John Constantine (Ein Betrüger für das Gute)

Trust the Police

John Constantine aka Sting; Archivbild

Constantins Ursprung scheint so willkürlich und albern, wie der Charakter selbst konstant und mürrisch ist. Die Hauptverantwortlichen dieser Schöpfung geben zwar unterschiedliche Aussagen über seine Besonderheiten zu Protokoll, aber alle sind sich darin einig, dass er wie Sting aussieht.

Erstmals erschien Constantine auf den Seiten der Comic-Saga Swamp Thing im Juni 1984, kurz nach dem Ende der Welttournee der Band Police für ihr Album „Sincronicity“. Damals wurde Swamp Thing vom britischen Autor Alan Moore geschrieben, der zu diesem Zeitpunkt noch zwei Jahre davon entfernt war, mit Watchmen ein Comic-Superstar zu werden. 1984 war er noch ein relativ obskurer britischer Schreiber, der mit seiner dekonstruktivistischen und mystischen Sicht auf Swampy einen Kulterfolg erzielte. An seiner Seite standen die amerikanischen Künstler Stephen Bissette und John Totleben. Jeder von ihnen war von Sting besessen.

Bissette behauptet, er habe Moore gebeten, ihn einen Charakter erschaffen zu lassen, der wie Sting aussah. Die Herausgeberin der Serie, Karen Berger, erzählte, dass es Totleben war, der von Stings Darstellung eines möglicherweise dämonischen Betrügers im Film Brimstone and Treacle von 1982 begeistert war. Moore erzählte dem Comics Journal, dass er die Wünsche der Künstler nur aus Spaß erfüllt habe. Und so tauchte ein namenloser Sting-ähnlicher Charakter in einer Szene in Swamp Thing No. 25 auf. Das hätte das Ende sein können.

John Constantines erster Auftritt in „Saga of the Swamp Thing“ No. 25. Zeichnung von Stephen Bissette und John Totleben; (c) DC-Comics

Ein Kumpel für das Swamp Thing

Moore sah jedoch das Potenzial für „etwas mehr als das“. Moore hatte bereits in Gedanken mit den Traditionen der englischen Mystik gespielt (obwohl er noch einige Jahre davon entfernt war, sich als praktizierenden Magier zu bezeichnen). Aber auch Eddie Campbells Figur Dapper John, ein archetypischer englischer „Alleskönner“, faszinierte ihn – ein Mann, der unangemessene Risiken eingeht und mit seinem Einfallsreichtum durchkommt. Er beschloss, eine solche Figur zu einem Magier zu machen.

(c) DC-Comics; Rossmo & Doyle & Del Rey

Im Juni 1985 stellte Moore seine neue Figur in Swamp Thing No. 37 vor. Es ist bemerkenswert, wie viele seiner bekannten Merkmale er bereits bei seinem ersten vollständigen Auftritt besitzt. Er taucht immer wieder unerwartet auf  – bei einer Nonne, einer Süchtigen, einem Sumpfding – bekleidet mit seinem beigefarbenen Trenchcoat und mit einem wissenden Lächeln. Seine Freundin wird von einer Art Dämon heimgesucht und begeht Selbstmord, was für John ein laufendes (und problematisches) Motiv darstellt: Die Frauen in seinem Leben sind immer in Gefahr. Und auf Anhieb bekommen wir auch das Talent des Betrügers und eine verführerische Ausdrucksweise präsentiert.

Für die nächsten paar Dutzend Ausgaben war John eine zentrale Figur in der seltsamen Welt von Swamp Thing und wurde zu einer Art kettenrauchendem Yoda für den moosbedeckten Riesen. Er offenbarte Swampy, dass er nicht nur ein Monster war, sondern die neueste Manifestation einer mystischen, elementaren Kraft. Er brachte ihn an Orte, an denen er noch nie gewesen war, vom orbitalen Wachturm der Justice League bis zum versteckten Parlament der Bäume, wo sich Pflanzen trafen, um über das Schicksal der Welt zu diskutieren.

Die Leser waren verzaubert. „Es gab ein großes Interesse an Constantine“, sagte Berger und erinnerte sich an die Briefe, die sie von Fans erhalten hatte.

„Alan hat ihn sehr geschickt als einen Charakter geplant, der irgendwie eindringlich und ausweichend war und Hinweise auf etwas Unheilvolles und Drohendes hinterließ.“

John Constantine mit dem Höllenkittel

Mit der Zeit kristallisierte sich immer mehr heraus, dass Constantine eine eigene Serie erhalten sollte. Dafür standen einige junge Autoren in den Startlöchern, die das Ruder übernehmen wollten – darunter auch ein gewisser Neil Gaiman. Aus all dem wurde allerdings nichts, denn Moore hatte bereits Jamie Delano als seinen Nachfolger auserkoren. Und der beeindruckte Berger sofort mit einer Ideenexplosion.

