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John Ajvide Lindqvist – So finster die Nacht

In den letzten zwanzig Jahren waren Vampire sehr populär und allgegenwärtig; und sobald etwas populär ist, quetscht man alles daraus hervor, bis alle die Schnauze voll davon haben. Durch die jüngste Kritik an bestimmten Romanproduktionen kann man davon ausgehen, dass die Mehrheit von uns mit dem Vampir-Genre in seiner jetzigen Form nicht sehr zufrieden ist. Früher waren diese Kreaturen genau das: Kreaturen. Bösartigkeiten. Monstrositäten. Das waren keine hübschen vegetarischen Teenager. Es waren dunkle, blutrünstige Killer.

Zeit für “So finster die Nacht”, eine Geschichte, die zwar die Dimensionen einer mächtigen Freundschaft zeigt, aber auch jede Buchselte mit einer unheimlichen, schrecklichen Präsenz füllt. Keine andere Vampirgeschichte hat die Schönheit und den Horror so perfektioniert wie die von John Ajvide Lindqvist. Es ist ihm gelungen, eine Atmosphäre darzustellen, die nahezu von Terror und Spannung durchdrungen ist; es ist eine intensive Geschichte von Schönheit, die auch nach dem Zuklappen des Buches beim Leser haften bleibt.

Die Geschichte beginnt mit einer kurzen Einführung in die Umgebung, einem Stockholmer Vorort namens Blackeberg. Es handelt sich um einen Ort ohne jegliche Geschichte; er ist völlig modern, völlig neu. Dieser Prolog, der sich mit der Örtlichkeit beschäftigt, kann als Kontrast zur Hauptprotagonistin gelesen werden, die einige Kapitel später auftritt.

Eli ist so ziemlich das genaue Gegenteil von diesem neuen modernen Vorort: Anstatt eine geschichtslose Schöpfung zu sein, ist sie von den Erlebnissen zweier Jahrhunderte geprägt, in denen es ihr vor allem darum ging, zu überleben.

Trotz des gewaltigen Altersunterschiedes zwischen Eli und dem anderen Protagonisten Oskar scheinen die beiden äußerlich gleich alt zu sein, und in vielen Aspekten sind sie es auch tatsächlich. Beide haben ihr ganzes Leben damit verbracht, sich von der Außenwelt zu isolieren. Eli hat sich vor den Menschen abgeschirmt, während Oskar sich ganz und gar vor der Existenz selbst versteckt hat. Tagsüber erschafft Eli sich die notwendige Dunkelheit in ihrer abgedeckten Badewanne und Oskar verbleibt im hinteren Teil seines Klassenzimmers und hofft, dass sich niemand daran erinnert, dass es ihn gibt. Eli wird ständig von der Tyrannei der Menschheit gequält und Oskar wird von der seiner Altersgenossen. Beide schmerzt sie der ewige Abgrund der Trostlosigkeit – und wenn sie sich begegnen ist es so, als ob das Schicksal selbst eingegriffen hätte, um dieses Ereignis herbeizuführen.

Man sollte sich von dieser Freundschaftsprämisse jedoch nicht täuschen lassen; dies ist keine Liebesgeschichte im Sinne des Twilight-Quarks. Dies ist ein Buch über zwei Kinder, die in einer Welt verloren gegangen sind, in der nichts einen Sinn ergibt, und das Band ihrer Freundschaft hält sie am Leben. Dies ist kein Buch, das mit Zuckerguss überzogen ist. Es gibt eine Menge hart dargestellter Gewalt. Das hier ist ein erschreckender Horrorroman. Eli, ein kleines Mädchen, ist in der Tat eine brutale blutrünstige Mörderin (das heißt aber nicht, dass sie auch die einzige ist). Und Håkan, der Mann, der ihr dient, ist nicht weniger grässlich wie jeder andere Charakter der Geschichte, eine Figur, die zu pädophilen Tendenzen neigt. Der Autor scheut sich nicht davor, dessen Mentalität in verstörenden Details zu beschreiben.

So finster die Nacht, veröffentlicht 2004, bekam seine Übersetzung 2007, noch ein Jahr bevor es in englischer Sprache erschien. Das zeigt, dass nicht immer nur unsere (und wir haben nun mal die schlechtesten) Verlage langsam sind. Der Schwede John Ajvide Lindqvist, ein großer Morrissey-Fan, betitelte das Buch nach einem seiner Songs “Let the Right One Slip In”, was das Buch irgendwie noch besser macht.

Lindqvist kann sich einer Vita rühmen, die weit entfernt ist von der anderer Autoren. Zuerst ein Zauberer, dann ein Stand-up-Comedian, begann er vor etwa siebzehn Jahren damit, Fantasygeschichten zu schreiben, die wie bei einem Entfesselungskunststück die Ketten des Genres gelockert haben.

“Ich kann immer noch nicht wirklich verstehen, wie das passiert ist. Ich wollte nur so gut wie möglich eine Horrorgeschichte schreiben. Mein Problem mit vielen Horrorgeschichten ist, dass die Charaktere eindimensional oder, wenn die Geschichte gut ist, zweidimensional sind. Und die Menschen, um die du dich kümmern solltest, sind diejenigen, die das Monster zuerst fressen soll – weil du sie ekelhaft findest!”

Diese “Horrorstory” hat die Herzen der Menschen auf der ganzen Welt erobert. “So finster die Nacht”, angesiedelt in dem langweiligen Stockholmer Vorort Blackeberg, in dem Lindqvist mit seiner Mutter aufgewachsen ist, erntete kritische Lobeshymnen und besessene Bewunderer in Schweden und im Ausland. Die Geschichte des einsamen Oskar und seiner traurigen unsterblichen Freundin Eli füllte den abgetragenen Mantel des Vampirgarns mit einer emotionalen und sozialen Wahrheit, die ihrer übernatürlichen Erzählstruktur menschliche Substanz verlieh.

“Wenn ein Kind ein Vampir wäre, der, um zu überleben, andere Menschen töten und ihr Blut trinken müsste, wäre das ein einsames, abscheuliches, schreckliches Dasein.”

Tomas Alfredsons auf leise Art niederschmetternder Film verwandelte Lindqvists melancholische Erzählung über eine jugendliche Untote in einen weltweiten Kult. Am 5. November 2010 erschien Matt Reeves’ Hollywood-Remake Let me in. Wie fällt der Vergleich aus? Lindqvist fühlt sich “sehr glücklich” mit der transatlantischen Variante: Let The Right One In war ein wunderbarer schwedischer Film; dies ist ein wunderbarer amerikanischer Film. Er fügt hinzu: “Es ist etwas mehr ein Horrorfilm als der schwedische. Alles, was einen erschrecken könnte, ist hier ausgeklügelter. Und ich mag das, schließlich bin ich ein Horrorschriftsteller und ich will Furcht erzeugen … er ist härter, aber auf eine sehr gute Art und Weise!”

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