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Jenn Lyons: Der Untergang der Könige (Klett-Cotta)

Drachengesänge 1

Bereits auf den ersten Seiten von Lenn Lyons Debüt wird deutlich, dass die hier beginnende Serie große epische Ambitionen hat: Prophezeiungen, multiple Erzähler, ein dicht gewobenes Weltbild; aber auch, dass es nicht damit getan ist, diesen Wegweisern als Leser blind zu folgen. Selbst das Format besitzt eine schelmische Wendung, denn das Buch, das wir lesen, existiert in der Fantasywelt selbst. Mit anderen Worten, der Roman ist auch eine Geschichte im Buch, die als wahre Darstellung der Ereignisse gehandelt wird. Wir stellen fest, dass es von einem schattenhaften Dritten aus verschiedenen Quellen zusammengestellt wurde. Und es beinhaltet auch die Anmerkung dieser rätselhaften Figur im Text als Fußnote – oft amüsant pedantisch oder kontrovers.
Jenn Lyons ist eine mutige neue Stimme in der Fantasyliteratur, und das nicht nur wegen ihres ehrgeizigen Erzählstils oder der schamlos harten Art, wie sie mit ihren Protagonisten umgeht. Vielmehr liegt es daran, wie sie geschickt alle Stereotypen und Fantasy-Tropen, die sie inspiriert haben, untergräbt. Der zweite Band dieser außergewöhnlichen Serie ist auf dem Weg und man darf (und muss) gespannt sein, welche interessanten und verrückten Wendungen es noch geben wird.

Wir sollten allerdings gleich zu Beginn festhalten, dass dieses Buch für kontroverse Diskussionen sorgen wird. Man mag sich fragen, ob es notwendig und der Geschichte förderlich ist, drei Erzähler zu haben. Das mag vor allem das Zielpublikum etwas verwirren, denn auch wenn es sich nicht explizit um ein Jugendbuch handelt, ist es doch im Leseraum junger Erwachsener angesiedelt. Zunächst haben wir da zwei Erzähler (Kihrin und Kralle), die jeweils erzählen, wie Kihrin, mit Kralle als Gefängsniswärterin, im Gefängnis landete. Diese Kapitel wechseln sich ab, Kralle erzählt in der dritten, Kihrin in der ersten Person. Jeder nimmt die Geschichte jedoch an einem anderen Punkt der Vergangenheit auf und geht dann chronologisch vorwärts, so dass wir zwei Zeitlinien in der Vergangenheit und eine “aktuelle” Zeitlinie haben, in der Kihrin und Kralle ihre Geschichten erzählen. Können wir uns auf die aktuelle Zeitlinie verlassen? Das steht zur Debatte, denn wie oben bereits angemerkt, wird ihre Aufzeichnung von einem Dritten gelesen und in den Fußnoten kommentiert.

Die grundlegende Geschichte handelt dennoch von Kihrin als jungen Dieb, der bei seinem überfürsorglichen, blinden Vater, einem Musiker, in einem Bordell lebt. Bei einem seiner Beutezüge wird er Zeuge von etwas, das er nicht sehen sollte und das ihn schließlich in die Ereignisse verwickelt, die ihn überrollen und zeigen, dass weder er noch seine Umgebung das sind, was er bisher annahm. Zwischen diesem Ereignis und seiner derzeitigen Inhaftierung gibt es Angriffe von Dämonen, Drachen, Assassinen-Kulte, Begegnungen mit Göttern, Versklavung, eine Phase in der oberen Gesellschaftsschicht, Zauberei, Enthüllungen und nochmals Enthüllungen über Kihrins Vergangenheit und seine Familie, Duelle, magische Artefakte, Prophezeiungen, Kraken, Zombies und sogar den Tod.

Grundsätzlich ist die Geschichte gut erzählt. Die Welt wird allmählich enthüllt, in ihr sind verschiedene Rassen, legendäre Schlachten, eine komplexe Politik und ein faszinierendes Pantheon an Göttern präsent. Der Roman ist randvoll mit angespannten, heiklen Beziehungen, von denen sich einige Verhältnisse verschieben, je mehr die Charaktere über sich selbst oder andere erfahren, oder einfach reifer werden. Die dem Roman zugrunde liegende Sozialkritik und die implizite Frage: “Ist dies eine Gesellschaft, die es wert ist, vor dem prophezeiten Sturz gerettet zu werden?,” fügt dem ein schönes Stück Ernst hinzu. Kihrin ist ein einnehmender Charakter, Kralle eine durchaus gruselige Erzählerin, und der Kommentator fügt dem ein willkommenes bisschen Humor hinzu und hilft dabei, einen unbekannten Teil der Welt auszufüllen.

Kommen wir aber nun zu einem Kritikpunkt, denn abgesehen von den erzähltechnischen Aspekten ist hier nichts besonders neu. Der junge Dieb, von dem sich herausstellt, dass er mehr als das ist, magische Artefakte, die sowohl Segen als auch Fluch sein können, und viele andere Aspekte – das sind alles Dinge, die wir bereits aus unzähligen anderen Fantasy-Serien kennen – und so ist es nicht besonders schwer, den ein oder anderen Twist vorauszusagen. Aber das ist nicht unbedingt ein Kriterium, mit dem ein Werk steht oder fällt, denn hauptsächlich geht es darum, wie die Autorin mit diesen Tropen umzugehen weiß. Und hier tut Lyons genug, um einen perfekt funktionierenden Roman zu schreiben. Zumindest theoretisch. Denn im Gegensatz zu den vertrauten Tropen, hat man bei vielen Passagen das Gefühl, dass auch Lyons selbst erkannte, wie vertraut die Elemente des Romans klingen und deshalb bemüht war, dieses Problem jenseits der Handlung etwas anders anzugehen; eben mit den angesprochenen multiplen Erzählern, mehrfachen Zeitlinien, Fußnoten, unzuverlässigen Geschichten und Enthüllungen, die sich dann für die Wahrheitsfindung doch als nicht relevant herausstellen. Man kann der Autorin aber nicht unterstellen, dass es nicht funktionieren würde. Hin und wieder wird dadurch die Struktur einer Handlung nur unnötig verkompliziert und fühlt sich wie ein Gimmick an.

Eine klare Empfehlung auszusprechen ist aus all diesen Gründen nicht leicht, obwohl – und das sei ganz klar gesagt – “Der Untergang der Könige” eines der Fantasy-Highlights des Jahres sein wird. Vergleiche mit Patrick Rothfuss’ “Königsmörder-Chronik” halte ich dennoch für überzogen.

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