der Serie „Medical Detectives – Geheimnisse der Gerichtsmedizin“ wurde der Fall aufgegriffen. In New Jersey zählt er zu den spektakulärsten seit der Entführung und Ermordung des Lindbergh-Babys.

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