Joe Abercrombie / Königsschwur (Half A King)

(c) Heyne

Königsschwur (Half A King) folgt den Missgeschicken von Yarvi, dem Sohn eines mächtigen Königs, der mit einer verkrüppelten Hand geboren wurde und daher nicht in der Lage ist, einen Platz in der Kriegergesellschaft einzunehmen, in der er lebt. Verachtet von seinen Landsleuten und seiner Familie, gebrandmarkt als „halber Mann“, verbringt Yarvi die meiste Zeit damit, seinen Verstand zu schärfen und sich darauf vorzubereiten, ein Gelehrter – irgendwo zwischen Priester, Heiler und Berater – zu werden.

Bevor er seine Gelübde ablegen kann, geschieht das Undenkbare, als sein Vater und sein älterer Bruder ermordet werden und ihn als den Einen Wahren König hinterlassen. Yarvi wird jedoch verraten und landet als Sklave auf einem Piratenschiff.

Den Großteil der Geschichte nimmt Yavis Reise von der Sklaverei zur Freiheit und zurück nach Hause ein. Er versammelt eine bunte Gruppe ehemaliger Sklaven um sich, schmiedet in seiner Bedrängnis Freundschaften und tut alles, um seinen Eid zu erfüllen, den Tod seines Vaters zu rächen. Es ist auch eine Geschichte des Erwachsenwerdens: Yavis Kampf, wieder ein freier Mensch zu werden, das Kennenlernen der Welt, in der er lebt, und das allmähliche Zurückweichen des verinnerlichten Selbsthasses aufgrund seiner verkrüppelten Hand sind Teil seiner Reise.

(c) Subterranean Press

Abercrombie hat die ganze Trilogie innerhalb von 12 Monaten geschrieben, genauso schnell wurde sie auch veröffentlicht. Das bedeutet natürlich auch, dass die Bücher um den „halben König“ wesentlich kürzer sind als die der bahnbrechenden First Law-Reihe. Zunächst einmal war man wohl verwundert über Abercrombie, der als wichtiger Mitbegründer der Grimdark Fantasy gilt, und der dann plötzlich ins Young Adult-Genre wechselte. Zwei wesentliche Faktoren waren dafür verantwortlich. Zum einen hatte er sechs dicke Bücher des sehr erwachsenen Typs vorgelegt und verspürte nun das Bedürfnis, etwas anderes zu machen, zum anderen waren seine Kinder gerade in dem Alter, wo ihnen Bücher zunehmend wichtiger und aufregender erschienen. Es liegt nahe, dass er etwas mit ihnen teilen wollte.

Eine gute Gelegenheit, einen etwas anderen Stil, eine andere Welt und eine stärker fokussierte Art von Geschichte auszuprobieren, um eine neue Leserschaft anzusprechen, während auch die Abercrombie-Fans auf ihre Kosten kommen sollten. Zumindest teilweise. In den Abteilungen Sex und Gewalt ist das Buch nicht so explizit und es hat einen jungen Erwachsenen zum Protagonisten. Abercrombies Ton ist allerdings erkennbar vorhanden, wenn auch eher in einer Light-Version.

Königsschwur kommt direkt und ohne sich kreuzende Erzählstränge aus. Man kann sich natürlich fragen, ob für eine solche Erzählung nicht die Ich-Perspektive eine bessere Wahl gewesen wäre, um die reduzierte Weltsicht besser zu begründen. Allerdings sind Motivation und Charakterzeichnung hier derart oberflächlich, dass wohl auch das nicht viel geholfen hätte. Die Beziehung zwischen Yarvi und seinen Freunden ist beinahe schmerzhaft unterentwickelt. Tatsächlich ist diese Loyalität und Freundschaft einfach vorhanden, der Leser muss sie wohl akzeptieren, ohne dass sie in irgendeiner Form entwickelt wurde.

Bis zum Ende hin ist die vorgetragene Erzählung eintönig. Wir haben die obligatorische wikingerartige Welt, aber auch hier wird nichts vertieft. Abercrombie macht es sich zu einfach, einfach ein männliches gegen ein weibliches Götterpantheon auszutauschen, denn er vergisst, diese Umkehr auch anzuwenden. Wie nämlich ist es zu erklären, dass zwar alle Göttinnen weiblich sind, die Geschlechterrollen der Menschen aber völlig stereotyp abgespult werden?

Vor dem absoluten Versacken ins Belanglose rettet das letzte Viertel des Romans (so man die Geschichte denn so nennen will). Es scheint, als wäre Abercrombie aufgewacht und hätte sich daran erinnert, dass er eigentlich ein guter Geschichtenerzähler ist. Da werden plötzlich Erwartungen untergraben und es kommen ein paar hübsche Wendungen ins Spiel. Das kann zwar den enttäuschenden Gesamteindruck nicht mildern oder gar überzeugen, stimmt allerdings all jene versöhnlich, die das Buch schon in die Ecke pfeffern wollten.

Abercrombie geht hier so schwach wie noch nie vor. Das liegt nicht allein an der fehlenden Härte, sondern an schwachen Erzählmustern. Eine Empfehlung kann ich an dieser Stelle nur für jene aussprechen, die Abercrombie überall hin folgen.

 

Erster Teil der Trilogie „The Shattered Sea“
Genre: Yound Adult, Fantasy
Erschienen: 2015
Verlag: Heyne

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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