Vertigo/Ridgway & Alcala

Zunächst kursierten verschiedene Namen für die Serie, darunter Hellraiser (nach Clive Barkers Film), und Hell bent. Keiner kann sich im nachhinein daran erinnern, wer den Hellblazer schließlich aus dem Ärmel zauberte. Delano gefiel der Name zunächst nicht so sehr, weil er dabei stets an „Teufel in Sportjacken“ denken musste, aber er gewöhnte sich mit der Zeit daran. Bei uns fällt das nicht so sehr ins Gewicht, Hellblazer hört sich doch gut an. Bedenkt man aber, dass die Serie Höllenkittel oder Höllenjacke heißen könnte, wird einem schnell klar, warum Delano zunächst haderte. Im Januar 1988 war es jedoch so weit, Hellblazer No. 1 kam heraus. Die Leser konnten damals noch nicht ahnen, wie ehrgeizig, politisch, erschreckend, langlebig und kultig die Serie werden würde.

Delano baute während seiner 40 Ausgaben in einem Ausbruch unglaublicher und selten zu nennender Kreativität eine detaillierte Mythologie um Constantine herum. Die Leser erfuhren von seinen Vorfahren, die sich bis ins sechste Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgen ließen. Sie hörten von Johns Erziehung in der bitteren Armut Liverpools. Sie hörten davon, dass ein fötaler John seinen Zwillingsbruder im Mutterleib erwürgt hatte und dass seine Mutter bei der Geburt gestorben war, was zu ständiger Schuldzuweisung durch seinen betrunkenen Vater führte. Sie erfuhren von dem Vorfall in Newcastle 1978, bei dem er und einige andere junge magische Dilettanten versucht hatten, ein junges Mädchen zu exorzieren, aber Johns schroffe Ungeduld dazu führte, dass sie ihre Seele verlor. Sie sahen die Folgen, als er einen Zusammenbruch hatte und in einer Einrichtung namens Ravenscar eingesperrt war. Sie trafen Individuen, die ihn Jahrzehnte später heimsuchten: Freunde wie den sympathischen und unglücklichen Taxifahrer Chas und Feinde wie den Dämon Nergal.

Das Vertigo-Flaggschiff

Delanos Hellblazer-Run endete 1991. Zwei Jahre später brachte DC seinen branchenverändernden Imprint Vertigo in Stellung, und Hellblazer war eines seiner Flaggschiffe. Vertigo-Bücher wurden aus dem Kosmos des DC-Universums entfernt, und was noch wichtiger war, sie waren frei von Zensur. Nacktheit, frostige Schärfe und eine derbe Sprache standen nun zu Gebot.

Vertigo/Simpson/Dillon

Für ein paar Jahre ging es in Constantines Welt ein wenig grob zu, aber die Situation war redaktionell unter Kontrolle. Der nordirische Schriftsteller Garth Ennis war Delanos Nachfolger, und seine Sichtweise auf Constantine war noch offener und blutiger. Er begann seinen Run mit einer Handlung, die für den Film Constantine (2005) verwendet wurde: „Gefährliche Laster„, in denen John Krebs bekommt und dank eines Schwindels überlebt. Ennis ließ John die Scheiße aus den Rassisten der National Front treten und ihn mit der sprechenden, blutigen Leiche John F. Kennedys durch ein mordgieriges alternatives Amerika reisen.

Bevor Warren Ellis die Figur 1999 übernahm, schrieb Paul Jenkins vier Jahre lang an elf Ausgaben. Ellis war in vielerlei Hinsicht die ideale Wahl, um Hellblazer zu übernehmen, denn wie John wurde er weit weg von London geboren und saugte daher die Metropole später im Leben auf. Seine Arbeit ist voller geplagter Einzelgänge, die abwechselnd die Menschen um sie herum anzogen und abstießen. Und er hatte viel über John nachgedacht.

„Ich habe John immer als Archetyp der britischen Kultur der unheimlichen Erzählung verstanden“, sagte Ellis und stellte ihn in die Tradition britischer „okkulter Detektive“ wie William Hope Hodgsons Thomas Carnacki.

„Unsere Protagonisten sind immer düster, traurig und zum Scheitern verurteilt.“

Der Neustart

Im Jahr 2011 führte DC eine neue Version von John Constantine in das Mainstream-DC-Universum ein, in dem auch Batman und Wonder Woman umherstreifen. Seit den Anfängen von Vertigo waren Johns Abenteuer explizit aus dem Superhelden-Universum herausgehalten worden. Aber 2011 war ein Jahr des Umbruchs für DC, in dem der Verlag versuchte, alle geistigen Ressourcen auf ein gemeinsames Universum zu bündeln. Ein 30-jähriger John Constantine, der  aussah und sprach wie immer (bis auf die Schimpfwörter), tauchte auf, um dem Swamp Thing nachzulaufen. Innerhalb einer massiven DC-Generalüberholung namens New 52 wurden die gesamten bisherigen Charakterentwicklungen gelöscht und neu geschrieben. Jeder DC-Titel begann bei einer neuen Nr. 1. Auch John hatte ein neues Leben.

Verwirrender Weise lief Hellblazer noch zwei weitere Jahre völlig getrennt von den Superheldengeschichten. Peter Milligan schrieb Johns ersten New-52-Auftritt für eine Serie namens Justice League Dark, was bedeutet, dass er zwei John Constantines hatte, die in seinem Kopf herum spukten, bis Vertigo Constantine 2013 für immer verschwinden ließ.

Justice League Dark hat einige Anerkennung erlangt und ist für einen Film von Guillermo del Toro im Gespräch. Aber Johns neue Soloserie „Constantine“ wurde mit großer Enttäuschung aufgenommen.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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